Das braucht gute Lehre: Engagierte Lehrende und innovative Lehrformate

Zum 15. Mal wird der 1822-Universitätspreis für exzellente Lehre verliehen – Die Preisträger: der Informatiker Dr. Karsten Tolle, der Neurobiologe Prof. Dr. Bernd Grünewald, die Linguistin Dr. Irene Corvacho

Veröffentlicht am: Montag, 04. Juli 2016, 15:20 Uhr (177)

FRANKFURT.„Der 1822-Universitätspreis hat der Hochschullehre zu stärkerer Sichtbarkeit verholfen; engagierte Lehrende bekommen heute wesentlich mehr Anerkennung – nicht nur von den Studierenden, auch von ihren Kolleginnen und Kollegen“, so die Präsidentin der Goethe-Universität, Prof. Dr. Birgitta Wolff bei der Verleihung des Preises, der heute bereits zum 15. Mal vergeben wird. Er hat wesentlich dazu beigetragen hat, dass der Lehre mehr Gesicht und Gewicht verliehen wird. Ausgezeichnet werden heute: der Informatiker Dr. Karsten Tolle (1. Preis: 15.000 Euro), der Neurobiologe Prof. Dr. Bernd Grünewald (2. Preis: 10.000 Euro) und die Linguistin Dr. Irene Corvacho (3. Preis: 5.000 Euro).

Der 1822-Preis rückt die Qualität der Lehre, die Lehrenden, ihre Interaktion mit den Studierenden in den Blick – und „damit das Lehren undLernen, das sich normalerweise hinter verschlossenen Seminartüren vollzieht“, ergänzt die Universitätspräsidentin. Als entscheidende Voraussetzungen für gelingende Lehre bezeichnet sie: Persönlichkeit und Engagement, Kreativität und didaktisches Geschick, persönliche Reflexion über Lehre und Lernen – und eben auch ausreichend Zeit für die Vorbereitung.

Auch wenn die Reputation der Lehre in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen hat, so bleibt doch eine Diskrepanz zwischen dem Ansehen von Lehre und Forschung. Denn immer noch steht die Forschungsleistung an erster Stelle, wenn es um die wissenschaftliche Karriere geht. „Engagement in der Forschung darf nicht gegen Engagement in der Lehre ausgespielt werden“, warnt Prof. Karin Donhauser von der Humboldt-Universität zu Berlin auch mit Blick auf die nächste Runde der Exzellenzinitiative. Die zweimalige Juryvorsitzende des „Qualitätspakts Lehre“ von Bund und Ländern setzt auf konsequente Vernetzung derjenigen, die sich umfassend mit wissenschaftlicher Lehre auseinandersetzen: „ „Systematische Vernetzung bringt mehr als die Einrichtung neuer Gremien“, ist Karin Donhauser überzeugt.

Es zeichnet sich ein langsamer Wandel in der Wertschätzung der Lehre ab, wie die für Lehre verantwortliche Vizepräsidentin, Prof. Dr. Tanja Brühl, beobachtet. Sie hat den 1822-Preis bereits 2008 bekommen, damals war die Politikwissenschaftlerin noch Juniorprofessorin: „Der Preis bedeutete Rückenwind für meine Karriere als Hochschullehrerin, war Anerkennung und Ansporn zugleich“, erinnert sich Brühl. „Der Lehrpreis hat mich ermutigt, mit neuen Lehrformen und -formaten zu experimentieren. Neues zu wagen und die eigene Lehre fortwährend zu reflektieren und zu professionalisieren – das ist es, was in meinen Augen gute Lehrende ausmacht.“

Bei der Vergabe des 1822-Preises spielen die Studierenden eine zentrale Rolle. Dazu Dr. Kerstin Schulmeyer-Ahl, Leiterin der Abteilung Lehre und Qualitätssicherung, an die Studierenden ihre Verschläge senden: „Dass die Studierenden so rege von ihrem Vorschlagsrecht Gebrauch machen, zeugt von der Wertschätzung, die sie guter Lehre und engagierten Dozenten entgegenbringen.“ Gute Lehre ist nicht ohne die Studierenden zu realisieren, hat Schulmeyer-Ahl in den vergangenen Jahren immer wieder beobachten können, und sie fügt hinzu: „Die Perspektive der Studierenden, ihre Erwartungen, vor allem aber ihr Wissen um die konkrete Studiensituation in den einzelnen Fächern ist für die Weiterentwicklung von Lehrformaten und Studiengängen unabdingbar.“

Der von der Stiftung der Frankfurter Sparkasse und der Goethe-Universität ausgelobte „1822-Universitätspreis für exzellente Lehre“ wird seit 2002 jährlich vergeben und ist insgesamt mit 30.000 Euro dotiert. „Die Stiftung der Frankfurter Sparkasse fördert das Preisgeld für den ersten und den dritten Platz. Exzellente Lehre ist die Voraussetzung, um engagierte und qualifizierte Fachkräfte für unsere Region zu gewinnen. Diese wichtige Aufgabe der Lehre wollen wir unterstützen“, betont Robert Restani, Vorstandsvorsitzender der Frankfurter Sparkasse. In diesem Jahr lagen der Jury Nominierungen aus nahezu allen Fachbereichen der Universität vor. Aus diesen wählte eine Kommission, bestehend aus Studierenden, Professoren und Mitarbeitern der Universität sowie eines Vertreters der Stiftung der Frankfurter Sparkasse, die Preisträger aus. 

Die Preisträger 2016

Dr. Karsten Tolle, Informatiker

Dr. Karsten Tolle, geboren 1971 in Hannover, ist seit dem Jahr 2000 als Akademischer Rat am Institut für Informatik beschäftigt. Sein thematischer Schwerpunkt in Forschung und Lehre ist die praktische Informatik, insbesondere das Thema Datenbanken, das er auch in sehr großen Lehrveranstaltungen lebendig und anregend zu vermitteln weiß.

Karsten Tolle begegnet den meisten Studierenden erstmals im zweiten Semester in der Vorlesung „Grundlagen der Programmierung 2“, die er – abweichend vom klassischen Vortragsstil – in Dialogform hält. Die Studierenden erleben ihn als zugewandten Dozenten, der ihre Fragen ernst nimmt und ihnen die erforderliche Zeit widmet, wie sie in ihrem Nominierungsvorschlag erläutern. Sein Vortrag zeichne sich gleichermaßen durch fachliche wie durch didaktische Kompetenz aus. Eine Studentin schreibt, Karsten Tolle habe sie als „roter Faden der Motivation“ durch ihr Studium begleitet.

Sein Fachwissen bringt Dr. Tolle auch in anderen Zusammenhängen ein: So hat er ein System zur automatisierten Bewertung von Programmieraufgaben mitentwickelt, das im Wintersemester 2015/16 erstmals eingesetzt wurde. Nach Ansicht von Studiendekan Prof. Dr. Ulrich Meyer zeigten sich Tolles Fähigkeiten hier in zweifacher Hinsicht: „Statt den einfachen Weg zu gehen und bestehende Konzepte zu übernehmen, hat Herr Tolle Neuland betreten – und das Risiko hat sich ausgezahlt.“ Die üblichen Reibungsverluste bei der Einführung einer neuen Software habe er in Abstimmung mit den Studierenden zur allseitigen Zufriedenheit gelöst. 

Prof. Dr. Bernd Grünewald, Neurobiologe

Prof. Dr. Bernd Grünewald hat eine von der Polytechnischen Gesellschaft gestiftete Professur an der Goethe-Universität inne: Er ist Professor für Neurobiologie am Fachbereich Biowissenschaften und gleichzeitig Leiter des Instituts für Bienenkunde in Oberursel, ein von der Polytechnischen Gesellschaft gefördertes Institut.

In Remscheid geboren, studierte Grünewald Biologie in Regensburg, wo er sich bereits auf die Neurobiologie der Insekten konzentrierte. Nach Stationen in Berlin und Arizona kam er 2007 an die Goethe-Universität. Trotz der großen Studierendenzahlen in den Biowissenschaften (ca. 1300) gelingt es ihm, persönliche Kontakte zu den Studierenden zu pflegen und sie für sein Fach zu begeistern. Als Studiendekan hat er es verstanden, die Studierenden aktiv in den Prozess der Reakkreditierung der Studiengänge einzubinden. Auf ihre Bitten hin hat er sogar sein Amt als Studiendekan um eine halbe Amtszeit verlängert.

Eine besondere Rolle in Grünewalds Lehre spielt das forschende Lernen: Er legt viel Wert darauf, dass sich seine Studierenden nicht nur abstraktes Wissen aneignen; vielmehr möchte er sie zu unabhängigem Denken und eigenständiger Erkenntnis führen. So gibt er ihnen – wo es möglich ist – auch Gelegenheit, frühzeitig eigene Forschungsfragen aufzugreifen und in Versuche umzusetzen. 

Dr. Irene Corvacho del Toro, Linguistin

Dr. Irene Corvacho arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Psycholinguistik. 1973 in Kolumbien geboren, lernte sie als erste Fremdsprache Deutsch, besuchte die Deutsche Schule in Barranquilla. Später ging sie zum Studium der Sprachlehrforschung und Anglistik nach Hamburg.

Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die Orthographie: Im Streit um „die richtige“ Unterrichtsmethode nimmt die Zahl der Kinder mit Rechtschreibschwierigkeiten eher zu als ab. Oft fehlt es bei den Lehrkräften an theoretischem Wissen über die eigene  Sprache, hat Corvacho schon in ihrer Doktorarbeit herausgefunden. An der Goethe-Universität hat sie deshalb eine neue Unterrichtsform entwickelt, die den Studierenden helfen soll, sich besser auf ihre spätere Tätigkeit als Lehrer vorzubereiten: Die Vermittlung von linguistischem Fachwissen geht Hand in Hand mit der Vermittlung der didaktisch-pädagogischen Instrumente.

Ein besonders erfolgreiches, aber für die Studierenden arbeitsintensives Hauptseminar trägt den Titel „Individuelle Förderung der Rechtschreibentwicklung bis Klasse 9“. Hier ist viel Eigeninitiative  gefragt: Die Studierenden suchen sich jeweils ein Kind, das Schwierigkeiten in der Rechtschreibung hat. In enger Abstimmung mit Eltern und Schule werden die Schülerinnen und Schüler begleitet; im Seminar werden die spezifischen Probleme der Kinder analysiert und Lösungsansätze gesucht. Auf diese Weise haben die Lehramtsstudentinnen und -studenten immer wieder Erfolgserlebnisse: Die meisten der Schüler konnten sich in der Schule deutlich verbessern, bei einem Kind  wurde sogar die Übertrittsempfehlung geändert: Es konnte auf die Realschule statt auf die Hauptschule wechseln.


In diesem Jahr lagen der Jury 25 Nominierungen aus nahezu allen Fachbereichen der Universität vor. Aus diesen wählte eine Kommission, bestehend aus Studierenden, Professoren und Mitarbeitern der Universität sowie eines Vertreters der Stiftung der Frankfurter Sparkasse, die Preisträger aus.

Der Band zum Preis „Was braucht gute Lehre? – Personen, Projekte, Positionen“

Pünktlich zum kleinen Jubiläum, der 15. Vergabe des 1822-Universitätspreises, ist dieser Band erschienen. Die 36 Preisträgerinnen und Preisträger aus 15 Jahren, die hier ebenso wie ihre Lehrprojekte vorgestellt werden, repräsentieren einen breiten Querschnitt durch die Goethe-Universität: vom jungen Nachwuchswissenschaftler zur Vizepräsidentin, vom selbständigen Wissenschaftscoach zum Sprecher eines Exzellenzclusters, von der Judaistin zum Neurobiologen. Die Gruppe der Preisträger ist bunt und sie zeigt, dass gute Lehre durchaus mit Forschungsstärke oder der Übernahme hochschulpolitischer Verantwortung einhergehen kann. Der Band vermittelt Erkenntnisse der aktuellen Lehr- und Lernforschung wie der hochschulpolitischen Diskussion.

Lehre ist immer auch ein Experiment, das Kreativität erfordert. Dieses Element greift der Band auf, indem er mit Textformaten und Visualisierungen spielt. In Porträts und Projektskizzen informieren Journalistinnen über die Preisträger, in Interviews antworten diese auf Fragen rund um Studium und Lehre. Dabei zeigt sich: Exzellente akademische Lehre folgt nicht automatisch aus guter Forschung – auch wenn sie zweifelsohne auf dieser basiert. Exzellente Lehre ist voraussetzungsreich: Sie erfordert Theorien und Konzepte, didaktisches Wissen und (Selbst-)Reflexion und nicht zuletzt hinreichend Vorbereitungszeit.

Informationen: Dr. Kerstin Schulmeyer-Ahl,  Tel.: (069) 798-12431, E-Mail: schulmeyer@pvw.uni-frankfurt.de, Nina Eger, Abteilung Lehre und Qualitätssicherung, Präsidialbereich, Campus Westend, Tel.: (069) 798-12455, E-Mail: eger@pvw.uni-frankfurt.de

Fotos der Preisträger können abgerufen werden bei Helga Ott: ott@pvw.uni-frankfurt.de