Goethe-Universität feiert 100. Geburtstag

Bundespräsident Joachim Gauck, der Hessische Ministerpräsident Volker Bouffier sowie Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann gratulieren bei zentralem Festakt in der Frankfurter Paulskirche

Veröffentlicht am: Samstag, 18. Oktober 2014, 11:15 Uhr (308)

FRANKFURT. Mit einem Festakt in der Frankfurter Paulskirche begeht die Goethe-Universität heute vor über 900 geladenen Gästen ihren 100. Geburtstag. Auf den Tag vor 100 Jahren, am 18. Oktober 1914, wurde Deutschlands erste Stiftungsuniversität eröffnet; 600 Studierende nahmen ihr Studium auf. Heute zählt sie mit mehr als 46.000 Studierenden und knapp 650 Professuren zu den drei größten Universitäten in Deutschland. Ermöglicht hatten die Neugründung 70 zumeist jüdische Stifter und ihre Familien aus Frankfurt, Großbritannien und sogar den USA; sie spendeten 20 Millionen Goldmark. Gemeinsam mit der Stadt Frankfurt wollten die Stifter eine Universität aufbauen, die sich in Abgrenzung zu Traditionsuniversitäten mit den Herausforderungen der Gesellschaft beschäftigte und konfessionell Neutralität wahrte.

(Hinweis für alle Zitate: Es gilt das gesprochene Wort. Änderungen des Wortlauts möglich)

Bundespräsident Joachim Gauck gratulierte der Goethe-Universität zu ihrem 100. Geburtstag:

„Die Frankfurter Goethe-Universität, zu deren 100. Geburtstag ich heute von Herzen gratuliere, scheint mir ein gutes Beispiel zu sein, um dieses Wechselspiel zwischen einer Gesellschaft und ihren Hochschulen näher zu beleuchten. Diese Universität ist aus verschiedenen Gründen herausragend. Einer davon ist ihre Entstehungsgeschichte, die sich von anderen Universitäten deutlich unterscheidet. Zur Gründung der älteren Universitäten in Deutschland führte meist der Wille eines

Landesherrn, den Ruhm seines Fürstentums, und auch seinen eigenen, zu mehren und die Wirtschaftskraft des Territoriums zu stärken – durchaus ehrenwerte Motive. Zur Gründung der Universität Frankfurt vor 100 Jahren aber führte nicht Fürsten-, sondern Bürgerwille. Frankfurts Bürger, zumindest hinreichend viele, waren der Überzeugung, dass höhere Bildung das Beste ist, was einem Menschen überhaupt passieren kann. Als „Bildungsbürger“ ein rundum positiver Begriff war, „Bürger“ im

vollsten Sinne des Wortes erst der gebildete Bürger war, begriff man in Frankfurt, dass die Gründung einer Universität so etwas wie eine selbstverständliche Bürgerpflicht war. Mit Recht sind deshalb die Frankfurter Universität und mit ihr die Stadt Frankfurt stolz darauf, dass diese Hochschule eine Bürgeruniversität ist.“

 Der Hessische Ministerpräsident und amtierende Bundesratspräsident Volker Bouffier betonte:

„Mit der Gründung der Goethe-Universität durch die engagierte und selbstbewusste Frankfurter Bürgerschaft war es ihr bereits in die Wiege gelegt, dass sie ein Ort des Wissens in der Mitte der Gesellschaft sein sollte. Mut zu Visionen gehören seitdem zur Tradition dieser Hochschule. Heute ist sie eine internationale Denkfabrik, Arbeit- und Impulsgeber für eine ganze Region und ein Zentrum für Forschung und Lehre – ohne den Charakter der Bürgeruniversität verloren zu haben. 19 Nobelpreisträger in 100 Jahren und 46.000 Studierende heute sind eindrucksvolle Zahlen, die erklären, warum die Goethe-Universität zu den akademischen Schwergewichten der Bundesrepublik gehört.“

Der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann erklärte:

„Frankfurt ist stolz auf seine von Bürgern gestiftete Universität, die nach Jahren der Entfremdung im letzten Jahrzehnt wieder in die Mitte der Stadtgesellschaft zurückgefunden hat. Die Goethe-Universität ist heute unbestritten das intellektuelle Zentrum des Rhein-Main-Gebiets und einer der wichtigsten Standortfaktoren dieser Region mit nationaler und internationaler Ausstrahlung. Keine Einrichtung in Hessen und nur wenige in Deutschland ziehen so viele junge Menschen aus allen Teilen der Welt an. 24% der Studierenden haben einen Migrationshintergrund, Menschen aus 140 Nationen bevölkern den Campus, 40 Prozent der neuen Professoren kamen 2013 aus dem Ausland. Diese Zahlen liegen deutlich über dem Bundesdurchschnitt, sind aber typisch für das weltoffene und internationale Klima in Frankfurt. Wir müssen dafür sorgen, dass uns diese jungen Menschen nach Abschluss ihres Studiums nicht verloren gehen. Als Bürgeruniversität gibt die Goethe-Universität heute viele Impulse für die Weiterentwicklung unseres Gemeinwesens, zum Beispiel durch inspirierende Diskussionsveranstaltungen, populärwissenschaftliche Vorträge oder Deutschlands größte Kinder- und Seniorenuniversitäten.“

Universitätspräsident Prof. Werner Müller-Esterl sagte in seiner Ansprache:

„Wissenschaft für die Gesellschaft“ – das war 1914 und das ist heute unser Ziel. Als Forschende und Lehrende nehmen wir die Probleme und Herausforderungen der Zeit wahr. Wir bemühen uns um neue Einsichten und Erkenntnisse, die mittelfristig in praktikable Lösungsvorschläge münden sollen. Als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler agieren wir immer häufiger als Generalisten angesichts der Komplexität der gesellschaftlichen Phänomene. Selbstverständlich geschieht dies stets auch unter der Maßgabe unseres Bildungsauftrags, nämlich junge Menschen an neuen Erkenntnissen teilhaben zu lassen. Und: Wenn wir forschen und lehren, haben wir neben unserem Fach und neben unserer Universität immer auch die Stadt, das Land und ihre Bürgerinnen und Bürger im Blick. Denn: Wir wollen eine echte Bürgeruniversität sein.“

Bahnbrechende Innovationen

Die Universität Frankfurt, die 1914 gegründet wurde und seit 1932 den Namen Goethes trägt, steht für bahnbrechende wissenschaftliche und institutionelle Innovationen: Die Naturwissenschaften erhielten hier erstmals eine eigene Fakultät, auch die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften waren als eigener Fachbereich zu dieser Zeit ein Novum. Fächer wie Neurobiologie (Edinger) und Arbeitsrecht hatte es zuvor nicht gegeben. Anfang der 1920er-Jahre wurde das legendäre Institut für Sozialforschung (Frankfurter Schule) gegründet. Das weltoffene Klima an der Goethe-Universität zog schon früh einige der besten Denker und Forscher dieser Zeit an: Otto Stern und Walther Gerlach führten 1922 ihr bahnbrechendes quantenphysikalisches Experiment durch; Stern erhielt dafür später den Nobelpreis; ebenso Max von Laue und Max Born, zwei weitere herausragende Vertreter der Frankfurter Physik. Auch die Medizin kam bald zu Weltruhm: Paul Ehrlich, ein weiterer Frankfurter Nobelpreisträger, entwickelte die erste Chemotherapie. Für die Liberalität der Universität spricht auch, dass erstmals Wissenschaftler jüdischen Glaubens auf eine Professur berufen werden konnten; darunter Franz Oppenheimer, der akademische Lehrer des späteren Bundeskanzlers Ludwig Erhard.

Seit der Wiederumwandlung in eine Stiftungsuniversität, 2008, ist die drittgrößte Hochschule Deutschlands mit einer besonderen Autonomie ausgestattet. Ihre Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten an aktuellen gesellschaftlichen Themen wie neuartige Therapien gegen Krebs und Herz-Kreislauferkrankungen, Erforschung molekularer Maschinen, Struktur der Materie, Herausbildung neuer Gesellschaftsordnungen, Finanzmarktregulierung, frühkindliche Entwicklung, Biodiversität, Klimawandel sowie Green Computing. Alle genannten Forschungs-Schwerpunkte zeichnen sich durch eine hohe nationale und internationale Ausstrahlung aus.

Hinweise für die Medien:

  • Die Pressemitteilung in der endgültigen Fassung sowie die Reden (soweit vorab verfügbar) stehen nach der Veranstaltung in der Paulskirche in Papierform zur Verfügung.
  • Bilder und Reden vom Festakt werden am Samstag gegen 15 Uhr unter folgendem Link auf an dieser Stelle hier bereitgestellt. >> Download (12MB)