​​​​​​​Pressemitteilungen ​​​​​​ – 2020

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Pressestelle Goethe-Universität

Theodor-W.-Adorno Platz 1
60323 Frankfurt 
presse@uni-frankfurt.de

 

Nov 20 2020
15:20

Amerikanische Akademie prämiert Studie zur regenerativen Behandlung von Kieferknochenabbau mit R. Earl Robinson Regeneration Award

Internationale Auszeichnung für Frankfurter Parodontologie

Entzündungen des Zahnhalteapparates (Parodontitis) führen nicht selten zu einem Abbau von Kieferknochen. Eine Studie aus dem Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (Carolinum) der Goethe-Universität hat untersucht, wie sich regenerative Therapien in diesem Bereich langfristig auswirken. Für diese Studie wurden die Autoren jetzt von der US-amerikanischen Fachgesellschaft (AAP) ausgezeichnet. Der Preis ging zum ersten Mal nach Deutschland.
 
FRANKFURT. Folgen einer Parodontitis sind nicht nur Zahnfleischrückgang und Knochenabbau, sondern auch eine Zerstörung des Faserapparates, der die Zähne im Kieferknochen verankert. Unbehandelt führt dies zur Zahnlockerung und anschließendem Zahnverlust. Wird dieses Entzündungsgeschehen durch eine systematische Therapie gestoppt und kontrolliert, gibt es in der modernen Zahnmedizin durchaus Methoden, die verlorenen Strukturen wiederherzustellen. Eine parodontalchirurgische Technik (guided tissue regeneration, GTR), die dabei zum Einsatz kommt, wurde im Rahmen einer Studie am Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (Carolinum) der Goethe-Universität nachuntersucht und mit einem konventionellen, nicht-regenerativen Verfahren verglichen. Diese Studie ist nun mit dem amerikanischen R. Earl Robinson Regeneration Award ausgezeichnet worden.
 
Die GTR-Technik basiert auf dem Prinzip „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“: An einen Knochendefekt, der gewissen morphologischen Anforderungen entsprechen muss um regenerativ behandelt werden zu können, grenzen Zahnfleisch, Kieferknochen und Zahnhalteapparat (Parodont). Um Gewebe, die nicht zur Wiederherstellung parodontaler Strukturen (Regeneration) beitragen, daran zu hindern, in diesen Defekt einzuwachsen, wird in einem operativen Verfahren nach adäquater Reinigung des Defektes eine Barriere (Membran) eingebracht. Diese verhindert das Einwachsen von Zellen aus dem Zahnfleisch in den Defekt und hält gleichzeitig einen Raum offen, in den die Zellen der übrigen Gewebe einwachsen und den Zahnhalteapparat bestenfalls regenerieren können. Voraussetzungen dafür sind regelmäßige Kontrollen, eine gute Mundhygiene und nach Möglichkeit keine Risikofaktoren wie beispielsweise Nikotinkonsum.
 
Wie sich diese Behandlung langfristig auswirkt, dazu gibt es nun erstmals verlässliche Daten. Dr. Hari Petsos, PD Dr. Katrin Nickles und Prof. Eickholz haben die Ergebnisse der auf 20 Jahre angelegten Studie in der Zeitschrift „Journal of Clinical Periodontology“ veröffentlicht. Die Untersuchung, die im Jahr 2000 von Prof. Dr. Ratka-Krüger, Dr. Neukranz und Prof. Dr. Raetzke in der Frankfurter Poliklinik für Parodontologie begonnen wurde, betrachtet den parodontalen Zustand der operierten Patienten jeweils nach einem, zehn und 20 Jahren und kommt zu dem Ergebnis, dass die nach einem Jahr erzielten Resultate beider untersuchter Verfahrenweisen bis zu 20 Jahre stabil gehalten werden können, und ein Großteil (82%) der untersuchten Zähne langfristig erhalten bleibt. Tendenziell war das regenerative Verfahren dem konventionellen dabei überlegen.
 
„Wir freuen uns sehr darüber, dass unsere Ergebnisse international wahrgenommen werden“, sagt der federführende Autor Hari Petsos nach der Online-Konferenz, bei der die Urkunde virtuell überreicht wurde. Nicht zuletzt aus der generationenübergreifenden Verbundenheit der Autoren untereinander sei die Studie „eine echte Herzensangelegenheit“ gewesen, die nun mit dieser hochrangigen Auszeichnung „einen großartigen Abschluss“ gefunden habe.
 
Die American Academy of Periodontology (AAP) als amerikanische Fachgesellschaft für Parodontologen verleiht seit 1989 einmal im Jahr den R. Earl Robinson Regeneration Award für den besten wissenschaftlichen Beitrag auf dem Gebiet der regenerativen Parodontaltherapie. Dabei werden Beiträge aus Grundlagen- und klinischer Forschung berücksichtigt. Bewerben kann man sich auf diesen Preis nicht, potenzielle Preisträger werden von Kollegen aus dem Fachkreis vorgeschlagen und von einem unabhängigen Komitee ausgewählt.
 
Ausgezeichnet wurden Dr. Hari Petsos (Goethe-Universität) und seine Koautoren, Prof. Dr. Petra Ratka-Krüger (Universität Freiburg), PD Dr. Katrin Nickles, Dr. Eric Neukranz, Prof. Dr. Peter Raetzke sowie Prof. P. Eickholz (alle Frankfurt/Main), für ihren Beitrag „Infrabony defects 20 years after open flap debridement and guided tissue regeneration“ im Journal of Clinical Periodontology.


Publikation: Petsos, H., Ratka-Kruger, P., Neukranz, E., Raetzke, P., Eickholz, P. & Nickles, K. (2019). Infrabony defects 20 years after open flap debridement and guided tissue regeneration. Journal of Clinical Periodontology, 46, 552-563. doi:10.1111/jcpe.13110.
 
Bilder zum Download: http://www.uni-frankfurt.de/94439760
 
Bildtext: Drei der Autoren der Studie vor der Poliklinik im Frankfurter Universitätsklinikum: Prof. Dr. Peter Eickholz (von links), Dr. Hari Petsos, PD Dr. Katrin Nickles, Foto: Carolinum
 
Weitere Informationen

Dr. Hari Petsos, M.Sc.
Oberarzt
Poliklinik für Parodontologie

Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (Carolinum)

Goethe-Universität

069-6301-5642

petsos@med.uni-frankfurt.de
https://www.uni-frankfurt.de/63186013/Poliklinik_für_Parodontologie

 

Nov 20 2020
10:45

​Wissenschaftler der Goethe-Universität präzisieren bisherige 2D-Modelle im internationalem Konsortium COVID19-NMR

Faltung von SARS-CoV2-Genom zeigt Angriffspunkte für Medikamente – auch Vorbereitung auf „SARS-CoV3“

Ein internationaler Forschungsverbund hat erstmals RNA-Faltungsstrukturen des SARS-CoV2-Genoms beobachtet, mit denen das Virus den Infektionsverlauf steuert. Da diese Strukturen bei verschiedenen Beta-Coronaviren sehr ähnlich sind, legen die Wissenschaftler damit nicht nur die Grundlagen für die gezielte Entwicklung neuartiger Medikamente zur COVID-19-Behandlung, sondern auch für künftige Infektionsgeschehen mit neuen Coronaviren, die sich in der Zukunft entwickeln könnten.

FRANKFURT. Genau 29.903 Buchstaben lang ist der genetische Code des SARS-CoV2-Virus, aufgereiht in einem langen RNA-Molekül. Es beinhaltet die Information zur Herstellung von 27 Proteinen. Dies ist zwar sehr wenig im Vergleich zu den vielleicht 40.000 Proteinsorten, die eine menschliche Zelle herstellen kann. Doch Viren nutzen bekanntermaßen ja den Stoffwechsel ihrer Wirtszellen, um sich selbst zu vermehren. Entscheidend ist für diese Strategie, dass Viren die Bildung der eigenen Proteine präzise steuern können.

SARS-CoV2 nutzt als Steuerelemente für die Protein-Herstellung räumliche Faltungen seines RNA-Erbmoleküls: Überwiegend in Bereichen, die nicht für die Viren-Proteine codieren, werden aus dem RNA-Einzelstrang Strukturen mit RNA-Doppelstrang-Abschnitten und –schleifen. Bisher gab es allerdings nur Modelle dieser Faltungen, die sich auf Computeranalysen oder indirekte experimentelle Nachweise stützten.

Nun konnte ein internationales Team von Wissenschaftlern unter Leitung von Chemikern und Biochemikern der Goethe-Universität und der TU Darmstadt die Modelle erstmals experimentell überprüfen. Beteiligt waren außerdem Forscher des israelischen Weizmann Institute of Science, des schwedischen Karolinska-Instituts und der Katholischen Universität Valencia.

Die Forscher konnten die Struktur von insgesamt 15 solcher regulatorischen Elemente bestimmen. Dazu nutzten sie die Kernresonanz- oder NMR-Spektroskopie, bei der die Atome der RNA einem starken Magnetfeld ausgesetzt werden und so etwas über ihre räumliche Anordnung verraten. Die Ergebnisse dieser Methode glichen sie mit denen aus einem chemischen Verfahren ab (Dimethylsulfat-Footprint), mit dessen Hilfe zwischen RNA-Einzelstrang- und Doppelstrangbereichen unterschieden werden kann.

Der Koordinator des Konsortiums, Prof. Harald Schwalbe vom Zentrum für Biomolekulare Magnetische Resonanz der Goethe-Universität Frankfurt, erläutert: „Mit unseren Ergebnissen haben wir eine breite Basis gelegt, um künftig genau zu verstehen, wie SARS-CoV2 das Infektionsgeschehen steuert. Wissenschaftlich war das ein gewaltiger, sehr arbeitsintensiver Kraftakt, den wir nur durch den außergewöhnlichen Einsatz der Teams hier in Frankfurt und Darmstadt gemeinsam mit unseren Partnern im COVID-19-NMR-Konsortium stemmen konnten. Doch es geht direkt weiter: Derzeit untersuchen wir zusammen mit unseren Kooperationspartnern, welche viralen Proteine und welche Proteine der menschlichen Wirtszellen mit den gefalteten regulatorischen Regionen der RNA interagieren, und ob sich daraus Ansatzpunkte für Therapien ergeben können.“

Weltweit forschen über 40 Arbeitsgruppen mit 200 Wissenschaftlern im COVID-19-NMR-Konsortium, in Frankfurt arbeiteten seit Ende März 2020 45 Doktoranden und Postdocs in zwei Schichten pro Tag an sieben Tagen die Woche mit.

Das Potenzial der Entdeckungen geht über neue Behandlungsoptionen für Infektionen mit SARS-CoV2 hinaus, davon ist Schwalbe überzeugt: „Die Steuerungsregionen der viralen RNA, deren Struktur wir untersucht haben, sind zum Beispiel bei SARS-CoV fast identisch und auch bei anderen Beta-Coronaviren sehr ähnlich. Daher hoffen wir, dass wir einen Beitrag dazu leisten konnten, auf künftige ‚SARS-CoV3'-Viren besser vorbereitet zu sein.“

Das Zentrum für Biomolekulare Magnetische Resonanz wurde 2002 als Forschungsinfrastruktur der Goethe-Universität Frankfurt gegründet und seitdem vom Land Hessen gefördert.


Publikation: Anna Wacker, Julia E. Weigand, Sabine R. Akabayov, Nadide Altincekic, Jasleen Kaur Bains, Elnaz Banijamali, Oliver Binas, Jesus Castillo-Martinez, Erhan Cetiner, Betül Ceylan, Liang-Yuan Chiu, Jesse Davila-Calderon, Karthikeyan Dhamotharan, Elke Duchardt-Ferner, Jan Ferner, Lucio Frydman, Boris Fürtig, José Gallego, J. Tassilo Grün, Carolin Hacker, Christina Haddad, Martin Hähnke, Martin Hengesbach, Fabian Hiller, Katharina F. Hohmann, Daniel Hymon, Vanessa de Jesus, Henry Jonker, Heiko Keller, Bozana Knezic, Tom Landgraf, Frank Löhr, Le Luo, Klara R. Mertinkus, Christina Muhs, Mihajlo Novakovic, Andreas Oxenfarth, Martina Palomino-Schätzlein, Katja Petzold, Stephen A. Peter, Dennis J. Pyper, Nusrat S. Qureshi, Magdalena Riad, Christian Richter, Krishna Saxena, Tatjana Schamber, Tali Scherf, Judith Schlagnitweit, Andreas Schlundt, Robbin Schnieders, Harald Schwalbe, Alvaro Simba-Lahuasi, Sridhar Sreeramulu, Elke Stirnal, Alexey Sudakov, Jan-Niklas Tants, Blanton S. Tolbert, Jennifer Vögele, Lena Weiß, Julia Wirmer-Bartoschek, Maria A. Wirtz Martin, Jens Wöhnert, Heidi Zetzsche: Secondary structure determination of conserved SARS-CoV-2 RNA elements by NMR spectroscopy. Nucleic Acids Research, 2020, https://academic.oup.com/nar/advance-article/doi/10.1093/nar/gkaa1013/5961789

Bilder zum Download: http://www.uni-frankfurt.de/94413328

Bildtext: Regulatorische RNA-Elemente des SARS-CoV2-Genoms. Schwarz: Regionen, die nicht für Proteine kodieren (UTR). Orange: Regionen, die für Proteine kodieren (ORF).

Weitere Informationen
Prof. Dr. Harald Schwalbe
Institut für Chemie und chemische Biologie
Center for Biomolecular Magnetic Resonance (BMRZ)
Goethe-Universität Frankfurt
Tel 069 798-29137
schwalbe@nmr.uni-frankfurt.de
http://schwalbe.org.chemie.uni-frankfurt.de/

 

Nov 18 2020
13:25

Das Archiv des Frobenius-Instituts an der Goethe-Universität wurde zur Ausarbeitung eines Nominierungsantrags aufgefordert

Felsbildsammlung soll Weltdokumentenerbe werden

Die Felsbildsammlung des Frobenius-Instituts für kulturanthropologische Forschung an der Goethe-Universität Frankfurt ist bereits jetzt international bekannt. Nun hat das Deutsche Nominierungskomitee des UNESCO-Programms „Memory of the World“ das Institut zur Ausarbeitung und Einreichung eines Nominierungsantrags aufgefordert.

FRANKFURT. Das Frobenius-Institut für kulturanthropologische Forschung an der Goethe-Universität Frankfurt verfügt über die weltweit älteste und umfassendste Sammlung von Kopien prähistorischer Felsbilder. Das Deutsche Nominierungskomitee des UNESCO-Programms „Memory of the World“ hat diese Sammlung nun für potentiell interessant für eine Aufnahme in das internationale Register des UNESCO-Weltdokumentenerbes eingeschätzt. Das internationale Register verzeichnet die weltweit bedeutendsten Dokumentensammlungen; Deutschland ist zurzeit mit 24 Einträgen vertreten – darunter die 42-zeilige Göttinger Gutenberg-Bibel, das Manuskript der h-Moll Messe von Johann Sebastian Bach oder auch die Dokumente aus dem Frankfurter Auschwitz-Prozess. Alle zwei Jahre darf das deutsche UNESCO-Nominierungskomitee zwei Vorschläge für die Aufnahme in das weltweite Register machen. „Wir freuen uns sehr über die Aufforderung zur Erarbeitung und Einreichung des Nominierungsantrags. Dies bestätigt die Bedeutung des Frobenius-Instituts als weltweit führend in der Felsbild-Forschung“, sagt Prof. Dr. Roland Hardenberg, der Leiter des Frobenius-Instituts.

Die Felsbildsammlung umfasst etwa 8.600 Felsbildkopien aus Afrika, Ozeanien, Australien und Europa, von denen viele heute als Raritäten gelten. Die Bedeutung des Archivs liegt zum einen vor allem im Alter der Kopien – sie wurden zwischen 1913 und den frühen 1960er Jahren von rund zwei Dutzend professionellen Malerinnen und Malern vor Ort originalgetreu abgezeichnet. Und auch die regionale Breite der Entstehungsorte der Bilder, die aus Afrika, Europa, Indien, Australien und Ozeanien stammen, macht die Sammlung so besonders. In einigen Fällen sind die von Mitgliedern des Instituts angefertigten Kopien heute die einzige verbliebene Dokumentation von Felskunst-Ensembles, deren Originale inzwischen zerstört sind.

Leo Frobenius, der Gründer des Instituts, erkannte als einer von wenigen Forschern früh den enormen kulturhistorischen Wert der Felsbilder Afrikas. Eine erste Expedition führte ihn und ein Team von 1913 bis 1914 in den nordafrikanischen Sahara-Atlas, wo sie die bis zu 12.000 Jahre alten Motive meist in Originalgröße auf Leinwand kopierten. Weitere Felskunstexpeditionen folgten in den 1920er und 1930er Jahren, etwa in die libysche Sahara, ins südliche Afrika, nach Norwegen, Norditalien, Südfrankreich und Ostspanien sowie Neuguinea und Australien. Heute besteht das Archiv aus Zeichnungen, Aquarellen und Gemälden in verschiedenen Techniken und Formaten von bis zu 2,5 auf 10 Metern sowie aus Tausenden Schwarzweißfotografien, die den Kopiervorgang und die Originalschauplätze der Felskunst dokumentieren.

Die damals neu entdeckte prähistorische Kunst hatte großen Einfluss auf die künstlerische Avantgarde des frühen 20. Jahrhundert in Europa und den USA. Sie zog den Blick europäischer und nordamerikanischer Künstler in dem Moment auf sich, als diese die akademische Form des Gemäldes aufgaben, auf figurative Motive verzichteten und begannen, Collagen und große Wandgemälde zu realisieren. Seit Ende der 1920er Jahre wurden Teile der Sammlung in zahlreichen Ausstellungen gezeigt. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Paris, Brüssel, Amsterdam, Zürich, Johannesburg und New York erregten die ungewöhnlichen Gemälde viel Aufmerksamkeit und inspirierten namhafte Künstler der Moderne. Die Ausstellung 1937 im New Yorker Museum of Modern Art war so erfolgreich, dass die Bilder auf eine zweijährige Tournee durch 31 US-Städte gingen. Später behauptete Joan Miró, „die Malerei befindet sich seit dem Höhlenzeitalter im Niedergang“, und Alberto Giacometti, „dort und nur dort ist die Bewegung gelungen“.

Heute werden die Bestände des Felsbildarchivs in gesicherten Archivräumen an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main aufbewahrt und nach bestandserhaltenden Maßgaben gelagert. In den Jahren 2006 bis 2009 wurde das Archiv im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierten Projekts am Frobenius-Institut erschlossen und digitalisiert. Seitdem ist das Felsbildarchiv in Form einer Bilddatenbank über das Internet zugänglich: http://bildarchiv.frobenius-katalog.de/


Bilder zum Download: www.uni-frankfurt.de/94332566

Bildtexte:
Bild 01: Elisabeth Charlotte Pauli, „Hand mit drei kleinen Figuren“, abgezeichnet 1933 in Wadi Sura, ägyptische Sahara. (Copyright: Frobenius-Institut)

Bild 02: Joachim Lutz, „Stehende und liegende Formlinge“, abgezeichnet 1929 in Chinamora, Simbabwe. „Formlinge" nannte Leo Frobenius diese rätselhaft wirkenden, abstrakten Gebilde, die charakteristisch für die Felsmalereien des südlichen Afrika sind. (Copyright: Frobenius-Institut/Peter Steigerwald)

Bild 03: Joachim Lutz, „Große weiße Elefanten, Tiere und Menschen in vielen Schichten“, abgezeichnet 1929 in Ruchera, Simbabwe. (Copyright: Frobenius-Institut/Peter Steigerwald)

Bild 04: Die Malerinnen und Maler arbeiteten unter abenteuerlichen, oft strapaziösen Bedingungen. Hier Elisabeth Pauli und Katharina Mart, an Strickleitern baumelnd, beim Kopieren eines Felsbildes 1935 in Algerien. (Copyright: Frobenius-Institut)
 
Weitere Informationen
Dr. Richard Kuba
Wissenschaftlicher Mitarbeitet, Leiter des Felsbildarchivs
Frobenius-Institut für kulturanthropologische Forschung an der Goethe-Universität
Telefon +49 (0)69 798-33056
Kuba@em.uni-frankfurt.de
www.frobenius-institut.de
https://www.frobenius-institut.de/sammlungen/felsbildarchiv

 

Nov 18 2020
10:49

Diskussionsreihe widmet sich der Frage, inwiefern Rassedenken und Rassismus bei Immanuel Kant zu finden ist. Die virtuellen Sitzungen beginnen ab dem 20. November und sind online verfügbar.

War Kant ein Rassist?

FRANKFURT. Die online stattfindende Diskussionsreihe „Kant – ein Rassist?“ widmet sich aus interdisziplinärer Perspektive der Frage, ob und inwiefern Immanuel Kant Rassist war. Dazu werden die Schriften Kants, aber auch der soziokulturelle und historische Hintergrund, ausführlich diskutiert. Jede Sitzung wird von einem impulsgebenden Vortrag eingeleitet. Zwei darauf bezogene Repliken eröffnen die Diskussionsrunde. Vortragende und Teilnehmende verschiedener Fachdisziplinen reflektieren in der gemeinsamen Debatte die philosophische und historische Tragweite der rassistischen Äußerungen Kants, auch mit Blick auf die Gegenwart.
 
Die virtuellen Sitzungen werden aufgezeichnet und sind in den Mediatheken der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaft (BBAW) sowie der Digitalen Bibliothek Thüringen jeweils ab dem genannten Termin zugänglich. Alle Informationen sowie die Verlinkung zu den Mediatheken beziehungsweise den Videos findet man unter http://kant.bbaw.de/arbeitsstelle/veranstaltungen
 
Prof. Marcus Willaschek, Philosoph an der Goethe-Universität und Mitorganisator der Diskussionsreihe, betont im Hinblick auf die im Feuilleton, aber auch in der Wissenschaft breit geführte Debatte über die Frage, ob Kant Rassist war: „Aus einer rein historischen Perspektive kann man seine Äußerungen über die angebliche Überlegenheit der Weißen, Faulheit der Afrikaner etc. in den Kontext seiner Zeit einordnen und so ein stückweit verständlich machen, ohne Kant moralisch zu verurteilen. Als Philosoph muss ich mich jedoch auch fragen, welche Thesen und Theorien Kants heute noch überzeugend und ein Anknüpfungspunkt für unser heutiges Denken sein können. Kant kann uns noch immer wichtige Denkanstöße geben, aber manche seiner Auffassungen haben sich auch als Irrtümer erwiesen. Genauso verhält es sich mit seiner Theorie der Menschenrassen: aus heutiger Sicht ist sie falsch, und das gilt erst recht für die von Kant vertretene Rassenhierarchie mit den Weißen an der Spitze. Da muss man klar sagen: Hier irrte Kant!“   

Die Vorlesungsreihe „Kant – ein Rassist?“ ist eine Kooperationsveranstaltung der Goethe-Universität (Prof. Marcus Willaschek) mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (Dr. Michael Hackl), der Friedrich-Schiller-Universität Jena (Prof. Andrea Esser), der Universität Siegen (Prof. Dieter Schönecker) sowie der Université du Luxembourg (Prof. Dietmar Heidemann).


Von diesen Terminen an sind die jeweiligen Veranstaltungen online zugänglich:

Freitag, 20.11.2020:
„Rasse“ und „Rassismus“.  Moderation: Marcus Willaschek (Frankfurt/M.), Impuls: Christian Geulen (Koblenz); Replik 1: Christina Brandt (Jena) Replik 2: Cengiz Barskanmaz (Halle/Saale).

Freitag, 4.12.2020:
Kants Theorie der „Menschenrassen“. Moderation: Andrea Esser (Jena), Impuls: Pauline Kleingeld (Groningen); Replik 1: Bernd Dörflinger (Trier), Replik 2: Dieter Schönecker (Siegen).

Freitag, 18.12.2020:
Rassismus ohne Rassen bei Kant? Moderation: Dieter Schönecker, Impuls: Marina Martinez Mateo (Frankfurt/M.); Replik 1: Micha Brumlik (Frankfurt/M.), Replik 2: Marcus Willaschek.

Freitag, 22.1.2021:
Rassedenken und Rassismus im 18. Jahrhundert. Moderation: Andrea Esser, Impuls: Uffa Jensen (Berlin); Replik 1: Andrew Wells (Göttingen), Replik 2: Jacob Mabe (Berlin).

Freitag, 5.2.2021:
Universalismus und Rassismus. Moderation: Marcus Willaschek, Impuls: Nikita Dhawan (Gießen); Replik 1: Rainer Forst (Frankfurt/M.), Replik 2: Michael Hackl (Berlin).

Freitag, 19.2.2021:
Wie umgehen mit Kants Schriften in Forschung und Lehre? Moderation: Michael Hackl, Impuls: Franziska Dübgen (Münster); Replik 1: Volker Gerhardt (Berlin), Replik 2: Andrea Esser.
 
Weitere Informationen:
Prof. Marcus Willaschek, Institut für Philosophie, Goethe-Universität Frankfurt. Tel. (069) 798-32678; Willaschek@em.uni-frankfurt.de

 

Nov 17 2020
10:17

Studie zu Berufsperspektiven von Absolventinnen und Absolventen der islamisch-theologischen Studien und der Religionspädagogik gestartet

Islamische Theologie studiert – und dann?

Was wird eigentlich aus den Alumni der islamisch-theologischen Studien und der Religionspädagogik? Wie gelingt ihnen der Berufseinstieg? Welche Beschäftigungsmöglichkeiten bietet der Arbeitsmarkt? Antworten soll eine Verbleibstudie liefern, die nun von der Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft an der Universität Frankfurt gemeinsam mit den Universitäten Gießen und Mainz durchgeführt wird.

FRANKFURT. Seit 2011 fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) zusammen mit den Bundesländern mehrere Standorte für islamisch-theologische Studien und Religionspädagogik an deutschen Universitäten. Zentrales Ziel ist es, Lehrkräfte für den islamischen Religionsunterricht und muslimische Theologen und Theologinnen auszubilden sowie Studierende für Gemeindepädagogik, soziale Arbeit und Seelsorge in muslimischen Kontexten zu qualifizieren. Mittlerweile studieren mehr als 2.500 junge Menschen einen der beiden Studiengänge. Seit 2014 treten Absolventinnen und Absolventen dieser Studiengänge in den Arbeitsmarkt ein. Fachleute gehen davon aus, dass diese jungen Menschen in den schulischen, universitären oder sozialen Bereich und in religionsgemeinschaftliche Beschäftigungsfelder gehen.

Eine nun gestartete Verbleibstudie wird dies erstmals näher untersuchen. Sie wird von der Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft (AIWG) gemeinsam mit der Universität Gießen (Dr. Naime Cakir-Mattner, Professorin für Islamische Theologie mit Schwerpunkt muslimische Lebensgestaltung) und der Universität Mainz (Dr. Constantin Wagner, Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Heterogenität) durchgeführt. „Bis jetzt besteht kein gesichertes Wissen darüber, ob Absolventinnen und Absolventen tatsächlich in den angenommenen Berufsfeldern beschäftigt sind, wie sie selbst ihre Beschäftigungssituation einschätzen und wie gut ihr Studium sie auf den Arbeitsmarkt vorbereitet“, sagt Professorin Naime Cakir-Mattner.

Die Verbleibstudie soll qualitative und quantitative Erkenntnisse liefern. Die quantitative Erhebung wird einen Überblick über die angewählten Berufsfelder, die beruflichen Positionen sowie die Beschäftigungssituation der Alumni bieten und erfassen, welche Faktoren zu (Miss-)Erfolg führen. „Im qualitativen Teil der Studie werden wir die Alumni zu ihren Erfahrungen und Bewertungen sowie ihren beruflichen Zukunftsperspektiven befragen“, so Professor Constantin Wagner.

Dr. Jan Felix Engelhardt, Geschäftsführer an der AIWG, über die Verbleibstudie: „Aus unserer Expertise ‚Wer studiert Islamische Theologie?' wissen wir, dass die Studierenden nur selten konkrete Berufsperspektiven haben. Die Ergebnisse aus der Verbleibstudie sollen dazu beitragen, die Studienangebote in islamischer Theologie und Religionspädagogik besser an arbeitsmarktliche Bedürfnisse anzupassen.“

Über die Projektleitung:

Dr. Jan Felix Engelhardt ist Geschäftsführer an der AIWG. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Akademisierung muslimischer Wissensproduktion in Deutschland und Europa sowie das Verhältnis zwischen Theologie, Gesellschaft und Politik.

Dr. Naime Cakir-Mattner ist Professorin für Islamische Theologie mit Schwerpunkt muslimische Lebensgestaltung an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem Migration, Gender und Religion, Islamfeindlichkeit und Rassismus, Islam und Muslime im europäischen Kontext.

Dr. Constantin Wagner ist Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Heterogenität an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Heterogenität und soziale Ungleichheit in der postmigrantischen Gesellschaft sowie Islam(verständnisse) im postkolonialen Europa. Er ist Autor der AIWG-Expertise „Wer studiert Islamische Theologie? Ein Überblick über das Fach und seine Studierenden“.  

Informationen:
Stefanie Golla
Koordinatorin Wissenschaftskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft
Telefon 069 798-22459
E-Mail golla@aiwg.de
https://aiwg.de/

 

Nov 13 2020
11:16

​Chemiker der Universität Göttingen und der Goethe-Universität charakterisieren Schlüsselverbindung für katalytischen Stickstoffatom-Transfer

Chemie: Wie Stickstoff per Katalysator übertragen wird

Metallkatalysatoren können Stickstoff auf organische Moleküle übertragen. Bei solchen Reaktionen treten kurzlebige Verbindungen auf, deren Funktion für die Produktbildung durch die chemische Bindung von Metall und Stickstoff maßgeblich bestimmt wird. Die Struktur und chemische Bindung eines solchen Schlüsselintermediats für den Stickstoffatom-Transfer haben jetzt Chemiker der Universität Göttingen und der Goethe-Universität Frankfurt umfassend analysiert. Das detaillierte Verständnis des Reaktionsablaufs erlaubt es, künftig Katalysatoren für bestimmte Reaktionen maßzuschneidern und wichtige chemische Reaktionen gezielt zu steuern.

FRANKFURT. Um neue Wirkstoffe für Medikamente oder innovative, molekulare Materialien mit neuen Eigenschaften herzustellen, müssen Moleküle gezielt modifiziert werden. Die Kontrolle der Selektivität solcher chemischen Transformationen ist eines der Hauptziele der Katalyse. Dies gilt insbesondere für komplexe Moleküle, die an mehreren Stellen reaktiv sein können, um im Sinne der Nachhaltigkeit unnötigen Abfall zu vermeiden. So ist z.B. der selektive Einschub einzelner Stickstoffatome in Kohlenstoff-Wasserstoff Bindungen von Zielmolekülen ein besonders interessantes Ziel der chemischen Synthese. Solche Stickstofftransfer-Reaktionen wurden in der Vergangenheit anhand von quantenchemischen Computersimulationen für molekulare Metallverbindungen dargestellt, bei denen einzelne Stickstoffatome an das Metall gebunden sind. Diese hochreaktiven Intermediate wurden bisher aber nicht experimentell beobachtet. Ein Zusammenwirken von experimentellen und theoretischen Untersuchungen solcher Metallonitren-Schlüsselintermediate ist daher für eine detaillierte Analyse und schließlich Nutzung katalytischer Stickstoffatom-Transferreaktionen sehr bedeutsam.

Erstmals konnten nun Chemiker um Prof. Sven Schneider, Universität Göttingen, und Prof. Max Holthausen, Goethe-Universität Frankfurt, in Zusammenarbeit mit den Gruppen von Prof. Joris van Slageren, Universität Stuttgart und Prof. Bas de Bruin, Universität Amsterdam, ein solches Metallonitren direkt beobachten, spektroskopisch vermessen und quantenchemisch umfassend charakterisieren. Dazu wurde ein Platin-Azid-Komplex photochemisch in ein Metallonitren umgewandelt und mittels Photo-Kristallographie sowie magnetometrisch untersucht. Zusammen mit der theoretischen Modellierung gelang den Forschern nun die detaillierte Beschreibung eines sehr reaktionsfreudigen Metallonitrens, bei dem ein Stickstoffatom nur eine Bindung zum Metallatom aufweist und als Diradikal vorliegt, das heißt über zwei ungepaarte Elektronen verfügt. Die Wissenschaftler konnten ferner zeigen, wie die ungewöhnliche elektronische Struktur des Platin-Metallonitrens den gezielten Einschub des Stickstoffatoms, z.B. in C–H Bindungen anderer Moleküle, ermöglicht.

Prof. Max Holthausen erklärt: „Die Erkenntnisse unserer Arbeit erweitern das grundlegende Verständnis der chemischen Bindung und der Reaktivität solcher Metallkomplexe entscheidend. Wir legen damit die Grundlage für eine rationale Syntheseplanung.“ Prof. Sven Schneider sagt: „Die Einschubreaktionen, die wir beschrieben haben, ermöglichen die Nutzung von Metallonitrenen für die selektive Synthese organischer Stickstoffverbindungen durch katalytischen Stickstoffatom-Transfer. Damit trägt diese Arbeit zur Entwicklung neuartiger, ‚grüner' Synthesen von Stickstoffverbindungen bei.“

Die Arbeit wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft und den Europäischen Forschungsrat gefördert.


Publikation: Jian Sun, Josh Abbenseth, Hendrik Verplancke, Martin Diefenbach, Bas de Bruin, David Hunger, Christian Würtele, Joris van Slageren, Max C. Holthausen, Sven Schneider: A platinum(II) metallonitrene with a triplet ground state. Nat. Chem. (2020) https://doi.org/10.1038/s41557-020-0522-4

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Max C. Holthausen
Goethe-Universität Frankfurt am Main
Institut für Anorganische und Analytische Chemie
Tel. +49 69 798 29430
max.holthausen@chemie.uni-frankfurt.de

Prof. Dr. Sven Schneider
Georg-August-Universität Göttingen
Institut für Anorganische Chemie
Tel. +49 551 39 22829
sven.schneider@chemie.uni-goettingen.de

 

Nov 12 2020
11:23

​Synthetisch erzeugte Bläschen sind Mini-Labore für maßgeschneiderte Moleküle – möglicher Ersatz für Rohstoffgewinnung aus Öl

Forscherin der Goethe-Universität erzeugt künstliche Zell-Organellen für die Biotechnologie

Zellen höherer Organismen nutzen Zell-Organellen, um Stoffwechselreaktionen voneinander zu trennen. So findet die Zellatmung in den Mitochondrien, den Energie-kraftwerken der Zelle, statt. Sie sind so etwas wie abgeschlossene Laborräume in der großen Fabrik Zelle. Einem Forscherteam der Goethe-Universität ist es nun gelungen, künstliche Zell-Organellen herzustellen und diese für selbst erdachte biochemische Reaktionen zu nutzen.
 
FRANKFURT. Schon länger hatten Biotechnologen versucht, natürliche Zell-Organellen für andere Prozesse zu „reprogrammieren“ – mit gemischtem Erfolg, denn die „Laboreinrichtung“ ist auf die Funktion der Organelle spezialisiert. Dr. Joanna Tripp, Nachwuchswissenschaftlerin am Institut für Molekulare Biowissenschaften, hat nun eine neuartige Methode entwickelt, künstliche Organellen in lebenden Hefezellen zu erzeugen (ACS Synthetic Biology: https://doi.org/10.1021/acssynbio.0c00241).

Sie nutzt dazu das verzweigte System von Röhren und Bläschen des Endoplasmatischen Retikulums (ER), das den Zellkern umgibt. Von diesem Membransystem schnüren sich in Zellen immer wieder Bläschen oder Vesikel ab, um etwa Stoffe an die Zellmembran zu transportieren. In Pflanzen können solche Vesikel aber auch zur Speicherung von Proteinen in Samen dienen. Diese Speicherproteine sind mit einem „Adressaufkleber“, der Zera-Sequenz, versehen, die sie in das ER einschleusen und dafür sorgen, dass Speicherproteine dort in Vesikel „verpackt“ werden. Joanna Tripp hat nun den „Adressaufkleber“ Zera verwendet, um in Hefezellen gezielt Vesikel zu erzeugen und mehrere Enzyme eines biochemischen Stoffwechselweges einzuschleusen.

Aus biotechnologischer Sicht ist dies ein Meilenstein. Denn Hefezellen als „Haustiere“ der synthetischen Biologie stellen nicht nur zahlreiche nützliche Naturstoffe her, sondern können auch genetisch so verändert werden, dass sie im großen Stil industriell interessante Moleküle wie etwa Biokraftstoffe oder Anti-Malaria-Mittel produzieren.

Doch neben den gewünschten Produkten entstehen oft auch unerwünschte Nebenprodukte oder giftige Zwischenprodukte. Zusätzlich kann das Produkt durch Lecks in der Zelle verloren gehen, oder die Reaktionen sind zu langsam. Hier können die synthetischen Zell-Organellen eine Abhilfe schaffen, denn in ihnen treffen nur die erwünschten Enzyme (mit „Adressaufkleber“) zusammen, so dass sie effektiver zusammenarbeiten können, ohne den Rest der Zelle zu stören oder gestört zu werden.

„Wir haben die Zera-Sequenz benutzt, um einen dreistufigen, synthetischen Stoffwechselweg in Vesikel einzubringen“, erklärt Joanna Tripp. „Damit haben wir selbst einen Reaktionsraum geschaffen, der genau das enthält, was wir wollen. Wir konnten dann zeigen, dass der Stoffwechselweg in den Vesikeln abgeschottet vom Rest der Zelle funktioniert.“

Die Biotechnologin hat sich für diesen Prozess ein industriell relevantes Molekül ausgesucht: Die Mukonsäure, die industriell weiter zu Adipinsäure verarbeitet wird. Diese ist ein Zwischenprodukt für Nylon und andere Kunststoffe. Zurzeit wird die Mukonsäure aus Rohöl gewonnen. Würde man sie künftig im großen Maßstab durch Hefezellen herstellen lassen, wäre das bedeutend umweltfreundlicher und nachhaltiger. Zwar geht derzeit noch ein Teil des entstehenden Zwischenproduktes Protocatechusäure verloren, weil die Vesikelmembran durchlässig ist, aber Joanna Tripp sieht dies als ein lösbares Problem an.

Prof. Eckhard Boles, Leiter der Abteilung Physiologie und Genetik niederer Eukaryoten, urteilt: „Das ist eine revolutionäre neue Methode für die synthetische Biologie. Mit den neuartigen künstlichen Organellen gibt es nun eine Möglichkeit, verschiedenartige Prozesse in der Zelle neu zu generieren oder zu optimieren.“ Die Methode ist dabei nicht auf Hefezellen beschränkt, sondern generell für eukaryotische Zellen einsetzbar. Zudem lässt sie sich auch auf andere Fragestellungen anwenden, z.B. für Reaktionen, die bisher nicht in lebenden Zellen stattfinden konnten, weil man dazu etwa Enzyme benötigt, die den Zell-Stoffwechsel stören können.


Publikation: Mara Reifenrath, Mislav Oreb, Eckhard Boles, Joanna Tripp: Artificial ER-Derived Vesicles as Synthetic Organelles for in Vivo Compartmentalization of Biochemical Pathways, in:
ACS Synthetic Biology: https://doi.org/10.1021/acssynbio.0c00241

Weitere Informationen
Dr. Joanna Tripp
Institut für Molekulare Biowissenschaften
Goethe-Universität Frankfurt
Tel.: (069) 798 29516
j.tripp@bio.uni-frankfurt.de

 

Nov 11 2020
15:45

​DFG-Graduiertenkolleg „Doing Transitions“ an der Goethe-Universität geht in die zweite Runde

Übergänge im Lebenslauf werden weiter erforscht

Wie kommt es zu Übergängen im Lebenslauf? Und wie werden sie gestaltet? Damit befasst sich ein Graduiertenkolleg an der Goethe-Universität und der Universität Tübingen. Nach drei Jahren Forschungsarbeit hat die DFG nun die Mittel für eine Verlängerung zugesagt.
 
FRANKFURT. Wie Übergänge im Lebenslauf entstehen und wie sie gestaltet werden, das untersuchen Promovierende an den Universitäten Frankfurt und Tübingen im Rahmen des Graduiertenkollegs „Doing Transitions“, das seit 2017 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird. Das Thema wird aus dem Blickwinkel der Erziehungswissenschaften, der Psychologie und der Soziologie erforscht.
 
Menschen haben im Lauf ihres Lebens vielerlei Übergänge zu bewältigen. Bisher interessierte sich die Forschung vor dem Hintergrund, dass hier sowohl soziale Ungleichheit als auch Ein- und Ausschlussprozesse verstärkt werden, vor allem dafür, wie Übergänge verlaufen und auf welche Weise das Risiko des Scheiterns minimiert werden kann.
 
„Doing Transitions“ geht nun davon aus, dass diese Übergänge nicht per se vorhanden sind, und untersucht die ihnen zugrundeliegenden sozialen Konstruktionsprozesse. Die Arbeiten der ersten Förderphase (2017-2021) haben sich auf Formen der Gestaltung und Herstellung von Übergängen fokussiert: etwa normative Unterscheidungen und Zuschreibungen von Gelingen und Scheitern wie die Einmündung in eine Erwerbstätigkeit als Ausdruck der „Beschäftigungsfähigkeit“ eines Menschen, institutionelle Formen der Regulierung wie Prüfungen, die zum nächsten Bildungs- oder Lebensabschnitt qualifizieren, oder verschiedene Umgangsweisen von Menschen mit Übergängen wie die Integration einer neuen Rolle in das eigene Selbstverständnis. Dabei kamen nicht nur etablierte, allgemein verbindliche Übergänge in den Blick wie der Eintritt in die Schule, ins Arbeitsleben oder in die Rente, sondern auch weniger offensichtliche oder selbstverständliche Übergänge wie der zur selbständigen Mobilität im Kindesalter, der Übergang weg vom bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht, der Übergang zum Alleinleben im höheren Alter, die Inszenierung des eigenen Erwachsenwerdens im Internet oder das Revival des Übergangsrituals der Jugendweihe.
 
Jetzt hat die DFG auch die zweite Förderphase (2021-2025) bewilligt, in der weitere Dimensionen untersucht werden: Was geschieht, wenn mehrere Personen gleichzeitig verschiedene Übergänge erleben (z.B., wenn der Jobwechsel eines Elternteils den Umzug der Familie und den Schulwechsel der Kinder nach sich zieht)? Welche zeitlichen Dimensionen sind in Übergängen enthaltenen, etwa der institutionell und subjektiv „richtige“ Zeitpunkte für einen Übergang (z.B. Elternschaft), die sich oft unterscheiden, sowie die Materialität von Übergängen (wenn etwa die Berufswahlsoftware der Berufsberatung den passenden Beruf vorschlägt oder Körperimplantate nicht nur Krankheiten bekämpfen, sondern auch Identitäten verändern).
 
Derzeit ist die zweite Kohorte von Promovierenden im Kolleg. 2022 erfolgt die Ausschreibung für eine dritte Kohorte. In jeder Kohorte werden elf oder zwölf Promovierende sowie ein oder zwei Postdocs finanziert und können sich vollständig der Promotion bzw. Habilitation widmen. Außerdem sind jeweils fünf oder sechs anderweitig geförderte Promovierende beteiligt.
 
Das Fördervolumen für die zweite Förderphase beträgt 4,6 Millionen Euro, mit denen vor allem die Stellen der Promovierenden und Postdocs finanziert werden. Geleitet wird das Graduiertenkolleg von Prof. Dr. Andreas Walther (Fachbereich Erziehungswissenschaften, Goethe-Universität) und Prof. Dr. Barbara Stauber (Institut für Erziehungswissenschaft, Tübingen). Aus Frankfurt sind außerdem Prof. Dr. Sabine Andresen, Prof. Dr. Christiane Hof, Prof. Dr. Frank Oswald, alle Erziehungswissenschaft) sowie Prof. Dr. Birgit Becker und Prof. Dr. Sarah Speck (beide Soziologie) beteiligt.

 
Weitere Informationen

Prof. Dr. Andreas Walther

Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung

Goethe-Universität

069 79836383

A.Walther@em.uni-frankfurt.de
www.doingtransitions.org

 

Nov 11 2020
11:01

Förderung ermöglicht Projekte zum Originalerhalt von schriftlichem Kulturerbe an der Universitätsbibliothek

Im Kampf gegen den Zahn der Zeit

Die Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg der Goethe-Universität erhält für Maßnahmen der Bestandserhaltung Fördergelder vom Bund und vom Land Hessen sowie private Spenden. Im Jahr 2020 können dadurch 200.000 Euro in den Originalerhalt von regional und national bedeutsamem Kulturgut investiert werden.
 
FRANKFURT. Ein erheblicher Teil des schriftlichen Kulturerbes in Bibliotheken und Archiven in Deutschland ist durch Säurefraß, natürliche Alterung, Schädlinge oder ungünstige Lagerungsbedingungen vom schleichenden Verfall bedroht. Der dauerhafte Erhalt der Bestände stellt eine große Herausforderung für die bewahrenden Institutionen dar. Deshalb wurden spezielle Förderprogramme geschaffen, von denen nun auch die historischen Sammlungen der Universitätsbibliothek profitieren.



Mit Mitteln des Bundes und des Landes Hessen können in diesem Jahr an der Universitätsbibliothek mehrere konservatorische Projekte umgesetzt werden. Dabei werden die Lagerungsbedingungen für ausgewählte wertvolle Bestände nachhaltig verbessert oder Bücher und Archivalien fachgerecht restauriert. Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Prof. Monika Grütters, fördert diese Maßnahmen aus Sondermitteln des Bundes zu 50 Prozent (durch die Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts in Berlin). Das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst übernimmt im Rahmen des Landesprogramms zum Erhalt des schriftlichen Kulturgutes in Hessen weitere 40 Prozent. 



Diese staatlichen Förderprogramme zielen vor allem auf die Behandlung großer Bestandsgruppen ab, zum Beispiel durch Entsäuerungsmaßnahmen gegen das Phänomen des sogenannten Papierzerfalls. Die Restaurierung von Einzelstücken dagegen wurde durch die Spenden von Privatpersonen und durch private Stiftungen ermöglicht, wie beispielsweise die Ernte und Dank-Stiftung im Stifterverband. Insgesamt kann die Bibliothek durch die verschiedenen Zuwendungen sowie eigene Haushaltsmittel etwa 200.000 Euro für die verschiedenen bestandserhaltenden Maßnahmen einsetzen.
 
Die Projekte betreffen unter anderem die folgenden ausgewählten Bibliotheks- und Archivbestände der Universitätsbibliothek: die Sammlung Deutscher Drucke (Erscheinungsjahre 1850-1870), die sogenannte Kolonialbibliothek (Bibliothek der 1887 gegründeten „Deutschen Kolonialgesellschaft“), eine Reihe von teilweise äußerst selten überlieferten jüdischen Periodika aus der Zeit bis zum 2. Weltkrieg, den Nachlass des Philosophen Max Horkheimer sowie historische Orchestermaterialien und Theaterzettel der Frankfurter Oper, des Museumsorchesters und der Städtischen Bühnen.


Die Bibliothek verfolgt in den letzten Jahren verstärkt Maßnahmen, um die Lagerungsbedingungen für ihre historischen Bestände nachhaltig und entsprechend neuesten wissenschaftlichen Standards zu verbessern. Aus den umfangreichen Sammlungen wird dabei vor allem jenes Kulturgut vorrangig behandelt, dass sich durch fortschreitende Schadensbilder bzw. durch eine besondere wissenschaftliche und kulturhistorische Bedeutung des Objektes heraushebt. Die nun geförderten Maßnahmen sind somit Teil einer langfristig angelegten Strategie zum Originalerhalt des wertvollen schriftlichen Kulturgutes an der Universitätsbibliothek.
 
Information: Dr. Mathias Jehn, Leitung Abteilung Bestandserhaltung und Digitalisierung, Universitätsbibliothek J. C. Senckenberg, Bockenheimer Landstraße 134-138, 60325 Frankfurt am Main, Tel: +49 (69) 798 39007, E-Mail: m.jehn@ub.uni-frankfurt.de
 
Kontakt für Pressefragen allgemein: Bernhard Wirth, Stabsstelle Ausbildung und Öffentlichkeitsarbeit der Bibliothek, Tel. +49 (69) 798 39223; Mail: pr-team@ub.uni-frankfurt.de

 

Nov 10 2020
09:46

​Forscherteams der Goethe-Universität und der Universität Hildesheim starten zweite Studie zur Befindlichkeit von Jugendlichen in der Corona-Krise

Sechs Monate mit Corona: Bundesweite Umfrage zu Jugendlichen in der Pandemie

„Wie geht es Dir nach sechs Monaten in der Corona-Zeit?“ Die Erfahrungen und Perspektiven junger Menschen stehen derzeit im Mittelpunkt der bundesweiten Studie „Jugend in der Corona-Zeit“. Damit geht die Studie der Goethe-Universität Frankfurt und der Universität Hildesheim vom Frühjahr 2020 in die zweite Runde.
 
FRANKFURT. Mehr als 8.000 junge Menschen haben sich im Frühjahr 2020 zu Beginn der Pandemie an der bundesweiten Studie „JuCo“ der Universitäten Frankfurt und Hildesheim beteiligt und von ihren Erfahrungen und Perspektiven berichtet. Nun startet der Forschungsverbund eine zweite Erhebung. Im Fokus stehen die Veränderungen des Lebens junger Menschen durch sich ebenfalls verändernde Corona-Maßnahmen.
 
Die Online-Befragung, die bis zum 22. November durchgeführt wird, richtet sich deutschlandweit an junge Menschen ab 15 Jahren. Es geht darum, mehr über den Lebensalltag, die Herausforderungen und Perspektiven der Jugendlichen in der Pandemie zu erfahren. „Die erste Befragung hat gezeigt, dass die jungen Menschen in der Krise viel zu wenig zu Wort kommen“, so Johanna Wilmes, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Frankfurter Team vom Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung. „Jugendliche wollen mit ihren eigenen Anliegen gehört werden und nicht einfach nur als zu beschulende Menschen in der Öffentlichkeit stehen“, betont auch Anna Lips aus dem Hildesheimer Forschungsteam. Von einer großen Teilnahme an der Studie erhofft sich der Forschungsverbund deshalb Erkenntnisse darüber, wie sich junge Menschen langfristig ihre Mitsprache in der Corona-Krise vorstellen und welche Bedürfnisse sie haben.
 
Damit sich möglichst viele Jugendliche an der Umfrage beteiligen, wurde der Fragebogen diesmal auch in einfacher Sprache formuliert. Dazu Dr. Tanja Rusack von der Universität Hildesheim: „Wir wollen möglichst viele junge Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen erreichen.“
 
Der Fragebogen ist für Jugendliche unter https://www.soscisurvey.de/JuCo_II/  bzw. unter https://www.instagram.com/juco_jugendcorona/ bis zum 22. November abrufbar, die Teilnahme dauert ca. 20 Minuten. Unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern werden 20 Gutscheine im Wert von je 20 Euro verlost. 

Der Forschungsverbund „Kindheit – Jugend – Familie in der Corona-Zeit“ setzt sich zusammen aus dem Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung an der Universität Frankfurt und dem Institut für Sozial- und Organisationspädagogik an der Universität Hildesheim. Entstanden sind darin bisher die bundesweite Studie „JuCo“ zu den Erfahrungen und Perspektiven von jungen Menschen während der Corona-Maßnahmen sowie die bundesweite Studie KiCo zu den Erfahrungen und Perspektiven von Eltern und ihren Kindern im gleichen Zeitraum. Aktuell gehören zum Frankfurter Team Prof. Dr. Sabine Andresen und Johanna Wilmes sowie von der Universität Hildesheim Lea Heyer, Anna Lips, Dr. Tanja Rusack, Prof. Dr. Wolfgang Schröer und Dr. Severine Thomas.
 
Weitere Informationen
Weitere Informationen zum Forschungsverbund und den bisherigen Veröffentlichungen unter: https://t1p.de/studien-corona
 
Prof. Dr. Sabine Andresen
Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung
Goethe-Universität Frankfurt
S.Andresen@em.uni-frankfurt.de

 

Nov 9 2020
09:57

Die Theatergruppe am Institut für England- und Amerikastudien der Goethe-Universität präsentiert im Wintersemester drei Produktionen online.

Chaincourt Theatre goes digital

FRANKFURT. Die Chaincourt Theatre Company hat sich in diesem Semester ein neues Betätigungsfeld erarbeitet: Corona-bedingt konnten die Studierenden nicht an den üblichen Orten in Präsenz proben, sondern waren auf den Austausch im digitalen Universum angewiesen. Doch hat die Theatergruppe am Institut für England- und Amerikastudien das Beste aus der ungewohnten Situation gemacht und sich kurzerhand dreigeteilt: Sie präsentiert jetzt im November mehrere kleinere Stücke, geprobt und aufgenommen in den letzten Monaten, im Internet. Die kreative Umsetzung der Stücke und Regie wurde von Studierenden des Fachbereichs 10 übernommen. Künstlerisch unterstützt wurden sie dabei von James Fisk, Lektor für Englisch am Institut für England- und Amerikastudien, der über eine mehrjährige Theatererfahrung verfügt.

Das Radiohörspiel „The Hitch-Hiker“, geschrieben von der in New York geborenen Schriftstellerin Lucille Fletcher, wurde zum ersten Mal am 17. November 1941 in der Orson Welles Show auf dem Radiosender CBS ausgestrahlt. Neben der musikalischen Untermalung geschrieben von Fletchers damaligem Ehemann, Bernard Herrmann, spielten Orson Welles und seine Theatergruppe der Mercury Players zwischen 1941 und 1946 bei vier Radio-Performances des Werks selbst mit. Seit seiner Erstausstrahlung 1941 wurde „The Hitch-Hiker“ mehrmals für Film und Fernsehen adaptiert und erlangte als eine Episode der Hit-Serie „The Twilight Zone“ unter Rod Serling Bekanntheit. Inspiriert von der Orson Welles-typischen Suspense (Ungewissheit), machten sich sechs Mitglieder der Chaincourt Theatre Company ihre gegenwärtige Arbeitssituation der ‚Zoom-Ära' über das Sommersemester 2020 zunutze und bringen „The Hitch-Hiker“ nun wieder in der Fassung eines gespenstigen Hörspiels zur Aufführung. Die Geschichte verfolgt Ronnie Adams, eine junge Frau aus Brooklyn, auf ihrem Weg von New York nach Kalifornien. Gespannt auf die lange und einsame Fahrt durch Amerikas diverse Landschaften, beginnt Ronnie ihre Autoreise. Dieser nimmt jedoch eine unerwartete Wendung, als sie plötzlich auf eine Hitchhikerin trifft, welche Ronnie auf jeder Etappe der 3000 Meilen wie ein Schatten zu verfolgen scheint.

Zwar wurde „The Hitch-Hiker“ eigentlich für das Radio geschrieben, eignet sich aber perfekt für eine virtuelle Inszenierung. Protagonist Ronald Adams reist quer durch die Vereinigten Staaten und begegnet dabei verschiedensten Persönlichkeiten. Über ihm schwebt dabei wie ein Damoklesschwert die immerwährende Frage, wem er am Ende gegenüberstehen wird: sich selbst oder dem Anderen. Die Chaincourt Theatre Company überwindet in dieser Inszenierung den digitalen Rahmen und macht die Software Zoom zu einem performativen Medium, das sich genau zwischen Theater und Film positioniert.

Das dritte Stück ist „Sorry, Wrong Number“; es wurde 1943 zunächst als Radiohörspiel von Lucille Fletcher geschrieben. Ein zu seiner Zeit hoch gefeiertes Stück, von Regisseur Orson Welles als “the greatest single radio script ever written" gelobt, erlebt es nun ein zeitgemäßes Update mit der Chaincourt Produktion des Werkes. Über den Verlauf des Sommersemesters 2020 fanden sich acht Mitglieder der Chaincourt Theatergruppe virtuell über Zoom zusammen und arbeiteten gemeinsam an einer zeitgenössischen Inszenierung des Werkes. In „Sorry, Wrong Number“ folgt das Publikum der Odyssee von Mrs. Stevenson, die, nachdem sie durch Zufall ein Gespräch zwischen zwei zwielichtigen Gestalten überhört, alles daran setzt diese von ihren mörderischen Plänen abzuhalten. Doch das ist nicht so einfach, wenn niemand das Haus verlassen kann.
 
Links für die Aufführungen auf YouTube (mit Veröffentlichungsdaten):

26. November, 20.15 Uhr: „The Hitch-Hiker“ - Video
https://www.youtube.com/watch?v=q43xP0k79Hw

27. November 2020, 20.15 Uhr: „The Hitch-Hiker“ – Audio (radio play)
https://youtu.be/3sNchIAtCIA

28. November 2020, 20.15 Uhr: „Sorry, Wrong Number“ - Video
https://youtu.be/whRAYgPg9_w

Link der gesamten Playlist auf YouTube (Zugang zu allen Produktionen):
https://www.youtube.com/channel/UCqjvihzyM1JlgqxBKKXJ8PA/playlists?view_as=subscriber

Kontakt: James Fisk, Künstlerische Leitung des Chaincourt Theatre; fisk@em.uni-frankfurt.de; www.chaincourt.org

 

Nov 9 2020
09:52

Lyrikerin übernimmt die Stiftungsgastdozentur im Wintersemester 2020/21. Vorlesung wird digital stattfinden.

VORHERSAGEN – Monika Rinck spricht in ihren Frankfurter Poetikvorlesungen über Poesie und Prognose

FRANKFURT. Mit Monika Rinck wird im Wintersemester 2020/21 eine der herausragenden Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartslyrik die Frankfurter Poetikvorlesungen halten. Die 1969 in Zweibrücken geborene und in Berlin lebende Autorin wird unter dem Titel „VORHERSAGEN. Poesie und Prognose“ über die Möglichkeiten des Poetischen sprechen und auch einen Einblick in ihr außergewöhnlich vielseitiges Werk geben. Neben Gedichten veröffentlichte sie auch Essays, Hörspiele, Liedtexte, Prosawerke, Zeichnungen sowie einen Theorie-Comic.
 
Als besonders charakteristisch für das facettenreiche Schaffen der Poetikdozentin kann die sprachliche wie literarische Experimentierfreudigkeit bezeichnet werden, die sich nicht zuletzt in ihrer komplexen Lyrik niederschlägt. Schon in ihrem ersten Gedichtband „Verzückte Distanzen“ (2004) fallen die atemlosen, sprunghaften wie unabgeschlossenen Verse mit ihrer eigenwilligen Zeichensetzung ins Auge, die Monika Rincks poetischen Dynamismus unterstreichen. Neben weiteren Lyrikbänden wie beispielsweise zum „fernbleiben der umarmung“ (2007), „Helle Verwirrung. Rincks Ding- und Tierleben“ (2009), „Honigprotokolle“ (2012) sowie „Alle Türen“ (2019) veröffentlicht die Autorin seit 2001 in ihrem Internetprojekt Begriffsstudio unzählige Begriffe, die sie im Alltag aufstöbert, einsammelt und archiviert. Der 2006 erschienene poetische Essay „Ah, das Love-Ding!“ hingegen ist Roman, wissenschaftliche Untersuchung, philosophischer Dialog und Gedicht-Essay zugleich. Monika Rinck wurde bisher vielfach ausgezeichnet. So wurden ihr u.a. der Kleist-Preis (2015), der Heimrad-Bäcker-Preis (2015), der Pfalzpreis für Literatur (2016), der Ernst-Jandl-Preis (2017) sowie der Roswitha-Preis (2019) zuerkannt.
 
Wegen der Corona-Krise mussten Monika Rincks Poetikvorlesungen zunächst vom Sommer- ins Wintersemester verschoben werden, können aber weiterhin nicht als Präsenzveranstaltungen stattfinden. Stattdessen werden an drei Dienstagabenden in Folge Videos bereitgestellt, die zuvor aufgezeichnet wurden. Weitere Informationen zum genauen Ablauf werden zeitnah auf der Homepage der Stiftungsgastdozentur veröffentlicht.
 
Frankfurter Poetikvorlesungen (Wintersemester 2020/21):
 
Monika Rinck - VORHERSAGEN. Poesie und Prognose
 
Am 17. und 24. November sowie 1. Dezember 2020 werden die Videos jeweils von 18 bis 20 Uhr auf der Website www.poetikvorlesung.uni-frankfurt.de abrufbar sein.
Die Abschlusslesung findet am 2. Dezember 2020 im Literaturhaus Frankfurt statt. Weitere Informationen und Tickets (Saal oder Streaming) unter https://literaturhaus-frankfurt.de/
 
Interview: In der aktuellen Ausgabe des UniReport spricht Monika Rinck unter anderem über den Lyrik-Boom der letzten Jahre, über das Gedicht in der Medienkonkurrenz und über das Verhältnis von Poesie und Theorie in ihren Texten: https://aktuelles.uni-frankfurt.de/veranstaltungen/frankfurter-poetikdozentur-das-sinnliche-im-analytischen/

 

Nov 6 2020
13:23

​Politikwissenschaftler*innen der Goethe-Universität untersuchen Auswirkungen von direkter Bürgerbeteiligung auf Gleichheit in europäischen Demokratien

„Direkte Demokratie kann gleichheitsfördernd sein“

Können Volksabstimmungen dabei helfen, Ungleichheit in einer Gesellschaft abzubauen? Oder stellt direkte Demokratie eine Gefahr dar, indem ressourcenstarke Minderheiten ihre Interessen durchsetzen? Ein Team von Politikwissenschaftler*innen der Goethe-Universität hat das Thema Ungleichheit und Direkte Demokratie in Demokratien zwischen 1990 und 2015 untersucht.
 
FRANKFURT. Direktdemokratische (Gesetzes-)Vorlagen zur sozialen, politischen oder rechtlichen Gleichheit zielen in der Mehrheit darauf ab, Ungleichheit in der Gesellschaft zu beseitigen und Gleichheit auszubauen. Dies besagt eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Studie des Projektteams um Prof. Dr. Brigitte Geißel, Anna Krämling und Lars Paulus. Dafür hat das Team mehr als 500 direktdemokratische Verfahren nicht nur in europäischen Demokratien zwischen 1990 und 2015 untersucht: Volksbegehren wie etwa in Ungarn 2008 gegen Gebühren für weiterführende Bildung oder wie in der Schweiz gegen die Kürzung der Witwen- und Waisenrente. Die Beispiele zeigen: Gleichheit steht auf der Agenda vieler Volkabstimmungen. Studien zur Schweiz und den USA hatten zuletzt zu widersprüchlichen Ergebnissen geführt und Gefahren der Direktdemokratie für Gleichheit in den Mittelpunkt gestellt.
 
Die Studie des Forschungsprojekts kann diese skeptische Sicht nicht bestätigen. Allerdings ist nicht jede direktdemokratische Vorlage gleich erfolgreich, wie die Autorinnen und Autoren der international vergleichenden Studie betonen: Direktdemokratische Vorlagen haben dann die beste Chance auf Zustimmung, wenn sie sich auf die Verbesserung der sozialen und ökonomischen Situation von Bevölkerungsgruppen konzentrieren. Bei Vorlagen, die auf rechtliche und politische Gleichheit abzielen, scheint es eine zentrale Rolle zu spielen, ob die jeweils ‚ungleichen' Gruppen als ‚In-Group' oder als ‚Out-Group' gewertet werden, d.h. ob sie als dazugehörig gelten oder nicht. In manchen Gesellschaften ist beispielsweise die Gleichstellung Homosexueller eine Selbstverständlichkeit – direktdemokratische Abstimmungen ermöglichen die gleichgeschlechtliche Ehe. In anderen Gesellschaften wird ihnen diese Gleichstellung verwehrt.
 
Unterschiede zeigen sich auch zwischen Verfahren, die von Bürgerinitiativen per Unterschriftenaktionen an die Parlamente „von unten“ (bottom-up) herangetragen werden oder von Parlamenten quasi „von oben“ (top-down) zur Volksabstimmung gegeben werden. Bottom up-Verfahren sind wesentlich erfolgreicher, wenn sie soziale und ökonomische Gleichheit in der Gesellschaft anstreben. Besonders durchsetzungsstark sind die Anträge dann, wenn sich zivilgesellschaftliche Gruppen mit Parteien oder anderen Gruppen zusammenschließen. Wenig einflussreiche Minderheiten können durch Koalitionen an Stärke gewinnen, so ein Resultat der Studie.
 
Die Studie weist dabei auch auf einige Forschungslücken hin. So konnte noch nicht untersucht werden, ob und welche direktdemokratischen Vorlagen von den Parlamenten aufgegriffen und umgesetzt wurden. Ebenso wenig erforscht: die Rolle der Motive der handelnden Gruppen, der Kampagnenstrategien oder der Einfluss der Medien auf den Erfolg von Gesetzesinitiativen.
 
Fazit: Insgesamt fällt die Bilanz des Projektteams positiv aus: „Direktdemokratische Verfahren sind in ihrem Ergebnis eher gleichheitsfördernd. Sie stellen damit eine gute Möglichkeit dar, mehr Menschen an politischen Entscheidungsprozessen zu beteiligen.“
 
Publikation:
Geißel, Brigitte/Krämling, Anna/Paulus, Lars (2019): More or Less Equality? Direct Democracy in Europe from 1990 to 2015, Zeitschrift für Vergleichende Politikwissenschaft 13(4), S. 491-525
 
Geißel, Brigitte/Krämling, Anna/Paulus, Lars (2019): It Depends … Different Direct Democratic Instruments and Equality in Europe from 1990 to 2015. Politics and Governance 7(2), S.365-379
 
Weitere Informationen
Prof. Dr. Brigitte Geißel
Institut für Politikwissenschaft
Goethe-Universität Frankfurt
geissel@soz.uni-frankfurt.de

 

Nov 6 2020
11:39

Ringvorlesung der Hessischen Theaterakademie bringt Künstler*innen und Wissenschaftler*innen ins Gespräch

Wie das Theater Probleme der Demokratie aufgreift

Mit dem Thema „Theater und die Krise der Demokratie“ befassen sich vom 12. November an Podiumsgespräche, Vorträge und eine Performance. Die von der Theaterwissenschaft der Goethe-Universität koordinierte Präsenzveranstaltung findet in wöchentlichem Rhythmus im Mousonturm statt und wird per Live-Stream und Digitalradio übertragen.

FRANKFURT. Wenn von der Krise der Demokratie die Rede ist, kann vieles gemeint sein: die Krise der demokratischen Institutionen, aber auch die Krise der verantwortlichen Akteure. Haben diese angesichts global zu lösender Probleme wie Migration, Klimawandel und dem Monopol eines Finanzmarkts die Lage noch unter Kontrolle? Oder werden gerade alte Eliten von einer neuen Protestbewegung abgelöst, mit neuen Akteuren, neuen Organisationsformen und neuen Antworten? Anders gefragt: Handelt es sich noch um eine Krise, oder erleben wir schon einen Umbruch?

Die Ringvorlesung „Theater und die Krise der Demokratie“ greift diese Fragen auf, indem sie sie aus der Perspektive des Theaters beleuchtet. Und zwar in doppelter Weise: Künstlerinnen und Künstler des Festivals „Frankfurter Positionen“, dessen Festivalthema die Ringvorlesung übernimmt, stellen ihre Arbeiten und Arbeitsweisen vor. Sie zeigen, wie die demokratische Krise Inhalte des Theaters ändert und in seine Choreographie und Organisationsformen einfließt. Diese Perspektive der Theatermacherinnen und -macher ergänzen Theater-, Literatur-, Medien- und Politikwissenschaftler aus dem In- und Ausland um den wissenschaftlichen Blick: auf die Theorie und Geschichte des Theaters und auf die gegenwärtige Theaterpraxis. Studierende schließlich greifen das Thema in Zusammenarbeit mit dem argentinischen Regisseur Gerardo Naumann in der Performance „Das Festival“ auf.

Die Ringvorlesung findet statt
ab dem 12. November,
jeweils donnerstags, von 18.30 bis 20.00 Uhr
.

Die als Hybrid-Veranstaltung angelegte Ringvorlesung wird im November ausschließlich digital stattfinden. Sobald als möglich wird sie im Künstlerhaus Mousonturm als Präsenzveranstaltung für ein kleines Publikum fortgesetzt (nach Maßgabe der jeweils gültigen Pandemie-Verordnung). Zugleich werden alle Veranstaltungen für ein größeres Publikum im Live-Stream (via Zoom) sowie per Digitalradio übertragen.

Die Ringvorlesung der Hessischen Theaterakademie wird koordiniert von der Theaterwissenschaft am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Goethe-Universität in Kooperation mit dem Festival „Frankfurter Positionen“ und dem Künstlerhaus Mousonturm.

Für die Teilnahme vor Ort wie im Livestream ist eine Anmeldung erforderlich mit dem Betriff „HTA“: dramaturgie@mousonturm.de. Darüber hinaus ist eine Teilnahme ohne Anmeldung per Digitalradio möglich: https://www.wilsonstrassefm.com

Die Videoaufzeichnungen der Beiträge sind danach abrufbar auf der Seite der Digitalen Theaterforschung: https://blog.studiumdigitale.uni-frankfurt.de/theater/.

Bild zum Download: http://www.uni-frankfurt.de/93901874
Bildnachweis: Grafik: Eike Dingler

Weitere Informationen
Detailliertes Programm und eventuelle Aktualisierungen unter: https://www.mousonturm.de/

Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft
daase@tfm.uni-frankfurt.de

 

Nov 6 2020
10:53

Der Frankfurter Strafrechtler Matthias Jahn und Kollegen der Universitäten Tübingen und Düsseldorf haben im Auftrag des Bundesjustizministeriums die Realität gerichtlicher Absprachen untersucht

„Deals“ im Praxistest

Um rasch ein Geständnis zu erreichen und damit das Verfahren zu verkürzen, stellt der Richter Straferleichterung in Aussicht – für diese Art von Absprache gibt es seit 2009 einen gesetzlichen Rahmen. Doch wird der auch eingehalten? In einem Gutachten für das Justizministerium weisen die Rechtswissenschaftler Matthias Jahn (Goethe-Uni), Jörg Kinzig (Uni Tübingen) und Karsten Altenhain (Uni Düsseldorf) nach, dass hier viel Luft nach oben ist.
 
FRANKFURT. Absprachen müssen transparent sein, also dokumentiert werden. Geständnisse sind „zwingend“ zu überprüfen. Und die Zusage einer konkreten Straferleichterung ist nicht zulässig, lediglich die Angabe eines „Korridors“, in dem die Strafe liegen wird: Das sind die Regeln der Strafprozessordnung, die seit 2009 für Absprachen vor Gericht gelten, zuvor gab es keine. Schon 2012 jedoch machte eine wissenschaftliche Umfrage deutlich, dass es trotz dieser Regeln nach wie vor „informelle“, also – weniger euphemistisch gesprochen – illegale Deals vor Gericht gibt. 2013 billigte das Bundesverfassungsgericht das Gesetz zwar, formulierte jedoch eine strengere Auslegung der Vorschriften und verpflichtete den Gesetzgeber dazu, die Rechtspraxis fortwährend im Auge zu behalten.
 
Zusammen mit seinen Kollegen Prof. Dr. Jörg Kinzig und Prof. Dr. Karsten Altenhain hat der Frankfurter Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Matthias Jahn von der Goethe-Universität eine umfangreiche Studie erstellt, das zeigen sollte, wie die Realität an den Gerichten aussieht. Richter, Staatsanwälte und Strafverteidiger wurden in unterschiedlichen Modulen daraufhin befragt, ob und in welchem Umfang Absprachen bei ihnen eine Rolle spielen und inwiefern sie sich dabei an die gesetzlichen Vorgaben halten. Selbst Richterinnen und Richter hätten trotz wenig schmeichelhafter Aussagen überraschend ehrlich geantwortet, sagt Matthias Jahn: „Offenbar gab es einen gewissen Gesprächsbedarf.“
 
Es zeigte sich, dass an den Gerichten gegen sämtliche bestehenden Regelungen verstoßen wird. Nicht eingehalten wird der Untersuchung zufolge häufig die Dokumentationspflicht, das heißt, die Verständigung findet inoffiziell statt. Auch über das ausdrückliche Verbot, punktgenaue Angaben zur zu erwartenden Strafe zu machen, setzen sich viele Gerichte glatt hinweg. Und die abgelegten Geständnisse werden oft nicht ausreichend überprüft. Dabei machten die unterschiedlichen Berufsgruppen durchaus unterschiedliche Angaben zur Häufigkeit des Phänomens, aus nachvollziehbaren Gründen. Während 80 Prozent der Rechtanwälte mitteilten, sie seien an „Deals“ beteiligt gewesen, sind es aber immerhin auch fast ein Drittel der Richter, die eingestehen, dass sie sich selten bis häufig nicht an das Gesetz halten. „Das ist aus gleich mehreren Gründen alarmierend“, sagt Jahn: Die Urteilsfindung vollziehe sich ohne Beteiligung des Angeklagten, denn die professionellen Prozessbeteiligten handelten das unter sich aus. Außerdem trete der Aspekt der Schuld in den Hintergrund und werde frei verhandelbar. Insbesondere an Amtsgerichten führe das „Dealen“ zudem zu einer Gerechtigkeitslücke für weniger Begüterte: Nicht jeder Angeklagte habe einen Strafverteidiger, aber Richter und Staatsanwälte verhandeln nur mit Anwälten.
 
Tatsächlich kommen „Deals“ an Amtsgerichten wesentlich häufiger vor als an Landgerichten, was vor allem mit der eng getakteten Arbeitslast zu erklären ist. Richter und Staatsanwälte nannten als Gründe für informelle Absprachen die fehlende Praxistauglichkeit und Unübersichtlichkeit der bestehenden Regelungen. „Hier sollte man in Zukunft ansetzen und das Gesetz wieder praxistauglicher machen“, findet Matthias Jahn. Verständigungen seien unverzichtbar für eine arbeitsfähige Justiz, aber „Deal“-Exzesse müssten vermieden werden.
 
„Vor dem Hintergrund der Ergebnisse werden wir jetzt prüfen, ob weitere gesetzliche Regelungen erforderlich sind, um Defiziten in der gerichtlichen Verständigungspraxis wirksam zu begegnen. Die Erkenntnisse aus der Studie ermöglichen uns dazu eine umfassende rechtspolitische Diskussion“, kommentierte Bundesjustizministerin Christine Lambrecht die Studie noch am Tag des Erscheinens in einer Pressemitteilung. Ein Projekt für die nächste Legislaturperiode, meint Matthias Jahn. Die Studie ist kostenfrei online nachzulesen.
 
Open-Access-Publikation:
https://www.nomos-elibrary.de/10.5771/9783748922094
 
Bild zum Download: http://www.uni-frankfurt.de/93892797
 
Bildtext: Matthias Jahn, Rechtswissenschaftler an der Goethe-Universität, hat mit Kollegen aus Tübingen und Düsseldorf die Praxis der Absprachen an deutschen Gerichten untersucht. (Foto: Dettmar)
 
Weitere Informationen

Prof. Dr. Matthias Jahn

Lehrstuhl für Strafrecht, Strafprozessrecht, Wirtschaftsstrafrecht und Rechtstheorie

Institut für Kriminalwissenschaft und Rechtsphilosophie

Goethe-Universität

Telefon 069 798-34336

E-Mail sekretariat-jahn@jura.uni-frankfurt.de

Homepage https://www.jura.uni-frankfurt.de/jahn

 

Nov 5 2020
10:07

Kultusministerium und Goethe-Universität vereinbaren Kooperation

Mehr wissenschaftliche Forschung für sicheren Unterricht

FRANKFURT/WIESBADEN Das Hessische Kultusministerium und die Goethe-Universität Frankfurt weiten ihre Zusammenarbeit im Hinblick auf Forschungsprojekte an Schulen und die gezielte Verwertung von Studienergebnissen zur Bekämpfung der Pandemie für die weitere Organisation des Schulbetriebs aus. „Bei der Bewertung des Infektionsgeschehens sind wir immer wieder auf die Erkenntnisse der Wissenschaft angewiesen“, erklärte Kultusminister Prof. Dr. R. Alexander Lorz heute in Wiesbaden. „Unter den aktuell sehr anspruchsvollen Rahmenbedingungen der Pandemie freue ich mich, dass uns ein so starker Partner wie die Goethe-Universität jetzt noch mehr mit seiner wissenschaftlichen Expertise unterstützt. Der enge Schulterschluss zeigt unsere Entschlossenheit, in der Verantwortung für unsere Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler rasch und zuverlässig neue wichtige Erkenntnisse zur Eindämmung des Infektionsgeschehens zu gewinnen.“

Die Präsidentin der Goethe-Universität, Prof. Dr. Birgitta Wolff, sagte: „Unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler tragen maßgeblich zur Corona-Forschung bei, zum Beispiel in der Virologie und in der Arbeitsmedizin. Durch die enge Zusammenarbeit mit dem Kultusministerium können unsere neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse direkt im Schulalltag erprobt werden. Wir hoffen, dass wir so unseren Beitrag dazu leisten können, dass Schulen wegen des Infektionsgeschehens nicht schließen müssen.“
 
In einer von Prof. Dr. Joachim Curtius vom Institut für Atmosphäre und Umwelt der Goethe-Universität durchgeführten Testreihe an der Wiesbadener Leibnizschule konnte Mitte September die grundsätzliche Tauglichkeit von Luftreinigungsgeräten zur Filterung von Aerosolen in Klassenräumen nachgewiesen werden. Dies veranlasste die Hessische Landesregierung jüngst dazu, die für die Ausstattung der Schulen zuständigen Schulträger mit bis zu zehn Millionen Euro bei der Anschaffung moderner Luftreinigungsanlagen zu unterstützen, welche das Lüften in den Klassenräumen zwar nicht vollständig ersetzen, aber ergänzen können.

 

Nov 4 2020
15:49

Förderer unterstützen mit insgesamt 1,45 Millionen für klinische Covid-19-Studie zu Schwersterkrankten

Goethe-Corona-Fonds von Universität und Universitätsklinikum steigt auf 4,75 Millionen Euro

FRANKFURT. Mithilfe einer beeindruckenden Fördermittelgabe rücken die Universität Frankfurt und das Universitätsklinikum der angestrebten 5-Millionen-Marke ihres Goethe-Corona-Fonds ganz nah: Nach sorgfältiger wissenschaftlich-klinischer Begutachtung durch hochkarätige Experten hat sich die Else Kröner-Fresenius-Stiftung (EKFS) entschlossen, zusammen mit der Barbara und Wilfried Mohr-Stiftung, der J2xU-Stiftung und dem Unternehmer Stefan Quandt 1,45 Millionen Euro für eine klinische Studie von Patientinnen und Patienten mit schweren Covid-19-Verläufen über den Fonds bereitzustellen, wobei allein die EKFS das Vorhaben mit 700.000 Euro fördert.

Zu einem entscheidenden Zeitpunkt – der sogenannten zweiten Welle der Pandemie - kommt nun die Förderung der Zelltherapiestudie der beiden Mediziner am Universitätsklinikum, Prof. Dr. med. Peter Bader, Leiter des Schwerpunkts Stammzellentransplantation, Immunologie und Intensivmedizin an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, und Prof. Dr. Dr. med. Kai-Dieter Zacharowski, Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie: Diese Studie setzt bei denjenigen Covid-19-Erkrankten an, bei denen das Virus eine schwere, oft tödlich verlaufende Entzündung auslöst. Ziel der Studie ist nun, die Überlebensraten dieser bereits intubierten und beatmeten Patienten zu verbessern. Dazu sollen schwer erkrankte Covid-19-Patienten mit dem Zelltherapeutikum MSC-FFM behandelt werden.

„Je schneller unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Innovationen auf die Pandemie reagieren können, desto mehr Menschen können sie helfen“, betont Prof. Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz, Vizepräsident der Goethe-Universität. „Ich bin froh und dankbar, dass viele Förderinnen und Förderer das verstehen und uns tatkräftig unterstützen. Deshalb bin ich mir sicher: Wir werden die 5-Millionen-Marke schaffen!“

„Mit den sogenannten ,Mesenchymalen Stromazellen', den MSCs, gibt es im menschlichen Körper interessanterweise einen Zelltyp mit mehreren, für eine Covid-19-Therapie potenziell attraktiven Eigenschaften“, erklärt der Mediziner Bader. Dazu gehören vor allem die antifibrotischen und immunmodulatorischen Eigenschaften der MSCs -  Eigenschaften also, die krankhaften Gewebeveränderungen und überschießenden Reaktionen des Immunsystems entgegenwirken und damit die Verwendung der MSC als entzündungshemmende Therapie bei Covid-19-Patienten nahelegen.

Bader hat MSC-FFM mit seinen Teammitgliedern und Kooperationspartnern ursprünglich zur Therapie von Leukämiepatienten entwickelt, die unter lebensbedrohlichen Komplikationen einer Stammzelltransplantation leiden. MSC-FFM wird mittlerweile von dem deutschen Pharmaunternehmen „medac“ vertrieben. Mit der nun geförderten Covid-19-Studie wird angestrebt, dass das Zelltherapeutikum auch für die Behandlung von Covid-19 zugelassen werden kann.

Die Technologietransfergesellschaft der Goethe-Universität, Innovectis, initiierte die Finanzierung und übernahm die Koordination der Projektanbahnung. „In der Durchführung dieser Studie sehen wir einen wichtigen Frankfurter Beitrag zur Behandlung Covid-19-Erkrankter“, sagt Dr. Martin Raditsch, Geschäftsführer von Innovectis.

Der Goethe-Corona-Fonds wurde im März zur Anschubfinanzierung von Forschungsprojekten zum SARS-CoV-2-Virus an der Goethe-Universität und dem Universitätsklinikum ins Leben gerufen.

Weitere Spenden möglich unter: https://www.betterplace.org/de/projects/78009-goethe-corona-fonds-von-goethe-universitaet-universitaetsklinikum-frankfurt

Bilder unter: http://www.uni-frankfurt.de/93813428

Bild 1: Peter Bader (Foto: Jens Taube); Bild 2: Kai-Dieter Zacharowski (Foto: Christian Heyse/Universitätsklinikum Frankfurt)

Bildtext: Gemeinsame Zelltherapiestudie zu schwer erkrankten Covid-19-Patienten: Prof. Dr. med. Peter Bader, Leiter des Schwerpunkts Stammzellentransplantation, Immunologie und Intensivmedizin an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, und Prof. Dr. Dr. med. Kai-Dieter Zacharowski, Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie

Weitere Informationen
Prof. Dr. med. Peter Bader
Stellv. Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
Universitätsklinikum Frankfurt
Tel. 069/6301-7542
peter.bader@kgu.de
Prof. Dr. Dr. med. Kai-Dieter Zacharowski
Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie
Universitätsklinikum Frankfurt
Haus 23 A, Untergeschoss
T +49 69 6301 - 5868

 

Nov 4 2020
12:28

​Die Ethnologin Lene Faust hat für ihre herausragende Dissertation den Forschungsförderungspreis des Frobenius Instituts erhalten

Faschisten in Rom nach 1945

Faschistische Strömungen haben nach Kriegsende in Italien nie aufgehört zu existieren. Die Ethnologin Lene Faust hat untersucht, wie deren Anhänger leben, wie sie denken, handeln und sich erinnern. Für ihre herausragende Dissertation wurde sie mit dem Forschungsförderpreis des Frobenius Instituts ausgezeichnet.

FRANKFURT. „Im Namen der Toten. Eine ethnographische Studie über die faschistische Nachkriegsszene in Rom“ – so der Titel der preisgekrönten Dissertation von Dr. des. Lene Faust, die das Frobenius-Institut für kulturanthropologische Forschung an der Goethe-Universität ausgezeichnet hat.

Mehr als 14 Monate lang hat Faust in der neofaschistischen Szene in Rom ethnographisch geforscht. Dabei hat sie sich auch auf persönliche Gespräche mit Tätern – und ihren Erben – eingelassen und zeichnet ein Bild von drei Generationen faschistischer Subkultur und davon, wie diese sich an die Zeit des Faschismus sowie die Gründung der Norditalienischen Sozialrepublik 1943 und vor allem den sich anschließenden blutigen Bürgerkrieg erinnern.

In ihrer Dissertation arbeitet sie heraus, was es heißt, Faschist zu sein, indem sie den Alltag, die familiären und politischen Netzwerke sowie die rituellen Praktiken ihrer Gesprächspartner und -partnerinnen betrachtet. Und so reduziert Faust den Nachkriegsfaschismus weder auf das Erbe eines totalitären Systems noch auf einen politischen Kult; vielmehr tritt er als eine netzwerkartige Subkultur hervor, die religiöse Elemente enthält und in der Politik, Ritual und Familie kaum voneinander zu trennen sind. Dabei reflektiert Faust sensibel ihre eigene Rolle als Forscherin.

Vor dem Hintergrund der Wahlerfolge der Lega-Partei bei den italienischen Parlamentswahlen im März 2018 ist Fausts Arbeit besonders aktuell und könnte helfen, solche Entwicklungen besser zu verstehen. Und so resümiert Prof. Dr. Roland Hardenberg, der Leiter des Frobenius Instituts, in seiner Laudatio: „Es ist das besondere Verdienst dieser Arbeit, so die Kommission, dass sie uns Sichtweisen und Empfindungen näherbringt, einen offenen Blick auf Täter wagt, und damit einige der wichtigsten Aufgaben von ethnologischer Forschung erfüllt: zu übersetzen, zu Kommunikation und Verständnis beizutragen, aber auch zum Zweifeln und Nachdenken anzuregen. Dies gelingt dieser Dissertation auf einzigartige Weise.“


Weitere Informationen:
Yanti Hölzchen
Frobenius-Institut für kulturanthropologische Forschung an der Goethe-Universität
Telefon 069 798-33058
E-Mail hoelzchen@em.uni-frankfurt.de
Homepage https://www.frobenius-institut.de/aktuelles

 

Nov 4 2020
11:31

​IWAK der Goethe-Universität entwickelt im Auftrag des Hessischen Wirtschaftsministeriums regionale Roadmaps für flexible Angebote

Unterstützung für Personalverantwortliche in kleinen und mittleren Betrieben in Hessen

FRANKFURT. Mehr als 90 Prozent der hessischen Betriebe haben weniger als 250 Beschäftigte. Besonders viele haben sogar weniger als 100 Mitarbeiter. Die Pandemie hat gezeigt: Gerade diese kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) können sich gut und vor allem schnell auf neue Herausforderungen einstellen. Im Auftrag des Hessischen Wirtschaftsministeriums hat das IWAK an der Goethe-Universität ermittelt, wie man diesen wichtigen Pfeiler der hessischen Wirtschaft noch weiter stärken kann.

Ein Trumpf der kleinen und mittelgroßen Betriebe ist ihr Personal. Gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen, an sich zu binden und zu qualifizieren, ist aber nicht immer einfach. Oft fehlt Zeit, Geld und auch das richtige Knowhow dafür. „Kleine und mittlere Unternehmen stehen im Mittelpunkt der hessischen Wirtschaftspolitik, und wir wollen unsere Förderprogramme optimal auf ihren Bedarf abstimmen. Dafür brauchen wir präzise Informationen“, sagt Dr. Phillip Nimmermann, Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen. Dazu müsse man aber die Unterstützungsbedarfe genau kennen. Deshalb hat das hessische Wirtschaftsministerium das Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK) der Goethe-Universität mit der Umsetzung des Projekts KMU.Kompetent beauftragt. Mehr als 100 Interviews mit Personalverantwortlichen aus kleinen und mittleren Betrieben in allen Regionen und Branchen in Hessen sollten die notwendigen Informationen liefern.

„Es zeigt sich, dass viele Personalverantwortliche sich selbst gerne noch besser qualifizieren wollen“, stellt Dr. Christa Larsen, Geschäftsführerin des IWAK fest. Die Interviewpartner haben vielfach ein Bedürfnis nach zeitlich flexiblen und kostengünstigen Schulungen zum Thema Personalarbeit formuliert, jedoch auch zu Spezialthemen wie Arbeitsrecht. Darüber hinaus würden viele Verantwortliche gern ihr betriebliches Personalmanagement im laufenden Betrieb weiterentwickeln. Aber auch Themen wie die effizientesten Rekrutierungskanäle, der Abbau von Kompetenzdefiziten bei Auszubildenden oder die Gewinnung von Studienabbrechern wurden angesprochen. In all diesen Bereichen wünscht man sich Unterstützung, weil die Personalverantwortlichen gerade in kleinen und kleinsten Betrieben oft keine Zeit haben, sich damit zu befassen. Viele Angebote seien zeitlich nicht flexibel genug oder zu weit vom Betrieb entfernt. Personalverantwortliche könnten ihren Betrieb häufig nicht für einen ganzen Tag verlassen, geben Christian Müller und Miriam Fink vom IWAK an, die die Interviews geführt haben.

Jetzt sollen die sich aus der Befragung ergebenden Unterstützungsbedarfe mit den schon vorhandenen Angeboten in den einzelnen Regionen des Landes abgeglichen werden. Dafür werden regionale Roadmaps für Nord-, Mittel- und Südhessen erstellt.  Die Roadmaps sind strategische Instrumente, mit denen Vertreter der Wirtschaft und des Arbeitsmarkts vor Ort jetzt weiterarbeiten können. Die Roadmaps zeigen auch, wo noch Lücken vorhanden sind, diese sollen möglichst schnell geschlossen werden, um die Personalverantwortlichen und damit den Mittelstand in Hessen zu stärken.

Bei einer virtuellen Veranstaltung, die das IWAK organisiert, werden am 5. November 2020 die regionalen Roadmaps für Nord-, Süd- und Mittelhessen vorgestellt und anschließend den Wirtschafts- und Arbeitsmarktakteuren in drei Regionalworkshops zur weiteren Nutzung übergeben. „Dies stellt ein sehr gelungenes Beispiel für den Wissenstransfer von der Hochschule in die Wirtschaft dar“, findet Prof. Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz, der als Vizepräsident für den Bereich Third Mission der Goethe-Universität zuständig ist.

Bei der Veranstaltung werden zudem zwei regionale Wirtschaftsförderer sowie eine Personalverantwortliche erläutern, wie sie zukünftig die Roadmap für ihre Region nutzen möchten. Das Programm zur Veranstaltung finden Sie unter: http://www.iwak-frankfurt.de/veranstaltungen/kommende-veranstaltungen/

Für Interviews steht IWAK-Leiterin Dr. Christa Larsen ab 15.30 Uhr zur Verfügung. Es wird um Anmeldung unter 069 798-25466 gebeten.  


Informationen:
Dr. Christa Larsen
Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK) der Goethe-Universität
Campus Bockenheim
Telefon 069 798-22152
E-Mail: c.larsen@em.uni-frankfurt.de
Homepage: http://www.iwak-frankfurt.de/wp-content/uploads/2015/04/Steckbrief-KMU-kompetent_neu.pdf

 

Nov 3 2020
10:09

Forscher der Goethe-Universität untersuchen zusammen mit italienischen Kollegen vier 40.000 bis 70.000 alte Milchzähne 

Kein Grund fürs Aussterben: Neanderthaler-Mütter stillten nach fünf bis sechs Monaten ab 

Als Grund für das Aussterben der Neanderthaler vermuten einige Forscher, dass die damaligen Mütter ihre Säuglinge lange stillten und die Säuglinge so nicht früh genug vielfältige Nährstoffe für eine Höherentwicklung des Gehirns erhielten. Ein internationales Forscherteam hat nun vier Milchzähne auf die Elemente Strontium und Calcium hin untersucht, die auch noch nach 70.000 Jahren zuverlässig Auskunft über die Ernährung der Kinder geben. Das Ergebnis: Die Mütter begannen, wie heute üblich, ihre Kinder nach fünf bis sechs Monaten abzustillen. Das Stillverhalten und die damit zusammenhängenden Geburtsintervalle spielten also keine Rolle für das Aussterben der Neanderthaler.

FRANKFURT/KENT/BOLOGNA/FERRARA. Aus Höhlen in Nordostitalien stammen die Milchzähne, die vier Kinder vor 40.000 bis 70.000 Jahren beim Zahnwechsel verloren hatten. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Frankfurt Isotope and Element Research Center (FIERCE) am Institut für Geowissenschaften der Goethe-Universität untersuchten sie mit chemischen Methoden. "Wir betteten die Zähne in Harz ein und schnitten sie dann in hauchdünne Schichten - ein für solch seltene Funde äußerst ungewöhnliches Vorgehen, zumal wir die kostbaren Proben hinterher wieder zusammensetzen mussten“, erklärt Wolfgang Müller, Leiter der Arbeitsgruppe. Jede dieser Lagen ist höchstens 150 Mikrometer dünn, das entspricht etwa der Dicke von zwei Blatt Papier. Anschließend trug ein spezieller Laser das Zahnmaterial ab. Dieses Material untersuchte Müllers Arbeitsgruppe mit moderner Massenspektrometrie auf den Gehalt der natürlichen Elemente Strontium und Kalzium: „Beides ist in Zähnen und Knochen enthalten“, erklärt Müller, „aber Strontium als natürliche Unreinheit von Kalzium scheidet der Körper nach und nach aus, sodass uns das Verhältnis von Strontium zu Kalzium (Sr/Ca) Hinweise auf die Nahrung gibt“. Bei Muttermilch ist dieses Verhältnis anders als etwa bei Körnern, Gemüse, Fleisch oder tierischer Milch.

Der Zahnschmelz bildet tägliche Wachstumsringe

Das Faszinierende: Jeden Tag lagert sich eine messbare Schicht Zahnschmelz ab, sodass jeder Zahn wie die Wachstumsringe eines Baums die Lebenstage widerspiegelt. Schon in der Zahnanlage im Ungeborenen zeigt eine klare Linie den Tag der Geburt an, die „Neonatallinie“. Jeder weitere Lebenstag bei gestillten Kindern ist geprägt von der Kalzium-reichen, Strontium-ärmeren Muttermilch – oder eben mit dem Beginn des Abstillens von höheren Konzentrationen an Strontium. Dank ihrer feinaufgelösten Methoden konnten die Arbeitsgruppen diesen Zeitpunkt anhand der Milchzähne sehr genau auf 3,8 bis 5,3 Monate - je nach Individuum - datieren.

Zähne erzählen auf den Tag genau von Geburt und Ortswechsel

Ein Vergleich mit in den jeweiligen Höhlen gefundenen Nagetierzähnen zeigt zudem, wie lange die Kinder oder ihre Mütter in dieser Umgebung lebten. „Das Strontium-Isotopen-Verhältnis (87Sr/86Sr) liefert uns Informationen über das Gestein und den Boden der Umgebung, in der die Menschen und Nagetiere lebten“, so Müller. Die Zähne erzählen damit Lebensgeschichten: So verbrachte eine der Mütter das Ende der Schwangerschaft sowie die ersten 25 Tage nach Geburt nicht am Fundort, denn die Isotopenzusammensetzung des Milchzahns berichtet von einer anderen Umgebung. Diese Mutter und ihr Kind zählen zu den modernen Menschen des Paläolithikums (40.000 Jahre) und unterscheiden sich deutlich von den früheren Neanderthalern (50.000 Jahre) aus derselben Höhle: Der jüngere Zahn weist – verglichen mit einem Neanderthaler-Zahn vom selben Fundort - auf unterschiedliche Nahrung und größere Migration in einem kälteren Klima hin. Alle drei Neanderthaler-Mütter und -Kinder lebten hingegen die ganze Zeit in derselben Region, waren also anders als bisher vermutet, sehr ortstreu.

Die Erkenntnisse des internationalen Forschungsteams aus Anthropologen, Archäologen, Chemikern, Physikern und Geologen aus den untersuchten vier Milchzähnen weisen darauf hin, dass spätes Abstillen nicht für das Aussterben der Neanderthaler verantwortlich ist. Die täglich angelagerten Zahnschmelzschichten ähneln chemisch jener heutiger Babys – ein Hinweis darauf, dass die Ernährung und Entwicklung erstaunlich ähnlich verliefen.

Publikation: Alessia Nava, Federico Lugli, Matteo Romandini, Federica Badino, David Evans, Angela H. Helbling, Gregorio Oxilia, Simona Arrighi, Eugenio Bortolini, Davide Delpiano, Rossella Duches, Carla Figus, Alessandra Livraghi, Giulia Marciani, Sara Silvestrini, Anna Cipriani, Tommaso Giovanardi, Roberta Pini, Claudio Tuniz, Federico Bernardini, Irene Dori, Alfredo Coppa, Emanuela Cristiani, Christopher Dean, Luca Bondioli, Marco Peresani, Wolfgang Müller, Stefano Benazzi: Early life of Neanderthals. Proceedings of the National Academy of Sciences Oct 2020, DOI: 10.1073/pnas.2011765117

Bilder zum Download:

1. Gotta di Fumane bei Verona (Wikipedia):
Hier wurden mehrere der Milchzähne von Neanderthaler-Kindern gefunden, die Forscher um Prof. Wolfgang Müller an der Goethe-Universität untersucht haben.
https://de.wikipedia.org/wiki/Grotta_di_Fumane#/media/Datei:Grotta_di_Fumane_3.jpg

2. Neanderthaler-Milchzahn:
Vermutlich beim Zahnwechsel verlor ein Neanderthaler-Kind vor 40.000 bis 70.000 Jahren diesen Milchzahn. Foto: ERC project SUCCESS, University of Bologna, Italy
http://www.uni-frankfurt.de/93639226

3. Ultradünnschnitte:
Forscher der Goethe-Universität schneiden papierdünne Scheiben von einem Neanderthaler-Milchzahn ab. Anschließend wurden die Zähne wieder zusammengesetzt und rekonstruiert. Standbild eines Videos: Luca Bondioli and Alessia Nava, Rome, Italy
http://www.uni-frankfurt.de/93639334


Weitere Informationen:
Prof. Dr. Wolfgang Müller
Institut für Geowissenschaften /
Frankfurt Isotope and Element Research Center (FIERCE)
Tel. +49 (0)69 798 40291,
w.muller@em.uni-frankfurt.de
http://www.uni-frankfurt.de/49540288/Homepage-Mueller