Veranstaltungen zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus

Zwei Vorträge über den KZ-Arzt Josef Mengele sowie über jüdische Stifter und Gelehrte nach 1933 / Gedenkkonzert mit Adorno-Quartett

Veröffentlicht am: Donnerstag, 23. Januar 2014, 13:21 Uhr (016)

FRANKFURT. Am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, am 27. Januar, beteiligt sich in ihrem Jubiläumsjahr die Goethe-Universität mit drei Veranstaltungen. Das Jahr 1933 markiert eine tiefe Zäsur in der 100-jährigen Geschichte der Universität, deren Gründung 1914 nur durch die maßgebliche Unterstützung jüdischer Stifterinnen und Stifter möglich gewesen war und an der bedeutende jüdische Wissenschaftler bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten forschten und lehrten.

Im Rahmen des Jubiläumsprogramms startet am Montag (27. Januar) um 18 Uhr im Casino (Raum1.802) auf dem Campus Westend die Ringvorlesung „Die Goethe-Universität in der NS-Zeit“ mit einem Vortrag von Prof. Benjamin Ortmeyer über Josef Mengele, den gnadenlosen KZ-Arzt von Auschwitz. Nach einer kleinen Pause findet (ab 20 Uhr) im gleichen Raum ein Konzert mit dem Adorno-Quartett statt. Auf dem Programm stehen u.a. Werke, die Viktor Ullmann und Gideon Klein im Ghetto Theresienstadt komponierten.

Benjamin Ortmeyer, Leiter der Forschungsstelle NS-Pädagogik an der Goethe-Universität, hat seinem Vortrag den Titel „Jenseits des Hippokratischen Eids: Dr. Mengele und die Goethe-Universität“ gegeben. Mengele kam 1937 als Assistent an das Frankfurter Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene (Leitung Prof. Otmar Freiherr von Verschuer), wo er auch promovierte. 1940 wurde Mengele zum Wehrdienst einberufen, später meldete er sich freiwillig zur Waffen-SS. 1943 übernahm er den Posten als Chefarzt im Konzentrationslager Auschwitz. Dort erwies er sich als grausamer Vollstrecker der „Endlösung“; er war nicht nur verantwortlich für die Vergasung von tausenden Juden und anderen Häftlingen sondern auch für die „Selektionen“ – nicht zuletzt um seine wissenschaftliche Forschung über Rassenmerkmale, Anomalien wie Riesen- und Zwergwuchs, Rückgratverkrümmung etc. fortzusetzen. Mengele rückte erst während der frühen 1960er Jahre im Zuge der Ermittlungen zu den Auschwitz-Prozessen ins engere Blickfeld der Strafverfolger, wurde aber nie gefasst. 1961 erkannte ihm die Goethe-Universität den Doktortitel ab, wogegen Mengele sich sogar über seine Anwälte aus seinem südamerikanischen Versteck wehrte. Mengele lebte nach dem Krieg zunächst einige Jahre unter seinem echten Namen ungestört in Argentinien, er besuchte sogar in den 1950er Jahren legal die Bundesrepublik. Seine weitere Flucht über Paraguay nach Brasilien gab zu unzähligen Spekulationen und Legendenbildungen Anlass, konnte aber erst nach der Entdeckung seiner Leiche aufgeklärt werden. Er starb 1979 an den Folgen eines Herzinfarkts bei einem Badeunfall in Brasilien.

Für das Gedenkkonzert konnte das Adorno-Quartett mit Marat Dickermann (Violine), Elena Tsaur (Violine), Elen Guloyan (Viola) und Roland Horn (Violoncello) gewonnen werden. Das Frankfurter Ensemble hat es sich ebenso wie der Verein Musica Judaica zur Aufgabe gemacht, Werke jüdischer Komponisten durch Konzerte und Einspielungen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Die Verbindung der Goethe-Universität ist seit kurzer Zeit dadurch intensiviert worden, dass die Frankfurter Musikwissenschaftlerin Prof. Daniela Philippi in den Vorstand des Vereins gewählt wurde. Auf dem Programm stehen: Gideon Klein, Fantasie und Fuge (1942/43); Józef Koffler, Ukrainische Skizzen (1941); Bernhard Sekles, Streichquartett op.31 (1923) und Victor Ullmann, Streichquartett Nr.3 (1943).

Mit diesen Werken für die klassische Besetzung Streichquartett werden vier Komponisten vorgestellt, die zu den Opfern des nationalsozialistischen Regimes zählen. Sie gehören drei verschiedenen Generationen an und erhielten ihre musikalische Prägung in Wien, Prag und Frankfurt. Alle vier beschäftigten sich sowohl mit den kompositorischen Neuerungen ihrer Zeit als auch mit der Musiktradition und kamen in diesem Spannungsfeld zu individuellen Lösungen. Bernhard Sekles (1872–1934) leitete viele Jahre das Frankfurter Hoch’sche Conservatorium, Józef Koffler (1896–1944) wirkte in Lemberg. Viktor Ullmann (1898–1944) und Gideon Klein (1919–1945) lebten zuletzt im Ghetto Theresienstadt und komponierten dort unter anderem auch die beiden im Konzert gespielten Werke.

Im Museum Judengasse (Kurt-Schumacher-Straße 10) hält am Montag (27. Januar) um 17 Uhr Christian Wiese, Inhaber der Martin-Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie an der Goethe-Universität, einen Vortrag zum Thema „Das Ende der freien Wissenschaft. Der Ausschluss jüdischer Stifter und Gelehrter der Stiftungsuniversität Frankfurt nach 1933“. Jüdische Stifterinnen und Stifter und jüdische Gelehrte haben die junge Universität Frankfurt seit der Zeit ihrer Gründung 1914 in erheblichem Maße geprägt – in der Religionswissenschaft, der Orientalistik und Soziologie, ebenso wie in den Wirtschaftswissenschaften, der Medizin und allen Bereichen der Naturwissenschaften. Der Ausschluss und die Vertreibung jüdischer Wissenschaftler zu Beginn der Zeit des Nationalsozialismus bereiteten dieser in der akademischen Kultur in Deutschland vor und nach dem Ersten Weltkrieg einzigartigen Konstellation ein Ende. Wiese geht dieser Geschichte am Beispiel paradigmatischer Einzelfiguren nach und reflektiert über die tiefe Zäsur, die das Jahr 1933 für die Frankfurter Universitätsgeschichte und die jüdische Geschichte in Frankfurt markiert.

Drei weitere Vorträge sind im Rahmen der Ringvorlesung „Die Goethe-Universität in der NS-Zeit“ noch im laufenden Jahr geplant:

  • 12. Mai (Montag): „Erziehung als Zucht: Prof. Ernst Krieck – Rektor der Goethe-Universität 1933 (Prof. Benjamin Ortmeyer)
  • 9. Juni (Montag): „Nationalbewusste Mediävistik und bewusstes Judentum: Ernst Kantorowicz (Prof. Micha Brumlik)
  • 11. November (Montag): „Die Georg und Franzsika Speyersche Hochschulstiftung und die NS-Zeit (Prof. Benjamin Ortmeyer) 

Informationen: Prof. Benjamin Ortmeyer, Forschungsstelle NS-Pädagogik; Tel. (069) 798-22091, BOrtmeyer@t-online.de; Prof. Daniela Philippi, Institut für Musikwissenschaft, Tel. (069) 798-22161, philippi@em.uni-frankfurt.de; Prof. Christian Wiese, Martin-Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie, (069) 798-33313, C.Wiese@em.uni-frankfurt.de

Das gesamte Programm zum 100-jährigen Jubiläum der Goethe-Universität: www2.uni-frankfurt.de/gu100