„Struwwelhitler“, „Truffle Eater“ und der Irrenarzt

Die „Hoffmanniana“ der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg

Veröffentlicht am: Dienstag, 28. April 2009, 00:00 Uhr ()

FRANKFURT. Die Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg besitzt neben zahlreichen Publikationen und Briefen von Heinrich Hoffmann eine umfangreiche Struwwelpeter-Sammlung und einzigartige Manuskripte des weltberühmten Kinderbuchautors, was bisher kaum öffentlich bekannt ist. Der Heinrich-Hoffmann-Sommer ist nun ein willkommener Anlass darauf aufmerksam zu machen. Bei diesen besonderen Schätzen handelt es sich um das so genannte „Zweite Manuskript“ des Struwwelpeter von 1858, das seine gestalterische Neubearbeitung des dreizehn Jahre vorher erstmals publizierten Bilderbuchs darstellt. Erhalten sind auch die Originalmanuskripte dreier weiterer Kinderbücher Hoffmanns: „Bastian der Faulpelz“, „Im Himmel wie auf Erden“ und „Prinz Grünewald und Perlenfein mit ihrem lieben Eselein“. Auch diese Schöpfungen Hoffmanns gingen in Druck, ein großer Verkaufserfolg war ihnen aber nicht beschieden.

Die wichtigsten Publikationen der vorhandenen „Hoffmanniana“ sind die frühen gedruckten Ausgaben des Struwwelpeter: die Erstausgabe von 1845, die zweite, vierte und sechste Auflage aus den drei folgenden Jahren. Über dreißig weitere deutsche Ausgaben bis 1950 sind in der Sammlung vertreten. Neben den deutschen Ausgaben bilden die Übersetzungen eine zweite Untergruppe. Rund 30 Ausgaben in den verschiedensten Sprachen bis zum Jahr 1950, unter anderem in Englisch, Französisch, Spanisch, Dänisch, Schwedisch, Niederländisch, Lateinisch und Esperanto. Rein optisch, aber auch als Thema der Struwwelpeter-Forschung sticht der russische „Stepka-Rastrepka“ von 1849 heraus. Diese Version hat Heinrich Hoffmann bei der Neugestaltung des Struwwelpeter (1858) beeinflusst. Das in der Universitätsbibliothek vorhandene Exemplar besticht durch seine künstlerisch äußerst wertvolle Handkolorierung.

Die Struwwelpetriaden

Eine sehr umfangreiche Untergruppe bilden die Struwwelpetriaden, also Nachahmungen durch andere Publikationen für Kinder oder Parodien, welche auf dem Struwwelpeter-Motiv aufbauen, es fortführen oder verzerren. Alleine bis zum Erscheinungsjahr 1950 zählt diese Gruppe rund 50 Titel. Neuere Editionen sind noch wesentlich zahlreicher vertreten. Eine der frühesten ist „Der politische Struwwelpeter“ von Henry Ritter (1849), recht bekannt „Der Thierstruwwelpeter“ von Julius Lohmeyer und Fedor Flinzer (1887) oder „Der Aegyptische Struwwelpeter“ (1895) der Geschwister Netolitzky. Gerne wurde der Struwwelpeter auch im Zweiten Weltkrieg für Propagandazwecke genutzt. Der „Struwwelhitler“, Der „Schicklgruber“ oder der „Truffle Eater“ sind allesamt Beispiele englischer Verfasser aus dieser Zeit. Dieser Sammlungsteil wird bis zum 30. Juli in einer Sonderausstellung, die in Kooperation mit dem Institut für Jugendbuchforschung konzipiert wurde, gezeigt. Im Ausstellungsraum der Universitätsbibliothek in der B-Ebene sind die Struwwelpetriaden beider Institutionen zu sehen.

Eine kleinere Untergruppe der Struwwelpeter-Sammlung befasst sich noch mit den Ausgaben der anderen Kinderbücher Hoffmanns. Außer den bereits genannten gehören hierzu „König Nussknacker und der arme Reinhold“ und der posthum erschienene „Besuch bei Frau Sonne“.

Als besondere Stücke runden eine Handvoll Spiele die Struwwelpetersammlung ab: Zwei Struwwelpeter-Brettspiele von 1868 beziehungsweise 1900, ein Struwwelpeter-Quartett (um 1890) aus der Frankfurter Spielkartenfabrik Dondorf, sowie Neuausgaben älterer Struwwelpeter-Spiele.

Zeugnisse aus dem Leben Heinrich Hoffmanns

Zwischen Heinrich Hoffmann und der Goethe-Universität gibt es vielfältige Beziehungen. In den Jahren 1844 bis 1851 war Hoffmann Lehrer an der Anatomie des Senckenbergischen Medizinischen Instituts, das nach verschiedenen Veränderungen 1914 in die neu gegründete Universität eingegliedert wurde. Erhalten ist aus dieser Zeit die handschriftliche „Instruction für den dermaligen Lehrer der Anatomie am Senckenbergischen medicinischen Institute“, die Heinrich Hoffmann 1846 zur Kenntnisnahme vorgelegt wurde. Dieses Originaldokument mit der Unterschrift Heinrich Hoffmanns findet sich im Bestand „Senckenberg-Archiv“ der Universitätsbibliothek.

Anlässlich der Grundsteinlegung zur „Anstalt für Irre und Epileptische“ auf dem heutigen Campus Westend im Jahr 1861 wird Heinrich Hoffmann als Anstaltsleiter auf einem handschriftlichten Gedenkblatt genannt, auf welchem auch alle anderen am Bau Beteiligten – vom Architekten, über die Pflegamtsmitglieder bis zu den einzelnen Handwerkern – aufgelistet sind. Es liegt mit vielen anderen Materialien zur „Irrenanstalt“ wohl behütet in der Universitätsbibliothek Frankfurt. Darüber hinaus werden in der Bibliothek noch zahlreiche weitere handschriftliche und gedruckte Materialien aufbewahrt, die Heinrich Hoffmann zum Urheber oder aber zum Thema haben.

Von Hoffmanns medizinischer Dissertation „De phlegmasia alba“, die er 1833 an der Universität Halle verteidigte, besitzt die Universitätsbibliothek zwei Exemplare. Auch von den folgenden Veröffentlichungen Hoffmanns liegt hier jeweils mindestens ein Exemplar vor. Von seinen Fachpublikationen sind besonders zu erwähnen die „Beobachtungen und Erfahrungen über Seelenstörung und Epilepsie in der Irren-Anstalt zu Frankfurt a. M. (1851 bis 1858)“, die 1859 erschienen. Eines der zwei Exemplare der Universitätsbibliothek trägt die eigenhändige Widmung Hoffmanns an den Frankfurter Kollegen Philipp Gustav Passavant. Hinzu kommen noch etliche Briefe Hoffmanns an verschiedenste Briefpartner, wie Philipp Friedrich Gwinner, Wilhelm Speyer, Ferdinand Hiller, W. Bütschli und Heinrich Stiebel. Die Briefe stammen aus fünf Jahrzehnten - 1844 bis 1894.

Weitere literarische Publikationen

1842 erschien mit den „Gedichten“ Hoffmanns erstes literarisches Werk, ein Jahr später die Komödie „Die Mondzügler“. Legte er 1847 nochmals ein unterhaltsames Werk „Humoristische Studien“ vor, so folgten in den Revolutionsjahren 1848/49 auch die ersten politischen Schriften, wenn auch mit satirischem Grundton: „Handbüchlein für Wühler oder kurzgefasste Anleitung in wenigen Tagen ein Volksmann zu werden“ und „Der Heulerspiegel. Mittheilungen aus dem Tagebuche des Herrn Heulalius von Heulenburg“. Alle weiteren in der Universitätsbibliothek aufbewahrten Titel, die sich mit Heinrich Hoffmann beschäftigen, sind über den Online-Kataloge der Universitätsbibliothek und die Spezialkataloge der „Abteilung Frankfurt/Seltene Drucke“ zugänglich. Die Bestände reichen von den „Festschriften“ zu seinem fünfzigjährigen Doktorjubiläum bis zu den aktuellsten Titeln.

Informationen Bernhard Wirth, Universitätsbibliothek, Abteilung Frankfurt/Seltene Drucke, Tel.: (069) 798-39248, b.wirth@ub.uni-frankfurt.de
www.ub.uni-frankfurt.de/wertvoll/struwwelpeter.html
Dr. Bernhard Tönnies, Universitätsbibliothek, Leiter der Handschriftenabteilung, Tel. (069) 798-39236, b.toennies@ub.uni-frankfurt.de www.ub.uni-frankfurt.de/hsn.html