Geistwissenschaften multimedial: Ausstellung „Menschen / Tun / Dinge“ zu Wert und Wandel von Objekten

16 Promovenden des Graduiertenkollegs „Wert und Äquivalent“ nehmen die Besucher mit auf eine interaktive Entdeckungsreise

Veröffentlicht am: Freitag, 16. Oktober 2015, 09:41 Uhr (270)

FRANKFURT. Geisteswissenschaften multimedial – Wissensvermittlung per Touch und Click – vergnüglicher Erkenntnisgewinn, das bieten die 16 Doktorandinnen und Doktoranden des Graduiertenkollegs „Wert und Äquivalent“ der Goethe-Universität in ihrer Ausstellung „Menschen | Tun | Dinge“. Sie ist von Donnerstag (15. Oktober) bis 20. Dezember im Foyer des IG-Farben-Hauses auf dem Campus Westend, aber auch unter www.Menschen-Tun-Dinge.de zu sehen.

Mit diesen drei Worten umfassen die Kuratoren der Ausstellung, der Ethnologe Prof. Hans Peter Hahn und die beiden Archäologinnen Annabel Bokern und Prof. Fleur Kemmers, was Kultur ausmacht. Dazu Hahn: „Die Kultur einer Gesellschaft wird durch die Handlungen von Menschen – deren Tun – geformt. Und Dinge, die Menschen herstellen, gebrauchen oder denen sie besondere Bedeutung zumessen, gibt und gab es in allen Kulturen und zu allen Zeiten.“ Wer – wie die Gruppe junger Wissenschaftler – von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) Drittmittel erhält, verpflichtet sich, nicht nur an dem Opus Magnum der Dissertation zu arbeiten, sondern die Öffentlichkeit an den eigenen Forschungsergebnissen teilhaben zu lassen – und so entstand diese Ausstellung mit viel Kreativität und begrenztem Budget.

Im Zentrum der Ausstellung und ihrer virtuellen Präsentation, deren ansprechendes minimalistisches Konzept einer jungen Mainzer Kommunikationsdesignerin unter dem Label „Martina Miocevic | Mathilda Mutant“ in enger Kooperation mit den Kuratoren und Promovenden entwickelt haben, steht die Frage, wie Menschen und Dinge sich wechselseitig beeinflussen. So deutlich die wechselseitigen Beziehungen von Menschen und Dingen sind, so offensichtlich ist auch deren Vielgestaltigkeit. „Dinge können zeitgleich ganz unterschiedliche Bedeutung haben“, so Bokern, und Kemmers ergänzt: „Mehrdeutigkeit ist dabei nicht nur ein Problem, sondern auch eine besondere Stärke für den Zugriff auf materielle Zeugnisse.“

In jeder einzelnen Fallstudie, die die 16 Promovenden des Graduiertenkollegs „Wert und Äquivalent“ in vier Themenbereichen vorstellen, werden die Wandelbarkeit der Dinge und die Möglichkeiten unterschiedlicher Interpretationen mit berücksichtigt. Die vier Themenkreise „Produktion und Gebrauch“ (ab 15.10.), „Tradition und Wandel“ (ab 29.10.), „Landschaft und Urbanisierung“ (ab 12.11.), „Wirtschaft und Verwaltung“ (ab 26.11.) bespielen jeweils zwei Wochen die interaktive Box im Foyer des IG-Farben-Hauses, auf der Web-Page www.Menschen-Tun-Dinge.de sind alle vier Bereiche ab 15. Oktober freigeschaltet.

Das Plakat der Ausstellung schmückt eine Kürbisfratze – auf diese hatten sich die zwei Archäologen und zwei Ethnologen schnell verständigt, die den Themenbereich „Tradition und Wandel“ bearbeitet haben. Dazu der Ethnologe Sebastian Schellhaas, der sich eigentlich mit indigener Küche in British Columbia befasst: „Keiner von uns beschäftigt sich mit Kürbisfratzen, doch der sinnbildliche Charakter dieses Objekts ist unmissverständlich und verweist unmittelbar auf ein Phänomen, nämlich Halloween. Das verbindet die vielen Fragestellungen, mit denen wir uns auseinandersetzen.“ Am Exempel Halloween können sie zeigen, dass Tradition aus dem Aneignen, Zusammenfügen, Neuordnen und Wiederaufgeben kultureller Praktiken und Glaubensinhalte gebildet wird. Besucher, ob in der interaktiven Box im Foyer des IG-Farben-Hauses oder über die Web-Page, erfahren spannende Details über Traditionen im Wandel der Zeiten.

„Auch wenn Traditionen wie die Halloween  ihren Ursprung im Dunkel der Vergangenheit haben, sind sie doch nicht zeitlos“, so Schellhaas. Es bleibt die Frage, wie viel Altes braucht es und welches Maß an Neuem ist erlaubt, um im Wandel trotzdem als Tradition zu bestehen? In der Archäologie und Ethnologie finden sich zahlreiche Beispiele, die auf einen solchen Prozess hindeuten. So führt die nächste „Ebene“ der multimedialen Präsentation zu dem empirischen Material, das die vier Promovenden in ihren Projekten erforschen. Der Archäologe Lukas Wiggering verfolgt beispielsweise den Austausch von materiellen und immateriellen Gütern in der europäischen Bronzezeit. Dieser Austausch stellt nicht nur eine Abkehr vom Alten, sondern gleichzeitig die Aneignung von Neuem dar. Mit der Verbreitung der Bronze gingen umfassende gesellschaftliche Veränderungen einher.

Nach ähnlichem Muster werden auch die anderen drei Themenbereiche medial umgesetzt – immer knüpfen die Dinge im Zentrum des mit neongrünen Ecken markierten Quadrats an heutige Alltagsverfahren an: die Zahnbrüste für „Produktion und Gebrauch“, der klassische Achter-Legostein für „Landschaft und Urbanisierung“ und das Klemmbrett mit Darth Vader von „Starwars“ für „Wirtschaft und Verwaltung“. Nach jedem dieser Objekte folgt eine Zwischenseite mit einem erklärenden Text zum Thema. Auf den weiteren Seiten gibt es zu den Dissertationsprojekten erklärende Texte, Fotos, Karten, Videos, 3D-Modelle und Simulationen, Interviews mit Doktoranden und Fotos zur Arbeitssituation.

Wer all dieses nicht nur virtuell erleben möchte, für denjenigen gibt es auch einen Katalog zum Blättern und Lesen. Er ist im Kerber-Verlag (ISBN 978-3-7356-0163-6, 30 Euro) erschienen und enthält u.a. fünf Seiten zu jedem der vier Themenbereiche als Einführung und zum Konzept sowie jeweils fünf Seiten zu jedem der 16 Projekte. In einem Dokumentationsteil wird außerdem erklärt, warum das Graduiertenkolleg diese Ausstellung macht, dazu wird eine Auswahl von Fotos bei der Arbeit gezeigt.

Jeweils zum Wechsel der ausgestellten Projekte in der Box des Foyers im IG-Farben-Haus findet auch um 18.15 Uhr im Raum EG 411 ein öffentlicher Vortrag statt.

Informationen: Annabel Bokern, Graduiertenkolleg „Wert und Äquivalent“, Campus Westend, Tel. 069-798 32293, value@em.uni-frankfurt.de, www.Menschen-Tun-Dinge.de