Auf der Suche nach der gewonnenen und verlorenen Zeit

Neueste Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Forschung Frankfurt thematisiert vielfältige Facetten der Zeit

Veröffentlicht am: Mittwoch, 21. Juni 2017, 10:54 Uhr (136)

FRANKFURT. Wo bleibt sie nur die gewonnene Zeit, zumal sich doch heute viele Dinge mit weniger Aufwand und deutlich schneller erledigen lassen? In der soeben erschienen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Forschung Frankfurt (1/2017) sind die Autorinnen und Autoren den vielfältigen Facetten der Zeit nachgegangen.

Dabei beschäftigen sie sich unter anderem mit dem individuellen Zeitempfinden, das sich im Laufe des Lebens verändert, mit der nur vermeintlich gewonnenen Zeit durch die digitalen Medien oder durch das Aufschieben. Aber auch von der Macht der Dringlichkeiten und der Kunst des Abdankens handeln die Beiträge. Die naturwissenschaftlichen Artikel beleuchten zudem, ob Zeitreisen prinzipiell möglich sind und wie man das Ticken der biologische Uhr misst. In einem Gespräch mit dem technischen Leiter des Wissenschaftsgartens geht es um die Kunst des Wartenkönnens, wobei man die Natur dennoch manchmal austricksen kann.

Hier einige Highlights des Magazins:

  • „Die Macht der Dringlichkeiten“ ist der Titel eines Beitrags, die die Frankfurter Sozialpsychologin Prof. Vera King geschrieben hat. Sie hat in ihrer Forschung beobachtet: Wettbewerbsdruck und damit verbundene Beschleunigung verändern nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch den Familienalltag und die individuelle Lebensführung. Aber die Anpassung an die Macht der Dringlichkeiten wird nicht immer nur leidvoll erlebt.
  • Kämpften Arbeitnehmer in den 1950er Jahren noch für den freien Samstag und die 40-Stunden-Woche stehen heute ganz andere Probleme im Focus: 84 Prozent der Arbeitnehmer sind selbst in der Freizeit in Dauerbereitschaft. Flexible Arbeitszeiten und individuelle Arbeitszeitmodelle bringen zwar mehr Freiheit, führen aber auch zur Entgrenzung der Arbeit – häufig mit sozialen und gesundheitlichen Folgen. Über den Wandel der Arbeitszeit hat Ulrike Jaspers mit verschiedenen Frankfurter Wissenschaftler gesprochen.
  • Wenn das menschliche Leben der Vergänglichkeit unterworfen ist, wie kann der Mensch dann Glück erfahren? Der Literaturwissenschaftler Prof. Achim Geisenhanslüke schaut, wie Walter Benjamin und Marcel Proust diese Frage beantwortet haben. Für Benjamin offenbart sich Glück nur in kurzen Momenten als eine Erlösung von der linear fortschreitenden Zeit, und das geschieht in der Begegnung mit der Kunst. Der berühmte Autor des mehrbändigen Romans „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ sucht das Glück in der wiedergefundenen Zeit der Erinnerung – auch dies bleiben nach Proust Erfahrungen des Augenblicks.
  • Viele grundlegende physikalische Gesetze sind auch gültig, wenn die Zeit rückwärts läuft. Dennoch hat der Zeitpfeil eine eindeutige Richtung, wie der Physik-Didaktiker Prof. Roger Erb erklärt. Das hängt damit zusammen, dass Unordnung viel wahrscheinlicher ist als Ordnung. Aber es gibt auch noch andere Gründe dafür, dass Zeitreisen physikalisch nicht möglich sind. Darüber schreibt der Physiker und Wissenschaftskommunikator Sascha Vogel in seinem Beitrag über Physik in Hollywood am Beispiel der Filme „Zurück in die Zukunft“ und „Interstellar“.
  • Der Biologe Prof. Roland Prinzinger kann von jedem beliebigen Vogelei sagen, wann das Junge schlüpfen wird. Zwar dauert das bei Vögeln je nach Größe von 12 Tagen beim Zebrafink (Ei-Gewicht ca. 1,5 g) bis zu 50 Tagen beim Strauß (Ei-Gewicht bis zu 1 900 g). Aber in Stoffwechseleinheiten gemessen schlüpfen aber alle Jungen, nachdem sie rund 2 kJ/g Energie umgesetzt haben. Prinzinger misst deshalb das Ticken der biologischen Uhr in Stoffwechseleinheiten.
  • Schon im Altertum hatten Menschen das Bedürfnis, die Zeit zu erfassen. Im alten Ägypten teilten Sonnenuhren die Zeit zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang in zwölf Stunden. So waren die Stunden im Winter kürzer als im Sommer. Heute sind moderne Atomuhren so genau, dass sie in zehn Milliarden Jahren nur maximal eine Sekunde falsch gehen. Über die zunehmende Präzision der Zeitmessung berichtet die Wissenschaftsjournalistin Dr. Stefanie Hense in ihrem Beitrag „Von der Sonnenuhr zur Atomuhr“.

Die aktuelle Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ (1/2017) kann kostenlos bestellt werden: ott@pvw.uni-frankfurt.de. Im Internet steht sie unter: www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de.