Pressemitteilungen 

Forschung

Okt 5 2012
12:13

Untersuchung zur Hypochondrie – Psychologen suchen Betroffene für weitere Studie

Psychotherapie bei Krankheitsängsten: Nennenswerte Verbesserung bereits nach drei Therapiesitzungen

FRANKFURT. Bereits nach drei speziellen therapeutischen Sitzungen verbessert sich die Lebenssituation von Menschen erheblich, die unter der Angst leiden, eine ernsthafte Krankheit zu haben. Das zeigen Auswertungen einer Studie, die zurzeit an der Goethe-Universität läuft und über die der Frankfurter Psychologe Dr. Florian Weck und seine Mitautoren soeben in der Fachzeitschrift Cognitive Therapy and Research berichtet haben.

Wenn sich jemand gelegentlich um seine Gesundheit sorgt, lässt dies die Psychologen noch nicht aufhorchen. Bei manchen Menschen geht aber die Angst vor ernsthaften Krankheiten so weit, dass sie sich nahezu jeden Tag damit beschäftigen, ob sie ernsthaft erkrankt sind. Diese besonders ausgeprägte Form bezeichnen die Wissenschaftler als Hypochondrie. Die Betroffenen sind durch die Rückversicherung des Arztes meist nur kurzzeitig beruhigt und haben nach einiger Zeit wieder Zweifel, ob sie auch wirklich gesund sind. Um diese Unsicherheit zu reduzieren, suchen Personen mit Krankheitsängsten auch häufig im Internet nach Informationen über mögliche Krankheiten oder versuchen bei Angehörigen Rückversicherung zu bekommen. „Vermehrte Aufmerksamkeit auf körperliche Symptome und Rückversicherungsverhalten sehen wir als wichtige Faktoren für die Aufrechterhaltung von Krankheitsängsten an“, erläutert der Leiter der Frankfurter Studie, Dr. Florian Weck.

Zwei unterschiedliche Behandlungsansätze, die in der Studie verglichen wurden, zeigen ähnlich gute Resultate: In der Konfrontationstherapie geht es eher um die Auseinandersetzung mit den Ängsten; dagegen ist die Kognitive Therapie stärker darauf ausgerichtet, die Bewertung von körperlichen Symptomen und das häufig überschätzte eigene Risiko für Krankheiten zu verändern. Interessant ist der schnelle therapeutische Erfolg. So zeigt sich in Folge der Strategien, die die Patienten in der Therapie erlernten, eine bedeutsame Abnahme von krankheitsbezogenen Ängsten bereits nach den ersten drei therapeutischen Sitzungen.

In der einen Gruppe wurde ein Aufmerksamkeitstraining durchgeführt, in dem die Patienten lernen, ihre Aufmerksamkeit weg von ihrem Körper und hin zu Sinneseindrücken in ihrer Umwelt zu richten; dies gehörte zur Kognitiven Therapie. Und in der anderen Gruppe wurde als Teil der Konfrontationstherapie angestrebt, sich nicht ständig bei Angehörigen oder Ärzten rückversichern zu müssen, wie es um die eigene Gesundheit steht. „Wir freuen uns, dass die Behandlung bereits nach drei therapeutischen Sitzungen zu so deutlichen Erfolgen führt. Natürlich sind diese drei Sitzungen aber noch nicht ausreichend, da die Patienten häufig seit Jahren unter Krankheitsängsten leiden“, so Weck.

Insgesamt umfasst das Behandlungsangebot 15 Therapiesitzungen, von denen bisher nur die ersten drei Sitzungen genauer betrachtet wurden. Die Behandlungsstudie läuft voraussichtlich noch bis Sommer 2013. Es werden noch Betroffene gesucht, die sich eine Behandlung wegen ihrer Krankheitsängste wünschen und an der Studie teilnehmen möchten.

Informationen: Julia Neng und Dr. Florian Weck, Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie, Fachbereich Psychologie und Sportwissenschaften, Campus Bockenheim, Tel.: (069) 798 - 23994, neng@psych.uni-frankfurt.de, weck@psych.uni-frankfurt.de

Literaturangabe: Weck, Neng & Stangier (2012). The effects of attention training on the perception of bodily sensations in patients with hypochondriasis: a randomized controlled pilot trial. Cognitive Therapy and Research. DOI 10.1007/s10608-012-9482-3. Zusammenfassung unter http://www.springerlink.com/content/g4l6kj2m8v3r3140/

 

Forschung

Okt 4 2012
16:19

Struktur und Dynamik eines „Helfer-Proteins“ aufgeklärt

Den Tricks der Tuberkulose-Bakterien auf der Spur

FRANKFURT. Tuberkulose-Bakterien können über viele Jahre im Körper überleben, weil sie von den Fresszellen (Makrophagen) des Immunsystems zwar eingeschlossen, aber nicht immer abgetötet werden können. Sobald der infizierte Mensch geschwächt ist, etwa durch Alkoholismus, AIDS oder das Immunsystem unterdrückende Medikamente, kann die Krankheit ausbrechen. Warum das Mykobakterium tuberkulosis sich der „Verdauung“ durch die Makrophagen widersetzt, ist nur ansatzweise erforscht. Eine wichtige Rolle spielt dabei ein spezifisches Protein, das von den Bakterien freigesetzt wird, um deren Überleben in Makrophagen zu sichern. Ein Forscherteam der Goethe-Universität hat die Struktur und Dynamik dieses Proteins jetzt aufgeklärt und herausgefunden, warum es bisher nicht durch spezifische Wirkstoffe ausgeschaltet werden konnte. Die Ergebnisse sind in der aktuellen Ausgabe des Journal of Biological Chemistry veröffentlicht.

Bei dem untersuchten Protein handelt es sich um die Protein Tyrosin Phosphatase A, kurz MptpA, mit einer Bindungstasche für Reaktionspartner. In MptpA gibt es drei flexible Molekülregionen, die zusammen eine Art Tasche bilden. Sobald ein Bindungspartner an diese Regionen andockt, ändern sie ihre Orientierung und gehen von einer offenen in eine geschlossene Konformation über, ähnlich wie bei einem Rucksack, den man zuschnürt und schließt. Um das Protein durch einen Wirkstoff gezielt ausschalten zu können, müsste man diesen so entwerfen, dass er optimal in die Bindungstasche passt und mit ihr eine starke Bindung eingeht. Damit wäre eine Manipulation der Makrophagen durch MptpA nicht mehr möglich und das Tuberkulosebakterium würde verdaut werden, wie die meisten anderen Bakterien auch.

„Das Problem ist, dass man bisher nur Strukturdaten von MptpA im gebundenen Zustand kannte. Das war für ein computergestütztes Wirkstoffdesign irreführend, denn die Bindungstasche erscheint dann viel enger“, erklärt die Chemikerin Tanja Stehle, die das Protein im Rahmen ihrer Doktorarbeit am Institut für Organische Chemie und Chemische Biologie von Prof. Harald Schwalbe untersuchte.

„Die Lösung bestand darin, das ungebundene Protein mittels NMR-Spektroskopie in wässriger Lösung zu untersuchen“, berichtet Dr. Henry Jonker, Postdoktorand im Arbeitskreis von Prof. Schwalbe. Dazu haben die Chemiker das MptpA zusätzlich mit nicht-radioaktiven Isotopen markiert. Aus den Experimenten konnte durch aufwändige Rechnungen nicht nur die Struktur des ungebundenen Proteins, sondern auch seine Dynamik aufgeklärt werden. „Tatsächlich hat der Rucksack eine größere Öffnung, als bisher angenommen, wir haben also mehr Platz fürs Wirkstoffdesign“, fasst Stehle die wichtigste Erkenntnis zusammen. Die neuen Strukturdaten sollten es nun Wirkstoff-Designern ermöglichen, Moleküle zu entwerfen, die das MptpA gezielt blockieren können.

Ein Bild erhalten Sie auf Anfrage von Anne Hardy (hardy@pvw.uni-frankfurt.de)

Bildtext: Struktur des Proteins MptpA, von Tuberkulosebakterien (rechts) freigesetzt, um nicht von Makrophagen verdaut zu werden. Hintergrund: Torax Aufnahme von TBC Patient, Boden NMR-Spektrum von MptpA.

Publikation:

Tanja Stehle et al.: The Apo-structure of the Low Molecular Weight Protein-tyrosine Phosphatase A (MptpA) from Mycobacterium tuberculosis Allows for Better Target-specific Drug Development, Journal of Biological Chemistry, Vol. 287, Issue 41, 34569-34582, October 5, 2012, DOI: 10.1074/jbc.M112.399261.

Informationen:

Prof. Harald Schwalbe, Institut für Organische Chemie und Chemische Biologie, Campus Riedberg, Tel.: 069-798-29737, schwalbe@nmr.uni-frankfurt.de.

Diplom-Chemikerin Tanja Stehle, Tel.: 069-798-29933, stehle@nmr.uni-frankfurt.de.

Dr. Henry Jonker, Tel.: 069-798-29137, h.jonker@nmr.uni-frankfurt.de.

Forschung

Okt 4 2012
11:18

Beitrag zur Geschichte der reichsten Ente der Welt in der aktuellen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“

Dagobert Duck: Vom Griesgram zum Fantastilliardär

FRANKFURT. Onkel Dagobert hat in Zeiten der Finanzkrise, der Diskussion über Gier und Geiz Hochkonjunktur – kaum eine Occupy-Veranstaltung ohne den Enterich als überlebensgroße Marionette. Niemand verkörpert Besitzstreben, Reichtum und die Macht der Finanzwelt eindeutiger als die reichste Ente der Welt. Dr. Bernd Dolle-Weinkauff, international anerkannter Comic-Forscher an der Goethe-Universität, geht in seinem Beitrag in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Forschung Frankfurt der Geschichte von Dagobert Duck nach und zeigt auf, welche Stationen er auf dem Weg zur Perfektion durchlief.

1944 schuf Carl Barks das legendäre Entenhausen (im amerikanischen Original »Duckburgh«) und als einen der profiliertesten Bewohner jenen Scrooge McDuck, der von der langjährigen deutschen Übersetzerin Erika Fuchs im seit 1951 erscheinenden Micky-Maus-Heft in Dagobert Duck umgetauft wurde. „In der Namensgebung des amerikanischen Originals, den Barks als misanthropen alten Enterich in grünem Hausgewand mit breitem Schottenkaro-Kragen zeichnete, verweist er absichtsvoll auf den notorischen Geizhals Ebenezer Scrooge in Charles Dickens‘ Erzählung A Christmas Carol von 1843“, erläutert der Frankfurter Literaturwissenschaftler.

Doch bis Dagobert Duck zu einer „Stehenden Figur“ wurde, wie sie in Comics mit ihren stets gleichen Stärken und Schwächen üblich sind, vergingen einige Jahre. In seinem zweiten Auftritt 1948 ist er noch weit entfernt von dem Nimbus des skrupellosen Monopolkapitalisten: In der Geschichte Das Gespenst von Duckenburgh will Dagobert weder ins Bild vom skrupellosen Kapitalisten noch vom heimtückischen Griesgram passen. Denn hier gibt Dagobert den netten Opa, der seine Neffen sehr höflich darum bittet, ihm bei der Sicherung seines legitimen Erbes in der schottischen Heimat behilflich zu sein. Dazu Dolle-Weinkauff: „Dieser jähe Umschlag der Charakterzüge zwischen zwei aufeinanderfolgenden Geschichten vom nörglerischen Menschenfeind zum treuherzigen Großvater zeigt an, dass die Figur Dagoberts noch sehr unfertig war.“

In den 15 Auftritten, die bis zur 1953 etablierten eigenen Heftreihe uncle scrooge zu verzeichnen sind, setzt sich der Choleriker immer stärker gegen den Besonnenen, der Despot gegen den freundlichen Alten durch. „Zum entscheidenden Merkmal aber baut Carl Barks über verschiedene Stufen sein fetischistisches Verhältnis zu Geld und Gewinn auf, das dem Leser wachsendes Vergnügen am höchst wunderlichen Umgang mit Reichtum beschert“, so der Comic-Forscher. „Dazu gehört zunächst, dass Dagoberts Existenz aller bloß profan wirkenden Professionalität entkleidet und mit Mythen ausgestattet wird, die im Hinblick auf realhistorische Kapitalakkumulation eher parodistisch wirken.“ Dazu gehörte die Frage, wo der Fantastilliardär sein Geld wohl unterbringen mag. Er nutzte ein riesiger Speicher, der sich – im Milieu dieser Story nicht ganz unplausibel – als ein von Münzen und Scheinen überquellendes, hölzernes Futtersilo präsentiert. „Bereits mit der noch im gleichen Jahr erschienenen Story Eingefrorenes Geld hat Dagobert jedoch den Übergang vom Agrar- zum urbanen Finanzkapitalismus vollzogen, und der Hort seines Schatzes steht auf einem Hügel in Entenhausen – in Form jenes überdimensionalen, mit allen technischen Finessen gesicherten Tresors“, beschreibt Dolle-Weinkauff. „Der Übergang zu Hightech ist allerdings auch dringend angesagt, denn mit den von Barks just zu dieser Zeit in die Serie neu eingeführten Panzerknackern sind Dagobert mächtige Gegner erwachsen, deren höchst erfindungsreiche Attacken nur darauf gerichtet sind, den reichsten zum ärmsten Mann der Welt zu machen.“

Den Zustand der Vollkommenheit als „Stehende Figur“ erreicht Dagobert Duck erst, als Geld für ihn den Reiz als Tauschwert verliert, und stattdessen Geld zu besitzen und sich darin baden zu können, für den notorischen Geizhals das Wichtigste wird. Der Literaturwissenschaftler ergänzt: „Das Geldbad wird von nun an zum Ritus, zur in zahllosen Geschichten wieder aufgenommen heiligen Handlung, die stets begleitet ist vom Gebet des reichen Mannes, das da lautet: ‚Es ist mir ein Hochgenuß, wie ein Seehund hineinzuspringen und wie ein Maulwurf darin herumzuwühlen und es in die Luft zu schmeißen, dass es mir auf den Kopf prasselt.‘“

Informationen: Dr. Bernd Dolle-Weinkauff, Institut für Jugendbuchforschung, Campus Westend, Telefon (069) 798-33001, dolle-weinkauff@rz.uni-frankfurt.de

„Forschung Frankfurt“ kostenlos bestellen: ott@pvw.uni-frankfurt.de ; im Internet: www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/34831594/aktuelle_Ausgabe

Hochschulpolitische Themen

Okt 4 2012
10:46

Zusammenfassung der Sitzung vom 1. Oktober 2012

Neues aus dem Hochschulrat

FRANKFURT. Im Mittelpunkt der Hochschulratssitzung vom 1. Oktober standen der Bericht des Vorsitzenden aus dem Wirtschafts- und Finanzausschuss (WFA) sowie der Rechenschaftsbericht des Präsidiums. Dem Präsidium wurde daraufhin von Seiten des Hochschulrates Entlastung erteilt.

Als neues Mitglied des Präsidiums stellte sich Prof. Dr. Tanja Brühl dem Hochschulrat vor und erläuterte ihre Konzepte in den Bereichen Lehre und Weiterbildung.

Auf Basis einer entsprechenden Präsentation des Universitätskanzlers diskutierte das Gremium auch darüber, wie sich der Hessische Hochschulpakt und der starke Studierendenaufwuchs auf die weiteren Entwicklungsperspektiven der Goethe-Universität auswirken.

Dabei wurde vom Vorsitzenden festgehalten, dass sich die Goethe-Universität im Zielkonflikt zwischen stagnierenden Grundmitteln und stark steigenden Studierendenzahlen in einem Prozess der strategischen Neujustierung befinde. Es müsse eine geeignete Balance gefunden werden zwischen der seit vielen Jahren erfolgreich betriebenen Ausrichtung als starke Forschungsuniversität und dem Faktum einer vermutlich über viele Jahre sehr hohen Auslastung mit Studierenden. Neben der G8-Problematik sei es vor allem das sich aus dem Hochschulpakt ergebende, stark veränderte Mittelverteilungsmodell der Landesregierung, das diesen Aufwuchs in der Konsequenz bewirkt habe.

Es müsse geprüft werden, wie sich auch in Zukunft unter diesen Prämissen der besondere Anspruch einer autonomen Stiftungsuniversität erfolgreich einlösen lasse. Der Hochschulrat sagte in diesem Prozess seine Unterstützung zu.

Forschung

Okt 1 2012
17:03

Beiträge zu „Goethe und Geld“ im aktuellen Wissenschaftsmagazin „Forschung Frankfurt“ ergänzen Sonderausstellung im Goethe-Haus

Einblicke in seine Haushaltsbücher: Goethe lebte auf großem Fuß

FRANKFURT. Goethe lebte auf großem Fuß, das belegen seine akribisch geführten Haushaltsbücher aus der Weimarer Zeit. Großzügig war er, wenn es um die fürstliche Bewirtung seiner Gäste, seine zahlreichen Reisen und die Neuanschaffungen für seine Sammlungen ging. Bescheidener lebte er im engeren Familienkreis. Geprägt von den bürgerlichen Prinzipien seines Frankfurter Elternhauses war ihm die sorgfältige Kostenkontrolle immer ein Anliegen, wie die Frankfurter Wirtschafts- und Sozialhistorikerin Dr. Vera Hierholzer in ihrem Beitrag in dem soeben erschienenen Wissenschaftsmagazin der Goethe-Universität beschreibt.

„Forschung Frankfurt“ widmet die aktuelle Ausgabe ausschließlich dem Thema Geld; gleich drei Beträge beschäftigen sich mit „Goethe und Geld“. Neben dem Artikel über Goethes Lebensführung im Spiegel seiner Haushaltsbücher geht der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Bertram Schefold der Frage nach, ob Goethe ein tüchtiger Ökonom war. Und die Germanistin und Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts, Prof. Dr. Anne Bohnenkamp-Renken, beschäftigt sich mit der Papiergeldszene im zweiten Teil von Goethes „Faust“; sie zeigt, dass diese Schlüsselszene jeder ökonomischen Deutung des Dramas an Aktualität nichts eingebüßt hat. „Goethe und das Geld. Der Dichter und die moderne Wirtschaft“ ist auch der Titel einer Sonderausstellung im Frankfurter Goethe-Haus, die noch bis 30. Dezember zu sehen ist und von Vera Hierholzer im Rahmen eines Kooperationsprojekts zwischen der Goethe-Universität und dem Freien Deutschen Hochstift gemeinsam mit der Stuttgarter Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Sandra Richter kuratiert wurde. Einige der Goethe’schen Haushaltsbücher sind dort zu sehen.

Etwa 25.000 Blatt umfasst der Bestand der Haushaltsbücher im Weimarer Goethe- und Schillerarchiv, bisher wurden sie noch nicht umfassend wissenschaftlich erschlossen. Doch einiges ist bereits untersucht worden. Mit wachsendem Einkommen nahmen die Hefte an Format und Dicke zu, später nutzte der Dichter und Finanzminister des kleinen Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach sogar gebundene Bücher mit vorgedruckten Spalten und verzierten Einbänden. „Zwar kontrollierte Goethe meist die Endabrechnungen, er experimentierte sogar kurze Zeit mit einer doppelten Buchführung. Allerdings führte er die Bücher aber nur selten selbst. In der Regel übernahmen dies – mit unterschiedlicher Genauigkeit – seine Bediensteten, zeitweise seine Frau Christiane, später der Sohn August“, erläutert Hierholzer.

Goethe galt als freigiebig, musste sich aber im Laufe seines Lebens immer wieder Geld leihen, in frühen Weimarer Jahren von seiner Mutter, später auch Freunden und sogar von ehemaligen Dienern. Seine Ausgaben für den Haushalt stiegen von etwa 4.000 Talern 1817 auf das Dreifache im Jahr 1832. Doch dagegen stand ein stattliches Einkommen: Im Laufe seines Lebens verdiente Goethe 120.000 Taler als Minister und 160.000 Taler aus den Honoraren für seine literarischen Werke, hinzu kamen noch das elterliche Erbe von 14.250 Talern sowie Zuwendungen des Herzogs und der Eltern, Vermögenszinsen, Theatertantiemen. Fast 80 Prozent seines Lebenseinkommens von rund 350.000 Talern gab er aus oder investierte er in seine Immobilien und Sammlungen.

Wofür nutze Goethe sein Geld? Verglichen mit anderen bürgerlichen Haushalt reiste er sehr viel: Mehr als 40.000 Kilometer hat er auf den verschiedenen Reisen innerhalb Deutschlands, nach Italien, Frankreich und in die Schweiz zurückgelegt – das kostete ihn mit Unterkunft insgesamt etwa 100.000 Taler. Aufwendig war auch die Führung seines Haushalts im Haus am Frauenplan, dort lebten vielfach Verwandte, enge Freunde wie der Kunstmaler Johann Heinrich Meyer. Außerdem mussten die zahlreichen Bediensteten bezahlt werden.

Bei Teegesellschaften, Ball- und Musikabenden und Festen wurde vom Feinsten serviert: Gänseleber, Trüffel, Kaviar, Muscheln, Lachs, Ingwer sowie Champagner und Weine. Aus ganz Europa ließ sich Goethe kulinarische Genüsse nach Weimar bringen; Lieferanten brachten regelmäßig auch Zitronen, Parmesan und Schokolade aus Italien und der Schweiz zum Frauenplan.

„Nach Vorbild seines Vaters begann Goethe schon in jungen Jahren, eine umfassende Kunstsammlung aufzubauen“, so die Frankfurter Historikerin, „gern ersteigerte er selbst oder über Mittelsmänner Kunstwerke auf Auktionen.“ Rund 50.000 Stücke umfasst diese Sammlung, darunter neben zahlreichen Gemälden, Kupferstichen und Radierungen auch Großplastiken, Gemmen, Gefäße und Schaustücke aus Ton. Außerdem baute er auch seine naturwissenschaftlichen Sammlungen konsequent aus, sie umfasste 25.000 Stücke, viele davon hatte er von seinen Reisen und Wanderungen mitgebracht.

„Besitz sah Goethe vor allem als Möglichkeit zur Bildung und Welterfahrung an, und von dieser Überzeugung war auch sein Umgang mit Geld geprägt“, resümiert Vera Hierholzer.

Informationen: Dr. Vera Hierholzer, Historisches Seminar, Professur für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Campus Westend, Tel.: (069) 798- 32620 oder 13880-256 (im Frankfurter Goethe-Haus), hierholzer@em.uni-frankfurt.de; Webseite zur Ausstellung: www.goetheunddasgeld.com

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Forschung

Sep 28 2012
14:07

Warum die Finanzen ein so konfliktträchtiges Thema zwischen Mann und Frau sind

Geld in Paarbeziehungen

FRANKFURT. Wenn sich Männer und Frauen in Paarbeziehungen über Geld streiten, hängt dies meist damit zusammen, dass sie sich unbewusst mit den monetären Konflikten in ihren Herkunftsfamilien auseinandersetzen. „Der Geldstil, den sie in ihrer Beziehung zu realisieren suchen, wird in ihrer lebensgeschichtlichen Vergangenheit vorbereitet. In dieser Zeit kommt es zu Identifikationen und Gegenidentifikationen mit den Geldbotschaften, die ihnen ihre Eltern und andere signifikante Bezugspersonen vermittelt haben“, konstatiert der Frankfurter Sozialpsychologe Prof. Dr. Dr. Rolf Haubl in seinem Beitrag in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazin Forschung Frankfurt, das Themen rund um das Geld gewidmet ist.

Diese Geldstile sind relativ stabil und lassen sich auch dann nicht so leicht verändern, wenn sie zu häufigen Auseinandersetzungen in der Paarbeziehung führen. Über das Geld werden oft latente Beziehungskonflikte ausgetragen. Dazu Haubl, der neben seiner Professur an der Goethe-Universität auch Direktor des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts ist: „Geldkonflikte beruhen dabei nicht einfach auf Missverständnissen, die leicht auszuräumen wären. Denn es handelt sich nicht um bloße Gedankenlosigkeit, die zu Konflikten führt, sondern um Identitätsprobleme, die oft nur schwer in Worte zu fassen und noch schwerer dem Partner verständlich zu machen sind. Aufgrund dieser Kommunikationsschwierigkeiten neigen Paare nicht selten dazu, das Thema früher oder später zu tabuisieren.“ Doch Schweigen ist keine Lösung, weil das Geld dann hinter dem Rücken des Paares „spricht“: „Deshalb kann es sinnvoll sein, sich unter professioneller Anleitung mit de eigenen Lebensstil zu befassen“, so der Sozialpsychologe.

In den Paarkonflikten geht es meist um die Verteilung des Haushaltseinkommens. Dabei zeigt sich, dass die Bedeutung des Geldes nicht geschlechtsneutral ist: Männer verbinden Geld am häufigsten mit Erfolg und Macht, Frauen dagegen mit Sicherheit und Selbstständigkeit. Dazu Haubl: „Das mag daran liegen, dass Sicherheit und Selbstständigkeit für Frauen prekäre psychosoziale Ressourcen sind, während Männer sie sehr viel eher als selbstverständlichen Besitzstand voraussetzen. Erfolg und Macht ist aber auch für Männer nicht selbstverständlich, weshalb sie diese auch benennen.“ Dass Geld für Männer und Frauen auch eine stimulierende, geradezu erotische Komponente besitzt, wird eher tabuisiert und nur von wenigen angesprochen.

„Monetär kompetent sind wir aus psychodynamischer Perspektive aber nur dann, wenn wir um unsere Wünsche und Ängste wissen. Diese verbinden sich lebensgeschichtlich mit Geld als einem Medium, das in der monetarisierten Gesellschaft, in der wir leben, hinterrücks alle unsere Beziehungen strukturiert“, so Haubl. Er hält die monetäre Kompetenz für eine der wichtigsten Kulturtechniken, die bereits in der Kindheit entwickelt werden müsse. „Wir sollten nicht nur früh lernen, was wir mit Geld machen, sondern auch was Geld mit uns macht.“

Informationen: Prof. Dr. Dr. Rolf Haubl, Professur für psychoanalytische Sozialpsychologie, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, Campus Bockenheim, Tel. (069) 798 23644, haubl@soz.uni-frankfurt.de;

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Veranstaltungen

Sep 27 2012
15:27

Buchausstellung zum Ehrengast der Buchmesse in der Universitätsbibliothek Frankfurt

Maori-Kultur im Kampf um Selbstbehauptung

FRANKFURT. Die Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg in Frankfurt präsentiert in der Zentralbibliothek in Bockenheim vom 1.10.2012 bis zum 31.12.2012 ihre Buchbestände zur Maori-Kultur im Kampf um Selbstbehauptung. Neuseeland, das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse, ist nicht nur ein traumhaftes Urlaubsziel, sondern auch geprägt von Bemühungen um die Aussöhnung mit der eigenen spannenden und leider auch gewaltsamen Geschichte.

Bildbände zu Neuseeland betonen das touristische und viele Romane das imaginäre Paradies. Die südlichen Alpen durchziehen die Südinsel Neuseelands der Länge nach und wecken Assoziationen an eine „Schweiz am anderen Ende der Welt“ — so lautet schon ein Titel von François Jeanneret im Mondo-Verlag Lausanne aus dem Jahr 1977. Nach einem landeskundlichen Überblick geht es in der kleinen Ausstellung unter dem Titel „Neuseeland – umkämpftes Paradies am anderen Ende der Welt“ um die Geschichte und Kultur der Maori.

Die 1901 von Alfred Augustus Grace erzählten „Tales of a dying race” bewahrheiteten sich zum Glück nie. Im Kampf gegen die britische Herrschaft und durch beharrliches Einsetzen etwa für eine eigene Sprache etablierte sich die Maori-Kultur und blieb bis heute äußerst lebendig. Tanz, Literatur und Mythen werden stolz gepflegt und geben den Maori ein neues Selbstbewusstsein.

Die Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg betreut das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Sondersammelgebiet „Ozeanien“ mit nationalem Versorgungsauftrag und sammelt speziell die Literatur zu den Maori in Neuseeland sehr umfassend. Während der Buchmesse (10.-14.10.2012) ist die Universitätsbibliothek in der Halle 4.2. am Stand P 438 vertreten und am 11.10. wird dort um 14:00 Uhr ein Vortrag „New Zealand and Beyond – Accessing the Book World of Oceania in Europe“ angeboten.

Bilder zum Download: hier.

Bildtexte:

1) Wehrhafter Maori-Häuptling, Frontispiz aus Ferdinand von Hochstetter: Neu-Seeland, Stuttgart 1863.

2) Einband der „Tales of a dying race“ (Alfred Augustus Grace, London 1901), die sich zum Glück nicht bewahrheitet haben.

3) Maori-Kopf als Buchschmuck in Richard A. McKay (Ed.): A history of printing in New Zealand: 1830 - 1940. - Wellington 1940, Preface o.S.

Informationen: Dr. Hartmut Bergenthum, Leitung DFG-Sondersammelgebiet Ozeanien, Tel.: 069-798-39246, h.bergenthum@ub.uni-frankfurt.de

Veranstaltungen

Sep 26 2012
17:24

Medienwissenschaftler beschäftigen sich bei ihrer Jahrestagung mit allen Formen der Spekulation – von der philosophischen Reflexion bis zur Finanzwirtschaft

Es darf spekuliert werden

FRANKFURT. In über 220 Vorträgen beschäftigen sich Wissenschaftler mit der Spekulation in all ihren Formen und gehen ihrem schlechten Ruf ebenso auf den Grund wie ihren Risiken und Potenzialen, wenn sie sich vom 3. bis 6. Oktober zur Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaften an der Goethe-Universität und an der Hochschule für Gestaltung Offenbach treffen. Die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichsten Facetten der Spekulation passe bestens zu den Frankfurter Traditionen, betont der Organisator der Tagung, Prof. Dr. Vinzenz Hediger. „Denn so setzen wir die philosophische Reflexion und die Finanzwirtschaft dialektisch zueinander in Beziehung – wie es in Frankfurt seit Jahrzehnten gepflegt wird.“

Bloße Spekulation meint in der Regel, dass einer Aussage die empirische oder rationale Grundlage fehlt. Dem Klatsch und dem Gerücht verwandt, steht sie unter dem Verdacht der Halbwahrheit und der Grenzüberschreitung. „Es ist populär, zu spekulieren, und damit ist die Spekulation ein konstitutives Medium moderner Wissensgesellschaften,“ so Hediger, der seit 2011 eine Professur für Filmwissenschaft an der Goethe-Universität inne hat.

Wer spekuliert, gilt als jemand, der mit Finanztransaktionen Geld verdient, ohne wirklich zu arbeiten. Im Zeichen der fortschreitenden Integration globaler Märkte ist die Finanzmarktspekulation zum neuen „faszinosum tremendum“ der Kapitalismuskritik geworden – gleichermaßen faszinierend wie abschreckend. „Spekulation als kritische Gesamtschau und als Denken von und in Spiegelungen gehört zu den Grundfiguren der Medien- und Kulturtheorie“, betont der Frankfurter Filmwissenschaftler. Auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaften (GfM) fragen die Teilnehmer nach den Medien der Spekulation, nach der Spekulation der Medien und nach der Spekulation als Verfahren und Versprechen der Medienwissenschaft.

Zum Programm der Tagung gehören auch öffentliche Veranstaltungen. So wird am Eröffnungsabend (3. Oktober um 20.30 Uhr im Studentenhaus, Campus Bockenheim) der selten zu sehende Film „Die Börse“ des deutschen Film-Avantgardisten Hans Richter aus dem Jahr 1939 gezeigt; ein namhaft besetztes Podium zum Thema „Karl Marx und die Kreativen“ findet am 4. Oktober um 20 Uhr in der HFG Offenbach statt.

Mit über 900 Mitgliedern ist die Gesellschaft für Medienwissenschaft die Standesvertretung der Medienwissenschaft an deutschsprachigen Universitäten. Auf der Jahrestagung werden aktuelle Forschungsergebnisse vorgestellt und neue Themen gesetzt. Es nehmen etwa 400 Wissenschaftler teil. Diese bedeutendste Tagung in dem sich rasch entwickelnden Feld der medienwissenschaftlichen Forschung findet erstmals in Frankfurt statt.

Informationen: Prof. Dr. Vinzenz Hediger, Professur für Filmwissenschaft, Campus Westend, Mobil 0177 47 53 714, hediger@tfm.uni-frankfurt.de  

Programm der Tagung gibt es hier (PDF).

Forschung

Sep 26 2012
17:22

500 Jahre stabile Währung zwischen Britannia und Kleinasien

Der römische Denar: Euro des Altertums

FRANKFURT. Der römische Denar war vor 2000 Jahren weiter verbreitet als der Euro. Um 120 n. Chr., als das Römische Reich seine größte Ausdehnung hatte, konnte man von Britannia bis Kleinasien und von Nord-Afrika bis zum Rhein reisen, ohne Geld wechseln zu müssen. Was aus heutiger Sicht noch erstaunlicher erscheint: Das Denarsystem war über 500 Jahre stabil. Wie dieses System organisiert war und warum es plötzlich zusammenbrach, erklärt Junior-Professorin Dr. Fleur Kemmers in der aktuellen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ mit dem Themenschwerpunkt „Geld im Wandel“, dem Wissenschaftsmagazin der Goethe-Universität.

Obwohl das Konzept der Münze schon seit etwa 600 v. Chr. im Mittelmeerraum bekannt war, prägten die Römer erst um die Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr. eigene Münzen. Systematisch und in größeren Auflagen entstanden Münzen aus Bronze, Silber (Denare) und (gelegentlich) Gold erst ab circa 211 v. Chr., vermutlich aufgezwungen durch die Kriegswirren und die rasche Expansion des Römischen Reichs im Laufe des zweiten Punischen Krieges. Die genauen Hintergründe erforscht die Frankfurter Arbeitsgruppe von Fleur Kemmers, Inhaberin der von der Volkswagenstiftung geförderten Lichtenberg-Professur für Münze und Geld in der griechisch-römischen Antike.

Griechenland wurde besser behandelt als Süd-Italien

Die Bedingungen, unter denen das römische Münzsystem in den neu eroberten Gebieten eingeführt wurde, waren von politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umständen abhängig. In Süd-Italien hatten sich beispielsweise die meisten Städte im zweiten Punischen Krieg gegen Rom gestellt. Nach ihrer Niederlage wurde die lokale Münzprägung eingestellt, das süd-italienische Silbergeld eingefordert und umgeschmolzen. Die anschließende Einführung des römischen Denarsystems statuierte ein klares Exempel des Siegers. In Griechenland dagegen, wo es schon seit Jahrhunderten eine reiche Tradition von Münzprägung gab, durften die meisten Städte (Poleis) die Prägung ihrer Bronzemünzen fortsetzen. Allerdings wurde das Silbergeld nun von Rom angefertigt.

Viele mittel- und westeuropäische Gebiete besaßen zur Zeit ihrer Eroberung durch Rom noch kein Münzsystem. Die einheimische Bevölkerung benutzte das Münzgeld anfangs vermutlich nur bei Steuerzahlungen an den neuen Machthaber. Geprägt wurden die Münzen fast ausnahmslos in Rom. Der gewaltige logistische Kraftakt zur Verteilung des Geldes relativierte sich dadurch, dass vorwiegend regionale Kreisläufe entstanden: Münzgeld, das innerhalb eines Finanzdistrikts als Steuern eingesammelt worden war, verwendete man als Sold für die dort stationierten Truppen. Die Soldaten bezahlten damit auf dem lokalen Markt Produkte, die nicht in ihrem Dienstvertrag enthalten waren. Mit diesen Münzen entrichteten wiederum die lokalen Händler und Bauern ihre Steuern, und so setzte der Kreislauf sich fort. Wenn die Steuern nicht reichten, um den Sold zu bezahlen, oder Sonderzahlungen angesagt waren, wurde frisches Münzgeld aus Rom geliefert.

Münzen als PR-Instrumente

Von Zeit zu Zeit verfolgten die römischen Machthaber mit dem Transport frisch geprägter Münzen in die Provinzen auch ein ideologisches Interesse. Auf der Vorder- und Rückseite platzierten sie Bilder und Texte, die gezielt politische Botschaften verbreiteten. Ein besseres PR-Instrument wäre zur damaligen Zeit kaum denkbar gewesen. Im Jahr 71 n. Chr. erhielten beispielsweise die Soldaten am Rhein überwiegend Münzen mit Darstellungen von Victoria (Sieg) und Securitas (Sicherheit), denn sie hatten kurz zuvor den verheerenden Aufstand der Bataver niedergeschlagen. In Italien waren dagegen in demselben Jahr Münzen mit der Abbildung von Concordia (Eintracht) besonders zahlreich. Dort war die Gesellschaft durch einen bereits zwei Jahre währenden Bürgerkrieg zerrissen.

Zerfall und ein plötzliches Ende

Ausufernde Ausgaben durch Kriege an den Grenzen des Reiches, Bürgerkriege im Inneren und erschöpfte Silberminen bereiteten dem Denarsystem schließlich während des 3. Jahrhunderts n. Chr. ein Ende. Von Anfang an war der Denar aus beinahe purem Silber hergestellt worden. Damit der Staat mehr Münzen prägen konnte, wurde der Silbergehalt ab dem 1. Jahrhundert n. Chr. in kleinen Schritten immer weiter gesenkt. Solange der Denar auf dem Markt und bei der Steuereintreibung aber für seinen Nennwert akzeptiert wurde, war das nicht problematisch. Im Laufe des 3. Jahrhunderts fiel der Silbergehalt dann dramatisch ab und enthielt zum Schluss nur noch einige Prozent Silber. Er scheint aber immer noch akzeptiert worden zu sein, bis relativ plötzlich um 274/275 n. Chr. die Preise explodierten. Von da an wurde der Denar nur noch zum Wert seines Metallgehalts angenommen. Damit brach das ganze Münzsystem nach fast 500 Jahren zusammen.

„Auffällig ist, dass das Ende des Denars erst kam, als das Vertrauen in das politische System verloren ging, welches den Wert der Münzen garantierte“, erklärt Fleur Kemmers. Ohnmächtige Kaiser, meuternde Truppen und einfallende Barbarenhorden stürzten das römische Reich in eine tiefe politische Krise. Nachdem diese überwunden war, entstand im späten 3. und frühen 4. Jahrhundert ein neues Geldsystem, das aber nie mehr so erfolgreich und nachhaltig war wie der Denar.

Informationen: Jun.-Prof.‘in Fleur Kemmers,  Lichtenberg-Professur für Münze und Geld in der griechisch-römischen Antike, Institut für Archäologische Wissenschaften, Campus Westend, kemmers@em.uni-frankfurt.de. Bitte nehmen Sie Kontakt per Mail auf, da Fleur Kemmers zurzeit in Elternzeit ist. Sie liest ihre Mails täglich.

 „Forschung Frankfurt“ kostenlos bestellen: ott@pvw.uni-frankfurt.de

Im Internet: www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/34831594/aktuelle_Ausgabe

Personalia/Preise

Sep 25 2012
11:13

Neue „Chillida Gastprofessur“ stärkt Forschung und Lehre im Fach Kunstgeschichte und startet im Sommersemester 2013

Internationale Gastprofessur für baskische Kunst und Kultur an der Goethe-Universität

FRANKFURT. Das Instituto Vasco Etxepare und die Goethe-Universität Frankfurt haben die Vereinbarung für eine Professur für baskische Kunst und Kultur an der Goethe-Universität unterzeichnet. Die Chillida-Gastprofessur, benannt nach dem baskischen Bildhauer und Zeichner Eduardo Chillida, wird jährlich für ein Semester an internationale Wissenschaftlerpersönlichkeiten vergeben werden , die Schwerpunkte der baskischen Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts im internationalen Kontext vertreten.

Das baskische Kulturinstitut Instituto Vasco Etxepare ist daran interessiert, die baskische Kunst und Kultur international bekannt zu machen. Die Goethe-Universität möchte die Kompetenz ihres Instituts für Kunstgeschichte in kuratorischen Arbeiten im internationalen  Kontext stärken. Insbesondere soll durch die Gastprofessur auch der zum Teil englischsprachige Masterstudiengang „Curatorial Studies“ an der Goethe-Universität aufgewertet werden. Die Professur wird jeweils im Sommersemester besetzt, der Start erfolgt zum Sommersemester 2013.

Weitere Informationen: Prof. Martin Büchsel, Kunstgeschichtliches Institut der Goethe-Universität, Tel: (069) 798-22222, buechsel@kunst.uni-frankfurt.de

Veranstaltungen

Sep 24 2012
15:52

Tierisches Verhalten im Opel-Zoo

Viele Tiere – Ein Zuhause

FRANKFURT. Mit dem Projekt „ScienceTours – Lernen mit Herz und Hand“ bietet die Goethe-Universität Frankfurt für Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I verschiedene Exkursionen im Rhein-Main-Gebiet an. Die ScienceTours sind Partner des Wissenschaftsjahres 2012 – Zukunftsprojekt Erde und knüpfen so an viele Projekte an, die Nachhaltigkeitsforschung für junge Menschen erfahrbar machen. Anhand ausgewählter didaktischer Konzepte führen die ScienceTours Schüler an wissenschaftliche Forschungsfragen und -methoden unterschiedlicher Fachgebiete heran.

Ganz neu ist dabei das Thema Tierisches Verhalten: Fernsehsendungen wie „Giraffe, Erdmännchen & Co“ rücken Zoos in den Fokus des öffentlichen Interesses und machen diese zu einem anhaltenden Publikumsmagneten. Kein Wunder also, dass Zoos ein beliebtes Ausflugsziel für Familien und Schulklassen sind.

Die Verhaltenstour im Kronberger Opel-Zoo ermöglicht Schülern den Blick hinter die Kulissen: Wie leben Tiere in menschlicher Obhut im Vergleich zu Artgenossen in freier Wildbahn? Wie prägt die jeweilige Lebenssituation das Verhalten der Tiere? Während der ScienceTour „Viele Tiere – Ein Zuhause. Tierisches Verhalten im Opel-Zoo“ lernen die Schüler die Arbeit von Verhaltensforschern kennen und entwickeln eigene Strategien zur Bereicherung der Lebenswelt von Zootieren.

Unterstützt werden die Schüler dabei von Wissenschaftlern und Studierenden der Abteilung Didaktik der Biowissenschaften der Goethe-Universität und Mitarbeitern des Opel-Zoos, die diese Tour gemeinsam entwickelt haben. Durch diese Kooperation wird außerschulisches Lernen, auch im Sinne des Wissenschaftsjahrs 2012 – Zukunftsprojekt Erde, zum nachhaltigen Erfolg.

Wir laden Sie herzlich ein zur

Pilottour Viele Tiere – Ein Zuhause. Tierisches Verhalten im Opel-Zoo
am Montag, 1. Oktober 2012 um 11 Uhr
im Opel-Zoo Kronberg (Taunus), Verwaltungsgebäude (Sitzungszimmer)

Anwesend sein und Ihre Fragen gerne beantworten werden die Geschäftsführer des Opel-Zoos, das Projektteam der ScienceTours sowie die beteiligten Wissenschaftler und Studierenden.

Tierisches Verhalten ist nur eines der Themen, die im Rahmen der ScienceTours Schülerinnen und Schülern wissenschaftliches Denken und Handeln vermitteln.

Ein wesentliches Element aller ScienceTours ist der Kontakt zu Wissenschaftlern der Goethe-Universität und Experten der beteiligten Projektpartner. Sie lassen die Jugendlichen ihr Forschungsgebiet entdecken, geben Hilfestellung und vermitteln im direkten Kontakt, wie Wissenschaftler arbeiten und was sie an ihrem Beruf begeistert. Die Arbeit in Kleingruppen von durchschnittlich 5 Schülern wird durch die Beteiligung von Studierenden ermöglicht, die als Betreuer den Schülern vom Alter her näherstehen. Sie können konkrete Auskünfte über ihr Studium und wichtige Hilfestellung bei der beruflichen Orientierung geben. Thematisch decken die ScienceTours ein breites Themenspektrum von den Naturwissenschaften über die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften bis hin zu den Wirtschaftswissenschaften ab. Weitere Informationen zum Konzept der ScienceTours und den Inhalten der verschiedenen Touren erhalten Sie unterwww.science-tours.de.

Bitte senden Sie uns eine kurze Rückmeldung bis Freitag, 28. September, ob Sie teilnehmen werden, an stephanie.mayer@vdv.uni-frankfurt.de

ScienceTours ist eine Kooperation mit: Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main, Stiftung Flughafen Frankfurt/Main für die Region, Vereinigung von Freunden und Förderern der Goethe-Universität Frankfurt am Main, Wissenschaftsjahr 2012 – Zukunftsprojekt Erde. Eine Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF)

Mit freundlichen Grüßen
Stephanie Mayer
Projektleiterin ScienceTours

Forschung

Sep 24 2012
11:13

Mehr Sozialprestige durch Geben und Annehmen

Warum Geld Tauschringe nicht ersetzen kann

FRANKFURT. Als der polnisch-britische Anthropologe Bronislaw Malinowski 1922 den Kula-Tauschring auf den Trobriand-Inseln im westlichen Pazifik beschrieb, war er überzeugt davon, dieses Phänomen als einer der letzten Forscher zu beobachten. Ein- bis zweimal im Jahr legen die Inselbewohner mehrtägige Seereisen zurück, um die überlieferten Tauschpartner aufzusuchen und aus Schneckengehäusen gefertigte Armreifen gegen Halsketten aus Spondylus-Muscheln zu tauschen. Aber Malinowski irrte: Auch nach der Einführung des Geldes scheuten die Männer keine Mühe, ihre Tauschexpeditionen fortzusetzen. Warum Tauschringe heutzutage weiterhin existieren und weltweit verbreitet sind, erklärt der Ethnologe Hans Peter Hahn in der aktuellen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“, dem Wissenschaftsmagazin der Goethe-Universität

„Keine Gesellschaft kann existieren, ohne Praktiken der Gabe und ohne Anerkennung für Gebende“, erläutert Hahn, Professor für Ethnologie an der Goethe-Universität. Der Wert der Objekte des Kula-Tauschrings speist sich aus den immer wieder erzählten Geschichten von erfolgreichen Tauschakten, Vorbesitzern und Gefahren, die beim Tausch zu meistern waren. Das Ansehen des Tauschpartners in Verbindung mit der Wertschätzung des Tauschobjektes sind soziale und kulturelle Tatsachen; zugleich sind sie das Fundament sozialer Beziehungen. Deshalb ist die Verpflichtung der Gabe universal verbreitet und wurde mit der Einführung des Geldes nicht obsolet.

Das gilt auch in modernen Gesellschaften, in denen Geld längst dominiert. Tauschringe gibt es in vielen Städten Deutschlands (www.regiogeld.de/initiativen.html). In der Regel verstehen sie sich zunächst als Einrichtungen der Nachbarschaftshilfe. Im weltweiten Maßstab gibt es jedoch auch sehr viel größere Tauschringe, etwa in Argentinien, wo mehrere hunderttausend Personen beteiligt sind. Egal ob es dabei um „Creditos“ (in Argentinien), „Time Dollar“ (in den U.S.A.) oder „Bockis“ (in Frankfurt-Bockenheim) geht, stets geben sich die daran beteiligten Personen bestimmte Regeln, denen die getauschten Leistungen unterliegen. So sind vielfach nur bestimmte Leistungen gegeneinander zu tauschen, oft verfallen die Gutscheine, wenn sie nicht innerhalb einer bestimmten Frist eingelöst werden, und nicht zuletzt gibt es Begrenzungen, was das Ansammeln solcher Gutscheine betrifft.

Hahn hebt zwei Eigenschaften als gemeinsame Merkmale des Kula-Tauschzyklus und des modernen Tauschringes hervor: Erstens geht es um die sozialen Pflichten, die an den - stets nur vorübergehenden - Besitz geknüpft sind. Der zweite Aspekt betrifft das Verhältnis zum gemünzten, staatlich garantierten Geld: Entgegen der Auffassung, bei Tauschsystemen handele es sich um „primitive“, zeitlich vor der Verbreitung des Geldes einzuordnende Institutionen, beweisen sie die Möglichkeit einer gleichzeitigen Existenz. Tauschringe haben offensichtlich spezielle Eigenschaften, die dem Geld fehlen, oder wenigstens in der monetären Sphäre weniger leicht zu realisieren sind. Dazu Hahn: „Wer bereit ist zu geben und eine Gabe anzunehmen, erhält mehr als den Wert der Ware. Für die Öffentlichkeit klar erkennbar genießt er auch soziales Ansehen. Die Pflichten der Annahme und der Erwiderung zeigen seine Bereitschaft, am Erhalt sozialer Bindungen mitzuarbeiten.“ Die genauere Betrachtung der vielen Dimensionen von Tauschringen leistet deshalb einen wichtigen Beitrag, um verborgene Dimensionen des Geldgebrauchs aufzuzeigen und die nicht ökonomischen Voraussetzungen der Wirtschaft besser zu verstehen.

Informationen: Prof. Hans Peter Hahn, Institut für Ethnologie, Campus Westend, Tel: (069) 798-33064, hans.hahn@em.uni-frankfurt.de.

„Forschung Frankfurt“ kostenlos bestellen: ott@pvw.uni-frankfurt.de

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Forschung

Sep 21 2012
12:31

Der Soziologe Sighard Neckel spricht in der aktuellen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ über den Gefühlshaushalt des Kapitalismus

Mit „ruhiger Leidenschaft“ der Geldgier auf der Spur

FRANKFURT. Im christlichen Denken war Gier eine Todsünde. Der Liberalismus wollte sie durch die Bindung an wirtschaftliche Interessen in eine „ruhige Leidenschaft“ verwandeln. Heute ist Gier „Begleiterscheinung und Nebenprodukt eines Wettbewerbs, der davon regiert wird, die stets lauernde Chance auf den jeweils noch besseren Deal nicht zu verpassen“. So Sighard Neckel, Soziologieprofessor an der Goethe-Universität, in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Forschung Frankfurt“ (FF 2/2012). Neckel gibt sich zugleich skeptisch, ob unter den Bedingungen des modernen Finanzmarktkapitalismus das „normative Versprechen des Liberalismus“ noch glaubhaft sei, wonach am privaten Vorteil der wirtschaftlich Begüterten auch die Allgemeinheit ihren nützlichen Anteil hat.

In dem Interview mit dem Titel „Gier: Eine Emotion kommt ins Gerede“ konstatiert der Soziologe, in der öffentlichen Diskussion werde häufig so getan, „als ob der Zusammenbruch der Finanzmärkte 2008 und auch die heutigen Turbulenzen der Eurokrise ihre Erklärungen in der Gier der Menschen als einer schlechten Charaktereigenschaft finden würden“. Diese individuellen Zuschreibungen seien für ihn jedoch „eigentlich das, was mich an Gier am wenigsten interessiert“. In der von Neckel mit verfassten Studie „Strukturierte Verantwortungslosigkeit“ gab ein Investmentbanker zu Protokoll, dass in erster Linie die Gier der Anleger für die Finanzkrise verantwortlich gewesen sei. Alles in allem ergaben aber auch die „Berichte aus der Bankenwelt“, so der Untertitel der Untersuchung, ein differenziertes Bild. „Und das ist dann für mich der Beginn einer intensiveren Beschäftigung mit Gier gewesen, wobei ich dabei zunächst einmal auf das zurückgegangen bin, wodurch Gier im engeren Sinne gekennzeichnet ist.“

Grundlegende Überlegungen hat Neckel auch in einem Aufsatz für die Zeitschrift „Leviathan“ angestellt („Der Gefühlskapitalismus der Banken: Vom Ende der Gier als ‚ruhiger Leidenschaft’“). Gier wird in ganz unterschiedlichen Wissenschaften als „Erwartungslust“ beschrieben. Sie erfährt ihre Befriedigung gerade nicht durch den Genuss eines Objekts; die Lust der Gier liegt im Verlangen selbst. Laut Neckel habe sich auf den modernen Finanzmärkten auch jenseits individuellen Verhaltens eine ökonomische Handlungsstruktur entwickelt, „die genau jene Eigenschaften aufweist, die wir mit Gier verbinden: die Steigerung von Renditen um ihrer selbst willen, jenseits aller sachlichen Bindung, nur vom Ziel bestimmt, den Gewinn von heute Morgen durch höhere Gewinne am nächsten Tag zu überbieten“. In der Handlungsstruktur der heutigen Finanzmärkte kehre die Maßlosigkeit der Gier, die durch bestimmte wirtschaftliche Ziele gar nicht befriedigt werden könne, „gewissermaßen als Geschäftsmodell wieder“.

„Private vices, public benefits“. So lautet ein Lehrsatz des klassischen Liberalismus. Aus privaten Lastern sollen durch die unsichtbare Hand des Marktes öffentliche Vorteile entstehen, durch die Verwirklichung des ökonomischen Eigennutzes von Privatpersonen à la longue Wohlfahrtseffekte für die gesamte Gesellschaft. „Letztendlich ist dies auch eine wichtige Legitimationsgrundlage der heutigen Wirtschaftsordnung“, sagt Sighard Neckel. Denn wir seien durchaus bereit, eine Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen zu akzeptieren, wenn von diesen privaten Gewinnen auch andere Sozialgruppen und die Allgemeinheit profitierten. Dieses Modell einer sozial eingebundenen Marktwirtschaft stehe allerdings zur Disposition. Privater Reichtum wirke heute häufig zerstörerisch für die wirtschaftlichen Interessen der Allgemeinheit, wenn etwa Unternehmen aufgekauft, zerteilt und dann wieder veräußert würden, nur um aus solchen Transaktionen Renditen zu erzeugen. „Und vollends stellt sich das liberalistische Ethos auf den Kopf, wenn für die Risiken des privaten wirtschaftlichen Vorteilsstrebens die Allgemeinheit, d.h. die Steuerbürger die Bürgschaft übernehmen.“

Als Kehrseite der Gier, oder vielleicht auch Komplementär-Laster, wird häufig der Neid genannt. Doch kann man es als eine Neiddebatte bezeichnen, wenn in der Öffentlichkeit über die Begrenzung hoher Einkommen, Leistungsgerechtigkeit und die Notwendigkeit einer stärkeren Regulierung der Finanzmärkte diskutiert wird? Wohl kaum, sagt Neckel. Was sich hier öffentlich als Kritik am Kapitalismus der Gegenwart vollziehe, sei obendrein auch nichts Revolutionäres. Vielmehr würden die Wirtschaftseliten auf jene Normen hin angesprochen, auf die sie sich zu ihrer eigenen Rechtfertigung beriefen. Sighard Neckel: „Die öffentlichen Debatten um die Regeln der Finanzmärkte und um die Verteilung des Reichtums stellen somit eigentlich nichts anderes dar als eine Auseinandersetzung um die normative Geschäftsordnung, die sich diese Gesellschaft selbst gegeben hat.“

Sighard Neckel wird seine Thesen zur strukturell bedingten Gier im Finanzmarktkapitalismus auch als Experte der Frankfurter Bürger-Universität im kommenden Wintersemester erläutern. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Demokratie im Würgegriff der Finanzmärkte?“ referiert und diskutiert er am 10. Dezember über das Thema „Falsche Anreize: Ruiniert Gier die Basis unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens?“.

Informationen: Prof. Sighard Neckel, Institut für Gesellschafts- und Politikanalyse, Campus Bockenheim, AfE-Turm, Tel.: (069) 798-23334, neckel@soz.uni-frankfurt.de, www.fb03.uni-frankfurt.de/soziologie/sneckel

 Die aktuelle Ausgabe „Forschung Frankfurt“ beschäftigt sich ausschließlich mit dem Thema „Geld“.

„Forschung Frankfurt“ kostenlos bestellen: ott@pvw.uni-frankfurt.de

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Veranstaltungen

Sep 21 2012
12:27

„Füreinander Sorge tragen“: Tagung zur CARE-Arbeit vom 19.-21. Oktober, Goethe-Universität und Martin-Niemöller-Haus Schmitten/Ts.

Religion, Säkularität und Geschlecht in der globalisierten Welt

FRANKFURT. Menschen tragen seit jeher und an jedem Ort füreinander Sorge. Zunehmend jedoch beobachten wir heute globale Verschiebungen menschlicher Care-Arbeit nicht nur entlang von Geschlechter-, sondern auch von Armutsgrenzen. Dieses weltweite Phänomen bedarf besonderer Betrachtung. Für die drei Religionen, die in der Sarah-Hagar-Tradition stehen, ist ein sorgsamer Umgang miteinander Teil ihres religiös begründeten Ethos. Anhand des Care-Begriffs soll die Wechselwirkung von Gesellschaft und Religionen diskutiert werden. Welchen Einfluss haben Religionen auf die Vorstellungen des Fürsorgens? (Wie) kann die Zuordnung des Sorge-Tragens zu einem bipolaren und eindimensionalen Rollenbild aufgebrochen werden? Kann dies nur in einer säkularisierten Welt geschehen oder bedarf es dazu eines verstärkten Umdenkens in den Religionen und in der Theologie?

Die Veranstaltung ist eine Kooperationstagung der Evangelischen Akademie in Hessen und Nassau e.V., des Cornelia Goethe Centrum, der Goethe-Universität Frankfurt am Main und der Initiative Sarah und Hagar.

  • Freitag, 19. Oktober 2012, 14.00 Uhr
    Ort: Goethe Universität Frankfurt, Campus Westend, Casino, Raum 1801
    Vortrag: ‚Care‘ als Menschenrecht in einer Kultur der Vielfalt,
    Prof. Dr. Ute Gerhard, Cornelia Goethe Centrum, Frankfurt am Main
    Kommentare: Prof. Dr. Micha Brumlik, Goethe Universität, Frankfurt am Main
    Prof. Dr. Marianne Heimbach-Steins, Universität Münster
    Prof. Dr. Amina Wadud, Starr King School for the Ministry, Berkeley, CA
    Moderation: Prof. Dr. Ursula Apitzsch, Cornelia Goethe Centrum, Frankfurt am Main
  • Samstag, 20. Oktober,  9.15 Uhr, Martin Niemöller-Haus der EKHN, Am Eichwaldsfeld 3, 61389 Schmitten-Arnoldshain
    Vortrag: Dimensionen des Care-Begriffs: Zwischen Fürsorge, Gerechtigkeit und Eigensinn
    Prof. Dr. Margrit Brückner, Fachhochschule Frankfurt am Main
    Kommentare: Hilft der Care-Begriff bei der interreligiösen Verständigung?
    jüdisch: Jalda Rebling, Ohel Hachidusch, Berlin
    christlich: Dr. Christine Globig, Kirchliche Hochschule Wuppertal/Bethel
    muslimisch: Rabeya Müller, Institut für interreligiöse Pädagogik und Didaktik, Köln
    Vortrag: Die Ent-Sorgung menschlicher Reproduktionsarbeit entlang von Armuts- und Geschlechtergrenzen, Prof. Dr. Ursula Apitzsch, Cornelia Goethe Centrum, Frankfurt am Main
  • Sonntag, 21. Oktober 2012, 9.30 Uhr, Martin Niemöller-Haus der EKHN, Am Eichwaldsfeld 3, 61389 Schmitten-Arnoldshain
    Feministischer Talk:  Reproduktion, Care und Anerkennung, Dr. Annette Mehlhorn, Bendorfer Forum, Rüsselsheim
    Ewa Alfred, Rechtsanwältin und Familientherapeutin, jüdische Gemeinde Oranienburger Straße, Berlin
    Hans Prömper, katholische Erwachsenenbildung im Haus am Dom, Frankfurt am Main
    Rabeya Müller, Institut für interreligiöse Pädagogik und Didaktik, Köln
    Moderation: Prof. Dr. Susanne Schröter, Cornelia Goethe Centrum, Frankfurt

Anmeldung
Anmeldungen werden noch entgegen genommen. Die Veranstaltungstage sind auch einzeln buchbar. blumer@evangelische-akademie.de , Tel. 06084 – 95 98 122

Weitere Informationen
www.evangelische-akademie.de; www.cgc.uni-frankfurt.de/ 

Forschung

Sep 21 2012
11:28

Aktuelle Studie eines Frankfurter Soziologen untersucht Unterrepräsentierung von Frauen in Managementpositionen

Wahl von Studienfächern und Folgen von Mutterschaft alleinige Gründe für Benachteiligung von Frauen

FRANKFURT. Der Aufstieg von Hochschulabsolventinnen in erste Managementpositionen scheitert nicht an betrieblicher Diskriminierung, sondern an der geschlechtsspezifischen Wahl von Studienfächern und den Folgen von Mutterschaft. Dies zeigt eine jüngst im angesehenen Fachblatt Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie veröffentlichte Studie. Darin wurden die Erwerbs- und Lebensverläufe in den ersten zehn Jahren nach dem Examen von 4246 Absolventinnen und Absolventen ausgewertet, die im HIS-Absolventenpanel aufwändig und deutschlandweit durch die HIS GmbH erhoben wurden. Die neuen Zahlen kratzen an der weit verbreiteten Vorstellung von einer „gläsernen Decke in den Betrieben“, der zufolge Frauen mindestens gleich gut wie Männer ausgebildet seien und erst durch betriebliche Diskriminierung an einer Karriere gehindert würden. In der ersten Karrierephase, die in der Studie untersucht wurde, ist dies nicht der Fall.

Zehn Jahre nach dem Examen erreichen 42 % der Männer eine erste Position mit Leitungsfunktion, hingegen lediglich 23 % der Frauen. Zu knapp einem Drittel kann dieses deutliche Gefälle durch die Tatsache erklärt werden, dass Frauen und Männer unterschiedliche Fächer studieren. Während Männer sehr stark in den karriereträchtigen Ingenieurswissenschaften vertreten sind, studieren Frauen weit überproportional Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften sowie Lehramtsstudiengänge, die nur vergleichsweise geringe Karrierechancen eröffnen.

Die darüber hinaus bestehende Geschlechterungleichheit beim Erreichen erster Managementpositionen kann nahezu vollständig durch die unterschiedlichen Folgen einer Familiengründung erklärt werden. Während Elternschaft bei Frauen die Wahrscheinlichkeit, zehn Jahre nach dem Examen eine erste Managementposition inne zu haben fast halbiert, sind Kinder für Väter typischerweise nicht mit einem Karriereknick verbunden. Kinderlose Frauen hingegen erfahren keinen Nachteil aufgrund ihres Geschlechts, wie die Studie zeigt. 

Fabian Ochsenfeld, der Autor der Studie, stellt diesen Befund in den Zusammenhang zur Familienpolitik. Diese war in Westdeutschland lange Zeit konservativ geprägt und verfolgte das ausdrückliche Ziel, Frauen nach der Geburt eines Kindes möglichst lange aus dem Arbeitsmarkt fern zu halten. Anreize für eine traditionelle partnerschaftliche Aufgabenteilung in Karriere hier und Familie dort bestehen bis heute fort, etwa in Form des Ehegattensplittings oder der Familienversicherung. Infolge dieser Tradition bestehen bis heute erhebliche Ost-West-Unterschiede bei der Verfügbarkeit öffentlicher Betreuungseinrichtungen für Kleinkinder und bei Ganztagsplätzen. Während 2010 in den alten Ländern nur jedes vierte Kind zwischen drei und sechs Jahren mindestens 7 Stunden öffentlich betreut wurde, waren es in Ostdeutschland zwei von drei.

Ochsenfelds Studie zeigt, dass Familie und Karriere für Frauen in Ostdeutschland entsprechend besser miteinander vereinbar sind. So arbeiten Hochschulabsolventinnen mit Kind in Ostdeutschland knapp 4 Stunden pro Woche mehr als westdeutsche Akademikerinnen mit Kind. Die Zahlen zeigen ferner, dass die bessere Vereinbarkeit tatsächlich mit besseren Karrierechancen für Frauen einher gehen. So fällt der Karriereknick infolge von Mutterschaft in Ostdeutschland weniger gravierend aus als in Westdeutschland.

Publikation:

Ochsenfeld, Fabian: Gläserne Decke oder goldener Käfig: Scheitert der Aufstieg von Frauen in erste Managementpositionen an betrieblicher Diskriminierung oder an familiären Pflichten? Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 64 (2012): 507-534.

Informationen:

Fabian Ochsenfeld, Institut für Gesellschafts- und Politikanalyse, Goethe Universität Frankfurt, Tel.: 069/79822523, E-Mail: ochsenfeld@soz.uni-frankfurt.de

Personalia/Preise

Sep 20 2012
16:51

Unternehmer wird für langjähriges Engagement ausgezeichnet

Ehrenbürgerwürde der Goethe-Universität für Jochen Hückmann

Dr. Jochen Hückmann, Vorsitzender des Gesellschafterrates der Merz GmbH & Co KGaA, wurde heute im Rahmen einer Feierstunde die Ehrenbürgerwürde der Goethe-Universität verliehen. Der Unternehmer engagiert sich schon seit vielen Jahren auf vielfältige Weise für Forschung an der Goethe-Universität. So rief Hückmann im Jahre 1985 anlässlich des 100. Geburtstages des Firmengründers Friedrich Merz die Merz-Stiftungsprofessur ins Leben. Mit dieser Professur wird jedes Jahr ein angesehener und verdienter Wissenschaftler aus den Bereichen Medizin oder Pharmazie zu einem Gastaufenthalt an die Goethe-Universität eingeladen. 

Darüber hinaus hat der promovierte Ökonom anlässlich des 100jährigen Firmenjubiläums im Jahre 2008 zwei Doktorandenstipendien ausgelobt. Außerdem engagiert sich Hückmann ehrenamtlich in wissenschaftlichen und kulturellen Institutionen. Er ist sowohl im Kuratorium der Vereinigung von Freunden und Fördern der Goethe-Universität als auch im Stiftungskuratorium der Goethe-Universität vertreten.

„Wir freuen uns, Herrn Dr. Hückmann in Anerkennung seines herausragenden Engagements für die Universität heute die Würde eines Ehrenbürgers verleihen zu dürfen. Damit zeichnen wir eine außergewöhnliche Persönlichkeit aus, die nicht nur in der Goethe-Universität eine hohe Wertschätzung genießt“, sagte Universitätspräsident Prof. Werner Müller-Esterl in seinem Grußwort. 

Weitere Informationen
Caroline Mattingley-Scott, Stabsstelle Fundraising, Tel: (069) 798-22471, mattingley-scott@pvw.uni-frankfurt.de

Veranstaltungen

Sep 20 2012
14:01

Hundert Jahre Stiftungsvertrag für die Frankfurter Universität. Veranstaltung des KKF und der Goethe-Universität am 27. September

„…Wissenschaften frei von Einseitigkeiten und unabhängig von Parteien…“

 

Wann: Donnerstag, 27. September 2012, um 18:00 Uhr

Wo: Eisenhower-Saal im Poelzig-Bau der Goethe-Universität Frankfurt am Main, Grüneburgplatz 1, 60323 Frankfurt am Main

Sehr geehrte Damen und Herren,

am 28. September 1912 wurde in Frankfurt der Stiftungsvertrag zur Gründung der Universität unterzeichnet. Vertragspartner waren die Stadt Frankfurt und mehrere alteingesessene und neu gegründete Stiftungen wie die Senckenberg-Stiftung oder die Georg und Franziska Speyer’sche Studienstiftung. Damit war die wichtigste Etappe in der langen, von Oberbürgermeister Adickes zielstrebig verfolgten Gründung der Frankfurter Universität erreicht. Zwei Jahre später im Oktober 1914, wenige Wochen nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, konnte die Universität eröffnet werden. 2014 wird diese zu großem Renommee gelangte Institution, die seit 2008 wieder Stiftungsuniversität ist, ihren 100. Geburtstag mit prominenten Veranstaltungen begehen.

Die hundertjährige Wiederkehr der Unterzeichnung des Stiftungsvertrags ist bereits im Herbst 2012 ein wichtiger Anlass, die Gründungsgeschichte der Goethe-Universität durch führende Fachhistoriker vorab einmal in den Blick zu nehmen:


- Grußworte des Universitätspräsidenten Prof. Dr. Werner Müller-Esterl und des Vorsitzenden des KKF Jörg Reinwein
- Referentin Dr. Benigna von Krusenstjern, langjährige wissenschaftliche Mitarbeiterin des, inzwischen umgewidmeten, Max-Planck-Instituts für Geschichte: Der unbekannte Beteiligte an der Universitätsgründung. Wer war der preußische Kultusminister August von Trott zu Solz?
- Referent Prof. Dr. Notker Hammerstein: Die Frankfurter Universität – eine Besonderheit?

Das Kuratorium Kulturelles Frankfurt und die Goethe-Universität laden Sie zu dieser Vortragsveranstaltung ganz herzlich ein und bitten um Ihre Anmeldung beim Kuratorium.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Claudia Müller-Proskar, Kuratorium Kulturelles Frankfurt(Polytechnische Gesellschaft), Untermainanlage 5 60329 Frankfurt am Main, Tel.: 069 - 789 889-80, Fax: 069 - 789 889-980, kkf@polytechnische.de, www.kulturellesfrankfurt.de
Dr. Olaf Kaltenborn, Goethe-Universität Frankfurt, Leiter Marketing und Kommunikation,  am Main, Senckenberganlage 31, 60325 Frankfurt am Main, Tel.: 069 - 798 23935, Fax: 069 - 798 28530 presse@pvw.uni-frankfurt.de, www.uni-frankfurt.de

 

Forschung

Sep 19 2012
16:32

Der Philosoph Martin Seel erläutert in „Forschung Frankfurt“, warum das Geld eigentlich ein „ethisches Neutrum“ ist

Geld hat keine Tugend – hilft aber, großzügig zu sein

FRANKFURT. „Es sich leisten zu können, großzügig zu sein: Das wäre der ethische Sinn des Geldes, wenn es denn einen hätte“, schreibt Martin Seel, Philosophieprofessor an der Goethe-Universität, in seinem Essay für die aktuelle Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Forschung Frankfurt“ (FF 2/2012). Der Philosoph und Autor kennt sich mit Tugenden und auch mit Lastern aus. Der Erfolg seines Buches „111 Tugenden, 111 Laster – Eine philosophische Revue“ darf als Beweis dafür gelten. Doch Geld für sich genommen sei eben, wie Seel nüchtern konstatiert, ein „ethisches Neutrum“. Deshalb auch hat er seiner, so der Untertitel, „anthropologischen Betrachtung“ den fast schon programmatischen Titel gegeben: „Geld hat keine Tugend“.

Das eigentlich tugendneutrale Geld kann gleichwohl der Tugend selbst und ebenso dem Laster zu Diensten stehen. Die eindeutige Zuordnung geldgebundenen Handelns in Tugend oder Laster fällt dabei nicht immer leicht. Auch davon handelt der Text Martin Seels, der mit zwei Milliarden Schulden beginnt, Gier und Geiz auf fast dieselbe moralische Stufe stellt und am Ende in ein Lob der Großzügigkeit mündet.

Einer Anekdote nach begegnete der eigentlich steinreiche amerikanische Baulöwe Donald Trump einmal einem offensichtlich mittellosen Bettler. Trump – Wahlspruch: „Lunch is for losers“ – hatte sich gerade übel verspekuliert und stand mit satten zwei Milliarden in der Kreide. So gesehen war der Bettler eigentlich reicher – was diesem aber, so darf man annehmen, herzlich wenig nützte und Trump nicht übermäßig schadete. Denn auch ein Pleitier sei in unserer Gesellschaft immer noch ein Geschäftsmann, wie Seel resümiert, mit mächtigen Freunden, „die ihm wieder auf die Beine helfen – wie es im Falle Trumps denn auch geschah“.

Die Menge oder der Mangel an Geld allein sage nichts über den Charakter eines Menschen aus, und auch nicht über den Charakter der Epoche oder der Gesellschaft, in der er lebe, so Seel. Erst der individuelle oder kollektive Umgang mit Geld und anderen Schätzen mache den Grad der Tugend- oder Lasterhaftigkeit ökonomischer Verhältnisse aus. Gier und Geiz seien dafür gute Gradmesser. Die Gier – außer der nach Geld noch Habgier und auch Ruhmsucht – strebe nach Früchten des Glücks, die im Augenblick ihres Genusses verfaulten. Keines dieser Bestreben kann folglich Befriedigung finden. Die Gierigen können nicht genug kriegen; der Umschlag von Quantität in Qualität will ihnen einfach nicht gelingen.

Was auf der Ebene der Individuen gilt, kann auch auf Institutionen wie Banken zutreffen, wofür, so Seel, „die letzten Dekaden reichlich Anschauungsmaterial geboten haben“. Der Philosoph zieht ähnliche Schlüsse wie der Soziologe Sighard Neckel (siehe das Interview „Gier: Eine Emotion kommt ins Gerede“ in derselben Ausgabe von „Forschung Frankfurt“). Als Teil der „systemischen Imperative“, so formuliert es Seel, fresse hier „die Gier ihre eigenen Gewinne, um sich, wenn die Blase geplatzt ist, unter den Rettungsschirmen der internationalen Gemeinschaft für die nächste Jagd fit zu halten“.

Wenn die Gier das eine Extrem ist, könnte man den Geiz am anderen Ende der Skala verorten. Aber vielleicht schließt sich ja hier auch der Kreis wieder. Für Seel ist der Geiz „das Laster einer abartigen Vermeidung von Lastern“, folglich „ein Anti-Laster und darum eines der größten Laster“. Nicht genug damit, dass der Geizige in seiner „grotesken Maßhaltung“ für sich selbst nichts ausgibt, „weil ihm schon der Genuss seiner Besitztümer als unziemliche Völlerei erscheint“. Für ihn ist auch „Freigebigkeit bloße Verschwendung“. In den Augen des Geizigen ist der, der in Not gerät oder Schulden hat, selber schuld, „also wird er sich durch die Unterstützung dieser Versager nicht seinerseits schuldig machen“.

Der Essay Martin Seels umfasst sieben kurze Kapitel. Das letzte ist der Großzügigkeit gewidmet. Sie sei, so Seel, „ein Verhalten, das sich der Logik des Geldes und seiner Vermehrung oder auch Verschwendung entzieht“. Denn Großzügigkeit sei Freigebigkeit weit über alles Ökonomische hinaus. Wer diese Tugend besitze, sei generös nicht nur mit materiellen, sondern ebenso mit geistigen und sozialen Gaben. Martin Seel: „Großzügige Menschen müssen darum überhaupt keine begüterten Menschen sein. Sie sind nicht großzügig, weil sie reich, sondern reich, weil sie großherzig sind.“

Informationen: Prof. Martin Seel, Institut für Philosophie, Campus Westend, Tel.: (069) 798-32770 , seel@em.uni-frankfurt.de, www.philosophie.uni-frankfurt.de/lehrende_index/Homepage_Seel/index.html

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Personalia/Preise

Sep 18 2012
11:10

Aktuelle Studie des Handelsblatt zur Qualität betriebswissenschaftlicher Forschung im deutschsprachigen Raum erschienen

Handelsblatt-Ranking BWL: Goethe-Universität auf 7. Platz

FRANKFURT. Gutes Abschneiden der Goethe-BWLer: Platz 7 belegt die Betriebswissenschaft im aktuellen Handelsblatt-Ranking. Im rein deutschen Vergleich kommt die Goethe-Universität sogar auf einen dritten Platz, hinter der TU München und der Uni Mannheim.  Angeführt wird das Handelsblatt-Ranking von der Universität St. Gallen, es folgen die Uni Wien, Uni Zürich und die Wirtschaftsuni Wien. Drei der 27 Betriebswissenschaftler der Goethe-Universität stehen zudem in der Top 100-Liste des Handelsblatt, die die stärksten BWL-Forscher der letzten Jahre erfasst.

Die Handelsblatt-Studie zieht für die Bewertung Publikationen in Fachzeitschriften heran, deren unterschiedliche Qualität berücksichtigt wird. Neben den forschungsstärksten Fakultäten und Forschern werden auch die besten Nachwuchsforscher erfasst. Weniger als die Hälfte der 25 besten BWL-Fakultäten sind laut Handelsblatt staatliche deutsche Hochschulen. 91 der 106 für das Ranking relevanten Hochschulen sind in der Bundesrepublik angesiedelt.

Weitere Informationen: http://www.handelsblatt.com/politik/oekonomie/bwl-ranking/

Forschung

Sep 18 2012
09:19

Wissenschaftler der Goethe-Universität um den Archäologen Rüdiger Krause finden erstmals Belege für massive Umweltzerstörungen in der antiken Tallandschaft des österreichischen Montafon

Menschgemachte Ökokatastrophen der Bronze- und Eisenzeit

FRANKFURT. Die scheinbar unberührte Idylle der Alpenlandschaft, der charakteristische Wechsel zwischen Weideflächen und Bergwäldern, ist offenbar auch das Ergebnis eines Jahrtausende währenden Raubbaus des Menschen an der Natur und daraus resultierender massiver Landschaftsveränderungen.

Massive Umweltzerstörungen und daraus entstehende Katastrophen für Mensch und Tier sind damit nicht nur ein Phänomen der Moderne. Forscher und 25 Studierende der Goethe-Universität unter Leitung des Archäologen Prof. Rüdiger Krause können dank wegweisender Funde im Montafon (Österreich) nun erstmals umfassend belegen, dass bereits die Menschen der Bronze- und Eisenzeit im 2. und 1. Jahrtausend vor Christus ihre Heimatlandschaft durch extensiven Bergbau und weiträumige Brandrodung derartig stark veränderten, dass sie dafür am Ende einen hohen Preis zahlen mussten. Eine tödliche Folge dieser Eingriffe in die Natur: Schon in der Bronzezeit vor 3500 Jahren rutschten am Bartholomäberg ganze Hänge ab und begruben vereinzelt sogar Siedlungen unter sich:

„Wir können zweifelsfrei nachweisen, dass solche katastrophalen Ereignisse Folgen menschlichen Tuns waren“, erklärt Grabungsleiter Rüdiger Krause. „Schon die Menschen der Bronze- und Eisenzeit haben massiv in ihre natürliche Umwelt eingegriffen und diese mit den begrenzten technischen Möglichkeiten ihrer Zeit maximal ausgebeutet“, so Krause.

Die spektakulären Ergebnisse der aktuellen Grabungskampagne am Bartholomäberg wären nicht möglich gewesen ohne einen interdisziplinären Ansatz, den die Forscher um Rüdiger Krause wählten. Dank der Bodenkundlerin und Geomorphologin Dr. Astrid Röpke sowie der Botanikerin und Vegetationshistorikerin Dr. Astrid Stobbe gelang eine realistische Rekonstruktion der prähistorischen Siedlungsverhältnisse mit ihren durch den Menschen schon früh hervorgerufen Umweltveränderungen.

Alpweiden wurden zugunsten der Erzgewinnung aufgegeben. Die eisenzeitlichen Halden wurden später von den mittelalterlichen begraben und sind so konserviert. Eine wichtige neue Entdeckung für das archäologisch-naturwissenschaftliche Projekt, denn damit ist auch der prähistorische Bergbau und differenzierte Landnutzung in dieser Gebirgslandschaft belegt.

Seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte der Raubbau an der Natur im ersten Jahrtausend vor Christus: „Im Bereich der Erzregion in Höhen zwischen 1300 bis 1450 Metern kam es in Folge des fehlenden Pflanzenbewuchses zu starken Beeinträchtigungen der Hangstabilität. Austretendes Wasser ließ die Hänge abrutschen und Muren entstehen. Das zu diesem Zeitpunkt erreichte Ausmaß an menschlicher Umweltzerstörung war so stark, dass es erst wieder rund 1500 Jahre später, im Spätmittelalter, erreicht und zum Teil noch übertroffen wurde.

Nicht nur Siedlungen wurden verschüttet, auch für das Vieh mussten neue, weniger ertragreiche Weidegründe in größerer Höhe gefunden werden. Die daraus resultierende Zweiteilung prägt seitdem das Landschaftsbild vieler Alpenregionen. Wie langfristig sich menschengemachte Veränderungen der alpinen Landschaft in die Zukunft auswirken, zeigte sich auch nach Beendigung des nicht mehr lukrativen Bergbaus im 17. Jahrhundert: Die Gefahr nachträglicher Rutschungen verhinderte noch lange Zeit die Wieder-Nutzung dieser Flächen als Weideland.

An den von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und den Vorarlberger Illwerke unterstützten interdisziplinären Forschungen waren in diesem Sommer auch bis zu 25 Frankfurter Studenten im Rahmen eines Geoarchäologiekurses beteiligt.

Angesichts des Ausmaßes der hier sichtbar werdenden Naturzerstörung der Antike plädiert der Archäologe Rüdiger Krause für einen behutsamen Umgang mit der dortigen Landschaft: „Die charakteristische Kulturlandschaft dieser Region ist aufgrund ihrer Beschaffenheit sensibler, als dies auf den ersten Blick sichtbar wird. Es ist eine Illusion zu glauben, diese erhalte sich in ihrer heutigen Form gleichsam von selbst.“ Ganz besonders müsse auf eine moderate Bewirtschaftung und auf einen sanften Tourismus geachtet werden, so der Forscher.

Fotos der Grabungsarbeiten finden Sie hier.

Kontakt: Prof. Dr. Rüdiger Krause, Sprach- und Kulturwissenschaften, Campus Westend, Tel.: (069) 798 3 21 30, E-Mail: r.krause@em.uni-frankfurt.de