Wie nordische Götter und Helden bis heute fortleben

Einblicke in die Frankfurter Edda-Sammlung: Konjunktur des Meeresriesen Aegir bei Parfum, Zigaretten und Grammophonnadeln – Revival von Thor und Loki in Marvel-Comics

Veröffentlicht am: Dienstag, 18. Dezember 2012, 12:08 Uhr (301)

FRANKFURT. Edda – diesen Namen tragen zwei isländische Werke aus dem 13. Jahrhundert. Gemeinsam überliefern sie den größten erhaltenen Schatz an nordischer Mythologie und Heldensage. Gern für »germanisch« gehalten sind diese Stoffe seit dem 18. Jahrhundert weit über Island hinaus bekannt. Das spiegelt sich auch in den mehr als 1200 Objekten der Edda-Sammlung im Institut für Skandinavistik an der Goethe-Universität. Prof. Dr. Julia Zernack und Dr. Katja Schulz zeigen in ihrem Beitrag des soeben erschienenen Wissenschaftsmagazins „Forschung Frankfurt“, wie die Mythen buchstäblich in jeden Winkel der Kultur vordringen können.

„Diesem Nachleben der eddischen Stoffe in Literatur, bildender Kunst, Religion, Musik und Alltagskultur gilt das Interesse der Frankfurter Edda-Forschung ebenso wie den mittelalterlichen Zeugnissen selbst“, betont Zernack, die ein seit 2007 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Projekt zur Edda-Rezeption leitet. Der Bestand der Frankfurter Edda-Sammlung ist außerordentlich heterogen. Für sich genommen sind manche ihrer Objekte wertlos – Reklame- und Verpackungsmüll vergangener Zeiten. Doch als Sammlung beleuchten sie sich gegenseitig, dokumentieren die Rezeptionsgeschichte nordischer Mythologie und Heldensage durch die Jahrhunderte. „Diese Objekte bieten uns eine einzigartige Möglichkeit, das Auftreten der Mythen und ihre Funktion in verschiedensten Diskursen zu untersuchen“, so Katja Schulz, die seit Beginn in dem Projekt mitarbeitet. „So können wir exemplarisch rekonstruieren, wie die zuerst im nordischen Mittelalter überlieferten Mythen bis in unsere Zeit fortleben, sich durch die verschiedenen Medien bewegen und dabei immer wieder neu- und umgedeutet werden.“

Die Objekte machen anschaulich, was der Philosoph Hans Blumenberg 1971 als ein allgemeines Merkmal des Mythos beschrieben hat: Den Mythos gibt es nur im Zustand der Rezeption. Jede Zeit aktualisiert aus dem ihr zur Verfügung stehenden Mytheninventar die Aspekte, die ihren spezifischen Interessen dienen. Sehr anschaulich illustrieren die beiden Autorinnen dies in ihrem „Forschung Frankfurt“-Beitrag am Beispiel des altnordischen Meeresriesen Aegir: Im nordischen Mittelalter ist der Riese, der den Göttern freundlich gesonnen scheint, eine Personifikation des Meeres. Als Ende des 19. Jahrhunderts die nordischen Mythen in bewusster Abgrenzung als nationale Alternative zu den klassisch-antiken Göttern herangezogen wurden, wurde aus Aegir eine Art nordischer Poseidon, wie dieser ausgestattet mit Bart und Dreizack. Forciert wurde diese Mythenbildung im Deutschen Reich besonders von Wilhelm II.

Dazu Zernack: „In seinem seit 1894 häufig aufgeführten und oft verspotteten ‚Sang an Aegir‘ beschwor Wilhelm II. ein verklärtes, in eine unbestimmte ‚germanische‘ Vergangenheit projiziertes Heldentum. Damit appellierte er nicht nur an die Germanen- und Wikingerschwärmerei seiner Zeitgenossen, die ihren Wagner ebenso kannten wie Felix Dahns historische Romane, sondern zugleich an die verbreitete Begeisterung für die Marine.“ National propagiert und gleichzeitig in zahllosen Karikaturen ins Lächerliche gezogen, erlangte die Figur Aegir eine bis dahin ungeahnte Bekanntheit und erreichte jeden Winkel der Kultur: Aegir-Parfums und Aegir-Zigaretten verströmten ihren Duft; in einem Berliner Weinrestaurant wurden Aegir-Tropfen angeboten, die Klänge von Kaiser Wilhelms patriotischer Ballade ertönten vom goldfarben verzierten Notensatz für Klavier, gemischten Chor und Orchester bei ungezählten offiziellen Anlässen und vielleicht auch von einer Grammophon-Einspielung, die mit „Starktonnadeln“ der Marke „Aegir“ zum Klingen gebracht wurden.

Ungewöhnlich für eine – zumal philologisch verankerte – Universitätssammlung sind die zahlreichen Objekte der Alltagskultur, die durch Untersuchungen zu nordischen Mythen in Werbung und Propaganda und durch eine Studie über die Aktualisierung eddischer Stoffe im Kontext religiöser Neubildungen (wie dem neugermanischen Heidentum an der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert) hinzukamen. Zu den Alltagsobjekten gehören beispielsweise Reklamesammelbilder aus der Zeit um 1900, die nordische Götter und eddische Mythen präsentieren, Bierdosen der dänischen Marke „Odin“, Werbung für die Hitler-Jugend-Uniform „Baldur“ oder für die 1854 gegründete, noch heute existierende deutsche „Iduna“-Versicherung, Rasierklingen der US-amerikanischen Marke „Thor“, Runenorakel und zahlreiche Postkarten, auf denen die Götter Odin, Thor und Heimdall herhalten müssen, um die ideologischen Interessen diverser politischer Vereinigungen zu vertreten. Eines der bekanntesten Edda-Zitate ist unter Adler und Hakenkreuz auf der Beileidskarte zu lesen, mit der die NSDAP den Angehörigen von Gefallenen kondolierte: „Niemals stirbt der Toten Tatenruhm.“

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts leben die nordischen Mythen auch in Filmen oder Comics weiter. So fungiert Thors missgünstiger Stiefbruder Loki beispielsweise in den Marvel-Comics über Jahrzehnte hinweg als dessen wichtigster Gegenspieler und Hauptschurke. Zuletzt ist er in dieser Rolle in den Verfilmungen „Thor“ (2011) und „The Avengers“ (2012) zu sehen – bis heute mit seinem markanten Hörnerhelm, der an eine Inkarnation des Teufels denken lässt. Auch in der Heavy-Metal-Szene haben die nordischen Mythen Konjunktur, dies belegen die Cover der einschlägigen CDs, die im Zusammenhang mit einer musikwissenschaftlichen Studie über nordische Mythen im Heavy Metal in die Edda-Sammlung kamen.

Wie steht es um die Zukunft der Frankfurter Sammlung? „Soll dieses Potenzial der Edda-Sammlung der Forschung nicht verloren gehen, gilt es, die Sammlung zu institutionalisieren und ihr Auseinanderfallen zu verhindern, das mit dem Auslaufen der gegenwärtig geförderten Projekte im kommenden Jahr droht“, so Zernack. Die beiden Skandinavistinnen wollen ein Anschlussprojekt beantragen, in dem Informationen über den Bestand der Sammlung ebenso wie die von der Frankfurter Edda-Forschung erhobenen Daten in einem multimedialen Forschungsportal online veröffentlicht werden sollen.

Informationen: Prof. Dr. Julia Zernack, Dr. Katja Schulz, Institut für Skandinavistik, Campus Westend, Tel. (069) 798-33104. Zernack@em.uni-frankfurt.de; k.schulz@em.uni-frankfurt.de

„Forschung Frankfurt“ kostenlos bestellen: ott@pvw.uni-frankfurt.de

Im Internet: http://www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/34831594/aktuelle_Ausgabe