Philipp Schwartz – der vergessene Retter

Universität ehrt den Begründer der „Notgemeinschaft“ mit einer Stele

Veröffentlicht am: Montag, 24. November 2014, 13:30 Uhr (344)

FRANKFURT. Lange Zeit war er vergessen: Philipp Schwartz, der Retter zahlreicher im Nationalsozialismus entlassener Wissenschaftler. Selbst ein Verfolgter, entging er am 23. März 1933 nur knapp der Verhaftung und flüchtete unmittelbar nach Zürich. Hier begründete der Frankfurter Pathologieprofessor die „Notgemeinschaft Deutscher Wissenschaftler im Ausland“. Mit einer Stele vor dem Hauptgebäude des Universitätsklinikums erinnert die Universität an den beherzten Einsatz des vertriebenen Neuropathologen. Bei der Eröffnung der Einweihungsfeier nannte der Dekan des Fachbereichs Humanmedizin, Prof. Pfeilschifter, Philipp Schwartz eine „Lichtgestalt in der dunkelsten Epoche deutscher Geschichte“.

An der Einweihungsfeier nahmen auch zwei Zeitzeugen teil: Dr. Susan Ferenz-Schwartz und Kurt Heilbronn. Philipp Schwartz´ Tochter zeigte sich bewegt, „dass mein Vater nach so vielen Jahren, nach beinahe zwei Generationen seinen Platz in der Universität und der Geschichte der Universität Frankfurt bekommt." Kurt Heilbronn wiederum ist der Sohn von Prof. Alfred Heilbronn, der 1935 über die „Notgemeinschaft“ einen Ruf an die Universität Istanbul erhielt, wo er das Institut für Pharmakobotanik aufbaute.

Wie der Generalkonsul der Republik Türkei, Ufuk Ekici, in seinem Grußwort betonte, ist wenig bekannt, dass die Türkei zwischen 1933 und 1945 etwa 300 entlassenen deutschen Wissenschaftlern, Künstlern, Architekten und Politikern, die hier für kurze oder längere Zeit arbeiteten, eine sichere Zuflucht bot. Der Generalkonsul bedankte sich für ihren wichtigen Beitrag zur Gestaltung der modernen Türkei. Eingefädelt hatte dies niemand anderes als Philipp Schwartz. Im Sommer 1933 reiste er nach Istanbul und erreichte in Verhandlungen mit türkischen Regierungsvertretern bereits im ersten Anlauf die Anstellung von 30 Professoren an die 1933 neu eröffnete Universität in Istanbul; darunter allein sieben aus Frankfurt am Main – eine in der Wissenschaftsemigration während der Nazizeit einmalige Gruppenvermittlung.

Unter Schwartz´ Leitung wurde in Zürich eine Karthothek aufgebaut. Auf sie geht die Liste mit Namen und Angaben zu 1.794 entlassenen Wissenschaftlern zurück, die 1937 bei der „Notgemeinschaft“ registriert waren. Seit den 1980er Jahren stand ein gebundenes Exemplar im Regal des Frankfurter Neurologischen Instituts – bis der Soziologe und Medizinhistoriker Dr. Gerald Kreft vom Edinger-Institut der Goethe-Universität sich auf die Spurensuche begab. In Zürich, wo Schwartz in der Stadtvilla seines Schwiegervaters Professor Sinai Tschulok die „Notgemeinschaft“ begründet hatte, war all dies vollständig unbekannt. Umso mehr trafen Krefts Forschungs-ergebnisse dort auf offene Ohren. Im April 2014 würdigte die Stadt Zürich Philipp Schwartz mit einem Ehrengrab.

Die „Notgemeinschaft“ war die erste Anlaufstelle für entlassene deutsche Hochschullehrer, die neue Arbeitsstellen im Ausland suchten. „Ihre einzigartigen Kenntnisse machten sie zum Informationszentrum aller entsprechenden internationalen Hilfsorganisationen“, so Gerald Kreft.

Im Spätsommer 1933 übergab Schwartz die Leitung der „Notgemeinschaft“ an Geheimrat Dr. Fritz Demuth, den vertriebenen Kurator der Handelshochschule in Berlin. Dieser verlegte Ende 1935 den Sitz der Zentrale nach London. 1936 gab sie die von der Rockefeller Foundation finanzierte „List of Displaced German Scholars“ heraus, um für 1794 Wissenschaftler neue Arbeitsmöglichkeiten im Ausland zu finden. Bis 1945 war die „Notgemeinschaft“ an der Vermittlung von über 2.600 Entlassenen aus Deutschland, Österreich und Böhmen beteiligt.

In seinem Grußwort erinnerte der Direktor des Frankfurter Pathologischen Instituts, Prof. Martin-Leo Hansmann, an die bahnbrechenden Studien zum zerebralen Geburtstrauma, die Schwartz hier in den 1920er Jahren durchgeführt hatte. Nachdem er das Pathologische Institut in Istanbul zwanzig Jahre lang geleitet hatte, versuchte Schwartz in den 1950er Jahren, an seine ehemalige Wirkungsstätte in Frankfurt am Main zurückzukehren. 1957 erhielt er im Zuge der bundesrepublikanischen „Wiedergutmachung“ zwar formal erneut den Professorentitel an der Frankfurter Universität, die Rückkehr auf seinen Lehrstuhl aber lehnte die Medizinische Fakultät „schon aus Gründen des Alters ab“. Schwartz übersiedelte in die USA, wo er bis 1976 als international renommierter Neuropathologe eine eigene Forschungsanstalt am Warren State Hospital, Pennsylvania, leitete.

Auf der Einweihungsfeier der  Schwartz-Stele entschuldigte sich Professor Schubert-Zsilavecz als Vizepräsident der Goethe-Universität für deren Verhalten gegenüber Schwartz während und nach der Zeit des Nationalsozialismus: „Das Schicksal und die Geschichte von Philipp Schwartz mahnen uns, stets wachsam zu sein gegenüber totalitären Tendenzen und ringen uns Bewunderung ab für seinen persönlichen Mut und sein Engagement für andere Verfolgte des Naziregimes.“

Informationen: Dr. Gerald Kreft, Edinger Institut, Deutschordenstraße 46, Tel.: (069) 6301-84166, G.Kreft@gmx.net.