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Forschungsergebnisse rund um den Begriff „Heimat“ in der Kinder- und Jugendliteratur sind Thema einer Tagung in Graz

Veröffentlicht am: Donnerstag, 08. November 2018, 15:05 Uhr (253)

FRANKFURT/GRAZ. In der Kinder- und Jugendliteratur spielt Heimat eine ambivalente Rolle. So kann dieses „Zuhause“ einerseits ein vertrauter Kindheitsort und Ausgangs- und Zielpunkt für selbstgewählte Abenteuer, die Entwicklungs- und Ablösungsprozesse ermöglichen. Andererseits kann Heimat der Ort sein, dem kindliche und jugendliche Protagonistinnen und Protagonisten entfliehen müssen, um ein neues „Zuhause“ zu finden. Heimat in der ursprünglichen Bedeutung als Ort, Gegend, Land, wo man sich heimisch fühlt bzw. woher man kommt, entspricht dem englischen Begriff „home“. Durch rassistische und nationalistische Diskurse ist der Begriff „Heimat“ im deutschsprachigen Raum jedoch bis heute und trotz neuerer Deutungsversuche ideologisch besetzt. Den vielgestaltigen Facetten des Heimatbegriffes in der Kinder- und Jugendliteratur soll im Rahmen dieser internationalen Tagung nachgegangen und die Ergebnisse anschließend in einer Publikationsreihe festgehalten werden.

HS-Prof. Dr. Sabine Fuchs, Leiterin des KiJuLit-Zentrums in Graz: „Ich freue mich, Literatur- und Kulturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, Historikerinnen und Historiker sowie Literaturdidaktikerinnen und -didaktiker aus Österreich, Deutschland, Dänemark, Finnland, Indien, Kroatien und den Niederlanden in Graz begrüßen zu dürfen. ‚Heimat‘ steht im Mittelpunkt dieser Tagung nicht nur wegen der Gedenkjahre um Peter Rosegger, sondern weil in unserer Migrationsgesellschaft „Heimat“ und die in der Kinder- und Jugendliteratur dazu angebotenen Bilder differenziert diskutiert werden müssen.“

Aktuelle realistische Darstellungen von topographischen und sozialen Räumen zeigen ungeschönt ein mitunter problematisches Zuhause oder den traumatischen Verlust und die imaginierte Neugestaltung der alten Heimat bzw. ein oft mit Schwierigkeiten verbundenes Ankommen und Neuorientieren. In postapokalyptischen Dystopien generieren Jugendliche neue Heimaten abseits oppressiver Regime, in Fantasyromanen bekämpfen sie dunkle, die Heimat bedrohende Mächte und in futuristischen Welten kann auch eine virtuelle Realität zur Heimat werden.

Prof. Ute Dettmar, Leiterin des Instituts für Jugendbuchforschung und Dr. Claudia Maria Pecher, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Jugendbuchforschung an der Goethe-Universität: „Heimat changiert in kinder- und jugendliterarischen Texten zwischen Romantisierung und Politisierung. Insbesondere in Zeiten globaler kultureller und medialer Umbrüche sowie kriegs- und umweltbedingter Migrationsbewegungen gilt es den ‚Heimat‘-Begriff neu zu diskutieren. Kinder- und Jugendliteratur kann dazu einen gesellschaftspolitisch relevanten Beitrag leisten.“

Die Tagung wird eröffnet mit der Vorstellung von internationalen Perspektiven auf den Heimatbegriff, gefolgt von einem Blick auf Peter Rosegger und aktuellen künstlerischen Aneignungen seiner Werke. Der Samstag beginnt mit einem Fokus auf den Literaturunterricht (mit Texten von Peter Rosegger bis Wolfgang Herrndorf) und Einzelanalysen von Märchen, über die Autorin Hermynia Zur Mühlen bis zum Bären Paddington. Nachmittags wird ein Blick auf internationale Tendenzen geworfen. Die Lesung von Reinhard P. Gruber am Freitag, 23. November, um 18.30 Uhr und der Abschlussvortrag von Bernhard Viel am Samstag um 15.00 Uhr beenden die Tagung.

Prof. Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz, Vizepräsident der Goethe-Universität: „2018 jährt sich der 175.Geburtstag und 100. Todestag des Steirer Schriftstellers und Heimatdichters Peter Rosegger. Sein literarisches Erbe prägt die historische Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur an der Wende vom 19. Jahrhundert ins 20. Jahrhundert. Im Kontext aktueller gesellschaftspolitischer Herausforderungen wird die Bedeutung von „Heimat“ wieder vermehrt diskutiert. Heimat ist dabei auch als Ort der Verständigung und Begegnung zu verstehen. Sie ist Schlüssel gegenseitigen Verstehens und freundschaftlichen Austauschs miteinander. Beispiel dafür ist sicherlich der hervorragende Wissenschafts- und Kulturtransfers der beiden Länder Hessen und Steiermark, der federführend von der Goethe-Universität begleitet wird. Wichtiger Baustein jenes erfolgreichen Miteinanders war u.a. die Lesung des steirischen Künstlers Klaus-Maria Brandauer anlässlich des 100. Geburtstags der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Weitere Kooperationen für einen gelungenen Brückenschlag zwischen Hessen und der Steiermark sind in Planung. So wird zum Beispiel im Jahr 2019 das Sommerfest der Frankfurter Goethe-Universität unter dem Motto ‚Hessen trifft Steiermark‘ stattfinden. Bestandteil dieser Kooperation ist auch die bevorstehende Tagung.“

Tagung:Heimat in der Kinder- und Jugendliteratur - Vom Alpl ins www“ Freitag, 23. November, ab 14.00 Uhr bis Samstag, 24. November 2018, ca. 16.00 Uhr.

Tagungsort: PH Steiermark, Aula, Hasnerplatz 12, 8010 Graz.

Programm: http://www.uni-frankfurt.de/74628520/Folder_2018_-Programm-Tagung-Heimat.pdf

Veranstalter: Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur e.V. (Volkach, D), Institut für Jugendbuchforschung an der Goethe-Universität (Frankfurt/M., D), KiJuLit – Zentrum für Forschung und Didaktik der Kinder- und Jugendliteratur an der PH Steiermark (Graz, A), Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung (Wien, A), Kooperationspartner: Österreichisches Forum Deutschdidaktik

Information: Dr. Claudia Maria Pecher, Institut für Jugendbuchforschung, Tel.: 069/798-33006, pecher@em.uni-frankfurt.de