Als Goethe mit Marx vertrieben wurde

Die Universität Frankfurt im Fokus von 1968: Am Main prallten die Studenten mit ihren theoretischen Vordenkern zusammen

Veröffentlicht am: Montag, 28. Mai 2018, 12:15 Uhr (125)

FRANKFURT. Die tödlichen Schüsse auf Benno Ohnesorg im Juni 1967 brachten nicht nur in Berlin die Studenten auf die Straße, sondern in ganz Westdeutschland. Als zweites Zentrum der deutschen 68er-Bewegung gilt bis heute Frankfurt am Main. In der heute erscheinenden Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Forschung Frankfurt“, deren Thema „Die 68er“ sind, geht Autor und Historiker Rudolf Walther in einem Überblicksbeitrag der Frage nach: Wodurch zeichneten sich die Geschehnisse an der Goethe-Universität besonders aus?

Schon Ende der 1950er Jahr hatte es auf Frankfurts Straßen zu rumoren begonnen, wie Rudolf Walther deutlich macht: Atomares Wettrüsten und Wiederbewaffnung der Bundesrepublik standen im Fokus der Proteste. Die ersten Demos gegen den Vietnamkrieg gab es in Frankfurt im Mai 1966. Im Frühsommer 1967 formierte sich der breite, auch von Gewerkschaften getragene Widerstand gegen die Notstandsgesetze. Der Wendepunkt, der den Protest zur Massenbewegung machte, war jedoch der Tod des Studenten Benno Ohnesorg. Die Aktionen am Tag von Ohnesorgs Beerdigung wurden an der Goethe-Uni zunächst unterstützt: Rektor Walter Rüegg ordnete an, den Unibetrieb ruhen zu lassen zum Gedenken an den getöteten Kommilitonen. Dies sollte sich später ändern.

Die Kritische Theorie zählt zu den intellektuellen und politischen Quellen der Bewegung weit über Frankfurt hinaus. An der Johann Wolfgang Goethe-Universität jedoch setzten sich die protestierenden Studenten besonders intensiv mit den Vordenkern der Frankfurter Schule auseinander. Die Entfremdung von Theorie und Praxis war kaum aufzuhalten – und mündete in eine Anzeige Theodor W. Adornos gegen Hans Jürgen Krahl und in einen Strafprozess, in dem Adorno als Zeuge gegen seinen einstigen Doktoranden aussagte. Schon beim Kongress „Student und Demokratie“, den der SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) 1967 organisiert hatte, prallten die Auffassungen unversöhnlich aufeinander. Jürgen Habermas setzte sich zwar einerseits massiv dafür ein, dass der Mord an Ohnesorg von unabhängigen Ermittlern aufgeklärt würde, und warnte vor der Gefahr einer „stillschweigenden Umwandlung unseres demokratischen Rechtsstaats in einen Polizeistaat“. Andererseits bezeichnete Habermas Rudi Dutschkes Ideologie als „linken Faschismus“, was er zwar später relativierte, die Kritik am leerlaufenden Aktionismus jedoch aufrechterhielt.

Der „Aktionismus“ kümmerte sich darum wenig und kam mit Go-ins, Sit-ins,Teach-ins zur vollen Entfaltung. Ziel war es, Diskussionen über den Studienbetrieb, die Studieninhalte und die Demokratisierung der universitären Strukturen und Gremien zu erzwingen. Reformbereitschaft war gerade bei den jüngeren Professoren und im Mittelbau durchaus vorhanden, sie ging den Studierenden jedoch nicht weit genug.

Nicht jeder reagierte so gelassen wie der Politikwissenschaftler und SPD-Politiker Carlo Schmid, dessen Vorlesung die Studierenden am 16. November 1967 sprengten. Damit hatten sie Rektor Rüegg gegen sich aufgebracht, der in den Aktionen eine „Einübung faschistischer Terrormethoden“ und „Hausfriedensbruch“ sah. Es folgte ein Schlagabtausch, in dessen Zusammenhang die bis heute bestehende Universitätszeitung „UniReport“ gegründet wurde.

Die weitere Auseinandersetzung wurde in Frankfurt beiderseits mit harten Bandagen geführt, die komplexen Abläufe hat Autor Rudolf Walther genau recherchiert. Er schlägt einen Bogen von der Blockade des amerikanischen Generalkonsulats im November 1967 über die Belagerung der Societätsdruckerei, die Brandanschläge der späteren RAF-Terroristen auf Frankfurter Kaufhäuser bis zum Höhepunkt der Aufstände im Mai 1968: Aus Anlass der zweiten und dritten Lesung der Notstandsgesetze wurde die Universität tagelang bestreikt, mehr als 10.000 Menschen demonstrierten auf dem Römerberg, Studenten besetzten das Rektorat und benannten die Universität kurz in „Karl-Marx-Universität“ um. Der „heiße Sommer“ war von kurzer Dauer und endete bereits am 5. Juni mit der polizeilichen Räumung der Universität. Der Autor beschreibt die Auseinandersetzung mit den Protagonisten der Frankfurter Schule, die in der Besetzung des Instituts für Sozialforschung gipfelte – und in der Anzeige Adornos.

Weitere Beiträge in der aktuellen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ widmen sich unterschiedlichen Aspekten und Auswirkungen der 68er-Bewegung. So geht es um die Revolte in der Kunst, den Kampf der Frauen um Emanzipation, die Etablierung der Erziehungswissenschaften an der Universität oder darum, was aus den Demokratisierungsbestrebungen von damals wurde.

Journalisten können die aktuelle Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ kostenlos bestellen bei Helga Ott, Vertrieb, ott@pvw.uni-frankfurt.de.

Im Internet: http://tinygu.de/ForschungFrankfurt-1-2018

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