Der Sozialphilosoph Michael Walzer aus Princeton zu Gast an der Goethe-Universität

Vortrag aus Anlass des 50-jährigen Todestages des Philosophen Martin Buber (1878-1965)

Veröffentlicht am: Mittwoch, 03. Juni 2015, 11:55 Uhr (161)

FRANKFURT. Der renommierte US-amerikanische Sozialphilosoph und politische Theoretiker Prof. Dr. Michael Walzer (Princeton) hält am Donnerstag (11. Juni) die Martin-Buber-Vorlesung zur jüdischen Geistesgeschichte und Philosophie. Veranstaltet wird der öffentliche Vortrag zum Thema „States and Communities“ von der Martin-Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie in Kooperation mit dem Graduiertenkolleg „Theologie als Wissenschaft“ und dem Forschungszentrum Historische Geisteswissenschaften. Die Veranstaltung beginnt um 18 Uhr im Festsaal des Casinos, Campus Westend.

Die Martin-Buber-Professur wurde 1989 mit dem Ziel gegründet, an das Wirken des berühmten Philosophen an der Frankfurter Universität zu erinnern. Bei der jährlichen Martin-Buber-Vorlesung präsentieren herausragende internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler neueste Forschungsergebnisse zur jüdischen Geistes- und Kulturgeschichte, zur jüdischen Religionsphilosophie sowie zu den Beziehungen des Judentums zu Christentum und Islam. Mit Michael Walzer konnte dieses Jahr einer der wichtigsten zeitgenössischen politischen Theoretiker gewonnen werden, der sich immer wieder auch zu jüdischen Themen geäußert hat, u. a. als Herausgeber einer mehrbändigen Anthologie zum Thema „The Jewish Political Tradition“(2000/2003). In seinem Vortrag in englischer Sprache wird er sich mit Fragen der politischen Theorie (Liberalismus, Demokratie, Gerechtigkeit, Zivilgesellschaft) auseinandersetzen. Walzer ist emeritierter Professor am Institute for Advanced Studies an der Princeton University.

Ausgangspunkt des Vortrags sind sozialphilosophische Überlegungen, die Martin Buber 1950 in seinem Werk „Pfade in Utopia. Über Gemeinschaft und deren Verwirklichung“ angestellt hat. Sie stehen in Zusammenhang mit Bubers Hoffnung, die genossenschaftlichen Siedlungen der Juden in Palästina, später im Staat Israel, könnten zum Beginn eines freiheitlichen Sozialismus werden, wie ihn Gustav Landauers in seinen sozialutopischen Ideen entworfen hatte. Das „dialogische Prinzip“ sollte neben dem privaten Leben auch die Gesellschaft gestalten und solidarische, dezentrale, basisdemokratische Gemeinschaften schaffen, in denen sich die Einzelnen nicht nur benutzen, sondern als Menschen anerkennen. Entschieden wandte sich Buber deshalb gegen staatliche Bevormundung und Ausbeutung.

Im Anschluss an Bubers Denken wird Walzers Vortrag zentrale Fragen seiner eigenen politischen Philosophie diskutieren, wie er sie u.a. in seinem Buch „Sphären der Gerechtigkeit“ (1983) dargelegt hat: insbesondere eine kommunitaristisch motivierte Kritik an den Konzepten des liberalen Staates, die vielfach zu einer Entsolidarisierung der Gesellschaft führen und denen es den Wert der Gemeinschaft entgegenzusetzen gilt. In diesem Zusammenhang werden zentrale gesellschaftspolitische Fragen angesprochen, einschließlich jener nach dem Zusammenleben kulturell unterschiedlicher Gemeinschaften in einer pluralistischen Gesellschaft.

Walzer ist in den vergangenen Jahrzehnten vor allem durch Bücher wie „Just and Unjust Wars“ (1977), „On Toleration“(1997), „Arguing About War“ (2004) oder „In God’s Shadow: Politics in the Hebrew Bible“ (2014) hervorgetreten. Er schreibt regelmäßig für Zeitschriften wie „The New Republic, Dissent“ oder „The New Yorker“. Soeben erschien sein neues Buch „The Paradox of Liberation: Secular Revolutions and Religious Counterrevolutions.”

Am 13. Juni 2015 jährt sich zum fünfzigsten Mal Bubers Todestag, dessen Biografie eng mit seinem Wohnort Heppenheim, wo er von 1916 bis 1938 lebte, und mit der Universität Frankfurt verbunden ist, an der er von 1924 bis 1933 wirkte. In diese Zeit fallen auch seine Arbeiten an seinem berühmten dialogphilosophischen Werk „Ich und Du“, sein Engagement am Freien Jüdischen Lehrhaus und die Anfänge der Übersetzung der Hebräischen Bibel, die er gemeinsam mit Franz Rosenzweig voranbrachte. Während der Nazi-Zeit versuchte Buber die verfolgte jüdische Gemeinschaft durch intensive Bildungsarbeit zu stärken – was der deutsch-jüdische Pädagoge und Religionsphilosoph Ernst Simon „Aufbau im Untergang“ nannte. 1938 sah Buber sich gezwungen, Deutschland zu verlassen, und lebte bis zu seinem Tode 1965 in Jerusalem.

Informationen: Prof. Dr. Christian Wiese, Martin Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie, Fachbereich Evangelische Theologie, Campus Westend, Tel: (069)-798-33313, C.Wiese@em.uni-frankfurt.de; http://www.evtheol.uni-frankfurt.de/buber/Veranstaltungen/index.html