Le Parkour: Mobile Körper erobern die Stadt

Hindernisse als Sportgeräte und Herausforderungen

Veröffentlicht am: Montag, 13. Januar 2014, 13:54 Uhr (010)

FRANKFURT. Mobilität wird in der Regel mit Technik und Verkehr in Verbindung gebracht. In der Großstadt sorgen Autos, Busse und Bahnen für einen möglichst schnellen, aber körperlich passiven Ortswechsel. Die Trendsportart Le Parkour setzt dazu einen Kontrapunkt, wie der Sportsoziologe Prof. Robert Gugutzer und die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Andrea Dlugosch in der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazin „Forschung Frankfurt“ berichten. Jugendliche „Traceure“ suchen explizit die körperliche Beweglichkeit, nicht zuletzt als einen Prozess der kreativen Selbstfindung.

Die aus Frankreich stammende Trendsportart ist inzwischen global verbreitet und wird überwiegend in Großstädten von zumeist männlichen Jugendlichen ausgeübt. Die Traceure, wie sich die Akteure nennen (französisch: la trace, die Spur), bezeichnen ihren Sport als eine „Kunst der Fortbewegung“, weil es darum gehe, Hindernisse im urbanen Raum möglichst effizient, ohne technische Hilfsmittel und in einem kontinuierlichen Bewegungsfluss zu überwinden. Papierkörbe, Mülltonnen, Bänke, Treppen, Fahrradständer, Bauzäune, Garagendächer, Häuserwände oder Häuserschluchten verkörpern ad hoc sich stellende Sportpartner, die es ausschließlich mit dem eigenen Körper zu bezwingen gilt.

Verglichen mit der relativ kleinen Anzahl an Aktiven ist der Bekanntheitsgrad von Le Parkour bemerkenswert groß. Dafür sorgen vor allem (Selbst-)Inszenierungen in Videoclips, Spielfilmen und Musikvideos. Nach Meinung der Sozialwissenschaftler begeistern Le Parkour und seine akrobatische Version, das Freerunning,  weil sie körperliche Effizienz und geschmeidige Beweglichkeit mit massiver, unbeweglicher städtischer Architektur verschmelzen. Andererseits  konfrontieren die Traceure die Stadt mit einem Ausmaß an Körperlichkeit, das befremdlich wirkt. Sie widersprechen den normativen Vorgaben von Körpern im öffentlichen Raum auf ungewohnte bis spektakuläre (für manche Passanten auch ärgerliche) Weise. Man klettert keine Mauer hoch oder springt über ein Treppengeländer, um den Weg abzukürzen und schneller an sein Ziel zu gelangen.

Traceure sind unzeitgemäß: sie sind unglaublich mobil, obwohl oder gerade weil sie auf technische Möglichkeiten effizienter Fortbewegung verzichten. Sie ignorieren zudem die architektonisch gegebenen Begrenzungen menschlicher Eigenmobilität und schaffen sich aktiv ihre Bewegungsautonomie. Die Freiheit der Bewegung ist ihnen ein wichtiger Wert, der subjektiv ein umso höheres Gewicht erhält, je schwieriger er zu realisieren ist. Daher suchen sich Traceure regelmäßig „spots“ (Übungsplätze), die eine körperliche Herausforderung darstellen oder Grenzerfahrungen ermöglichen. Schritt für Schritt – Traceure sind keine Hasardeure – erweitern sie so ihren körperlichen Handlungs- und Bewegungsspielraum und damit zugleich ihren Selbstgestaltungsspielraum.

Ein Probeheft von Forschung Frankfurt kann kostenlos bei Helga Ott bestellt werden unter Ott@pvw.uni-frankfurt.de.

Informationen: Prof. Robert Gugutzer, Institut für Sportwissenschaften, Sozialwissenschaften des Sports, Sportcampus Ginnheim, Tel.: (069) 798- 24529, hardy@pvw.uni-frankfurt.de, und (069)-798-13066, gugutzer@sport.uni-frankfurt.de

Forschung Frankfurt im Web: www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/