Pressemitteilungen 

Forschung

Mai 7 2012
10:56

Neuronale Netzwerke für Raumwahrnehmung sind bereits vor dem ersten Flug angelegt

Echoortung ist bei Fledermäusen angeboren

FRANKFURT. Fledermäuse verwenden einen großen Teil ihrer Großhirnrinde dazu, reflektierte Echosignale zu verarbeiten und daraus ein Abbild des externen Raums zu erzeugen. Wie Neurowissenschaftler der Goethe-Universität im Rahmen einer internationalen Kooperation nachgewiesen haben, ist das aus Hörsignalen entstandene Raumabbild bereits bei der Geburt angelegt. „Dies ist erstaunlich, da die Tiere zu diesem Zeitpunkt noch nicht echoorten und flugunfähig sind“, erklärt Prof. Manfred Kössl vom Institut für Zellbiologie und Neurowissenschaft. Die Echoortung beginnt erst etwa eine Woche nach der Geburt.

Die Fähigkeit, im Gehirn ein internes Abbild des externen Raumes zu schaffen, begründet den evolutionären Erfolg vieler höher entwickelter Tiere. Dazu werden vor allem Sinnesreize von Augen, Ohren und Tastsinn miteinander verrechnet. Fledermäuse erkunden den Raum darüber hinaus aktiv, indem sie Ultraschallsignale aussenden und über die Echo-Verzögerungszeiten in ihrem Hörkortex ein präzises Abbild der Raumtiefe erstellen. Allerdings ist das Innenohr der Fledermäuse in der ersten Lebenswoche noch relativ unsensitiv für die Wahrnehmung von ortungsrelevanten Schallfrequenzen. Umso erstaunlicher ist es, dass die zur Verarbeitung dieser Frequenzen vorhandenen Neuronen in den höheren Hirnregionen bereits funktionsfähig sind. Das haben die Forscher nachgewiesen, indem sie die Reaktion der jungen Fledermäuse auf Verzögerungssignale untersuchten. Ein wichtiger Teil der Daten wurde dabei in der Doktorarbeit von Cornelia Voss erhoben.

Ein weiteres überraschendes Ergebnis der Studie: Derartige angeborene neuronale Schaltkreise zur Echoortung finden sich bei Fledermausspezies, die völlig unterschiedliche Echoortungsstrategien zur Futtersuche verwenden. Die in Kössls Frankfurter Institut heimische Fledermauskolonie der Gattung Carollia perspicillata ernährt sich von Früchten, während die auf Kuba ansässige Pteronotus parnellii ein Insektenfresser ist und dementsprechend eine größere Geschicklichkeit beim Jagen braucht. Es ist also anzunehmen, dass die bereits bei Geburt angelegte Fähigkeit zur Raumwahrnehmung die Überlebenschancen der jungen Fledermäuse generell erhöht, sobald sie mit der aktiven Erkundung ihrer Umgebung beginnen – nicht nur bei der Nahrungssuche, sondern auch auf der Flucht. „Es scheint ein allgemeines Prinzip zu sein, dass Raumwahrnehmung auch in einem aktiven Sinnessystem im Kant'schen Sinne a priori festgelegt ist und vermutlich eine evolutive Schwerpunktsetzung widerspiegelt“, folgert Kössl.

Die Forscher schließen nicht aus, dass sich die bereits angelegten neuronalen Netzwerke durch spätere Erfahrungen verändern, wie dies auch in anderen Säugetieren der Fall ist. Vermutlich kommt es zu verstärkter Ausbildung neuer Verknüpfungen zwischen Nerven (neuronale Plastizität) während der ersten Jagdflüge junger Fledermäuse im Alter von etwa vier bis sechs Wochen.

Publikationen: Manfred Kössl, Cornelia Voss et al.; Nature Communications, online Publikation: 10.4.2012, DOI: 10.1038/ncomms1782. Cornelia Hagemann(Voss) et al.; Journal of Comparative Physiology A 197:605 2011

Bilder zum Download finden Sie hier.

Bildtext für alle Bilder: Kubanische „hot cave“ mit einer Wochenstube junger Schnurrbartfledermäuse. Die etwa zwei bis drei Wochen alten Tiere sind noch nackt und warten auf die von der Jagd zurückkommenden Mütter. Aufgrund der hohen Fledermausdichte in diesen Höhlen liegt die Temperatur bei etwa 40 Grad Celsius mit 99 Prozent Luftfeuchtigkeit.

Informationen: Prof. Manfred Kössl, Institut für Zellbiologie und Neurowissenschaft, Campus Riedberg, Tel.: (069)798–42052, koessl@bio.uni-frankfurt.de.

Forschung

Mai 7 2012
09:10

Seltene Thrombosen können genetische Ursache haben

Wenn das Blut in den Adern stockt

FRANKFURT. Die meisten Thrombosen entstehen im höheren Lebensalter, als Folge einer längeren Ruhigstellung oder der Einnahme von Hormonpräparaten. Bei einigen aber wird das Gerinnsel, das Venen oder Arterien verstopft, durch eine angeborene oder erworbene Thrombophilie verursacht. Manche dieser Gerinnungsneigungen sind häufig, andere sehen selbst die Ärzte im Schwerpunkt Angiologie/Hämostaseologie des Gefäßzentrums der Frankfurter Uniklinik höchstens ein-, zweimal im Monat. Daher fehlen auch belastbare Erkenntnisse zur Therapie dieser seltenen Thromboseformen. Dies zu ändern, ist das Ziel des Teams um Prof. Edelgard Lindhoff-Last. Wie die Wissenschaftlerin in der aktuellen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ berichtet, sind genetische Untersuchungen und die Einrichtung eines webbasierten Thromboseregisters wichtige Schritte zum besseren Verständnis dieser lebensbedrohlichen Erkrankung.

Von seltenen Thrombosen sprechen die Ärztinnen des Gefäßzentrums, wenn die Armvenen, die Bauchvenen oder die Hirnvenen betroffen sind. Verursacht werden diese Thrombosen meist durch eine gestörte Regulation der Gerinnung. Wiederkehrende Thrombosen, oft sowohl im arteriellen als auch im venösen System, führen zum Verlust von Extremitäten oder gar zum Tod zum Beispiel durch eine Lungenembolie oder durch einen Schlaganfall, manche Mutation lässt bei einer Schwangerschaft den Fötus bereits im Mutterleib sterben.

Ein Beispiel ist die Krankengeschichte der mexikanischen Malerin Frida Kahlo. Sie erlitt zwei Fehlgeburten, die man damals auf die schweren Verletzungen nach einem früheren Unfall zurückführte. Dass es sich um eine noch nicht bekannte seltene Form der Thrombose, ein sogenanntes Antiphospholipid-Syndrom handelte, legt der weitere Krankheitsverlauf nahe: 1953 wurde ihr vermutlich wegen eines arteriellen Verschlusses am rechten Bein der Unterschenkel amputiert. Ein Jahr später erkrankte sie an einer Lungenentzündung. Kurz nach ihrem 47. Geburtstag starb sie mutmaßlich an einer Lungenembolie.

Das Antiphospholipidsyndrom (APS) wird durch Antikörper verursacht, die gegen körpereigene Phospholipid-Gerinnungsproteinkomplexe gerichtet sind. Diese können unter anderem sowohl an Blutplättchen als auch an Endothelzellen binden, die das Innere der Blutgefäße auskleiden, und dadurch eine vermehrte Thromboseneigung verursachen.  Wie bei  vielen anderen Autoimmunerkrankungen bietet auch das erworbene APS ein buntes Bild an Symptomen: Der Erkrankungsgipfel liegt bei etwa 34 Jahren, Frauen sind viermal so oft betroffen wie Männer, die Thrombosen können sowohl in Arterien als auch in Venen auftreten.

Seltene angeborene Thromboseneigungen wie der angeborene Antithrombin-, Protein-C- oder Protein-S-Mangel geben darüber hinaus den Wissenschaftlern auch heute noch Rätsel auf: „Es gibt über 200 verschiedene Mutationen allein am Protein-S-Gen, die alle zu einem Mangel führen können. Fast jede Familie hat ihre eigene Mutationsvariante“, so Edelgard Lindhoff-Last. Diese frühzeitig zu entdecken, ist wesentlich für das Rezidivrisiko, das Wiederauftreten der Thrombose, das die Angiologen durch eine geeignete Therapie verhindern wollen. Dabei genügt es nicht allein, den Mangel eines Proteins für die Blutgerinnung festzustellen. Denn offenbar hängt es auch von der Art der Mutation ab, wie schwer die Gerinnungsstörung ausgeprägt ist. Die Forscherinnen setzen deshalb auf eine konsequente Sammlung aller seltenen Thrombosen und die genetische Kartierung der zugrunde liegenden Mutationen. Dafür arbeiten sie eng mit dem Blutspendedienst in Frankfurt zusammen.

In diesem Jahr ist MAISTHRO, das von Lindhoff-Last initiierte Main-Isar-Thromboseregister, in die zweite Runde gegangen. Das Register gibt es schon seit zehn Jahren. Dafür haben die Frankfurter Angiologen zusammen mit den Unikliniken Würzburg und München bereits Daten von 1400 Patienten erhoben. Während einer Pilotphase des nun webbasierten Systems werden zunächst drei Abteilungen der Frankfurter Uniklinik, die Angiologie, die Kinderklinik und das Hämophiliezentrum ihre Datensätze einbringen. 2013 soll das Register dann auch für andere Zentren außerhalb der Frankfurter Uniklinik offen stehen.

„Forschung Frankfurt“ kostenlos bestellen: ott@pvw.uni-frankfurt.de

Im Internet: www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de

 Informationen: Prof. Edelgard Lindhoff-Last, Gefäßzentrum, Schwerpunkt Angiologie/Hämostasiologie, Universitätsklinik, Sekretariat: Vera Neumann, Tel. (069) 6301-5096; vera.neumann@kgu.de.

Forschung

Mai 3 2012
12:43

DFG fördert Emmy-Noether-Gruppe des Neurologen Christian Kell

Warum sprechen wir mit der linken Gehirnhälfte?

FRANKFURT. „Vieles erfüllt uns mit Staunen, aber nichts ist wunderbarer als der Mensch“ –mit diesem Zitat von Sophokles hat der Gehirnforscher Dr. Christian Kell seine Arbeit überschrieben. Insbesondere das Sprechen als eine der herausragenden motorischen Leistungen des Menschen fasziniert ihn. Es ist ein Beispiel dafür, wie weit voneinander entfernte Hirnregionen miteinander kommunizieren und so komplexes Verhalten generieren. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat dem 35Jährigen kürzlich rund eine Millionen Euro für die Gründung einer Emmy-Noether-Gruppe an der Klinik für Neurologie der Goethe-Universität bewilligt. Sein Ziel ist es herauszufinden, warum die Produktion von Sprache an die linke Gehirnhälfte gekoppelt ist, während die Verarbeitung von gehörter Sprache in beiden Hirnhälften stattfinden kann. Seine Frankfurter Vorarbeiten zeigen, dass unter anderem die Therapie von Stotterern durch diese Erkenntnisse verbessert werden kann.

Christian Kell gehört zu den wenigen Nachwuchswissenschaftlern, denen es gelingt, ihre Arbeit in der Klinik mit Forschung zu verbinden. Schon während seiner Doktorarbeit, die 2005 als beste medizinische Dissertation des Jahres ausgezeichnet wurde, führten ihn Forschungsaufenthalte und klinische Rotationen an das University College in London, ein „Mekka der Neurologie“, und an das New Yorker Lennox Hill Hospital. Prägend war für den gebürtigen Frankfurter sein zweijähriger Postdoc-Aufenthalt an der renommierten Ecole Normale Supérieure in Paris, wo er die fruchtbare Interdisziplinarität von kognitiven Neurowissenschaftlern und –biologen mit Psychologen und Philosophen erlebte. Nach diesem Vorbild möchte er ab Herbst seine Emmy-Noether-Gruppe aufbauen. Dann wird er sich hauptsächlich der Forschung widmen können. Und vielleicht auch wieder mehr der Musik, der er sich seit seinen Kindertagen im Frankfurter Opernchor verbunden fühlt.

Im Mutterleib hören wir, gefiltert durch das Fruchtwasser, nur die tiefen Frequenzen der Sprache. Diese werden in der rechten Hirnhälfte verarbeitet (im auditorischen Kortex). Nach der Geburt, wenn auch höhere Frequenzen an unser Ohr dringen, wird ein auditorisches Areal der linken Gehirnhälfte aktiv. Zeitlebens spielen beide Hirnhälften bei der Verarbeitung der Sprachsignale eine Rolle. Warum aber kommen dann die Signale für die Sprachproduktion, also die Anweisungen zur Steuerung von Kehlkopf, Zunge und Lippen, nur aus der linken Gehirnhälfte?

Christian Kell vermutet, dass die für Sprache kritischen höheren Frequenzen des Sprachsignals besser im linken auditorischen Kortex verarbeitet werden. Es sind wahrscheinlich diese detaillierten Informationen, die auch das motorische System braucht, um die feinmotorische Aufgabe des Sprechens zu erlernen. Die Konsequenz wäre, dass wir mit links lernen zu sprechen. Die Rückkopplung durch diese auditorisch-motorische Schleife benutzen wir auch noch Erwachsenenalter. „Das Gehirn macht eine Vorhersage über das, was wir hören werden. Stimmt diese nicht mit dem akustischen Signal überein, nimmt es eine Korrektur vor“, erklärt er. Möglicherweise ist die linke Gehirnhälfte bei dieser Aufgabe schneller. Das will er mit seiner Forschergruppe unter anderem durch die Analyse der magnetischen Gehirnfrequenzen mithilfe der Magnetenzephalographie (MEG) herausfinden. Sie hat eine gute räumliche und exzellente zeitliche Auflösung im Bereich von wenigen Millisekunden und ist daher optimal zum Aufspüren schneller Vorgänge geeignet.

Für die Therapie von Stotterern hat die Entdeckung des Rückkopplungssignals schon jetzt einen Fortschritt gebracht. Ihr Leiden ist möglicherweise durch eine verzögerte Rückkopplung des Sprachsignals verursacht. „Durch veränderte Sprechmuster, wie sie in Verhaltenstherapien erlernt werden, oder durch das Tragen eines speziellen Hörgeräts lässt sich dies gezielt verändern, so dass die Betroffenen wieder flüssig sprechen können“, berichtet Kell. Auch die Sprechstörungen bei Parkinson-Patienten, die auffällig leise sprechen, lassen sich durch einen gestörten Rückkopplungsmechanismus erklären und entsprechend therapieren.

Ein Bild zum Download finden Sie hier.

Informationen: Dr. Christian Kell, Klinik für Neurologie, Universitätsklinik, Tel. (069) 6301-6395, c.kell@em.uni-frankfurt.de.

Veranstaltungen

Mai 3 2012
12:40

Prof. David Nirenberg setzt „Kantorowicz Lectures in Political Language“ fort

„Judentum“ und „jüdisch“ als Vokabeln der politischen Sprache

FRANKFURT. Die „Kantorowicz Lectures in Political Language“, die das Frankfurter Forschungszentrum für Historische Geisteswissenschaften seit dem vergangenen Jahr veranstaltet, werden mit einem öffentlichen Vortrag von Prof. David Nirenberg, Professor of Medieval History and Social Thought an der Universität von Chicago im Sommersemester fortgesetzt

am: Mittwoch, dem 9. Mai, um 18 Uhr,
Ort: IG-Farben-Haus, Raum 411, Campus Westend, Grüneburgplatz 1
Thema: Jewishness as Concept in Christian Politics – Medieval and Modern

Ambrosius und Origenes, Luther und Shakespeare, Karl Marx und Joseph Goebbels – diese und viele andere Autoren haben bestimmte politische Systeme als „jüdisch“ charakterisiert. David Nirenberg fragt nach der kulturellen Logik, die dem Vokabular des „Jüdischen“ einen so festen und nachhaltigen Platz im Wortschatz der politischen Kritik gesichert hat. An frühchristlichen, mittelalterlichen und modernen Beispielen zeigt er, wie „Judentum“ und „jüdisch“ als Vokabeln der politischen Sprache Bedeutung gewonnen haben. „Die Beständigkeit dieses Motivs ist Exempel für ein grundsätzliches Nachdenken über unseren Umgang mit Ideen- und Begriffsgeschichte“, so Nirenberg.

Der Historiker ist berühmt geworden mit seinen Untersuchungen zu systemischer Gewalt im multireligiösen Spanien des Mittelalters; er gilt als führender Experte zu Fragen christlich-jüdischer Beziehungen. Die Kantorowicz-Lecture findet in diesem Jahr in Zusammenarbeit mit dem Fritz-Bauer-Institut statt. Die Lectures sind dem berühmten Historiker Ernst H. Kantorowicz gewidmet, der 1933 von seinem Frankfurter Lehrstuhl vertrieben wurde.

Informationen: Prof. Bernhard Jussen, Historisches Seminar, Campus Westend, Tel.: 069/798-32427, E-Mail: jussen@em.uni-frankfurt.de, Dr. Falk Müller, Forschungszentrum für Historische Geisteswissenschaften, Campus Westend, Tel: (069) 798-32411, falk.mueller@em.uni-frankfurt.de, www.fzhg.org

Veranstaltungen

Mai 3 2012
12:35

Öffentlicher Lesung des flämischen Kulturhistoriker und Archäologen David Van Reybrouck

Der Kongo und seine wechselvolle Geschichte

FRANKFURT. Im Jahre 2010 feierte Kongo seinen 50. Geburtstag. 1960 war das Land von Belgien unabhängig geworden. Aus diesem Anlass gab es eine Fülle von Publikationen über den Kongo. Viel beachtet ist das 680 Seiten starke Buch „Kongo. Eine Geschichte“ des flämischen Kulturhistorikers und Archäologen David Van Reybrouck, das am 16. April auf Deutsch beim Suhrkamp Verlag erschienen ist. Der Autor stellt das faszinierende Werk, das sich wie ein Kriminalroman liest, während einer Lesereise dem deutschen Publikum vor. Auf Einladung des Lektorats Niederländisch kommt der Autor zu einer öffentlichen Lesung an der Goethe-Universität

am: Dienstag, dem 8.Mai, um 19 Uhr,
Ort: Casino, Raum 1.811, Campus Westend, Grüneburgplatz 1
Thema: „Kongo. Eine Geschichte”

Der Autor liest auf Niederländisch, es wird aber auch eine deutsche Übersetzung geben, die der Frankfurter Literaturwissenschaftler Prof. Robert Seidel vorträgt. Die anschließende Diskussion läuft in beiden Sprachen, denn David Van Reybrouck versteht auch Deutsch.

Für sein Buch recherchierte Van Reybrouck mehr als fünf Jahre, er reiste häufig in das afrikanische Land und führte unzählige Interviews mit Rebellenführern, Kindersoldaten, Künstlern, Politikern und etlichen über 100-Jährigen, in einem Land, in dem das Durchschnittsalter bei 50 Jahren liegt. Anhand dieser Interviews und vieler bislang unerforschter Quellen erzählt das Buch die Geschichte des Landes und seiner Bevölkerung seit der Frühgeschichte, über die Zeit der arabischen Sklaven- und Elfenbeinhändler und die Entdeckung des Landes im Auftrag des belgischen Königs. Es geht auch um die Zeit vor und nach der Unabhängigkeit mit schillernden Persönlichkeiten wie Lumumba, Tshombé und Mobutu, unter dessen 32 Jahre dauernder Alleinherrschaft der Kalte Krieg zu einem großen Teil in dem Land, das nun Zaïre hieß, ausgetragen wurde. Der flämische Autor beschäftigt sich auch intensiv mit dem Genozid in Ruanda und Ost-Zaïre Mitte der 1990er Jahre und dem anschließenden Siegeszug des Rebellenführers Kabila auf die Hauptstadt Kinshasa. Seither heißt das Land wieder Kongo.

Informationen: Laurette Artois, Institut für deutsche Literatur und ihre Didaktik, Lektorat Niederländisch, Campus Westend, Tel.: (069) 798 32851, artois@lingua.uni-frankfurt.de, www.uni-frankfurt.de/fb/fb10/IDLD/Niederlaendische_Sprache_Literatur_Kultur/index.html

Forschung

Mai 3 2012
12:31

Philosoph der Goethe-Universität diskutiert zentrale Thesen seines neuen Buches in der aktuellen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“

Axel Honneth über „Das Recht der Freiheit“

FRANKFURT. „Ich kriege jetzt im Augenblick, was einem ja selten direkt nach der Veröffentlichung eines Buches passiert, ziemlich hautnah die Reaktionen mit – das große Interesse, aber auch die Einwände, die Vorwürfe, die Kritik“, sagt Axel Honneth, Philosophie-Professor an der Goethe-Universität, zu der überaus breiten Resonanz auf seine große Monografie „Das Recht der Freiheit“ in einem Interview in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Forschung Frankfurt“ (FF 1/2012). Von einem „Ereignis in der Theoriegeschichte der Bundesrepublik“ ist in den Rezensionen die Rede und von einer „eindrucksvoll dichten Rekonstruktion der gesamten Sozialgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“. Doch neben dieser überwiegend positiven Kritik gibt es auch skeptische Stimmen. „Im Spiegel dieser Einwände – manchmal, wie ich finde, auch Missverständnisse – bin ich von dem Wunsch getrieben, es noch einmal klarer zu sagen“, so Honneth in dem Interview mit dem Titel „’Hört mal zu, so ist’s gemeint’“. In dem Gespräch über Hauptthesen des Buches geht es auch darum, möglichen Missverständnissen auf die Spur zu kommen.

Auch mehr als ein halbes Jahr nach Erscheinen des Buches ist Axel Honneth, Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung und Gründungsmitglied des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, ein vielgefragter Mann. In den zahlreichen Diskussionen und Vorträgen steht vor allem auch „Das Recht der Freiheit“ im Mittelunkt. An dem in „Forschung Frankfurt“ veröffentlichten Gespräch, das im Forschungskolleg Humanwissenschaften der Goethe-Universität in Bad Homburg stattfand, nahm auch der dänische Philosophieprofessor Morten Raffnsøe-Møller teil. Er war für einige Monate Fellow am Forschungskolleg. Raffnsøe-Møller, der an der Universität Aarhus Sozialphilosophie und politische Philosophie lehrt, hat sich in vielen Studien mit Honneth und vor allem seiner weltweit rezipierten Theorie der Anerkennung beschäftigt. „Und ich würde sagen, dass ‚Das Recht der Freiheit’ in gewisser Hinsicht eine Konklusion, ein Zusammendenken verschiedener Ansätze ist, die er seit dem ‚Kampf um Anerkennung’ verfolgt hat. Schon in diesem Zusammenhang wird das aktuelle Buch – und auch zu Recht – ein großes internationales Echo haben.“

Für Raffnsøe-Møller ist das Buch „gegen den Mainstream der politischen Philosophie geschrieben“ und könne „insofern der Debatte über soziale und gesellschaftliche Gerechtigkeit viele Impulse geben und auch zu einer Erweiterung dieser Diskussion beitragen“. Honneth sieht in der politischen Theorie der Gegenwart, so ein Zitat aus dem Buch, eine „Abkoppelung von der Gesellschaftsanalyse und damit die Fixierung auf rein normative Prinzipien“. Er selbst bevorzuge, so Honneth in dem Interview, die Methode des „Schürfens“ in der gesellschaftlichen Praxis. In seinem Buch gehe er mittels einer „normativen Rekonstruktion“ der Frage nach, „wo wir es immanent, also innerhalb der Gesellschaft, schon mit Hinweisen auf das zu tun haben, was soziale Gerechtigkeit ausmacht“.

In seiner Studie analysiert Honneth die „Wege und Irrwege der modernen, westlichen Gesellschaften“ (Raffnsøe-Møller) in den drei gesellschaftlichen Sphären demokratische Willensbildung, marktwirtschaftliches Handeln und persönliche Beziehungen. Besonders Honneths Sicht auf die moderne Familie stieß auf Kritik. In dem „Forschung Frankfurt“-Interview bekräftigt er seine These, dass steigende Scheidungszahlen auch ein Hinweis darauf sein könnten, dass die normativen Ansprüche an das, was Ehe und Familie ausmachen solle, gewachsen seien. „Während man früher in jedes mickrige Verhältnis und in jede miese Ehe eingewilligt hat und sie nicht mehr hat verlassen wollen oder können, ist man heute durchaus fähig zu sagen: Nein, das war eine Fehlentscheidung.“ Und was die immens wichtige Frage nach dem Wohl von Scheidungskindern anbelange, „hänge enorm viel“ davon ab, ob die Eltern weiterhin zum Wohl der Kinder kooperierten.

Den aktuellen Zustand des marktwirtschaftlichen Handelns beurteilt Honneth vorwiegend negativ. „Nur wäre es die falsche Konsequenz zu sagen, wir nehmen das als ein immer gleiches System wahr, auf das wir gar keinen Einfluss haben, und denken nur noch an die großen revolutionären Veränderungen von außen. Das scheint mir im Augenblick weder realisierbar noch besonders hilfreich und in irgendeiner Weise politisch sinnvoll.“ Die Sphäre der demokratischen Willensbildung leide, was Europa angehe, auch daran, dass es noch keine postnationale demokratische Öffentlichkeit gebe. „Es müsste zum Beispiel so etwas existieren wie eine die nationalstaatliche Öffentlichkeit übergreifende qualitative Presse, die Diskussionen zwischen den verschiedenen Diskursgemeinschaften in Gang setzen könnte.“

Bei aller Skepsis bleibt Honneth verhalten optimistisch. Könnte ein demokratisches Europa trotz der aktuellen Defizite gelingen? „Wir haben eine gemeinsame Geschichte, gemeinsame Erinnerungen an normative Rückschritte und moralische Verbesserungen, an Niederlagen und Siege im Kampf um die Verwirklichung der uns gemeinsamen Freiheitsversprechen. Insofern sind die Chancen da.“

Informationen: Prof. Axel Honneth, Institut für Philosophie, Campus Westend, Tel.: (069) 798-32734, Honneth@em.uni-frankfurt.de, www.philosophie.uni-frankfurt.de/lehrende_index/Homepage_Honneth/index.html

„Forschung Frankfurt“ 1/2012 kostenlos bestellen: ott@pvw.uni-frankfurt.de und als pdf im Internet anschauen: www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de

Veranstaltungen

Apr 27 2012
14:31

Ehemalige Bundesministerin und Alumna der Goethe-Universität spricht am Campus Westend über "Gerechte Gestaltung in der Globalisierung“.

Vortrag von Heidemarie Wieczorek-Zeul

FRANKFURT. Wie sollen in Zukunft die Entwicklungsziele des Millenniums erreicht und nach 2015 fortentwickelt werden? Wie sollten sie zu „Nachhaltigkeitszielen“ weiterentwickelt werden, die auch für die Industrieländer gelten? Heidemarie Wieczorek-Zeul, Bundesministerin a. D. und MdB, wird diese und andere drängende Fragen der Entwicklungspolitik in ihrem Vortrag behandeln und Wege skizzieren, wie ein notwendiges Umdenken in der makroökonomischen Politik erreicht werden kann. Dabei wird sie auch die Ursachen der Finanzmarktkrise beleuchten.
Wieczorek-Zeul spricht

am: Mittwoch, 2. Mai, um  18.00 Uhr
Ort: Campus Westend, Casino Anbau, Saal West
Thema: „Gerechte Gestaltung in der Globalisierung. Wege in der Entwicklungspolitik.“

Die ehemalige Bundesministerin für Entwicklungshilfe und wirtschaftliche Zusammenarbeit ist Alumna der Goethe-Universität und Mitglied im Alumni-Rat. Der Vortrag ist eine gemeinsame Veranstaltung des Alumni-Rats, des Alumni-Vereins der Gesellschaftswissenschaften und der Goethe-Universität.

Von 1998 bis 2009 war Heidemarie Wieczorek-Zeul Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Nach Ihrem Studium von 1961 bis 1965 an der Goethe-Universität in den Fächern Englisch und Geschichte arbeitete sie neun Jahre an der Friedrich-Ebert-Schule in Rüsselsheim. 1987 wird sie Mitglied des Deutschen Bundestages und Europapolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion.

Oktober 1998 wurde sie als Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in die von Bundeskanzler Gerhard Schröder geführte Bundesregierung berufen. Dieses Amt behielt sie auch in der von Bundeskanzlerin Angela Merkel geführten Großen Koalition. Mit der Vereidigung des zweiten Kabinetts Merkels am 28. Oktober 2009 schied sie endgültig aus dem Amt. Sie war damit das einzige Regierungsmitglied der Bundesregierungen während der sozialdemokratischen Regierungszeit seit 1998, das die ganze Zeit in der Bundesregierung war.

Veranstaltungen

Apr 27 2012
14:30

Girls‘ Day 2012 an der Goethe-Universität: Geowissenschaften, Chemie, Physik, Mathematik, Informatik und Biowissenschaften mit spannenden Angeboten

Roboter, Atomkleber und Lippenstift

FRANKFURT. Am Donnerstag, den 26. April, war es wieder soweit: Die naturwissenschaftlichen Fachbereiche der Goethe-Universität öffneten im Rahmen des bundesweiten Girls´ Day ihre (Labor-) Türen. Erstmals beteiligte sich auch der Fachbereich Biowissenschaften am gemeinsamen Girls´ Day. So konnten für über 80 Mädchen Plätze angeboten werden, welche innerhalb weniger Tage vergeben waren.

Am Mädchenzukunftstag „Girls´ Day“ erhalten Schülerinnen ab der 5. Klasse einmal im Jahr die Möglichkeit, einen Einblick in Tätigkeiten und damit in den Arbeitsalltag von Berufen zu bekommen, die häufig noch als „frauenuntypisch“ gelten. Von alleine ziehen viele Schülerinnen diese Berufe nicht als eigene Zukunftsperspektive in Erwägung. Durch praktische Einblicke in naturwissenschaftliche und technische Berufsfelder und die Erprobung ebensolcher Fähigkeiten bekommen die Schülerinnen Anstöße zum Überdenken beruflicher Optionen und den Anreiz, diese Berufe in ihre Zukunftsplanung einzubeziehen.

Vizepräsidentin Prof. Maria Roser Valenti begrüßte die Teilnehmerinnen des Girls´ Days 2012. Frau Valenti, selbst Professorin der Physik, ermunterte die Mädchen, „wirklich alle Möglichkeiten der Berufswahl zu nutzen“ und die Gelegenheit zu ergreifen, am Girls´ Day „tief in die verschiedenen naturwissenschaftlichen Bereiche an der Universität hineinzuschauen “. Abschließend betonte sie, dass sie sich freuen würde, „wenn ich die Mädchen bald als Studentinnen auf dem Campus Riedberg begrüßen kann“.

Als Einstimmung auf den bevorstehenden Aktionstag hielt Prof. Henner Büsching aus dem Institut für Kernphysik einen eindrucksvollen Vortrag über Kernphysik im Alltag. Seine Ausführungen über Gefahren der Kernenergie, die Erklärung einer atomaren Kettenreaktion und das Vorkommen von natürlicher Strahlung sowie über den Arbeitsalltag von Physikerinnen und Physikern beeindruckten die Mädchen so, dass die anschließende Fragerunde wesentlich länger dauerte als vorgesehen.

Danach wurden die Mädchen auf die verschiedenen Arbeitsgruppen verteilt, für die sie sich bereits bei der offiziellen Anmeldung auf der Girls´ Day Webseite entschieden hatten. Die Teilnehmerinnen des Fachbereiches Informatik und Mathematik hörten einen Vortrag über: „Hängt der Biorhythmus vom Geburtsmonat ab? Wie prüft man Zusammenhänge?“. Außerdem lernten sie, wie man digitale Bilder bearbeiten oder auch fälschen kann. Weiter wurden von zwei Mitarbeiterinnen Fragen rund um das Studium der Mathematik und Informatik beantwortet. Ein besonderes Highlight war die Präsentation der Fußball spielenden Roboter des „Joint Robotics Lab“, einem Projekt von wissenschaftlichen und studentischen Mitgliedern des Institutes für Informatik.

In den Fachbereichen Chemie und Biowissenschaften prüften die Mädchen Kosmetika auf ihre Inhaltsstoffe. Wie funktioniert eigentlich ein Selbstbräuner? Wann schützen Handcremes und wann pflegen sie? Woraus besteht eine Seife? Zur Veranschaulichung konnten die Teilnehmerinnen auch einige Produkte wie Shampoo, Waschlotion und Labello selbst herstellen.

Im Bereich der Physikalischen und Theoretischen Chemie wurde den Mädchen der Werdegang einer elektronischen Schaltung von der Idee über den Entwurf am PC, der Herstellung der Leiterplatte, dem Bestücken und Löten bis hin zur Programmierung eines Mikrocontrollers aufgezeigt. Und es bestand natürlich auch die Möglichkeit, selbst Hand anzulegen und eigene Lötversuche zu unternehmen.

Was passiert auf der Sonnenoberfläche? Was ist der „Kleber“, der die Atome zusammenhält? Wie kann Physik im Alltag, für Technik und für den Mensch genutzt werden? Was genau passiert in Metallen, wenn man sie abkühlt? Und wozu kann das dienen? Im Fachbereich Physik wurden die Teilnehmerinnen in die Welt der physikalischen Fragestellungen eingeführt und lernten die Arbeitsweise und das Arbeitsumfeld in diesem Berufsfeld kennen. Schließlich konnten die Mädchen im Rahmen eines kleinen Physikwettbewerbs ihr kreatives und physikalisches Geschick unter Beweis stellen.

In der Feinmechanik des Institutes für Geowissenschaften durften die Schülerinnen selbstständig ein Namensschild gravieren und bei der Herstellung eines Ringes zuschauen. Beide Produkte durften selbstverständlich mit nach Hause genommen werden. Zum Angebot gehörte außerdem eine Führung durch die Werkstattzentrale und das Geozentrum, sowie eine kurze Einführung in die verschiedenen Arbeitsbereiche.

Dieses breite Angebot lobt die Frauenbeauftragte der Universität, Dr. Anja Wolde: „Ich freue mich sehr über das Engagement der vielen Kolleginnen und Kollegen, die den Mädchen einen eindrucksvollen und hoffentlich zukunftsweisenden Tag ermöglicht haben und zum Teil seit Jahren den Girls´ Day tragen.“ Sie begrüßt die Kooperation der naturwissenschaftlichen Fachbereiche, die den Girls´ Day 2012 bereits zum fünften Mal gemeinsam durchgeführt haben. Die Finanzierung des Girls´ Days war über den Ruth-Moufang-Fond gesichert.

Und so unterschiedlich der Tag für die Mädchen auch verlief, gab es doch eine einheitliche Meinung: Der Girls´ Day an der Goethe-Universität war wirklich gelungen!

Informationen: Sarah Wohl, Referentin des Gleichstellungsbüros, Tel. (0)69-798-28112, Tel.: (069) 798-28477, s.wohl@vdv.uni-frankfurt.de, http://www.gleichstellungsbuero.uni-frankfurt.de/

Personalia/Preise

Apr 27 2012
11:57

Baker & McKenzie Preis geht an Cornelia Janik und Cornelius Trendelenburg

Auszeichnungen für zwei junge Rechtswissenschaftler

FRANKFURT. Gleich zwei wirtschaftsrechtliche Dissertationen wurden in diesem Jahr mit dem Baker & McKenzie Preis ausgezeichnet: Cornelia Janik (31) und Cornelius Trendelenburg (34) nahmen am gestrigen Donnerstag ihre Auszeichnung entgegen. Die Überreichung fand während der Promotionsfeier des Fachbereichs Rechtswissenschaft im Casino des Campus Westend der Goethe-Universität statt. Beide Dissertationen lagen aus Sicht der Kommission – bestehend aus dem Dekan, einem Professor des Fachbereichs und einem Vertreter von Baker & McKenzie – gleichauf.

Cornelia Janik erhielt die Anerkennung für ihr Werk „Die Bindung internationaler Organisationen an internationale Menschenrechtsstandards. Eine rechtsquellentheoretische Untersuchung am Beispiel der Vereinten Nationen, der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds“. Betreuer der Arbeit war Prof. Dr. Stefan Kadelbach. Janik habe mit ihrer Dissertation, so lobte Kadelbach, eine wichtige Lücke in der rechtswissenschaftlichen Diskussion geschlossen. Denn obwohl man sich inzwischen weitgehend darüber einig sei, dass internationale Organisationen an die Menschenrechte gebunden sein sollten, sei kaum geklärt, wie genau die Bindung zu begründen sei. „Die junge Wissenschaftlerin hat die traditionelle Rechtsquellenlehre mit der Praxis internationaler Organisationen verbunden“, so Kadelbach, „und auf diese Weise einen innovativen Beitrag zu einem politisch und wissenschaftlich gleichermaßen komplexen Thema geleistet.“

Cornelius Trendelenburg überzeugte mit seiner Dissertation „Das (Wirtschafts-) Strafrecht zwischen prima und ultima ratio – Subsidiaritätswissenschaftliche Skizzen“, die Prof. Dr. Cornelius Prittwitz betreute. Prittwitz, auch Dekan des Fachbereichs Rechtswissenschaft, machte in seiner Laudatio deutlich, dass Trendelenburg mit seiner Arbeit ein „großer Wurf“ gelungen ist: „Er hat in eine festgefahrene Diskussion Bewegung und frischen Wind gebracht, und das sowohl durch die theoretische Durchdringung der Grundfragen als auch durch eine die spezifische Fragen und Probleme der Wirtschaftskriminalität und des Wirtschaftsstrafrechts ernstnehmende Konfrontation seiner Erkenntnisse mit der Praxis.“ Die Arbeit reihe sich ein in die beste Frankfurter Tradition der Strafrechtskritik und leiste gleichzeitig einen wesentlichen Beitrag zum Verhältnis von Strafrecht und Verfassungsrecht.

„Wir freuen uns, in diesem Jahr zwei Spitzenarbeiten zu honorieren“, sagte der Frankfurter Baker & McKenzie-Partner Dr. Rembert Niebel, der den Preis überreichte. Die beiden Preisträger teilen sich den mit insgesamt 6.000 Euro dotierten Preis, den die Sozietät seit 1988 jährlich für herausragende Dissertationen oder Habilitationen verleiht, die im Fachbereich Rechtswissenschaft der Goethe-Universität entstanden sind.

„Der Baker & McKenzie-Preis bildet einen wichtigen Teil der juristischen Nachwuchsförderung unserer Kanzlei“, sagt Dr. Bernhard Trappehl, Managing Partner der deutschen Büros von Baker & McKenzie. Seit vielen Jahren ist die Sozietät eng mit der Goethe-Universität verbunden. Mehrere Baker & McKenzie-Anwälte sind als Lehrende an der Goethe-Universität tätig. Darüber hinaus hat sich die Kanzlei in jüngster Zeit als Förderer des Stipendienprogramms der Goethe-Universität engagiert. Die Stipendiaten erhalten auf Basis des von der Bundesregierung ins Leben gerufenen Deutschland-Stipendiums für mindestens ein Jahr monatlich 300 Euro, unabhängig von ihrem sonstigen Einkommen und dem Einkommen der Eltern.

Ein Bild zum Download finden Sie hier.

Bildunterschrift: Die Preisträger des Baker & McKenzie Preises und die Laudatoren: Für ihre exzellenten wirtschaftsrechtlichen Dissertationen wurden Cornelia Janik und Cornelius Trendelenburg (zweiter von links) am Donnerstag während der Promotionsfeier des Fachbereichs Rechtswissenschaften der Goethe-Universität ausgezeichnet. Die Laudationes hielten Prof. Dr. Cornelius Prittwitz (links) und Prof. Dr. Stefan Kadelbach (rechts), für den Stifter überreichte Dr. Rembert Niebel (Mitte), Partner bei Baker & McKenzie in Frankfurt am Main, die Auszeichnung. Foto: Jürgen Lecher

Informationen: Prof. Cornelius Prittwitz und Prof. Stefan Kadelbach, Fachbereich Rechtswissenschaften, Campus Westend, Tel. 069/798 34348 oder – 34295, Prittwitz@jur.uni-frankfurt.de, S.Kadelbach@jur.uni-frankfurt.de, Iris Meinking , Baker & McKenzie, Tel. (069) 299 08 322, iris.meinking@bakermckenzie.com

Forschung

Apr 27 2012
11:55

microRNAs spielen bei der Erneuerung der Gefäße eine wichtige Rolle

Mit RNA-Schnipseln gegen Herzinfarkt

FRANKFURT. Mindestens 30 Prozent der Gene im menschlichen Körper werden durch winzige Stückchen der Ribonukleinsäure reguliert, die ursprünglich als wertlose „junk-RNA“ galten. Die heute als microRNAs bekannten Molekülketten wurden zuerst 1993 beim Fadenwurm C. elegans entdeckt. Inzwischen sind beim Menschen mehr als 1500 microRNAs beschrieben worden. Die Arbeitsgruppe von Prof. Stefanie Dimmeler erforscht die Rolle der RNA-Schnipsel bei der Entstehung von Herz- und Gefäß-Erkrankungen. Wie sich dieses Wissen für therapeutische Zwecke nutzen lässt, beschreibt sie zusammen mit Dr. Reinier Boon in der aktuellen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“.

MicroRNAs entfalten ihre Wirkung, indem sie sich an die messenger RNA (mRNA) heften, die als Blaupause für Proteinketten dient. Ist von dem gewünschten Protein genug entstanden, stoppen microRNAs den Prozess, indem sie die mRNA entweder abbauen oder hemmen. Dieses Prinzip ist bereits seit Langem für eine andere Gruppe von RNAs, die silencing RNAs (siRNAs) bekannt. Sie werden zur Hemmung von spezifischen Genen auch therapeutisch eingesetzt. microRNAs unterscheiden sich von siRNAs jedoch darin, dass sie nicht auf einzelne Zielgene, sondern auf bis zu mehrere Hundert Zielgene gerichtet sind. Auf diese Weise beeinflussen sie regulatorische Netzwerke und haben auch einen Anteil an der Entstehung verschiedener Krankheiten. „Daher ist die Erforschung der microRNAs nicht nur ein neues und sehr aktuelles Thema in der Molekular- und Zellbiologie, sondern auch von großem Interesse für die medizinische Forschung“, erklärt Stefanie Dimmeler, Professorin für Molekulare Kardiologie an der Goethe-Universität und Forscherin im Exzellenzcluster „Cardio-Pulmonary System“.

Erste Hinweise zur Funktion von microRNAs im Herz-Kreislauf-System erhielten Dimmeler und ihre Kollegen, indem sie deren Expression in den Zellen der Blutgefäße und im Herzen bestimmten. In einem zweiten Schritt wiesen sie die Funktion einiger microRNAs nach. Die Forscher des Exzellenzclusters in Bad Nauheim konnten zeigen, dass sich Gefäßschädigungen (atherosklerotische Läsionen), die einen Herzinfarkt häufig voran gehen,  durch ein microRNA-Cluster aus zwei miRNAs, miR-143 und miR-145, verhindern lassen. Die schützende Wirkung dieser beiden microRNAs zeigte sich an Versuchstieren, bei denen die Expression durch einen genetischen knock-out unterdrückt worden war. Dies führte zu einer beschleunigten Entstehung der gefährlichen atherosklerotischen Läsionen. „Eine mögliche therapeutische Option bietet die Behandlung mit miR-143 und miR-145, die in Mikrovesikeln verpackt sind“, so Dimmeler. „Das konnte unsere Arbeitsgruppe in Kollaboration mit der Gruppe von Achilleas Frangakis vom Institut für Biophysik der Goethe-Universität nachweisen.“

MicroRNAs spielen auch eine zentrale Rolle für das Gefäßwachstum und die Sauerstoffversorgung nach einer Unterbrechung der Blutzufuhr, etwa durch einen Herzinfarkt. Die microRNA-92a hat beispielsweise einen schädlichen Einfluss, weil sie die Bildung von Blutgefäßen unterdrückt. Daher wurde sie mit spezifischen anti-sense-Inhibitoren blockiert. Erste Untersuchungen in präklinischen Großtierstudien zeigen, dass diese die Herzinfarktgröße reduzieren und die Herzfunktion verbessern. Basierend auf diesen experimentellen Ergebnissen hoffen die Forscher, künftig Patienten zu behandeln, die nach einem Herzinfarkt an Minderdurchblutung leiden. Auch Patienten mit der „Schaufensterkrankheit“ (periphere arterielle Verschlusskrankheit, paVK), die vor allem an einer Minderdurchblutung der Beine leiden, könnten davon profitieren.

Ein weiteres Krankheitsbild, bei dem die Forscher beteiligte microRNAs identifizierten, sind Aneurysmen. Das sind Aussackungen der Blutgefäße, die zur Ruptur neigen und lebensbedrohliche Blutungen verursachen können, insbesondere wenn die Bauchschlagader oder Gehirnarterien betroffen sind. Eine Therapie ist bisher nur durch eine chirurgische Operation möglich. Hier ist eine microRNA-Familie im Spiel, die im Alter hoch reguliert wird. Eine Hemmung der miR-29-Familie verhinderte die Erweiterung der Aorta und verbesserte die Matrixzusammensetzung der Gefäßwand. Diese von Reinier Boon und seinen Frankfurter Kollegen am LOEWE-Zentrum für Zell- und Gentherapie erstmals veröffentlichten Erkenntnisse wurden mittlerweile von mehreren Gruppen in den USA bestätigt.

MicroRNAs spielen jedoch nicht nur eine wichtige Rolle bei der Regulation der Genexpression in den Zellen, sondern werden auch aus den Zellen freigesetzt. Sie können deshalb dazu genutzt werden, über eine einfache Blutprobe erste Hinweise über eine Zellaktivierung oder -schädigung zu erhalten. Bei Herzerkrankungen konnten Forscher des Exzellenzclusters zeigen, dass spezifisch aus dem Herzen freigesetzte microRNAs im Blut von Patienten mit Herzinfarkt, aber nicht bei gesunden Freiwilligen zu messen sind. Weiterführende Studien sollen nun zeigen, ob diese Messungen tatsächlich zur frühen Diagnose von Herz-Kreislauf-Erkrankungen genutzt werden können.

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Informationen: Prof. Stefanie Dimmeler, Dr. Reinier Boon, Institut für Kardiovaskuläre Regeneration, Universitätsklinik, Tel. (069) 6301-7440, 069-63017357; dimmeler@em.uni-frankfurt.de; boon@med.uni-frankfurt.de.

Forschung

Apr 25 2012
15:43

Archäologen der Goethe-Universität berichten in der neuen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ über ihre Forschung im Trans-Ural

Innovationen vor 4000 Jahren in der Eurasischen Steppe

FRANKFURT. Mit der Region im Trans-Ural an der Grenze zwischen Europa und Asien beschäftigt sich das deutsch-russische Forscherteam um Prof. Dr. Rüdiger Krause. In dieser zunächst nahezu unbesiedelten Region erblühte zu Anfang des zweiten Jahrtausends v. Chr. für mehr als zwei Jahrhunderte eine Kulturlandschaft, die ihresgleichen sucht. Wer waren ihre Bewohner und woher kamen sie? Was wollten sie in dieser Gegend? Wie kommt es zu den zahlreichen Innovationen? Die Forscher sind angetreten, diese Rätsel in der Eurasischen Steppe zu lösen; über erste Ergebnisse berichten sie in der aktuellen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“. Sehr aufschlussreich sind die gefundenen Gräber mit ihren reichen Kupfer- und Bronzebeigaben. Zu den besonders aufregenden Funden gehören zweirädrige Streitwagen – die ältesten der Welt und eine echte Innovation!

3500 Kilometer von Frankfurt entfernt untersuchen die Archäologen der Goethe-Universität seit drei Jahren gemeinsam mit Forschern der Russischen Akademie der Wissenschaften Siedlungen an der topografischen Schnittstelle zwischen Ost und West in den Weiten der Eurasischen Steppe. Zu ihrem Team, das pro Jahr etwa zwei Monate in dieser archäologisch hoch interessanten Gegend verbringt, gehören auch Archäobotaniker, Bodenkundler und Vermessungsspezialisten. Nur mit speziellen geophysikalischen Methoden und Luftbildern lassen sich die Siedlungen ausfindig machen, Hinweise an der Oberfläche sind nur noch sehr vereinzelt zu finden. Diese 22 befestigten Siedlungen, die etwa von 2100 bis 1800 v. Chr. existiert haben, werden mit der Sintašta- oder Petrovka-Kultur, die noch keine Schrift kannte, in Verbindung gebracht. Sie befinden sich in einem Abstand von 25 bis 30 Kilometer auf einem ausgedehnten Areal (350 mal 250 Kilometer) zwischen den Flüssen Tobol und Ural.

Noch ist ungeklärt, ob die Siedlungen gleichzeitig bestanden und möglicherweise sogar eine wirtschaftspolitische Einheit bildeten. Traditionell zogen Menschen in jener Zeit als Nomaden mit ihren Herden durch die Landschaft; die Siedlungen könnten darauf hinweisen, dass Ackerbau und Getreideanbau zunehmend eine Rolle spielte. „Rückschlüsse auf einen hohen kulturellen Entwicklungsstand dieser vorgeschichtlichen Gesellschaft lassen auch die reichen Funde in den großen Kurganen, den Grabhügeln, zu“, so Privatdozent Dr. Jochen Fornasier, der gemeinsam mit Prof. Krause das deutsche Forschungsteam leitet. „Die Kupfer- und Bronzebeigaben bezeugen nicht nur hohe handwerkliche Fertigkeiten, die diese Menschen bereits vor 4000 Jahren beherrschten, sie weisen auch darauf hin, dass sie schon verschiedene Verfahren der Kupfermetallurgie und die erste Zinnbronze kannten.“

Die von den Menschen in dieser Region entwickelten neuen Verfahren, zu denen die Metallurgie mit komplexem Guss in zweischaligen Gussformen zählt, verbreiteten sich in der Zeit um 2000 v. Chr. vom Eurasischen Steppenraum in relativ kurzer Zeit in alle Richtungen: Durch die Weiten der Steppe gelangten die Neuerungen in der Pferdeschirrung nach Westen bis zur Unteren Donau, die leichten Streitwagen mit Speichenrädern bis nach Osten. So erreichte das Know-how der Kupfer- und Bronzemetallurgie im zweiten Jahrtausend v. Chr. Westchina, wo es aufgenommen und weiterentwickelt wurde.

Überrascht waren die Wissenschaftler von einem weiteren Befund in zahlreichen Gräbern herausgehobener Personen: zweirädrige Streitwagen – die ältesten der Welt. Neu waren zudem Formen der Pferdeschirrung, die eine verbesserte Führung der schnellen und wendigen Pferde in der Steppe zuließen: „Dies zeigt, in welchem Maße Innovation und prosperierendes Wachstum offenbar schon in der damaligen Zeit Hand in Hand gingen“, so Krause. Auch bei der Erforschung der Baumaterialien ist das deutsch-russische Forscherteam, dessen Arbeiten maßgeblich von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert werden, einen wesentlichen Schritt weitergekommen: Die Befestigungsmauern, die die Siedlungen umgaben, entstanden in einer Holz-Erde-Bauweise. Dazu Krause: „Auf einem Fundament aus Rasensoden und Füllmaterial aus lokalem Naturstein diente ein Holzgerüst als Sicherung des Lehmaufbaus, der beim Austrocknen beinahe zementartigen Charakter erlangte. Insgesamt konnten die Mauern auf diese Weise eine Höhe von fünf bis sechs Metern erreichen.“ Die einzelnen Wohneinheiten, deren Anzahl je nach Siedlungsform und Siedlungsgröße schwankt und 20 bis 25 betragen kann, die sich um eine freie Fläche – vermutlich ein Versammlungsplatz – gruppierten, bestanden aus Lehm. „Beiderseits des Eingangs können wir in einigen Fällen kleinere Ofenkonstruktionen nachweisen, die an dieser Stelle höchstwahrscheinlich als eine Art Wärmebarriere fungiert haben“, erläutert Fornasier. Darüber hinaus verfügten die Häuser über Brunnenschächte zur Wasserversorgung, abgedichtet waren sie mit einem äußerst geschickt konstruierten Flechtwerk.

Wenn im Juli die nächste Forschungsreise in den Trans-Ural startet, dann werden sich die Frankfurter Wissenschaftler weiterhin besonders der Frage zuwenden, wie die Infrastruktur oder die wirtschaftlichen Grundlagen der Siedlungen und ihre politische Organisation aussahen. Bis zum Ende der derzeitigen Förderphase durch die DFG im November 2013 hoffen sie, gemeinsam mit ihren russischen Freunden, mehr Details über das Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt und die gesellschaftliche Entwicklung dieser bemerkenswerten Kulturlandschaft in Erfahrung bringen zu können.

Informationen: Prof. Dr. Rüdiger Krause, Privatdozent Dr. Jochen Fornasier, Institut für Archäologische Wissenschaften, Abt. III Vor- und Frühgeschichte, Campus Westend, Tel. (069) 798-32130, R.Krause@em.uni-frankfurt.de, fornasier@em.uni-frankfurt.de

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Forschung

Apr 25 2012
12:12

Frankfurter Biologen spüren Gene für Reizleitung auf

„Schmerz-Proteine“ des Fadenwurms erforscht

FRANKFURT. Schmerz empfindet der etwa einen Millimeter lange Fadenwurm Caenorhabditis elegans nicht, aber bei einer harschen Berührung flüchtet er. Verantwortlich dafür ist ein Neuron (Nozizeptor), das Schmerzsignale registriert, verstärkt und sie an das Nervensystem weitergibt. Mithilfe optogenetischer Methoden haben Wissenschaftler der Goethe-Universität nicht nur die Funktionsweise des Nozizeptors erforscht, sondern erstmals auch die Gene und Proteine, die am „Schmerzempfinden“ beteiligt sind. Da viele Gene des Fadenwurms auch beim Menschen zu finden sind, könnten diese Erkenntnisse langfristig zu einer effektiveren Schmerzbekämpfung beitragen.

Nicht nur harsche Berührung, sondern auch Kälte oder eine stark salzige Umgebung schlägt den Fadenwurm in die Flucht. Um das dafür verantwortliche Neuron PVD gezielt anregen zu können, hat die Frankfurter Gruppe in das Neuron ein Gen für ein lichtempfindliches Protein eingeschleust. So kann die Fluchtreaktion des durchsichtigen Fadenwurms durch Lichtreize stimuliert und quantitativ untersucht werden. Dabei fanden die Forscher um Alexander Gottschalk am Institut für Biochemie heraus, dass C. elegans umso schneller flüchtet, je stärker der Lichtreiz ist. Das zeigt, dass der Fadenwurm verschiedene Abstufungen von „Schmerz“ registrieren kann. Es könnte also im Neuron Proteine geben, die zu einer Verstärkung des Reizes führen.

Von Kollegen in den USA erhielten Gottschalk und seine Mitarbeiter eine Liste von circa 1600 Genen und untersuchte diejenigen, die in dem Neuron PVD besonders häufig exprimiert werden. Zieht man nur Gene in die engere Auswahl, die vier Mal häufiger als in anderen Neuronen vorkommen, bleiben noch 240 übrig. Um herauszufinden, welche das „Schmerzempfinden“ beeinflussen, unterdrückte Dr. Steven Husson, Post-Doktorand am Buchmann Institut und am Institut für Biochemie, die Produktion bestimmter Proteine zeitweilig durch RNA-Interferenz. Bei dieser Methode werden nicht die Gene ausgeschaltet, sondern die messenger-RNA, die den Bauplan der Proteine kopiert (knock down statt knock out).

Tatsächlich konnte Husson mehrere Proteine finden, die in Ionenkanälen vorkommen und daher eine Rolle bei der Reizleitung spielen. Wurden sie nicht exprimiert, nahm das „Schmerzempfinden“ des Fadenwurms ab. Ebenso fand er Proteine, die an der Schnittstelle zu anderen Nerven (Synapse) einen positiven Feedback-Mechanismus auslösen, indem sie dafür sorgen, so dass mehr Neurotransmitter ausgeschüttet werden. Das hat zur Folge, dass der benachbarte Nerv stärker stimuliert wird.

„Mit dieser Arbeit haben wir gezeigt, dass man durch Optogenetik nicht nur spezifische Fragestellungen nach der Funktion eines Neurons beantworten kann, sondern auch nach den Gene, die darin aktiv sind“, erläutert Prof. Alexander Gottschalk die Bedeutung der für sein Forschungsgebiet prototypischen Arbeit. Der nächste Schritt besteht darin, im Fadenwurm nach Proteinen zu suchen, die auch beim Menschen für die Schmerzempfindung wichtig sind, und diese Ergebnisse dann zunächst bei Mäusen zu testen.

Ein Bild zum Download finden Sie hier.

Bildtext: Das Bild zeigt einen Fadenwurm (C. elegans), dessen Nozizeptor Neuron PVD zwei fluoreszierende Proteine exprimiert: GFP (grün) und ChR2::mCherry (rot). Die dünnen Fortsätze von PVD decken die ganze Körperseite ab und können verschiedene Stimuli detektieren, z.B. harsche mechanische Manipulation.

Publikation: Steven Husson et al.: Optogenetic Analysis of an Nociceptor Neuron and Network Reveals Ion Channels Acting Downstream of Primary Sensors, Current Biology (2012), doi: 10.1016/j.cub.2012.02.066.

Informationen: Prof. Alexander Gottschalk, Exzellenzcluster Makromolekulare Komplexe, Institut für Biochemie und Buchmann Institute for Molecular Life Sciences, Campus Riedberg, Tel. (069) 798-42518, a.gottschalk@em.uni-frankfurt.de.

Forschung

Apr 24 2012
16:52

Archäologen der Goethe-Universität berichten in „Forschung Frankfurt“, wie sich die Kulturlandschaft im Hessischen Ried über 500 Jahre verändert hat

Wirtschaftsboom zur Römerzeit

FRANKFURT. Das Hessische Ried ist nach dem rheinischen Kohleabbaugebiet die am intensivsten erforschte Landschaft im römischen Deutschland. Wissenschaftler des Instituts für Archäologische Wissenschaften unter Leitung von Prof. Dr. Hans-Markus von Kaenel haben die Entwicklung dieser Region im rechtrheinischen Vorfeld der Garnisonsstadt Mogontiacum/Mainz von der Zeitenwende bis um 500 n. Chr. in einem mehrjährigen Projekt rekonstruiert. Über die wichtigsten Ergebnisse ihrer Arbeit berichten sie in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Forschung Frankfurt“.

Die Archäologen sind bereits vor 15 Jahren angetreten, die Siedlungsgeschichte des Rieds, dieser flachen, wasserreichen Landschaft zwischen Rhein, Main und Odenwald, über einen Zeitraum von gut 500 Jahre zu erforschen. Inzwischen konnten sie bemerkenswerte Ergebnisse vorlegen. Die Aktivitäten in dieser Region waren auf die mächtige Stadt Mogontiacum, das Tor zur „Germania Magna“, ausgerichtet. Dort waren im ersten Jahrhundert n. Chr. über 10.000 Soldaten stationiert, die durch ihren regelmäßigen Sold und ihre Ansprüche des täglichen Bedarfs einen Wirtschaftsboom in dieser um die Zeitenwende sehr dünn besiedelten und kaum strukturierten Region auslösten. Im Gebiet des heutigen Landkreises Groß-Gerau wurden zunächst für kurze oder längere Zeit besetzte Militärlager angelegt – insgesamt 13 sind bisher entdeckt worden, an wenigen Orten entstanden Dörfer, in denen die Angehörigen der Soldaten lebten. Nach dem Abzug der Truppen im frühen zweiten Jahrhundert n. Chr. wurde das Ried mit Gutshöfen („villae rusticae), die von Bauern und auch Veteranen bewirtschaftet wurden, aufgesiedelt. „Die Äcker des Rieds bilden ein Bodenarchiv ersten Ranges, das wir mit unseren systematischen Feldbegehungen erschlossen haben“, sagt Dr. Thomas Maurer, der seit 1998 die Erkundungen vor Ort leitet. Er konnte 200 römische Fundplätze nachweisen und mehr als 8000 Fundobjekte publizieren; im Vergleich zu einer Veröffentlichung von 1989 hat sich die Zahl der bekannten Fundplätze damit fast verzehnfacht.

Am häufigsten stießen die Forscher auf Keramikscherben, deren Alter und Herkunft in der Regel exakt zu bestimmen sind, vielfach ist auch der Inhalt der Gefäße zu ermitteln. Mit Hilfe modernster Keramikanalytik konnte zudem die lokale Keramikproduktion im Ried rekonstruiert werden. Nachweisen lässt sich, dass die Soldaten in römischen Diensten, unter ihnen viele aus dem Mittelmeerraum, nicht auf die kulinarischen Köstlichkeiten ihrer Heimat verzichten wollten: Olivenöl, Fischsoßen und Wein wurden in großen Amphoren aus Südspanien an den Rhein transportiert. Aber ohne Getreideanbau und Viehwirtschaft im Ried hätten viele Menschen darben müssen. Mit der Analyse von Pollen-Ablagerungen im Boden hat die Frankfurter Archäobotanikerin Christiane Singer die Vegetationsentwicklung und Nutzung des Rieds nachzeichnen können.

Einen kleinen Raum westlich des Groß-Gerauer Ortsteil Wallerstädten haben sich die Wissenschaftler besonders gründlich angeschaut und konnten im Detail nachweisen, wie ein Siedlungsschwerpunkt im Laufe von 500 Jahren „gewandert“ ist. Nach einem kurzzeitig besetzten Militärlager (30/40 n. Chr.) wurde leicht versetzt ein Kastell (40 bis 75 n. Chr.) gebaut, im zweiten/dritten Jahrhundert lag dort eine Siedlung mit einer bunt zusammengesetzten Bevölkerung (Gallo-Römer, Germanen) und im vierten/fünften Jahrhundert lassen die Funde darauf schließen, dass sich hier Alamannen nieder gelassen haben; beim heutigen Ortsrand von Wallerstädten leiten Funde des 6./7. Jahrhunderts über in die Zeit der Merowinger.

Die Blütezeit der Zivilbesiedlung des Rieds, das Teil einer nach römischem Vorbild organisierten Gebietskörperschaft (»civitas«) war, endete um die Mitte des dritten Jahrhunderts unter dem Eindruck von Bürgerkrieg und Germaneneinfällen. Zu Beginn des vierten Jahrhunderts kam es im Ried zu einem Wiederaufschwung; das Gebiet profitierte ganz offensichtlich erneut von seiner Nähe zu Mogontiacum, zu dessen Brückenkopf es gehörte. Neben spätrömischen Militäranlagen entstanden nun auch Siedlungen zugewanderter Germanen (Alamannen). In der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts schwindet der römische Einfluss mehr und mehr. Das Ried steht von nun an unter alamannischer Herrschaft und wird um 500 n. Chr. Teil des fränkischen Merowinger-Reiches.

Informationen: Prof. Hans-Markus von Kaenel, Institut für Archäologische Wissenschaften  (Abt. II), Campus Westend, Tel. 069-798-32265, v.kaenel@em.uni-frankfurt.de; Dr. Thomas Maurer, Institut für Archäologische Wissenschaften (Abt. II), Campus Westend, Tel. 069/ 798 32262, t.maurer@em.uni-frankfurt.de

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Veranstaltungen

Apr 24 2012
16:44

Nach Vortrag im Forschungszentrum für Historische Geisteswissenschaften wird Ausstellung zu Snyders Film „Casio, Seiko, Sheraton, Toyota, Mars“ in der Studiengalerie 1.357 eröffnet

Keplers Brief an eine anonyme Dame: Innenansicht eines Gelehrtenhaushalts

FRANKFURT. Auf Einladung des Forschungszentrums für Historische Geisteswissenschaften an der Goethe-Universität hält Gadi Algazi, Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität von Tel Aviv, einen öffentlichen Vortrag

am: Mittwoch (25. April) um 18 Uhr
Ort: IG-Farben-Haus, Raum 411, Campus Westend, Grüneburgplatz 1
Thema: „Kepler und die Keplerin: Wissenshaushalt und Geschlechterordnung um 1600“.

Keplers Brief an eine anonyme Dame (1612) bietet eine außergewöhnliche Gelegenheit, einen Gelehrtenhaushalt von innen zu betrachten. Dabei wird es nicht um die objektiven Begebenheiten allein gehen, sondern zugleich um Keplers Text, eine einzigartige Mischung aus Apologie und kritischer Selbstbeobachtung. „Keplers Text öffnet den Blick für intime Abhängigkeiten und die konstitutiven Widersprüche einer geschlechtsspezifischen Ehrenökonomie der Wissenschaft“, verspricht der Gast aus Israel.

Im Anschluss an diesen Vortrag wird um 20 Uhr die Ausstellung zu Sean Snyders Film „Casio, Seiko, Sheraton, Toyota, Mars“ in der Studiengalerie 1.357 im ersten Stock des IG-Farben-Hauses (Raum 1.357) eröffnet. Die Studiengruppe „Zeitgenössische Videokunst und die Methoden historischer Forschung“ stellt Inhalte, Absichten und künstlerische Umsetzung des Films von Sean Snyder vor, der dokumentarisches Foto- und Filmmaterial über Afghanistan und den Irak untersucht. Die Details haben Studierenden im vergangenen Semester unterstützt von Lehrenden unterschiedlicher Fachrichtungen erarbeitet. Der 13-minütige Film ist vom 26. April bis zum 7. Juni montags bis donnerstags zwischen 12 und 17 Uhr in der Studiengalerie 1.357 im I.G.-Farben-Haus zu sehen.

Der größte Teil des Films setzt sich aus statischen Bilderreihen zusammen. Vergrößerungen und Detailaufnahmen vorgefundener Reportage-Fotos machen die Omnipräsenz von Markenprodukten deutlich. Am Schluss des Films erscheinen Filmbilder einer Bombardierung Bagdads. Selbst während der Kriege blieben Irak und Afghanistan Teil einer globalen ökonomischen Sphäre. Deren visuelle Codes zeigen sich – so hat die Studiengruppe analysiert – noch in den entferntesten Gebirgsdörfern und an den Handgelenken der radikalsten Bekämpfer des Westens. Der Filmemacher Sean Snyder ist in den USA geboren, lebt und arbeitet in Kiew, Berlin und Tokio.

Die Studiengalerie 1.357 ist Teil einer Kooperation des Historischen Seminars der Goethe-Universität und des Städel Museums Frankfurt. Die Studierenden konzipieren das Programm, verfassen Ausstellungstexte, erstellen Plakate und Pressemeldungen, organisieren die Eröffnungen und halten die Einführungsvorträge. Auf diese Weise können sie sich die Grundlagen kuratorischer Tätigkeit und der Kunstkritik erarbeiten. Initiiert wurde die Gruppe von Prof. Dr. Bernhard Jussen vom Historischen Seminar und Dr. Martin Engler, Sammlungsleiter Gegenwartskunst am StädelMuseum. Sie versammelt Studierende und Lehrende verschiedener Disziplinen zur längerfristigen gemeinsamen Arbeit. Dabei stehen Fragen nach dem bildlichen Umgang mit Geschichte und dem Verhandeln von Geschichte und Erinnerung in der aktuellen Videokunst im Mittelpunkt.

Informationen: Zum Vortrag: Dr. Falk Müller, Forschungszentrum für Historische Geisteswissenschaften, Campus Westend, Tel: (069) 798-32411, falk.mueller@em.uni-frankfurt.de, www.fzhg.org

Zur Studiengalerie: Prof. Dr. Bernhard Jussen, Historisches Seminar, Campus Westend, Tel.: 069/798-32427, jussen@em.uni-frankfurt.de; Dr. Martin Engler, Sammlungsleiter Gegenwartskunst am Städel Museum, Tel.: 069/605098210, engler@staedelmuseum.de; Dr. Henning Engelke, Kunsthistorisches Institut, Campus Bockenheim, Tel 069/798-23470, engelke@kunst.uni-frankfurt.de

Bild- und Textmaterial: Studiengruppe „Zeitgenössische Videokunst und die Methoden historischer Forschung“ unter www.geschichte.uni-frankfurt.de/studien/studiengalerie/index.html.

Personalia/Preise

Apr 24 2012
12:47

Unabhängige Auszeichnung für wissenschafts- und hochschulpolitischen Journalismus wird 2012/13 zum dritten Mal vergeben

Goethe-Medienpreis geht in die nächste Runde

FRANKFURT. Als der Goethe-Medienpreis für wissenschafts- und hochschulpolitischen Journalismus 2008 auf Anregung der Goethe-Universität und der FAZIT-Stiftung Premiere feierte, war er die erste Auszeichnung seiner Art im deutschsprachigen Raum. Die mit 5.000, 2.500 und 1.250 Euro dotierte Auszeichnung hat ausdrücklich nicht Wissenschaftsjournalisten im Fokus, sondern Redakteure, die die politischen Rahmenbedingungen von Wissenschaft und Hochschulen analysieren. Der wissenschafts- und hochschulpolitische Journalismus erlebt in den letzten Jahren einen deutlichen Aufschwung. Vermutlich sind deutschlandweit inzwischen mehr als 250 Journalisten in diesem Segment tätig, regional wie überregional.

Nach zwei erfolgreichen Runden hat sich die unabhängige Auszeichnung inzwischen im breiten Feld der mehr als 300 deutschen Journalistenpreisen etabliert. Das zeigt insbesondere der mit inzwischen 70 Prozent sehr hohe Anteil von Bewerbungen aus überregionalen Leitmedien. Ob Süddeutsche Zeitung oder Der Spiegel, ob Frankfurter Allgemeine Zeitung oder Focus: Journalisten mit wissenschafts- und hochschulpolitischem Schwerpunkt beteiligten sich in der letzten Runde mit deutlich über 50 Einsendungen.

Preisträgerinnen und Preisträger der letzten Jahre haben sich auf höchst anschauliche, hintergründige und zugleich kurzweilige Weise vertieft in herausfordernde Themen wie die Präsenz von Humboldts Denken in deutschen Unis („Goodbye Humboldt“), das Germanistik-Studium nach Einführung des Bachelors („Lesen ist kein Modul“) und die fatale Wirkung der so genannten Kapazitätsverordnung auf das deutsche Hochschulwesen („Die fiese Formel“). Die Autoren haben der universitären Wissenschaft aber auch kriminalistische Seiten abgewonnen („Der Fall Christoph Broelsch“) oder das immer schneller rotierende Berufungsgeschäft an deutschen Hochschulen mit dem Transfergeschäft im Fußball verglichen („Das Millionenspiel“). Bei aller Unterschiedlichkeit im Thema verbinden jedoch zwei Kriterien alle diese Arbeiten und viele, die in die engere Wahl kamen: Das unbedingte Streben nach Qualität und das Bemühen um eine neuartige Perspektive.

Die Ausschreibungsrunde 2012, die bis zum 31. Juli läuft, startet Ende April mit einer Ausschreibung im Fachmagazin „Der Journalist“. Im November kommt die Jury in Frankfurt zusammen, um die Preisträger zu bestimmen, im Januar 2013 ist die feierliche Preisverleihung an der Goethe-Universität.

Bewerber schicken bitte ihre formlose Bewerbung mit dem entsprechenden Beitrag zusammen mit einer maximal einseitigen Begründung, weshalb sie Ihre Arbeit für preiswürdig halten, unter dem Stichwort „Goethe-Medienpreis“ an folgende Adresse: Goethe-Universität Frankfurt, Abteilung Marketing und Kommunikation, Senckenberganlage 31, 60325 Frankfurt am Main.

Je Bewerber ist nur ein Beitrag zulässig. Im Falle einer thematisch orientierten Artikelserie eines Autoren-Teams wird der Preis auf die Mitglieder der Autorengruppe aufgeteilt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Preisträgerinnen 2010:

  • Andrea Lueg( Deutschlandradio),
  • Martina Keller (Westdeutscher Rundfunk),
  • Christine Prußky (Deutsche Universitätszeitung)

Mitglieder der Jury:

  • Prof. Dr. Bernhard Kempen (Präsident des Deutschen Hochschulverbandes),
  • Prof. Dr. Margret Wintermantel (Präsidentin der Deutschen Hochschulrektorenkonferenz),
  • Werner D‘Inka (Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung),
  • Prof. Dr. Christian Floto (Abteilungsleiter Wissenschaft und Bildung, Deutschlandfunk),
  • Dr. Reinhard Grunwald (Generalsekretär a.D. der Deutschen Forschungsgemeinschaft),
  • Dr. Martin Doerry (Stv. Chefredakteur DER SPIEGEL)
  • Dr. Wolfgang Heuser (Herausgeber DUZ)

Informationen: Dr. Olaf Kaltenborn, Leiter Marketing und Kommunikation,
Campus Bockenheim, Tel: (069) 798-23935, kaltenborn@pvw.uni-frankfurt.de, http://goethe-medienpreis.uni-frankfurt.de/

Forschung

Apr 24 2012
10:48

Neue Ausgabe von Forschung Frankfurt mit Beiträgen zur Gefäßforschung und zur Archäologie

Gefäßerkrankungen: Radikale können auch nützen

FRANKFURT. Gefäßerkrankungen geben der Forschung immer noch Rätsel auf. Zwar sind die meisten Risikofaktoren für Arteriosklerose, Herzinfarkt oder Schlaganfall schon lange bekannt, aber auf der zellulären Ebene sind die Ursachen noch längst nicht lückenlos erforscht. Hier spielen Enzyme, komplexe Signalkaskaden und Regelkreise eine entscheidende Rolle. Sie im Detail zu kennen, ist nicht nur die Voraussetzung dafür, Gefäßerkrankungen gezielt vorzubeugen, sondern auch durch Medikamente regulierend eingreifen zu können. In der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins „Forschung Frankfurt“ berichten Wissenschaftler des Exzellenzclusters „Herz-Kreislauf-System“ über den aktuellen Stand der Forschung.

Prof. Ralf Brandes erklärt in seinem Beitrag, warum die Einnahme von Vitaminpräparaten in klinischen Studien keine positiven Wirkungen zeigte. Vitamine machen im Körper  entstehende Sauerstoffradikale unschädlich. Da diese reaktiven Moleküle für Alterung, Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verantwortlich gemacht werden, lag es nahe, auf die schützende Wirkung von Vitaminen zu bauen. Allerdings fand unter anderem die Arbeitsgruppe von Ralf Brandes am Institut für Kardiovaskuläre Physiologie heraus, dass Sauerstoffradikale nicht nur schädliche Nebenprodukte des Stoffwechsels sind, sondern auch lebensnotwendige Funktionen übernehmen. Sie werden daher im Körper in einem eng regulierten Bereich aktiv produziert.

Eine besondere Rolle spielt die Radikal-Produktion durch Nox-Enzyme – sie stehen im Zentrum der Forschung von Brandes. Bei systemischen Entzündungen der Gefäße produzieren sie überschüssige Radikale. Diese schädigen dann die Gefäßwand und führen zur Arteriosklerose. Um diesen Prozess aufhalten zu können, empfehlen die Wissenschaftler die Entwicklung von Nox-Hemmern.

Gefäßschäden gehören zu den häufigsten Folgen des Metabolischen Syndroms, des tödlichen Quartetts aus Fettleibigkeit, Bluthochdruck, erhöhten Blutfettwerten und Insulin-Resistenz. Die Betroffenen haben ein erhöhtes Risiko, Typ-II-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu entwickeln. Doch wie hängen diese auf den ersten Blick recht unterschiedlichen Phänomene zusammen? Die Arbeitsgruppe von Prof. Ingrid Fleming am Institute for Vascular Signalling fand einen Zusammenhang über das Enzym AMPK. Es spielt sowohl bei der Cholesterin-Produktion als auch bei der Entwicklung einer Insulinresistenz eine Schlüsselrolle. Durch einen erhöhten Blutfluss, beispielsweise durch Sport, entfaltet das Enzym seine schützende Wirkung auf das Gefäßsystem, indem es Entzündungsreaktionen eindämmt und die Produktion freier Radikale hemmt. Ebenso fand die Forschergruppe erste Hinweise, warum der Verzehr von Fischölen, die reich an Omega-3-Fettsäuren sind, die Gefäße schützt.

Weitere Beiträge zum Thema Gefäßforschung in „Forschung Frankfurt“

  • Wenn das Blut in den Adern stockt
    Seltene Thrombosen können genetische Ursache haben
    Eva-Maria Siefert
  • Kleine Schnipsel mit großer Wirkung
    Wie microRNAs Herz-Kreislauf-Erkrankungen steuern
    Prof. Stefanie Dimmeler und Dr. Reinier Boon

Vom Hessischen Ried über die Eurasische Steppe bis zur nigerianischen Subsahara: Schwerpunkte archäologischer Forschung

Die Frankfurter Archäologen erforschen Lebensbedingungen und Kulturen in ganz unterschiedlichen Regionen der Welt und zu verschiedensten Epochen. In der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Forschung Frankfurt“ werden drei große Schwerpunkte ihrer Arbeit vorgestellt:

Das Hessische Ried ist nach dem rheinischen Kohleabbaugebiet die am intensivsten erforschte Landschaft im römischen Deutschland. Wissenschaftler des Instituts für Archäologische Wissenschaften unter Leitung von Prof. Hans-Markus von Kaenel haben die Entwicklung dieser Region im rechtsrheinischen Vorfeld der Garnisonsstadt Mogontiacum/Mainz von der Zeitenwende bis um 500 n. Chr. in einem mehrjährigen Projekt rekonstruiert. Als die Römer zwischen 17 und 13 v. Chr. die erste Legion in Mainz stationierten, profitierte auch das Ried von der neuen Wirtschaftskraft. Im frühen zweiten Jahrhundert n. Chr. wurden dann Dörfer und zahlreiche Gutshöfe gegründet. Nach einem Rückgang der Besiedlung erlebte das Ried im vierten Jahrhundert eine neue Blütezeit.

Mit der Region im Trans-Ural an der Grenze zwischen Europa und Asien beschäftigt sich das deutsch-russische Forscherteam um Prof. Rüdiger Krause. In dieser zunächst nahezu unbesiedelten Region erblühte zu Anfang des zweiten Jahrtausends v. Chr. für mehr als zwei Jahrhunderte eine Kulturlandschaft, die ihresgleichen sucht. Wer waren ihre Bewohner und woher kamen sie? Was wollten sie in dieser Gegend? Wie kommt es zu den zahlreichen Innovationen? Die Forscher sind angetreten, diese Rätsel der Eurasischen Steppe zu lösen; über erste Ergebnisse berichten sie in „Forschung Frankfurt“. Besonders aufschlussreich sind die gefundenen Gräber mit ihren reichen Kupfer- und Bronzebeigaben. Zu den besonders aufregenden Funden gehören zweirädrige Streitwagen – die ältesten der Welt und eine echte Innovation!

Seit 2005 Jahren erforschen Frankfurter Archäologen die Nok-Kultur in Nigeria, und sie können ihre erfolgreiche Arbeit auch in den nächsten Jahren fortsetzen: Mit circa 1,6 Millionen Euro unterstützt die Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) auch die zweite Phase des bis 2020 konzipierten Langfristvorhabens. „Die aus gebranntem Ton hergestellten Plastiken der Nok-Kultur sind über 2000 Jahren alt und verkörpern die älteste großformatige Figuralkunst im subsaharischen Afrika“, berichtet Forschungsleiter Prof. Dr. Peter Breunig. Seine Professur ist die einzige deutschlandweit, die ganz der afrikanischen Archäologie gewidmet ist. Einige der kunstvollen, bis lebensgroßen Terrakotta-Figuren von Menschen und Tieren werden 2013 bei einer Ausstellung im Frankfurter Liebieghaus zu sehen sein, anschließend wird die gesamte Ausstellung nach Nigeria gehen. Die Nok-Kultur gehört zu einer der bekanntesten bisher archäologisch untersuchten Kulturen Afrikas.

„Forschung Frankfurt“ kostenlos bestellen: ott@pvw.uni-frankfurt.de

Mehr Informationen im Internet

Informationen: Dr. Anne Hardy, Ulrike Jaspers, Abteilung Marketing & Kommunikation, Campus Bockenheim, Tel. (069) 798-23266, hardy@pvw.uni-frankfurt.de, jaspers@pvw.uni-frankfurt.de.

Forschung

Apr 20 2012
11:19

Urahn lebte bereits vor 600.000 Jahren

Eisbären sind älter als gedacht

FRANKFURT. Eisbären, die größten landlebenden Raubtiere der Arktis, sind evolutionsgeschichtlich etwa fünf mal älter als bisher angenommen. Das ist das Ergebnis des bisher ersten umfassenden Vergleichs von Braun-und Eisbären anhand des Erbguts aus dem Zellkern. Beide Arten haben gemeinsame Wurzeln. Die Studie von Wissenschaftlern des Frankfurter Biodiversität und Klimaforschungszentrums (BiK-F), der Goethe-Universität und weiterer internationaler Forschungseinrichtungen erscheint heute als Titel der Fachzeitschrift „Science“.

Wer zur Abstammungsgeschichte des Eisbären forscht, hat es nicht leicht. Der weiße Riese lebt und stirbt auf Meereis; seine Überreste sinken auf den Meeresgrund, wo sie entweder durch Gletscher zermalmt werden oder unauffindbar sind. Statt mit Fossilien zu arbeiten, vollziehen Forscher die Geschichte der Eisbären daher primär anhand molekularbiologischer Methoden und damit Erbgut-Analysen nach. Fest steht, dass Eisbären mit Braunbären eng verwandt sind und sich als eigene Art von ihnen abgespalten haben. Wann das war, ist bisher umstritten.

Eine 2010 veröffentlichte Studie zeigte, dass der letzte gemeinsame Urahn von Braun- und Eisbär vor 150.000 Jahren lebte. Die Forscher stützten damals ihre Ergebnisse allein auf DNA aus Mitochondrien, den Kraftwerken der Zelle. Einen umfassenden Blick ins Erbgut erlangten nun Wissenschaftler des BiK-F und der Goethe-Universität in Kooperation mit weiteren Forschern aus den USA, Schweden und Spanien. Dr. Frank Hailer, BiK-F, Leitautor der Studie: „Statt wie bei klassischen Erbgut-Studien nur kleine Stücke mitochondrialer DNA miteinander zu vergleichen, haben wir uns viele unabhängige Stücke aus der DNA des Zellkerns von Braun- und Eisbären angesehen. Dies ist methodisch neu.“ Die Forscher untersuchten zudem eine Vielzahl von Individuen aus dem gesamten Verbreitungsgebiet beider Arten.

Die technisch anspruchsvollerer Methode belegt nun erstmals, worüber vorher nur spekuliert wurde: Der Eisbär hat sich bereits von etwa 600.000 Jahren vom Braunbär abgespalten. Sein weißer Pelz, fellbesetzte Pranken und seine Vorliebe für Seehunde als Nahrung zeugen davon, wie gut er sich seitdem in der Arktis akklimatisiert hat. Mit der neuen Datierung ihrer Evolution ist der Mythos vom besonders schnell anpassungsfähigen Eisbär nun widerlegt. Tatsächlich ist der Eisbär in etwa so alt wie der ebenfalls an die Arktis hervorragend angepasste Polarfuchs.

Eine Erklärung, warum frühere Studien ein jüngeres Alter für den Eisbären annahmen, liegt vermutlich darin, dass beide Arten sich im Laufe der Zeit mehrmals miteinander gepaart haben – ein Vorgang, der heute wieder in der kanadischen Arktis zu beobachten ist. Dadurch wurden Teile der mitochondrialen Braunbär-DNA an Eisbären vererbt. Gerade dieses Stück DNA wurde aber bisher zur evolutionsbiologischen Untersuchung herangezogen. „Die von uns herangezogene DNA aus dem Zellkern wird von beiden Elternteilen vererbt. Wie unsere Studie zeigt, liefert sie ein detaillierteres und genaueres Bild der Evolutionsgeschichte einer Art als mitochondriale DNA, die nur mütterlicherseits vererbt wird“, erklärt Prof. Axel Janke, BIK-F und Goethe-Universität. Er leitete die Forschungsgruppe, die 2011 auch das Braunbären-Genom entschlüsselt hat.

Zu einer zeitweiligen Überlappung der Lebensräume von Eisbär und Braunbär könnte durch frühere Klimaschwankungen hervorgerufen worden sein. Die genetischen Daten weisen auch darauf hin, dass es für den Eisbären im Laufe der letzten 600.000 Jahre vielleicht schon ein- oder mehrmals knapp wurde. „Die geringe genetische Variabilität innerhalb der Art zeigt, dass die Bestandsgröße zeitweise stark dezimiert war. Möglicherweise fiel dies mit früheren Warmzeiten zusammen“, so Hailier. Er ergänzt: „Ob der Eisbär auch den derzeitigen Klimawandel überleben wird, ist ungewiss.“ Erstens läuft die globale Erwärmung deutlich schneller ab als jemals zuvor in der Evolutionsgeschichte des Eisbären. Zweitens ist der Einfluss des Menschen auf den Bären heute viel größer, weil er einerseits Eisbären jagt und andererseits Schadstoffe in den Nahrungskreislauf einbringt.

Publikation: Hailer, F. et. al. (2012): Nuclear genomic sequences reveal that polar bears are an old and distinct bear lineage. Science, DOI: 10.1126/science.1216424

Bilder zum Download finden Sie hier.

Bildtexte:
Eisbär-1: Den Eisbären - das Symbol der Arktis – gibt es bereits seit 600.000 Jahren. (Bildrechte: Hansruedi Weyrich/www.weyrichfoto.ch)

Eisbär-2: Das Erbgut zeigt, dass Eisbären schon mehrere Klimaschwankungen hinter sich haben. (Bildrechte: Alan Wilson/www.naturerpicturesonline.com)

Braunbär: Um mehr über die Abstammungsgeschichte des Eisbären zu erfahren, wurde dessen DNA aus dem Zellkern mit dem Erbgut vom Braunbär verglichen. (Bildrechte: Hansruedi Weyrich/www.weyrichfoto.ch)

Informationen: Prof. Axel Janke, LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F) und Institut für Ökologie, Evolution und Diversität der Goethe-Universität, Campus Bockenheim, Tel. (069) 7542 1842; axel.janke@senckenberg.de.

Veranstaltungen

Apr 20 2012
11:17

Überlebender des Holocausts und Professor für Sozialpädagogik wird im Rahmen eines Festaktes an der Goethe-Universität geehrt.

100. Geburtstag von Berthold Simonsohn

FRANKFURT. Berthold Simonsohn, Überlebender von Buchenwald, Theresienstadt, Auschwitz, Dachau und Kaufering, war von 1961 bis zu seinem Tod im Jahre 1978 Professor für Sozialpädagogik, Sonderpädagogik und Jugendrecht an der Goethe-Universität. Um sein wissenschaftliches Werk zu seinem 100. Geburtstag zu ehren, lädt der Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe Universität zu einer Festveranstaltung ein.

Titel: „Zum 100. Geburtstag von Berthold Simonsohn“
am: Dienstag, dem 24. April 2012, um 19.00 Uhr
Ort: Casino Westend, Raum 1.801

Prof. Micha Brumlik spricht über die „politische Situation in den sechziger und siebziger Jahren und den pädagogischen Ansatz von Berthold Simonsohn“; Prof. Wilma Aden-Grossmann widmet sich dem Thema: „Berthold Simonsohns pädagogische Überlegungen zur Jugend-Delinquenz und zur Reform des Jugendstrafrechts; Prof. Helmut Reiser wird über „Berthold Simonsohn und die Entwicklung der Sonderpädagogik in Deutschland“ sprechen.

Informationen: Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität, Tel.: (069) 798-23536

Forschung

Apr 20 2012
11:12

Günter Grass lässt es in seinem Gedicht an Sensibilität und Selbstreflexion vermissen, meint der Frankfurter Sozialpsychologe Prof. Hans-Jürgen Wirth.

Altersstarrsinn eines Großdichters?

FRANKFURT. Mit seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ hat der Schriftsteller und Nobelpreisträger Günter Grass international für Empörung und auch Verwirrung gesorgt. Seit der Veröffentlichung des Gedichtes in drei Zeitungen fragen sich viele Beobachter, wie es dazu kommen konnte, dass Grass in seiner Kritik an der israelischen Außenpolitik sich derart einseitig und emotional äußern konnte. Der Sozialpsychologe Prof. Hans-Jürgen Wirth, der an der Goethe-Universität Frankfurt lehrt, verortet den lyrischen Leitartikel in der jahrelangen Selbstüberhöhung von Grass‘ als Moralisten. „Natürlich kann ich keine verlässliche Diagnose stellen, aber ich habe eine sozialpsychologisch begründete Interpretation: Günter Grass hält sich offenbar für einen der größten lebenden Schriftsteller. Er will beachtet und bewundert werden, auch für seine vermeintliche Weitsicht, die ihn die Probleme der Welt scheinbar klarer sehen lässt als alle anderen. Sein damaliger Eintritt in die Waffen-SS passt nicht zum Bild des großen Moralisten, das er Jahrzehnte mit Inbrunst von sich entworfen hat. Mit seinem wachsenden Weltruhm wurde dieser innere Zwiespalt immer unerträglicher“, so Wirth. Seine Eitelkeit und seine Selbstüberhöhung  hätten ihn immer mehr gegen Selbstkritik immunisiert und so wäre es ihm nach 60 Jahren endlich möglich geworden, seine SS-Mitgliedschaft en passant der Öffentlichkeit mitzuteilen.  Dies sei bei Grass allerdings unter Verzicht auf einen inneren Prozess der Selbstbefragung, auch der Verzweiflung über sich selbst, geschehen.

Bei Grass und ganz ähnlich auch bei Martin Walser zeige sich die Brüchigkeit eines Selbstbildes, das von Unverletztlichkeit und Stärke geprägt gewesen sei, nun aber im Alter von Kränkungen heimgesucht werde. Anstatt sich seiner Vergangenheit reflektiert zu stellen und Trauerarbeit zu leisten, versuche Grass, sich dem drohenden Verlust an öffentlicher Wirkung und Anerkennung verbissen entgegenzustemmen. Zwar hält Wirth den Schriftsteller keineswegs für einen Vertreter einer rechten Ideologie: „Aber in seinem Gedicht spricht er nicht mit der abgeklärten Weisheit eines Nobelpreisträgers, sondern sein Denken ist von den Affekten gesteuert, die der emotionalen Welt eines fanatisierten, draufgängerischen Jugendlichen entstammen.“

Wirth hält die intensive öffentliche Auseinandersetzung mit Grass’ Gedicht für durchaus angemessen, da der Holocaust und das Verhältnis Deutschlands zu seinen jüdischen Bürgern und zu Israel nach wie vor das zentrale Thema der Zeitgeschichte sei. Wenn dieser Themenkomplex berührt werde, so Wirth, sei eine besondere Sensibilität notwendig: „Wer diese Sensibilität aus Unachtsamkeit oder in provokativer Hinsicht nicht aufbringt, muss damit rechnen, in und von der Öffentlichkeit kritisiert zu werden.“

Das komplette Interview mit Prof. Wirth findet können Sie hier lesen.

Informationen: Prof. Hans-Jürgen Wirth, Soziologie und Sozialpsychologie mit dem Schwerpunkt Empirische Bildungsforschung, , Tel.: (069) 798-28477 (Sekretariat); preusch@soz.uni-frankfurt.de

Veranstaltungen

Apr 17 2012
09:21

Das Freie Jüdische Lehrhaus: eines der bedeutendsten intellektuellen Zentren in den 1920er Jahren – Vorträge zu den wichtigsten Gelehrten

Ringvorlesung: „Jüdisches Denken in Frankfurt“

FRANKFURT: „Jüdisches Denken in Frankfurt: Das Freie Jüdische Lehrhaus, 1920-1938“ lautet das Thema einer Ringvorlesung, die im Sommersemester von der Martin Buber-Professur für jüdische Religionsphilosophie veranstaltet wird. Sie nimmt die Strahlkraft der wichtigsten Gelehrten, die zeitweise am Lehrhaus gewirkt haben, zum Ausgangspunkt, um ein Panorama des geistigen Lebens zu entwerfen, welches das deutsche Judentums in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg prägte. Zu diesen bedeutenden Persönlichkeiten zählten: Martin Buber, Franz Rosenzweig, Nehemias Anton Nobel, Leo Löwenthal, Siegfried Kracauer, Erich Fromm, Gershom Scholem, Bertha Pappenheim, Margarete Susman, Shmuel J. Agnon, Leo Strauss, Ernst Simon, Nahum N. Glatzer und Abraham J. Heschel.

Renommierte Historiker, Literaturwissenschaftler und Judaisten aus Deutschland, Israel und den USA werden in ihren Vorträgen die geistige und kulturelle Welt erstehen lassen, die vor der Shoah in Frankfurt lebendig war. Indem sie die Erinnerung an diese zerstörte Welt und ihre Wirkungsgeschichte außerhalb Deutschlands bis in die Gegenwart hinein dokumentiert, verweist die Ringvorlesung zugleich auf die Rolle der zahlreichen jüdischen Wissenschaftler in den Anfängen der Goethe-Universität, darunter jene Martin Bubers. Die Reihe versteht sich als Versuch, die Erinnerung an dieses kulturelle Erbe Frankfurts zu bewahren.

Das Freie Jüdische Lehrhaus, das 1920 in Frankfurt gegründet wurde, ist und bleibt ein herausragender Erinnerungsort des deutschen wie des Frankfurter Judentums. Dazu der Initiator der Reihe, Prof. Dr. Christian Wiese: „Der Philosoph Franz Rosenzweig versuchte mit dem Lehrhaus einen Kontext zu schaffen, an dem jene gebildeten Juden seiner Zeit, die ihre spirituelle und intellektuelle Heimat weitgehend außerhalb des Judentums hatten, wieder mit den religiösen Grundlagen ihrer Tradition vertraut zu machen. Mit diesem Modell und durch die zahlreichen bedeutenden Dozenten, die er als Mitstreiter gewann, machte Rosenzweig das Lehrhaus zur wichtigsten Institution der jüdischen Erwachsenenbildung in der Weimarer Zeit und während der Nazi-Zeit.“

Die Frankfurter jüdische Gemeinschaft wurde so zu einem bedeutenden Zentrum jüdischen Denkens. Von dort gingen bedeutsame Impulse für innerjüdische religiöse und politische Identitätsdebatten sowie für Diskussionen über das geistige, kulturelle und politische Verhältnis des deutschen Judentums zu seiner nichtjüdischen Umwelt aus. In den Jahren der Verfolgung wurde das Lehrhaus ein kulturelle Lebens- und Überlebenszentrum der Frankfurter Juden, an dem sich das geistige und kulturelle Leben der diskriminierten jüdischen Bürger und der Gemeinschaft entfalten konnte. Bis zu seiner Schließung 1938 bot es zudem – inmitten der sich abzeichnenden Katastrophe von Vertreibung und Völkermord – einen Raum für den spirituellen Widerstand gegen die Verneinung der Existenzberechtigung des deutschen Judentums.

Die öffentlichen Vorlesungen finden, wenn nicht anders angegeben, auf dem Campus Westend, IG-Farben-Haus, Raum IG 311, um 18 Uhr statt. Die Ringvorlesung wird von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, der Stiftung zur Förderung internationaler Beziehungen der Goethe-Universität, dem International Office der Goethe-Universität und dem Kulturdezernat der Stadt Frankfurt gefördert.

Die Veranstaltungen im Sommersemester im Überblick:

  • 18. April 2012         
    Rosenzweig, the Jewish Bible, and the “Lehrhaus”
    Prof. Dr. Mara Benjamin (St. Olaf College, Northfield, Minnesota)
  • 25. April 2012          
    Jüdische Renaissance in Frankfurt: Rabbiner Nehemias Anton Nobel und sein Kreis
    Dr. Rachel Heuberger (Goethe-Universität, Frankfurt)
  • 2. Mai 2012               
    Josef Horovitz im Kontext: Die jüdische Entdeckung der religiösen Reflexivität für die Islamforschung
    Prof. Dr. Angelika Neuwirth (Freie Universität, Berlin)
  • 9. Mai 2012               
    Wissenschaft als Widerstand: Martin Buber über Bildung und die Bibel
    Prof. Dr. Michael Zank (Boston University)
  • 14. Mai 2012            
    Bertha Pappenheim: Von der Hysterie zur Frauenfrage
    Viola Roggenkamp (Hamburg) (Ort: Campus Westend, IG-Farben-Haus IG 411)
  • 23. Mai 2012            
    The Young Gershom Scholem and Abraham Abulafia
    Prof. Dr. Moshe Idel (The Hebrew University, Jerusalem)
  • 30. Mai 2012            
    Agnon’s German Odyssey: 1912–1924
    Prof. Dr. Dan Laor (Tel Aviv University)
  • 4. Juni 2012             
    The Legacy of the Lehrhaus in the US: Nahum Glatzer and the Transmission of German-Jewish Learning
    Prof. Dr. Judith Glatzer Wechsler (Tufts University, Medford, MA) (Ort: Deutsches Filminstitut, Schaumainkai 41)
    Anmerkung: Vor dem Vortrag wird der Dokumentarfilm „Nahum Glatzer and the German Jewish Tradition“ gezeigt. Die Veranstaltung findet in Kooperation mit dem Jüdischen Museum Frankfurt statt.
  • 13. Juni 2012                       
    The Young Strauss on Spinoza and Political Zionism
    Prof. Dr. Steven B. Smith (University of Chicago)
  • 20. Juni 2012                       
    Deutschland vor Hitler: Margarete Susman in Frankfurt
    Prof. Dr. Barbara Hahn (Vanderbilt University)
  • 26. Juni 2012                       
    Leo Löwenthal and Jewish Renaissance
    Prof. Dr. Martin Jay (University of California, Berkeley), Campus Westend, Hörsaalzentrum, HZ 9
  • 4. Juli 2012               
    Martin Buber: Ein mitteleuropäischer Intellektueller zwischen Dialog- und Lebensphilosophie
    Prof. Dr. Micha Brumlik (Goethe-Universität, Frankfurt)
  • 11. Juli 2012             
    Gottes Leidenschaft gegen das Inhumane: Abraham J. Heschels Deutung der Prophetie
    Prof. Dr. Christian Wiese (Goethe-Universität, Frankfurt)

Informationen: Prof. Dr. Christian Wiese, Martin Buber-Professor für jüdische Religionsphilosophie, Campus Westend, Tel.: (069)798-33342, C.Wiese@em.uni-frankfurt.de, http://www.evtheol.uni-frankfurt.de/buber/Aktuelles/index.html