Fußballweltmeisterschaft als politische und ökonomische Chance?

Das Team um den Frankfurter Politologen Prof. Andreas Nölke beschäftigt sich mit der politischen und ökonomischen Struktur von Schwellenländern. Der eurozentristische Blick auf Brasilien, so ihre Kritik, übersehe die sozialen Fortschritte, die diese

Veröffentlicht am: Donnerstag, 12. Juni 2014, 13:27 Uhr (174)

FRANKFURT. Die Welt schaut am heutigen Tag gebannt nach Brasilien, wo die Fußballweltmeisterschaft mit dem Eröffnungsspiel des Gastgebers gegen Kroatien startet. Doch im Vorfeld des sportlichen Großereignisses wurde die ökonomische und politische Struktur Brasiliens besonders von den westlichen Medien kritisch unter die Lupe genommen. Bilder von nicht rechtzeitig fertig gewordenen Sportstätten, aber auch von sozialen Protesten gegen die Veranstaltung haben den Eindruck eines fröhlichen und unbeschwerten Sportfestes nachhaltig getrübt.

„Nach letzten Umfragen gibt es in Brasilien mittlerweile mehr Kritiker als Befürworter der Veranstaltung“, bestätigt der Politologe Prof. Andreas Nölke, der mit seinen Mitarbeitern in einem gerade erschienenen Sammelband Schwellenländer wie Brasilien untersucht hat. Nölke betont aber die Chancen, die die WM für die Entwicklung des Landes eröffnet. „Politisch hat dieses Großereignis eine Symbolwirkung: Die Schwellenländer sehen sich heute nicht mehr als Peripherie, sondern als aktive Mitgestalter der Weltgesellschaft.“

Nölkes Mitarbeiterin Simone Claar kritisiert den eurozentristischen Blick vieler Berichte über Brasilien: „Auch im Vorfeld und während der WM in Südafrika vor vier Jahren gab es diese stereotypen Berichte von Korruption, Misswirtschaft und sozialen Protesten. Die Eigenheiten des jeweiligen Landes werden dabei nicht adäquat erfasst.“  
 
Sicherlich seien viele notwendige Investitionen in die Infrastruktur des Landes nicht wie gewünscht realisiert worden. Doch die westliche Kritik an Korruption und Misswirtschaft in Brasilien schieße oft über das Ziel hinaus, argumentiert Andreas Nölke. Informelle Verbindungen zwischen Regierung und Unternehmen seien Teil der brasilianischen Wirtschaftsstruktur und durchaus funktional. Nölke bemängelt, dass sich in die Kritik an den brasilianischen Zuständen auch die Unzufriedenheit von westlichen Unternehmen mische, die bei der Vergabe von Aufträgen nicht berücksichtigt worden seien.

In vielen Berichten über Brasilien spielt das Thema der sozialen Ungerechtigkeit eine große Rolle. „Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in Brasilien sehr groß“, bestätigt Andreas Nölke. Jedoch sei Brasilien das einzige Schwellenland, in dem die Ungleichheit in den letzten Jahren massiv abgebaut worden sei. „Brasilien hat stark in den Sozialstaat investiert; ein großer Teil der Bevölkerung kann sich nun erstmals Konsumgüter leisten.“ Ein Problem sei aber sicherlich die hohe private Verschuldung.

Im Unterschied zu Schwellenländern wie Indien und China gehe der wirtschaftliche Aufschwung einher mit einer Partizipation der unteren Schichten  an der Politik: „Mit Präsident Lula wurde erstmals auch die untere Klasse als politischer Akteur ernst genommen“, erläutert der Politologe Christian May. Die zahlreichen Proteste im Vorfeld der Weltmeisterschaft seien auch Ausdruck eines erwachten politischen Bewusstseins. Die eher links orientierte Regierung, ergänzt Simone Claar, stehe einerseits aufseiten der sozialen Bewegung, müsse aber andererseits die strikten Vorgaben der FIFA zur Durchführung der WM erfüllen. Dieser Grundkonflikt müsse noch stärker in den Medien reflektiert werden.

Publikation
Andreas Nölke, Christian May u. Simone Claar (Hrsg.): Die großen Schwellenländer. Ursachen und Folgen ihres Aufstiegs in der Weltwirtschaft. Wiesbaden: Springer Fachmedien 2014.

Kontakt:
Prof. Andreas Nölke, Arbeitsschwerpunkt Internationale Beziehungen und Internationale Politische Ökonomie, Fachbereich 03 - Gesellschaftswissenschaften, Goethe-Universität Frankfurt, Tel. (069) 798-36501 (Sekretariat) a.noelke@soz.uni-frankfurt.de