Was ist „Gnosis“? Antworten aus dem Textfund von Nag Hammadi

Die 4. Dagmar-Westberg-Vorlesung mit dem Berliner Christoph Markschies, Professor für Ältere Kirchengeschichte

Veröffentlicht am: Montag, 26. Oktober 2015, 11:07 Uhr (280)

FRANKFURT.Die 4. Dagmar-Westberg-Vorlesung übernimmt im Wintersemester Christoph Markschies, Professor für Ältere Kirchengeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Der renommierte Wissenschaftler und ehemalige Präsident der Humboldt-Universität hält Anfang November drei öffentliche Vorträge und ein Kolloquium zum Thema „Was ist ‚Gnosis‘? Antworten aus dem Textfund von Nag Hammadi“.

Prof. Markschies spricht über die spätantike religionsgeschichtliche Erscheinung der „Gnosis“. Gnosis bedeutet Erkenntnis im allgemeinen Sinne und bezeichnet ein religiöses esoterisches Wissen, das die Gnostiker, zu denen christliche, jüdische, aber auch heidnische, hellenistische Intellektuelle gehörten, nach eigenem Verständnis von der übrigen Menschheit abhebt. Die Gnosis des zweiten Jahrhunderts n. Chr. stellt eine Mischung aus den verschiedensten zeitgenössischen Religionen des griechisch-römischen und orientalischen Kulturkreises dar. Die Ursprünge der Gnosis sind in der Forschung nicht unumstritten, zumal die Wissenschaftler lange auf Textüberlieferungen von frühchristlichen Gegnern der Bewegung angewiesen waren.

Kontrovers ist vor allem, ob es sich um ein trotz seiner Vielfalt einheitliches Phänomen handelt, wie etwa der Philosoph Hans Jonas in seinem klassischen Werk „Gnosis und spätantiker Geist“ (1934) urteilte. Die 1945 im ägyptischen Nag Hammadi gefundene Bibliothek frühchristlicher, darunter auch gnostischer Schriften hat die Forschung stark differenziert, indem sie die Textgrundlage erweitert und die Vielstimmigkeit der als gnostisch erachteten Strömungen sichtbar gemacht hat. Die Nag Hammadi-Schriften bieten die Grundlage für den Versuch dieser Vorlesungsreihe, zu einer Definition der „Gnosis“ zu gelangen und sie im Kontext der spätantiken Religions- und Geistesgeschichte zu interpretieren.

Termine und Themen im Einzelnen:

2.11. (Montag), Beginn 18 Uhr, Campus Westend, Festsaal Casino
Auf dem Wege zu einer neuen Definition von „Gnosis“

3.11. (Dienstag), Beginn 18 Uhr, Campus Westend, Hörsaalzentrum, HZ 3
Der Textfund von Nag Hammadi als Teil einer Klosterbibliothek

4.11. (Mittwoch), Beginn 18 Uhr, Campus Westend, Hörsaalzentrum, HZ 3
Die „Gnosis“ als Teil der antiken Religions- und Geistesgeschichte

Kolloquium zu den Vorlesungen

5.11. von 10 bis14 Uhr, Campus Westend, IG-Farben-Haus, Eisenhower-Raum 1.314
Die Gnosis-Deutung von Hans Jonas und ihre Bedeutung für heute

Zur Person des Vortragenden: Nach seinem Studium der Evangelischen Theologie, der Klassischen Philologie und der Philosophie in Marburg, Jerusalem, München und Tübingen promovierte Christoph Markschies in Tübingen, habilitierte sich 1994 mit dem Thema „Ambrosius von Mailand und die Trinitätstheologie“ und wurde 1994 zum Professor für Kirchengeschichte an die Friedrich-Schiller-Universität Jena berufen. Von 1998 bis 2000 und 2005 war er Fellow des Wissenschaftskollegs zu Berlin und des Institute for Advanced Studies der Hebrew University Jerusalem. Im Herbst 2000 folgte er dem Ruf an die Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und hatte den Lehrstuhl für Historische Theologie inne. Die Humboldt-Universität zu Berlin berief Markschies 2004 auf den Lehrstuhl für Ältere Kirchengeschichte (Patristik). 2006-2010 war er Präsident der Humboldt-Universität. 2001 erhielt er den Leibniz-Preis. Zu seinen zahlreichen Publikationen zählen u.a. die Monografien „Die Gnosis“ (München 2001) und „Das antike Christentum. Frömmigkeit, Lebensformen, Institutionen“ (München 2006).   

Die Gastprofessur, ist nach dem Vorbild amerikanischer Lectures konzipiert. Sie wird aus einem Stiftungsfonds finanziert, den die Mäzenin Dagmar Westberg zur Verfügung gestellt hat. Nach dem Willen der Stifterin soll das Geld ausschließlich für die Geisteswissenschaften verwendet werden. So kann die Goethe-Universität jährlich einen weltweit renommierten Vertreter nach Frankfurt einladen. In den vergangenen drei vergangenen Jahren fiel die Wahl auf den Germanisten Peter Strohschneider, der nun DFG-Präsident ist, die amerikanische Philosophin Martha Nussbaum und den deutsch-amerikanischen Archäologen Lothar von Falkenhausen. Der Stiftungsfonds für die Gastvorlesung ist nicht das einzige Engagement der Stifterin an der Goethe-Universität: Die Hundertjährige engagiert sich in der erheblicher Größenordnung für das Forschungskolleg Humanwissenschaften in Bad Homburg und finanziert seit 2010 auch einen Preis für die wissenschaftliche Beschäftigung mit der britischen Literatur, Kultur und Geschichte an der Universität Frankfurt.

Informationen: Prof. Dr. Christian Wiese, Martin-Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie, Fachbereich Evangelische Theologie, Tel. (069) 798-33313, c.wiese@em.uni-frankfurt.de