​​​​​​​Pressemitteilungen ​​​ – September 2020

 

Sep 29 2020
13:08

Internationales Wissenschaftsteam klärt These zur Diamanten-Entstehung in Inneren von Proto-Planeten

Geowissenschaften: Kosmische Diamanten entstehen bei gigantischen planetaren Kollisionen

FRANKFURT. Geowissenschaftler der Goethe-Universität haben in Meteoriten die größten extraterrestrischen Diamanten gefunden, die je entdeckt wurden – immerhin einige zehntel Millimeter groß. Frankfurter Wissenschaftler konnten jetzt zusammen mit einem internationalen Team von Forschern nachweisen, dass diese Diamanten in der Frühzeit unseres Sonnensystems während der Kollision von Kleinplaneten miteinander oder mit großen Asteroiden entstanden sind und widerlegen damit die These ihres Ursprungs tief im Innern von mindestens Merkur-großen Planeten. (PNAS, https://www.pnas.org/content/early/2020/09/22/1919067117).
 
Schätzungsweise mehr als 10 Millionen Asteroide kreisen im Asteroidengürtel um die Erde. Sie sind Überbleibsel aus der Frühzeit unseres Sonnensystems, als sich unsere Planeten aus einer großen, um die Sonne rotierenden Gas- und Staubwolke bildeten. Wenn Asteroiden aus der Umlaufbahn geworfen werden, stürzen sie zuweilen als Meteoroide auf die Erde. Sind sie groß genug, so verglühen sie beim Eintritt in die Atmosphäre nicht vollständig und können als Meteorite gefunden werden. Die geowissenschaftliche Untersuchung solcher Meteorite ermöglicht Rückschlüsse auf die Entstehung, Entwicklung aber auch den Untergang von Planeten im Sonnensystem.
 
Eine besondere Art von Meteoriten sind die Ureilite. Sie sind Fragmente eines größeren Himmelskörpers – wahrscheinlich eines Kleinplaneten – der durch gewaltige Kollisionen mit anderen Kleinplaneten oder großen Asteroiden vollständig zertrümmert wurden. Ureilite enthalten häufig größere Mengen an Kohlenstoff, unter anderem in Form von Graphit oder Nano-Diamanten. Die in nun entdeckten Diamanten mit Größen von über 0,1 und mehr Millimetern können nicht beim Aufprall der Meteoroide auf die Erde entstehen. Impakt-Ereignisse mit solch großen Energien würden zur vollständigen Verdampfung des Meteoriden führen. Daher ging man bisher davon aus, dass diese größeren Diamanten – ähnlich wie im Erdinneren – durch lange andauernden Druck im Inneren von Mars- oder Merkur-großen Planetenvorläufern entstanden sein mussten.
 
Wissenschaftler der Goethe-Universität haben jetzt zusammen mit Forschern aus Italien, den USA, Russland, Saudi-Arabien, der Schweiz und dem Sudan in Ureiliten aus Marokko und dem Sudan die größten bislang entdeckten Diamanten gefunden und detailliert analysiert. Neben den bis zu mehrere 100 Mikrometer großen Diamanten fanden sich in den Ureiliten auch zahlreiche Nester von nur Nanometer großen Diamanten und Nano-Graphit. Nähere Untersuchungen zeigten, dass bei den Nano-Diamanten auch so genannte Londsdaleit-Lagen auftreten, eine nur durch plötzlichen, sehr starken Druck entstehenden Modifikation von Diamanten. Ferner zeigten auch andere Minerale (Silikate) der untersuchten Ureilit-Gesteine typische Anzeichen eines Schockdrucks. Letztendlich war es das Auftreten dieser größeren Diamanten zusammen mit Nano-Diamanten und Nano-Graphit, der den Durchbruch ergab.
 
Prof. Frank Brenker vom Institut für Geowissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt erklärt: „Unsere umfangreichen neuen Untersuchungen zeigen, dass sich diese ungewöhnlichen extraterrestrischen Diamanten durch den immensen Schockdruck beim Einschlag eines großen Asteroiden oder gar Kleinplaneten auf der Oberfläche des Ureilit-Mutterkörpers bildeten. Es ist durchaus möglich, dass es eben dieser gigantische Einschlag war, der letztlich zur vollständigen Zerstörung des Kleinplaneten führte. Damit sind – anders als bisher angenommen – die größeren Ureilit-Diamanten kein Hinweis auf die Existenz von Mars- oder Merkur-großen Proto-Planeten in der frühen Phase unseres Sonnensystems, aber dennoch für die immensen, zerstörerischen Kräfte, die zu dieser Zeit herrschten“
 
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der folgenden Institutionen bildeten das internationale Forschungsteam:
 
Department of Geosciences, University of Padova, Italien
Institut für Geowissenschaften, Goethe-Universität Frankfurt, Deutschland
Lunar and Planetary Institute, USRA, Houston, Texas, USA
Department of Earth and Environmental Sciences, University of Pavia, Italy
Astromaterials Research and Exploration Science Division, Jacobs JETS, NASA-JSC, Houston, Texas, USA
CNR Institute of Geosciences and Earth Resources, Padova, Italien
Vereshchagin Institute for High Pressure Physics RAS, Troitsk, Moscow, Russland
NASA Astromaterials Acquisition and Curation Office, NASA-Johnson Space Center, Houston, Texas, USA
Department of Civil, Environmental and Mechanical Engineering University of Trento, Italien
Saudi Aramco R&D Center, Dhahran, Saudi Arabia
Swiss Light Source, Paul Scherrer Institut, Villigen, Schweiz
SETI Institute, Mountain View, California, USA
Department of Physics and Astronomy, University of Khartoum, Khartoum, Sudan
 
 
Publikation: Fabrizio Nestola, Cyrena A. Goodrich, Marta Morana, Anna Barbaro, Ryan S. Jakubek, Oliver Christ, Frank E. Brenker, Maria C. Domeneghetti, Maria C. Dalconi, Matteo Alvaro, Anna M. Fioretti, Konstantin Litasov, Marc D. Fries, Matteo Leoni, Nicola P. M. Casati, Peter Jenniskens, Muawia H. Shaddad: Impact shock origin of diamonds in ureilite meteorites. Proceedings of the National Academy of Science https://www.pnas.org/content/early/2020/09/22/1919067117

Bilder zum Download:
Picture1: Planetare Kollision
Bildtext: Künstlerische Darstellung der Kollision zweier Proto-Planeten (Grafik: NASA/SOFIA/Lynette Cook) https://www.nasa.gov/image-feature/what-happens-when-planets-collide
 
Picture2: Gesteinsprobe vom Ureilit-Kleinplaneten
Bildtext: Foto einer Gesteinsprobe vom Ureilit-Kleinplaneten, gefunden als Meteorit in der Sahara. Bildkante ca. 2 cm. (Bild: Oliver Christ) https://www.muk.uni-frankfurt.de/92537913
 
Picture3: Raman-spektroskopisches Fehlfarbenbild des Ureilites. Diamant (rot), Graphit (blau) (Bild: Cyrena Goodrich) http://www.uni-frankfurt.de/92538164

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Frank E. Brenker
Institut für Geowissenschaften - NanoGeoscience
Dept. of Geoscience / NanoGeoscience
Goethe University Frankfurt
Tel: +49 69 798 40134
f.brenker@em.uni-frankfurt.de

 

Sep 29 2020
12:04

​Corona-Spenden helfen, zusätzliche Fördermittel für die Goethe-Universität einzuwerben

Spenden geben Impulse für Forschungsexzellenz

FRANKFURT. Eine gute Starthilfe für langfristige Projekte ist der Goethe-Corona-Fonds für die inzwischen 30 wissenschaftlichen Teams, die seit Ausbruch der Corona-Pandemie deren gesundheitliche und soziale Folgen erforschen. Von Spendenmitteln in Gang gebracht haben zahlreiche Projekte inzwischen eine zusätzliche Förderung weiterer Geldgeber einwerben können. Spenden plus Mittel aus Bundes- oder Europa-Töpfen: Diese Kombination erlaubt den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Goethe-Universität einen langen Atem für den Corona-Forschungsmarathon. Es sind überwiegend in der Forschung tätige Medizinerinnen und Mediziner, aber auch Wirtschaftswissenschaftler, Psychologen, Soziologen und Erziehungswissenschaftler.
 
3,2 Millionen Euro beträgt der aktuelle Spendenstand für Goethe-Universität und Universitätsklinikum. Zuletzt flossen zusätzliche Mittel von der Interessengemeinschaft Frankfurter Kreditinstitute (IFK) und der BBBank, die die Universität für Projekte rund um das Corona-Virus unterstützten. Nur ein geringer Teil der Corona-Goethe-Fonds ist zweckgebunden, etwa für Projekte der Virologie.
 
„Wir werden noch lange Zeit mit dem Virus leben müssen. Aber wir werden besser damit zurechtkommen“. Die international beachtete Virologin Sandra Ciesek ist eine der Wissenschaftlerinnen, die inzwischen als kompetente Ansprechpartnerin im Licht einer breiten Öffentlichkeit steht. Und: deren zahlreiche, durch Spenden geförderte Projekte durch weitere Mittel unterstützt werden. So gehört ihr Team etwa dem EU-geförderten Forschungsverbund CARE zur Entwicklung von COVID 19-Therapien an. Eine spezielle Zuwendung erhielt auch ihre Studie über die Rolle, die Kinder im Vorschulalter bei der Ansteckung spielen. Diese wurde u.a. durch die BHF BANK Stiftung gefördert. Andere Corona-Fonds-Projekte der Klinischen Virologin widmen sich den Fragen: Wie können Testkapazitäten gesteigert werden? Welche bereits zugelassenen Medikamente können schwere Krankheitsverläufe mildern? Was besagt der Virus-Nachweis in Klärabwässern? Und: Wie hoch ist das Risiko einer SARS-CoV-2-Übertragung in Flugzeugen? „Wir arbeiten national und international eng vernetzt“, betont Ciesek. „So trägt jeder seinen Teil dazu bei, Fragen, die uns die Pandemie stellt, zu beantworten.“
 
Mehr als 15 Projektpartner greifen inzwischen auch auf die durch Spenden geförderte Biobank der Infektiologin Maria Vehreschild zurück. Ihnen dienen die Proben und Daten zu akuten Komplikationen und Spätfolgen der Erkrankung zur Grundlagenforschung. Auf diese Weise nimmt Vehreschild auch an Therapie- und bald schon an Impfstudien teil. Das Team um die Frankfurter Infektiologin bringt seine Kenntnisse aber auch in ein Beratungsnetzwerk von Ärztinnen und Ärzten zu hochansteckenden Viren ein.
 
Nicht nur Corona-Patienten im Blick hat auch das praxisbezogene Projekt der Wirtschaftswissenschaftler Andreas Hackethal und Roman Inderst. Das ursprüngliche Ziel der COVID-Cockpit-App: Covid19-Symptome nachhalten und die Kommunikation von Betroffenen mit Arzt und Klinik vereinfachen. Die App funktioniert wie ein Tagebuch für Symptome und spielt personalisierte Informationen für Patienten zurück. „Im Juli sind wir umgeschwenkt“, erklärt Hackethal, „und richten die Funktionen der App nun auf die Begleitung von Langzeitpatienten aus: bald soll sie auch von HIV-Infizierten und Menschen mit anderen viralen Krankheiten genutzt werden können.“
 
Und die psychischen Folgen der Pandemie? Die Frage, wie bedroht sich Menschen durch die Pandemie und die Vorsichtsmaßnahmen fühlen, steht im Mittelpunkt der Studie des Psychologen Rolf van Dick, die schon im Vorfeld überregional auf großes Interesse stieß. Die Studie steht kurz vor der Veröffentlichung. Und bald gibt es auch Teil zwei: die Erhebung aus Deutschland wird derzeit verglichen mit Daten aus anderen Ländern wie Israel, Russland, Italien, Südafrika, China und Großbritannien.
 
Dank neu eingeworbener Mittel des Bundesministeriums für Gesundheit arbeiten etwa auch die Erziehungswissenschaftler Bernd Werse und Luise Klaus bereits an einem Folgeprojekt. Unmittelbar nach Ausbruch der Pandemie befragten sie bundesweit Streetworker und die ambulante Drogenhilfe zur Situation von Drogenabhängigen unter Corona. Nun können sie ihrer quantitativen Auswertung eine qualitative folgen lassen.
 
Der Goethe-Corona-Fonds wurde im März zur Anschubfinanzierung von Forschungsprojekten der Goethe-Universität und des Universitätsklinikums ins Leben gerufen. Das ehrgeizige Spendenziel der Goethe-Universität liegt bei 5 Millionen.

 
Weitere Spenden möglich unter: https://www.betterplace.org/de/projects/78009-goethe-corona-fonds-von-goethe-universitaet-universitaetsklinikum-frankfurt

 

Wissenschaftler der Goethe-Universität Frankfurt und der Universität Würzburg haben einen neuen Wirkstoff zur Behandlung von Krebs entwickelt. Die Substanz zerstört ein Protein, das die Krebsentwicklung in Gang setzt.

FRANKFURT/WÜRZBURG. Der Bösewicht in diesem Drama trägt einen hübschen Namen: Aurora – lateinisch für die Morgenröte. In der Welt der Biochemie steht Aurora (genauer: Aurora-A-Kinase) allerdings für ein Protein, das viel Schaden anrichtet. Dort ist schon seit Langem bekannt, dass Aurora häufig am Anfang einer Krebserkrankung steht. Es gibt den Anstoß für die Entwicklung von Leukämien und vielen Kindertumoren wie beispielsweise Neuroblastomen.
 
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Frankfurt und Würzburg haben jetzt einen Wirkstoff entwickelt, der Aurora ausschalten kann. Federführend daran beteiligt waren Stefan Knapp, Professor für Pharmazeutische Chemie an der Goethe-Universität Frankfurt, und Dr. Elmar Wolf, Forschungsgruppenleiter am Biozentrum der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU). In der neuesten Ausgabe der Fachzeitschrift Nature Chemical Biology haben die Forscher die Ergebnisse ihrer Arbeit veröffentlicht.
 
Tumorauslösende Proteine zum Verschwinden bringen
 
Krebserkrankungen entstehen in der Regel durch tumorerzeugende Proteine. Weil Krebszellen von diesen Proteinen mehr herstellen als normale Zellen, befördert das die Dynamik zusätzlich. Ein üblicher Therapieansatz sieht deshalb vor, die Funktion dieser Proteine mit Arzneistoffen zu hemmen. Zwar sind die Proteine sind dann zwar immer noch vorhanden, funktionieren aber nicht mehr so gut, und auf diese Weise können Tumorzellen bekämpft werden.
 
Die Entwicklung dieser Hemmstoffe ist aber schwierig und war bislang nicht für alle tumorauslösenden Proteine erfolgreich. Bisher zeigten alle Kandidaten die Aurora hemmen im klinischen Einsatz nicht die gewünschten Ergebnisse. Der Traum vieler Wissenschaftler sieht deshalb so aus: Einen Arzneistoff zu entwickeln, der die tumorauslösenden Proteine nicht nur hemmt, sondern komplett zum Verschwinden bringt. Ein vielversprechender Ansatz auf diesem Weg könnte eine neue Wirkklasse von Substanzen sein, die den wissenschaftlichen Namen „PROTAC“ tragen.
 
Krebszellen sterben in Zellkultur
 
„Wir haben einen solchen PROTAC für Aurora entwickelt“, sagt Elmar Wolf. Dieser PROTAC das baut das Aurora-Protein in Krebszellen komplett ab. Krebszellen, die im Labor kultiviert wurden, starben daraufhin ab. Die Wirkweise dieser Substanz beschreibt Wolf so: „Der Tumor braucht bestimmte tumorauslösende Proteine, die man sich wie Seiten in einem Buch vorstellen kann. Unsere PROTAC-Substanz reißt nun die Seiten ‚Aurora' heraus und vernichtet sie mit Hilfe der Protein-Abbau-Maschinerie, die jede Zelle besitzt, um alte und kaputte Proteine abzubauen“. PROTAC „schreddere“ also quasi das Aurora-Protein, bis am Ende nichts mehr von ihm zurückbleibt.
 
Prof. Stefan Knapp vom Institut für Pharmazeutische Chemie der Goethe-Universität erläutert: „Die Aurora-A-Kinase kommt zum Beispiel in Brustkrebstumoren in viel größeren Konzentration vor als in gesundem Gewebe und sie spielt wohl auch beim Prostatakrebs eine Rolle. Eine Blockade der Aurora-A-Kinase Aktivität ist nicht erfolgversprechend – so hat es bisher noch keiner der vielen klinisch getesteten Hemmstoff-Kandidaten in die klinische Zulassung geschafft. Mit unserer PROTAC-Variante inhibieren wir die Aurora-A-Kinase über einen anderen, sehr effektiven Wirkmechanismus, der neue therapeutische Möglichkeiten eröffnen könnte. Im nächsten Schritt werden wir daher die Wirksamkeit und Verträglichkeit im Tierversuch testen.“

 
Publikation: PROTAC-mediated degradation reveals a non-catalytic function of AURORA-A kinase. Bikash Adhikari, Jelena Bozilovic, Mathias Diebold, Jessica Denise Schwarz, Julia Hofstetter, Martin Schröder, Marek Wanior, Ashwin Narain, Markus Vogt, Nevenka Dudvarski Stankovic, Apoorva Baluapuri, Lars Schönemann, Lorenz Eing, Pranjali Bhandare, Bernhard Kuster, Andreas Schlosser, Stephanie Heinzlmeir, Christoph Sotriffer, Stefan Knapp and Elmar Wolf. Nature Chemical Biology, 28.09.2020. https://www.nature.com/articles/s41589-020-00652-y

PROTACS (Proteolysis Targeting Chimeric Molecules) stehen im Fokus des Clusterprojekts PROXIDRUGS der Goethe-Universität: https://aktuelles.uni-frankfurt.de/forschung/proxidrugs-unter-leitung-der-goethe-uni-wurde-in-clusters4future-aufgenommen/

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Stefan Knapp
Institut für Pharmazeutische Chemie
Goethe-Universität Frankfurt
Tel.: 069 798-29871
knapp@pharmchem.uni-frankfurt.de

 

Sep 25 2020
11:31

​Die erste laienverständliche Übersicht mit Zahlen, Fakten und Patientenstimmen ist erschienen

Erster umfassender Report: Chronische Krankheiten in Deutschland

FRANKFURT. Mehr als die Hälfte der älteren deutschen Bevölkerung ist chronisch krank. Was chronische Krankheiten für das Gesundheitswesen, für die Gesellschaft und für die Patienten selbst bedeuten, fasst jetzt ein Report des Instituts für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität Frankfurt zusammen. Der Report arbeitet die oft hoch komplexen Daten zu Verbreitung, Ursachen und Folgen chronischer Krankheiten auf und schildert Fallbeispiele. Weiterhin stellt er die Ergebnisse einer Untersuchung der Patientensicht auf ihre Versorgung vor. Dabei werden gute Erfahrungen wie auch erlebte Defizite sichtbar. Der Report ist laienverständlich geschrieben, barrierefrei als pdf aufbereitet und kostenfrei im Internet oder als gedruckte Version erhältlich. Das Projekt wurde von der Robert Bosch Stiftung GmbH gefördert.
 
Am Anfang bleibt eine chronische Krankheit häufig unbemerkt. Nach Jahren oder sogar Jahrzehnten können die Folgen gravierend sein: Schmerzen, körperliche Einschränkungen und seelische Belastungen reduzieren die Lebensqualität und manche chronisch Kranke sterben an ihrer Krankheit früher, als aufgrund der Lebenserwartung anzunehmen ist. Zählt man zu diesen verlorenen Lebensjahren die Jahre mit gesundheitlichen Einschränkungen hinzu, so kommen 25 Millionen „verlorene gesunde Lebensjahre“ in Deutschland zusammen, jedes Jahr. Dafür sind überwiegend chronische Krankheiten verantwortlich, zu je etwa 20 Prozent Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen, zu weiteren 30 Prozent Muskel-Skelett-Erkrankungen zusammen mit psychischen Störungen und Krankheiten des Nervensystems.
 
Alle zusammen verursachen hohe Kosten im Gesundheitswesen. Mit 15 Milliarden Euro pro Jahr ist Demenz – aus volkswirtschaftlicher Sicht – die „teuerste“ chronische Krankheit, gefolgt von Erkrankungen der Wirbelsäule und des Rückens, Bluthochdruck und Krankheiten der Hirngefäße wie Schlaganfälle. Wer chronisch krank ist, fehlt häufiger am Arbeitsplatz und geht früher in Rente.
 
Der Report schildert aus verschiedenen Perspektiven, wie es ist, mit einer chronischen Krankheit zu leben. Exemplarisch werden Verläufe einer Depression und einer Herzinsuffizienz geschildert, und es wurden Patienten zu ihren Erfahrungen mit der Behandlung ihrer Krankheit befragt. Gute Versorgung erlebten an Depression Erkrankte beispielsweise wie ein Netzwerk, das half, „aus dem Loch“ herauszukommen. Als Mangel in der Versorgung sahen sie die langwierige, selbst zu organisierende Suche nach einer Therapie. „Bei einer Depression fehlt die Kraft für eine aufwändige Suche nach Hilfe“, resümiert die Untersuchung. Es kommen auch Patienten mit der Herzerkrankung „Herzinsuffizienz“ zu Wort und erklären stellvertretend für andere chronisch Kranke, wie eine Behandlung Orientierung gibt und bei der Akzeptanz der chronischen Krankheit helfen kann.
 
Eine der Studienautorinnen und Mitarbeiterin am Institut für Allgemeinmedizin in Frankfurt Dr. Corina Güthlin erklärt: „Wir im Gesundheitssystem fokussieren uns oft zu sehr auf eine einzelne Krankheit. Dabei ist die übergreifende Betrachtung chronischer Krankheiten unerlässlich. In unserem Report geben wir erstmals einen leicht erfassbaren Überblick über chronische Krankheiten insgesamt und hoffen so, zu einem besseren Verständnis chronischer Erkrankungen beizutragen. Neben reinen Zahlen und Fakten ging es uns auch darum, die Perspektive von chronisch Kranken aufzuzeigen. Daher ist der Report sowohl für Mitarbeiter des Gesundheitswesens wie auch für Patienten wertvoll.“
 
„Die Versorgung von chronisch kranken Patienten muss vorausschauend und bedarfsgerechter gestaltet werden. Wir wollen mehr gesunde Lebensjahre für die Betroffenen gewinnen. Wir haben den Report gefördert, um durch eine kompakte Übersicht und einen leichten Zugang ein besseres Verständnis für die Situation und die Versorgungserfordernisse bei chronischer Erkrankung zu erzielen“, sagt Dr. Bernadette Klapper, Bereichsleiterin Gesundheit bei der Robert Bosch Stiftung GmbH.
 
 
Publikation: Güthlin, C.; Köhler, S; Dieckelmann, M. (2020): Chronisch krank sein in Deutschland. Zahlen, Fakten und Versorgungserfahrungen. Institut für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität, Frankfurt am Main. Online verfügbar unter http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/frontdoor/index/index/docId/55045.xx
 
Informationen:
Dr. Corina Güthlin
Institut für Allgemeinmedizin
Tel. 069-6301-83882, Sekretariat: -5687
E-Mail: guethlin@allgemeinmedizin.uni-frankfurt.de
Homepage: http://www.allgemeinmedizin.uni-frankfurt.de

 

Sep 24 2020
11:33

​Die Universität des 3. Lebensalters lädt zum digitalen Wintersemester ein/Übungskurse für Internetanfänger*innen

Studieren von zuhause aus

FRANKFURT. Bildung für Ältere bietet die Universität des 3. Lebensalters (U3L) an der Goethe-Universität schon viele Jahre sehr erfolgreich an. Wissen auffrischen, Lieblingsthemen vertiefen, Neues entdecken, Menschen begegnen und miteinander diskutieren – all das ermöglichen die Veranstaltungen der U3L. Damit das auch in Zeiten der Corona-Pandemie so bleibt, wurde ein vielfältiges digitales Studienangebot für das Wintersemester zusammengestellt, das ab dem 2. November - ganz ortsunabhängig -  im Internet besucht werden kann.
 
Interessierte können an digitalen Vorlesungen und Seminaren beispielsweise aus der Medizin, Kunstgeschichte, Philosophie, Psychologie, Geschichte und vielen anderen Themenfeldern teilnehmen. Es sind fast 100 Veranstaltungen in Semesterlänge, die nach einer Anmeldung zur Wahl stehen. Der Beitrag für das komplette Semester beträgt 110,- Euro. Viele Veranstaltungen werden als Videokonferenzen abgehalten, so dass auch Gespräch und Austausch nicht zu kurz kommen. Das Angebot richtet sich keineswegs nur an kundige Internetnutzer*innen. Ganz im Gegenteil: es gibt ab Oktober Informationsveranstaltungen und Übungskurse, die Erstanwender*innen bei dem Einstieg in das digitale Semester begleiten. Bildung für alle – das ist und bleibt das Ziel der U3L.

Informationsveranstaltungen finden am 5.10. (von 17–18:30 Uhr) und am 20.10. (von 14–15:30 Uhr) statt. Der Zugang dazu erfolgt ganz einfach per Internetlink. Das Veranstaltungsverzeichnis für das Wintersemester und alle wichtigen Hinweise für die Teilnahme finden sich auf der Homepage der U3L unter www.u3l.uni-frankfurt.de. Für Fragen und individuelle Beratung stehen telefonische Sprechzeiten zur Verfügung: 069/798-28861 / Mo–Do 9:30–12:30 Uhr und Mi 13:30–16:00 Uhr.

 
Kontakt:
Claudia Koch-Leonhardi, Studieninformation/Öffentlichkeitsarbeit, Universität des 3. Lebensalters an der Goethe-Universität Frankfurt am Main e.V.  
Campus Bockenheim  | Juridicum  6. OG |  Raum 612 | Senckenberganlage 31  |  60325 Frankfurt am Main.  Tel. +49 (0)69-798 28861  |   Fax +49 (0)69-798 28975
koch-leonhardi@em.uni-frankfurt.de; www.u3l.uni-frankfurt.de

 

Sep 24 2020
10:33

​IWAK an der Goethe-Universität legt die zweite Ausgabe des Hessischen Lohnatlas vor, die für das Hessische Ministerium für Soziales und Integration erstellt wurde

Wie man zum attraktiven Arbeitgeber wird

FRANKFURT. Gleiche Entgelte für Frauen und Männer machen Betriebe attraktiver für potenzielle Beschäftigte. Der vom Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK) an der Goethe-Universität im Auftrag und für das Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration erstellte Hessische Lohnatlas zeigt, wo noch Handlungsbedarf besteht. Die zweite Ausgabe liegt jetzt vor.

Angesichts des wachsenden Fachkräftemangels suchen immer mehr Betriebe nach Strategien, um als Arbeitgeber attraktiver zu werden. Das Bemühen um mehr Entgeltgleichheit für weibliche und männliche Beschäftigte spielt dabei offenbar eine wichtige Rolle. Unternehmen, die unterschiedliche Erwerbsbiografien berücksichtigen, können damit bei der Rekrutierung punkten – das macht die neue Ausgabe des Hessischen Lohnatlas deutlich. Nach Angaben von Unternehmen, die hierauf Wert legen, lohnt sich das durchaus auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht.

„Mit dieser Strategie gelingt es uns, Hochqualifizierte stärker an unser Unternehmen zu binden“, sagt Frank Rohde, Personaldirektor von Adobe Deutschland. Ähnliche Antworten erhielten die Wissenschaftlerinnen von SAP und Salesforce. Auch dort sind die Personalverantwortlichen davon überzeugt, dass die junge Generation gelebte Geschlechtergerechtigkeit von ihrem Arbeitgeber erwartet.

Dass solche Unternehmen jedoch keineswegs die Regel sind, zeigt der aktualisierte Hessische Lohnatlas. Die Lohnlücke ist in Hessen zwar von 2012 bis 2018 um vier Prozentpunkte kleiner geworden. „Damit sind wir auf dem richtigen Weg“, konstatiert der Hessische Minister für Soziales und Integration, Kai Klose. „Es bleibt aber noch viel zu tun, denn im Jahr 2018 betrug die Lohnlücke im hessischen Schnitt immer noch 11,9 Prozent“, so der Minister. „Es ist bedrückend, dass die Entgeltlücke zwischen Frauen und Männern mit akademischen Abschlüssen seit 2012 kaum kleiner geworden ist“, kommentiert Prof. Birgitta Wolff, Präsidentin der Goethe-Universität, die Ergebnisse: Im Jahr 2018 betrug die Lücke zwischen Akademikerinnen und Akademikern mit Wohnsitz in Hessen im Schnitt noch 26,5 Prozent. „Die Lücke sehen, dann aber auch schließen – beides ist nötig“, meint Wolff.

Der Hessische Lohnatlas wird vom Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK), einem Zentrum der Goethe-Universität, im Auftrag des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration erstellt. Die jetzt präsentierte zweite Ausgabe richtet den Fokus auf Entgeltgleichheit innerhalb von Betrieben. „Großbetriebe stehen deutlich besser da als kleine Betriebe“, stellt Dr. Christa Larsen fest, Geschäftsführerin des IWAK. Dieser grundlegende Trend lasse sich dadurch erklären, dass Frauen in Großunternehmen eher aufsteigen als in mittelständischen Betrieben – was auch daran liege, dass es dort weniger Führungspositionen gibt und die Fluktuation geringer ist. Ein noch genauerer Blick lohnt sich: Der hessische Lohnatlas zeigt, dass die Lohnlücken in Betrieben mit jüngeren Belegschaften geringer sind. Ein Grund zur Hoffnung? Möglicherweise können Frauen in der jungen Generation besser mit Männern gleichziehen als dies bei früheren Generationen der Fall war.

Unterstützung von Seiten der Betriebe ist jedoch nach wie vor wichtig. „Zunächst muss man Transparenz schaffen“, sagt Christine Gräbe vom Fair Pay Innovation Lab aus Berlin.  Diese Transparenz dient als Grundlage für neue Strategien, um der Entgeltgleichheit zwischen Frauen und Männern näherzukommen. „Unternehmen haben einen gesellschaftlichen Auftrag“, betont Nina Keim von Salesforce. Bei Salesforce, einem IT-Unternehmen mit Standort in Frankfurt, setze man sich strategisch gegen Benachteiligung bei der Bezahlung aufgrund von Geschlecht oder Herkunft ein.

„Wir schaffen mit dem Hessischen Lohnatlas die notwendige Transparenz“, sagt Minister Kai Klose, „und die Betriebe wiederum zeigen uns, wie Entgeltgleichheit geschaffen werden kann. Dies ist eine ideale Verbindung, die zu mehr Geschlechtergerechtigkeit führt und gleichzeitig der Wirtschaft bei der Bewältigung des Fachkräftemangels hilft.“ „Das kommt nicht zuletzt auch unseren Absolventinnen zugute, damit sie ihr ‚Bildungskapital' in gute Einkommen umsetzen können. Wirtschaftlicher Nutzen und Fairness, eine klassische Win-win-Situation“, so die Präsidentin der Goethe-Universität.

In die Vorstellung des Hessischen Lohnatlas ist neben den hier genannten Personalchefs auch Leopold Kristjansson von der isländischen Firma PayAnalytics eingebunden. Er berichtet darüber, wie in Island das Gesetz zur Entgeltgleichheit umgesetzt wird. Weitere Beiträge widmen sich der Frage, wo Betriebe, aber auch Städte und Gemeinden weitere Unterstützung erhalten können.

In den kommenden Monaten soll dann der Dialog der Sozialpartner aus den größten Branchen in Hessen unter Moderation des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration fortgesetzt werden. Im Fokus stehen hier betriebliche Strategien, wie das Ziel der Entgeltgleichheit von Frauen und Männern schneller erreicht werden kann.


Informationen: Dr. Christa Larsen, Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK) der Goethe-Universität, Campus Bockenheim Tel. (069) 798- 22152, E-Mail: c.larsen@em.uni-frankfurt.de, www.iwak-frankfurt.de/projekt/hessischer-lohnatlas/ oder http://www.iwak-frankfurt.de/veranstaltungen-2/

Den Hessischen Lohnatlas finden Sie zum Download unter dem folgenden Link: http://www.arbeitswelt.hessen.de/im-fokus/der-neue-hessische-lohnatlas-mit-virtueller-dokumentation-ist-veroeffentlicht

 

Sep 22 2020
14:07

​Förderzusage macht die Erhaltung der wertvollen Sammlung im Besitz des Instituts für Jugendbuchforschung an der Goethe-Universität möglich

Walter Benjamins Kinderbuchsammlung wird restauriert

FRANKFURT. Die Kinderbuchsammlung von Walter Benjamin soll für die Zukunft gesichert werden. Mit vereinten Kräften finanzieren der Bund, das Land Hessen und das Institut für Jugendbuchforschung die ersten Restaurierungsmaßnahmen an diesem wertvollen historischen Bestand.

Nur 204 Bücher umfasst die Sammlung aus dem früheren Besitz von Walter Benjamin. Doch sie ist gleich in mehrfacher Hinsicht besonders wertvoll: Für die Forschung liefert sie wichtige Erkenntnisse über den großen Intellektuellen, der eng mit Theodor W. Adorno befreundet war und zum Umkreis der Frankfurter Schule zählt. Stammen die Bücher doch zum Teil aus Benjamins eigener Kindheit, in seinen Schriften und Radiobeiträgen hat er sich auch ausgehend von seiner Sammlung mit Kinderliteratur befasst. Zudem handelt es sich durchgehend um besonders schöne und seltene Exemplare: Der gebürtige Berliner Benjamin hat vor allem nach ästhetischen Kriterien gesammelt; sein besonderes Interesse galt den illustrierten und künstlerisch aufwendig gestalteten Kinderbüchern.

An das Institut für Jugendbuchforschung in Frankfurt kam die Sammlung in den 1980er-Jahren durch Ankauf von den Erben Benjamins. Es war der ausdrückliche Wunsch des Sohnes Stefan Benjamin, dass die Sammlung wieder nach Deutschland gelange. Sie wurde in der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt in einer Ausstellung gezeigt, zu der ein ansprechender Katalog erstellt wurde (zum Herunterladen auf den Seiten des Instituts: www.uni-frankfurt.de/65668457/Die_Kinderbuchsammlung_Walter_Benjamin_Katalog.pdf), seither werden die Bücher in einem Stahlschrank in der Bibliothek für Jugendbuchforschung aufbewahrt. Um sie weiterhin der Forschung zugänglich zu machen, sind dringend Restaurierungsmaßnahmen notwendig: Die Bücher sind stark benutzt und teilweise entsprechend beschädigt, der Zahn der Zeit hat ein Übriges getan. Nun sollen sie zunächst „stabilisiert“ werden. Ein Teil ist bereits an das Zentrum für Bucherhaltung in Leipzig gegangen, wo zunächst, soweit notwendig, das Papier entsäuert wird, die Buchdeckel und -kanten stabilisiert und maßgeschneiderte Klappdeckelboxen für jedes einzelne Buch hergestellt werden.

„Benjamin hat die Bücher seiner eigenen Kindheit mit bescheidenen Mitteln zu einer Sammlung ausgebaut“, erklärt Dr. Felix Giesa, Kustos des Instituts für Jugendbuchforschung. Gesammelt habe er vor allem nach ästhetischen Kriterien, vorwiegend illustrierte Texte aus dem 19. Jahrhundert. Neben verschiedenen Ausgaben der Grimm'schen Kinder- und Hausmärchen gehören auch Märchenbücher von Wilhelm Hauff und Charles Perrault zum Bestand. Außerdem machen etwa sogenannte Verwandlungsbilderbücher wie ein seltenes Buch von Christian Gottfried Heinrich Geißler aus dem Jahr 1815 einen wichtigen Teil der wertvollen Sammlung aus.

Mit Mitteln der bundeseignen Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (KEK), die 50 Prozent der Kosten übernimmt, des Landes, das über das HMWK 40 Prozent trägt, und Berufungsmitteln von Prof. Ute Dettmar wird nun zunächst der Bestand gesichert und katalogisiert, dann soll es eine Ausstellung und ein Symposium geben. Insgesamt sind für diese Maßnahmen rund 30.000 Euro verfügbar. Anschließend soll der Bestand auch digitalisiert werden, damit er der Benjamin-Forschung im In- und Ausland zur Verfügung steht – ohne dass die Nutzung weitere Spuren in den Originalen hinterlässt.


Bilder zum Download finden Sie unter folgendem Link: http://www.uni-frankfurt.de/92258379

Bildtext: Vielgenutzt und entsprechend lädiert: Die Kinderbuchsammlung von Walter Benjamin soll für die Zukunft gesichert werden. Die Mittel dafür stehen nun bereit. (Foto: Uwe Dettmar)

 

Sep 17 2020
14:43

Physiker der Goethe-Universität leiten eine der technischen Erneuerungen von „ALICE“ zur Erforschung des Quark-Gluon-Plasmas

Physik: Kollisions-Filme mit erneuertem Teilchen-Detektor am CERN

Das ALICE-Experiment am Teilchenbeschleuniger CERN in Genf soll neue Erkenntnisse über einen extrem heißen und dichten Materiezustand bringen, das Quark-Gluon-Plasma. Wenige Millionstel Sekunden nach dem Urknall lag die gesamte Materie des Universums in diesem Zustand vor, und Forscher wollen unter anderem mit dem ALICE-Experiment herausfinden, wie sich aus dieser „Ursuppe“ das Universum entwickelt hat. Ein internationales Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hat dafür jetzt unter der Leitung von Physikern um Harald Appelshäuser von der Goethe-Universität Frankfurt das Herzstück des ALICE-Detektors auf den neuesten Stand der Technik gebracht. 

FRANKFURT. Im Moment ruhen am CERN die Beschleuniger, es ist die Zeit der „zweiten langen Betriebspause“. In dieser Zeit werden die Beschleuniger auf- und umgerüstet, damit künftig mehr Teilchen beschleunigt und die Zahl der Kollisionen erhöht werden können. Auch die Detektoren werden verbessert. Doch während bei den großen Allzweckdetektoren ATLAS und CMS der große Umbau erst in der nächsten, dritten langen Betriebspause ab 2025 ansteht, wird der Spezialdetektor ALICE schon jetzt erneuert in die bevorstehende Messkampagne gehen. 

ALICE ist das besondere Projekt in den Forschungsabenteuern rund um den Large Hadron Collider (LHC) des CERN. Während die anderen drei Detektoren entschlüsseln, was in Kollisionen zwischen Wasserstoffkernen (Protonen) vor sich geht, befassen sich die Forscherinnen und Forscher des ALICE-Experiments mit Blei-Ionen, also Teilchen, die um ein Vielfaches schwerer sind. Jedes Jahr wird der LHC einen Monat lang mit Blei-Ionen betrieben, damit der ALICE-Detektor Daten sammeln kann. Die Forscherinnen und Forscher wollen einen besonderen Materie-Zustand untersuchen: das Quark-Gluon-Plasma. Es entsteht, wenn im ALICE-Experiment Blei-Atomkerne mit sehr großer Energie aufeinanderprallen und sich für einen kurzen Moment in ihre elementaren Bestandteile auflösen. In dieser heißen und dichten Materiesuppe können sich die Quarks und Gluonen, die sonst fest in den Protonen und Neutronen des Atomkerns gebunden sind, quasi frei bewegen. Was bei den Kollisionen passiert, kann Rückschlüsse darauf zulassen, wie sich aus dem Quark-Gluon-Plasma unser Universum, wie wir es heute kennen, gebildet hat

Film drehen statt Einzelbilder schießen 

Nach der Betriebspause wird der erneuerte ALICE-Detektor zeigen, was er nun kann: Bisher lieferte der LHC-Beschleuniger 10.000 Kollisionen pro Sekunde. Bei 18.000 Teilchen pro Kollision macht das 180 Millionen Teilchen pro Sekunde, von denen der ALICE-Detektor aber nur einen Teil aufzeichnen konnte. Nach der Betriebspause werden die technologischen Hürden, die die Zahl der ausgelesenen Kollisionen bisher limitiert haben, ausgeräumt sein. Der LHC soll dann 50.000 Kollisionen pro Sekunde von Blei-Ionen liefern, wodurch 900 Millionen Teilchen pro Sekunde entstehen werden. „Wir wollen alle Kollisionen komplett aufnehmen, und zwar kontinuierlich – also praktisch einen Film drehen, statt einzelne Bilder zu schießen“, erklärt Harald Appelshäuser, Professor am Institut für Kernphysik an der Goethe-Universität Frankfurt und Projektleiter des Teildetektors, der nach dem Umbau für den großen Unterschied sorgen wird. 

Detektor im Umbau 

Dafür wurde einer der zentralen Detektoren des 26 Meter langen und 16 Meter hohen ALICE-Detektorkomplexes, die Spurendriftkammer (Time Projection Chamber, TPC), ganz am Anfang der Betriebspause ausgebaut und vorsichtig aus der unterirdischen Detektorkaverne in einen Reinraum an der Oberfläche gebracht. Nach und nach wurden dort die über Jahre auf der ganzen Welt hergestellten Bauteile sorgfältig eingebaut. Jetzt wurde die technisch aufgerüstete TPC wieder an ihre Heimat im Herzen von ALICE zurückgebracht. 

Der Clou sind die neuen Auslesekammern, die nicht mehr aus vielen feinen Drähten bestehen, sondern im Prinzip aus rund fünf Milliarden winzigen Löchern. In diesen Löchern werden die Signale der geladenen Teilchen verstärkt, so dass die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler genau die Spur jedes Teilchens ausrechnen können. Diese Kammern nennen sich „GEMs“ – Gas Electron Multiplier – und sind eine CERN-Erfindung, die auch schon ihren Weg in medizinische Anwendungen gefunden hat. 500.000 Kanäle sorgen dafür, dass dem ALICE-Experiment nichts entgeht. Jede Sekunde entstehen später bei den Kollisionen Daten von 3,4 Terabyte. 

Dafür mussten auch neue Verfahren entwickelt werden, mit denen diese Flut an Daten prozessiert werden kann. Mit dem Experten für Hochleistungsrechner Prof. Volker Lindenstruth und seinen Kollegen sind auch hier Wissenschaftler der Goethe-Universität federführend beteiligt. „Wir haben da jetzt das Feinste vom Feinsten und freuen uns auf die ersten Kollisionen“, so Appelshäuser. 

Die neuen GEM-Auslesekammern wurden in Deutschland – an der Goethe-Universität Frankfurt sowie an den Universitäten Heidelberg und Bonn sowie der Technischen Universität München und dem GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung – durch Tests und Weiterentwicklungen für das ALICE-Experiment maßgeschneidert und später in verschiedenen Ländern zusammengebaut, darunter neben Deutschland auch Ungarn, Finnland, Rumänien und die USA. „Die Logistik war ganz schön kompliziert“, erzählt der Projektverantwortliche Appelshäuser. „Die TPC wurde im Jahr 2019 in den Reinraum gebracht, dort haben wir dann die älteren Kammern aus- und die neuen Kammern eingebaut und getestet. Zum Glück waren wir gerade fertig, bevor die Pandemie begann.“ 

ALICE bekommt während der Betriebspause auch eine neue innere Spurkammer, die noch dichter am Kollisionspunkt sitzt und im Gegensatz zu ihrem Vorgänger die Präzision noch weiter erhöht. Und präzise müssen die Detektoren sein, denn nur durch die genaue Bestimmung der Teilchenpfade und -energien lassen sich Rückschlüsse ziehen auf die ersten Bruchteile von Sekunden des Universums.

Bilder zum Download: http://www.uni-frankfurt.de/92047073 

Bildtext: Arbeiten am ALICE-Detektor unter Corona-Bedingungen. Von links: Robert Münzer (Goethe-Universität Frankfurt, GU), Chilo Garabatos (GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung), Lars Bratrud (GU), Yiota Chatzidaki (Universität Heidelberg), Christian Lippmann (GSI). 

Foto: Robert Münzer Weitere Bilder zum Download bei CERN: https://cds.cern.ch/record/2727174# 

Weitere Informationen: Prof. Dr. Harald Appelshäuser Institut für Kernphysik Goethe-Universität Tel: +49 (0) 69 798-47034 oder 47023 appels@ikf.uni-frankfurt.de

 

Sep 17 2020
14:21

Frankfurter Kinder-Uni: Sämtliche Videoaufzeichnungen seit 2004 sind ab sofort online nach Themen und Schlagworten recherchierbar

76 Vorlesungen für neugierige Kinder

FRANKFURT. Die 18. Frankfurter Kinder-Uni, die ursprünglich für diese Woche geplant war, wird coronabedingt erst im nächsten Jahr stattfinden. Kinder-Uni-Fans jeden Alters müssen dennoch nicht ohne kindgerechten wissenschaftlichen Input auskommen: Das Videoangebot der Frankfurter Kinder-Uni ermöglicht ab sofort die Recherche nach Themen und Schlagworten. 

Erstmals seit ihrem Start im Jahr 2003 findet die Kinder-Uni nicht statt: Hunderte von Kindern im großen Hörsaal, die temperamentvoll Anteil an den Vorlesungen nehmen und mit den Referentinnen und Referenten interagieren – das verträgt sich nicht mit den Bedingungen der Pandemie. Die mit den Professorinnen und Professoren bereits vereinbarten Vorlesungen werden – wie bereits mitgeteilt – um ein Jahr verschoben auf den turnusgemäß nächsten Termin in der Woche vom 27. September bis 1. Oktober 2021. Dabei wird es voraussichtlich ums Klima gehen, um Tierrechte, Märchen und amerikanische Geschichte, soviel sei bereits verraten.

Damit die Wartezeit auf die nächste Kinder-Uni nicht zu lang wird, hat das Kinder-Uni-Team das Videoangebot auf der Website der Goethe-Universität verbessert: Nun sind die Vorlesungen nach Themengruppen geordnet aufgeführt und können auch über eine Schlagwortsuche durchforstet werden. Auf diese Weise können sämtliche Vorlesungsmitschnitte seit dem Jahr 2004, in dem die Aufzeichnungen begonnen wurden, in den Klassenzimmern oder zu Hause angeschaut werden und – für die Vorlesungen ab 2008 – auch die Quizze gelöst werden. Insgesamt stehen 76 Videos zur Verfügung. Die Verbesserung des Videoangebots wurde vom Förderer der Kinder-Uni, der Dr. Marschner Stiftung, finanziell unterstützt. 

Hier einige Themenbeispiele: Wie wird man Kaiser von China? Welche Spuren führen zum Täter? Aßen Römer auch schon Döner? Sprechen lernen - das ist doch kinderleicht! Bulle und Bär - an der Börse geht´s tierisch ab! Wieso mag mein Computer Chips? Wie erziehe ich meine Eltern? Macht Sport schlau? Wie baut man ein Atom? Wieviel Geometrie steckt im Fußball? Wieso sieht unser Gehirn mehr als unsere Augen? Gibt es Kinder ohne Rechte? Wie aus kleinen Leuten große Leute werden… Savanne - Supermarkt und Apotheke? Hat Rumpelstilzchen einen fairen Strafprozess verdient? Mord im Bienenvolk! Wie Gladiatoren wirklich kämpften. Für jeden Geschmack und jedes Interesse dürfte etwas Passendes dabei sein.

Link zur Kinder-Uni-Seite der Goethe-Universität: https://www.kinderuni.uni-frankfurt.de; zum Videoangebot: https://www.kinderuni.uni-frankfurt.de/91850140/Videos_der_Kinder_Uni_Vorlesungen 

Ein Bild zum Download finden Sie unter dem folgenden Link: http://www.uni-frankfurt.de/9207731

Bildunterschrift: Wegen der Corona-Pandemie musste die diesjährige Frankfurter Kinder-Uni verschoben werden. Online stehen jedoch 76 Videomitschnitte aus den vergangenen Jahren zur Verfügung, die ab sofort nach Themengruppen oder Schlagworten durchsucht werden können. 

Informationen: Dr. Anke Sauter, Referentin für Wissenschaftskommunikation, Abteilung PR & Kommunikation, Campus Westend, Telefon 069 789-13066, E-Mail sauter@pvw.uni-frankfurt.de, www.kinderuni.uni-frankfurt.de.

 

Sep 14 2020
12:20

Innenminister Seehofer beruft Religionswissenschaftlerin Anja Middelbeck-Varwick von der Goethe-Universität

Frankfurter Wissenschaftlerin ist Mitglied im Expertenkreis Muslimfeindlichkeit

FRANKFURT. Prof. Dr. Anja Middelbeck-Varwick ist Mitglied des Unabhängigen Expertenkreises Muslimfeindlichkeit (UEM), der am kommenden Mittwoch zu seiner konstituierenden Sitzung zusammentrifft. Innenminister Horst Seehofer hat die 46-jährige Wissenschaftlerin in das neu gebildete Gremium berufen

Insgesamt zwölf Personen hat Horst Seehofer, Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat, für den Unabhängigen Expertenkreis Muslimfeindlichkeit (UEM) berufen. Dessen Aufgabe wird es sein, aktuelle und sich wandelnde Erscheinungsformen von Muslimfeindlichkeit zu analysieren und auf Schnittmengen mit antisemitischen Haltungen und anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit hin zu untersuchen, teilt das Bundesinnenministerium mit. Anlass für die Gründung seien rassistische und muslimfeindliche Vorfälle sowie terroristische Anschläge bzw. Anschlagsplanungen der jüngeren Zeit.

„Über die Berufung in den UEM freue ich mich sehr, denn dieser Kreis hat eine gewichtige Aufgabe. Die Zunahme von antimuslimischem Rassismus ist besorgniserregend. Ich hoffe, dass wir gemeinsam wirksame Handlungsempfehlungen erarbeiten können. Als Wissenschaftlerin, die sich mit dem Feld der christlich-muslimischen Beziehungen befasst, kann ich dazu beitragen, stereotype islamfeindliche Muster zu identifizieren und klassische Feindbilder zu entlarven. Denn Muslimfeindlichkeit beginnt in den Köpfen“, kommentiert Middelbeck-Varwick ihre Berufung. 

Die UEM wurde auf der Grundlage bisheriger Ergebnisse und Erörterungen der Deutschen Islamkonferenz gegründet. Sie soll jedoch unabhängig von dieser arbeiten und berichten.

Informationen: Prof. Dr. Anja Middelbeck-Varwick, Religionstheologie und Religionswissenschaft, Katholische Theologie FB 07, Campus Westend, Telefon +49 69 798 32933, E-Mail middelbeck@em.uni-frankfurt.de

 

Sep 14 2020
10:29

Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur der Goethe-Universität veranstaltet virtuelle Konferenz für europäische Arbeitsmarktforscher 

Der Mittelstand – auch in der Krise stark

FRANKFURT. Der Mittelstand ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft – das hört man allenthalben. Doch was macht den Mittelstand stark? Und was hat er den Großkonzernen voraus? Dieses Forschungsfeld nimmt eine virtuelle Konferenz an der Goethe-Universität in den Blick, die von Donnerstag, 17. September, 14 Uhr bis Freitag, 18. September, 14 Uhr vom Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK) veranstaltet wird.

Gerade während der Coronakrise stellt der Mittelstand seine Stärken unter Beweis. Die kleinen und mittelgroßen Betriebe, die auch in Hessen rund 90 Prozent aller Unternehmen ausmachen, sind meist deutlich besser gewappnet als die großen, wenn es darum geht, sich neuen Herausforderungen zu stellen. „Sie sind flexible Organisationen, die schnell auf Neues reagieren können, das gehört zu ihrem täglichen Programm“, stellt Dr. Christa Larsen, Geschäftsführerin des IWAK und Organisatorin der Konferenz fest. Ein wesentlicher Erfolgsgarant für kleine und mittelgroße Betriebe seien Besitzer- oder Geschäftsführerpersönlichkeiten. Sie „lebten“ oft für ihren Betrieb, seien regional gut eingebunden und immer auf der Suche nach guten Lösungen. Und sie blieben an Bord, auch und gerade, wenn es schwierig werde. Sie scheuten nicht davor zurück, ihren Beschäftigten etwas abzuverlangen, um die Krise zu überstehen. „Denn sie wissen, dass ihre Beschäftigten in guten Zeiten auch mehr als sonst üblich vom Betrieb profitieren. Das ist wie in einer großen Familie, ein Geben und Nehmen. Deshalb sind Betriebszugehörigkeiten von 20 oder 30 Jahren keine Seltenheit“, sagt Larsen.

Zu Recht werde der Mittelstand inzwischen vereinzelt von der jungen Generation entdeckt – geht man hier doch flexibel auf individuelle Wünsche und Bedürfnisse ein. Doch nicht nur junge Berufseinsteiger interessieren sich dennoch meist mehr für die großen Unternehmen mit den klingenden Namen; auch die Arbeitsmarktforschung befasst sich immer noch viel zu wenig mit diesem Bereich des Arbeitsmarktes. Das sollte sich ändern, findet Christa Larsen: „Die Innovationspotenziale des Mittelstands zu erforschen, hilft nicht nur während der Krise. Die Politik muss wissen, wie sie diese Potenziale gezielt fördern kann.“ Dies ist auch das Anliegen des European Network on Regional Labour Market Monitoring, in welchem 400 Arbeitsmarktforscher aus mehr als 20 Ländern zusammengeschlossen sind, um entsprechende Hinweise bereitzustellen (http://regionallabourmarketmonitoring.net/). Das Netzwerk wird von der Goethe-Universität aus koordiniert, ebenso die jährliche Konferenz der Mitglieder, die nun zum 15. Mal stattfindet. „Es ist unbedingt notwendig, bei diesem Thema europäisch zu denken. Denn hier liegt die Zukunft der europäischen Wirtschaft“, sagt Prof. Manfred Schubert-Zsilavecz, Vizepräsident an der Goethe-Universität mit dem Zuständigkeitsbereich Third Mission, den Transfer von Forschungsergebnissen in die Praxis.

Zwei Tage lang werden Arbeitsmarktforscher aus verschiedenen europäischen Regionen ihre Forschungsergebnisse vorstellen und diskutieren. Sie wollen herausfinden, welche Faktoren den Mittelstand so erfolgreich bei der Bewältigung der Krise machen. In Vorbereitung darauf haben 30 Forscherinnen und Forscher aus zehn Ländern einen Sammelband erstellt – ganz im europäischen Gedanken, so dass länderübergreifende Perspektiven diskutiert werden können. Der Band wird bei der Konferenz verfügbar sein. (https://www.buchhandel.de/buch/9783957102805) Vertreter der europäischen Kommission haben ein Vorwort dafür geschrieben und verfolgen die Konferenz, die auch Beiträge aus Hessen hat. „Viele bauen zurecht auf den Mittelstand“, sagt Dr. Jenny Kipper aus dem Frankfurter Organisationsteam. Dieser hat beste Voraussetzungen, um die Transformation zu einer nachhaltigen Arbeitsmarktpolitik zu schaffen, die die Europäische Kommission anstrebt.

Das Programm zur Veranstaltung findet sich unter: http://regionallabourmarketmonitoring.net/wp-content/uploads/2019/10/EN-RLMM_Conference-2020_2020-08-28.pdf 

Die Veranstaltung kann am 17. September ab 14 Uhr und am 18. September ab 9:15 Uhr als Live-Stream verfolgt werden. Der Link findet sich unter: http://regionallabourmarketmonitoring.net/?page_id=3531 

Zudem besteht am 17. September von 10 bis 12 Uhr unter 069 798-22152 die Möglichkeit, ein Interview mit Dr. Christa Larsen, der Geschäftsführerin des IWAK, zu führen, die auch die Koordinatorin des European Network on Regional Labour Market Monitoring ist. Gerne mit Voranmeldung unter: c.larsen@em.uni-frankfurt.de

 

FRANKFURT. Vom 14. September bis Frühjahr 2021 bleibt das Museum Giersch der Goethe-Universität aufgrund von Sanierungsarbeiten geschlossen. Nach 20 Jahren erfolgreichen Museumsbetriebs und knapp 60 Ausstellungen steht eine Sanierung der technischen Anlagen des Hauses an. Die Gebäudeleittechnik (Alarm, Sicherheit und Brandschutz) sowie die Klimatechnik der neoklassizistischen Villa am Frankfurter Schaumainkai werden auf die neuesten Standards gebracht. Das Ausstellungshaus wird durch diese von der STIFTUNG GIERSCH getragenen Sanierungsmaßnahmen für den zukünftigen Ausstellungsbetrieb bestens vorbereitet sein. 

„Der STIFTUNG GIERSCH liegen das Museum und seine Ausstellungsaktivitäten sehr am Herzen. Mit der Übernahme der Sanierungskosten möchte die STIFTUNG GIERSCH sicherstellen, dass das Museum seine erfolgreiche Arbeit fortsetzen kann und technisch gut gerüstet ist für zukünftige interessante Sonderausstellungen aus den Bereichen Kunst, Kultur und Wissenschaft – mit besonderem Fokus auf der Rhein-Main-Region“, stellt Senator E. h. Professor Carlo Giersch fest. 

Prof. Dr. Birgitta Wolff, Präsidentin der Goethe-Universität, in dessen Trägerschaft sich das Ausstellungshaus seit 2015 befindet, bedankt sich bei der STIFTUNG GIERSCH für diese erneut großzügige finanzielle Geste und freut sich ebenfalls über die Fortsetzung der Ausstellungstätigkeit: „Ich bin mir sicher, dass dank der Zusammenarbeit zwischen der STIFTUNG GIERSCH und der Goethe-Universität die Sanierungsmaßnahmen planmäßig im nächsten Jahr abgeschlossen werden können. So kann das Museum gemeinsam mit Partnern aus Forschung, Lehre und den Sammlungen der Goethe-Universität weiterhin in die Stadtgesellschaft wirken.“ Geplant ist von Seiten der Universität auch die Umstellung des gesamten Gebäudes auf die energieeffiziente LED-Beleuchtungstechnik. 

Im März 2021 wird das Museum mit einer Retrospektive zu dem in Frankfurt geborenen Ernst Weil (1919–1986) wiedereröffnet werden. Der genaue Termin wird rechtzeitig bekannt gegeben. In der Schließungsphase können die digitalen Angebote des Museums wie z. B. der 3D-Rundgang, die Bildergalerie und der Einführungsfilm zur letzten Sonderausstellung „Die Welt im BILDnis. Porträts, Sammler und Sammlungen in Frankfurt von der Renaissance bis zur Aufklärung“ auf der Website www.welt-im-bildnis.museum-giersch.de wahrgenommen werden. Weitere digitale Angebote z. B. zur Geschichte des Hauses sind geplant und werden über den Newsletter des Museums und die Social-Media-Kanäle verbreitet.

Museum Giersch der Goethe-Universität, Schaumainkai 83, 60596 Frankfurt am Main
Ansprechpartnerin für die Presse: Christine Karmann Tel.: 069 / 138210121 // E-Mail: presse@museum-giersch.de

 

Sep 10 2020
15:16

Soziologen der Goethe-Universität untersuchten unterschiedliche Auswirkungen der Pandemie-Verordnungen auf Männer und Frauen

Sorgen und Ängste in der Corona-Zeit

FRANKFURT. Frauen und Männer haben die Einschränkungen während der Corona-Pandemie unterschiedlich wahrgenommen. Während Mütter verstärkt unter Stress gerieten, weil die Kinderbetreuung wegfiel, sorgten sich Männer vor allem um die wirtschaftliche Lebensgrundlage. Dies kann das geschlechtsspezifische Lohngefälle in Deutschland auch nach Ende der Beschränkungen weiter vergrößern

Die individuellen Sorgen und Ängste während der coronabedingten Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen haben die Soziologen Dr. Christian Czymara, Alexander Langenkamp und Dr. Tomás Cano von der Goethe-Universität in einer aktuellen Studie untersucht. Hierfür haben sie die Aussagen aus einer während der ersten vier Wochen der Coronabeschränkungen durchgeführten Onlineumfrage analysiert. Die Befragten sollten ihre persönlichen Sorgen und Erfahrungen mit eigenen Worten beschreiben. Mit Hilfe von quantitativen Textanalysen konnten so die Antworten von mehr als 1.100 Personen systematisch ausgewertet werden. 

Dabei zeigte sich, dass sich die Menschen vor allem um soziale Kontakte sorgten, aber auch um Themen wie Kinderbetreuung und Familie. Im Erleben der allgemeinen Schließungen gibt es allerdings interessante Unterschiede zwischen den Geschlechtern. So sorgen sich Frauen vermehrt um das Thema Kinderbetreuung. Bei Männern dominieren hingegen vor allem wirtschaftliche Fragen, etwa in Bezug auf die Sicherheit des eigenen Berufs oder die gesamtgesellschaftlichen ökonomischen Konsequenzen von Corona. Themen des Alltags, etwa das Einkaufen von Lebensmittel, sind hingegen bei beiden Geschlechter gleichermaßen präsent. 

Deutlich erkennbar ist das Muster der „traditionellen“ Arbeitsteilung, bei der Frauen sich vermehrt um Haushalt und Kindererziehung kümmern, während Männer eher bezahlter Vollzeitarbeit nachgehen. Die Corona-Pandemie trifft Frauen daher doppelt: Zum einen reduzieren Frauen ganz praktisch in höherem Maße die bezahlten Arbeitsstunden in ihrer Erwerbstätigkeit. Zum anderen kümmern sich Frauen häufiger um die Organisation der Kinderbetreuung. Sie verrichten damit Planungsarbeit, die oftmals unbemerkt für andere geschieht. Es ist wahrscheinlich, dass beide Prozesse Folgen für den Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern haben werden, die auch über das Ende der Beschränkungen hinaus wirksam sein werden. So könnte sich das im Durchschnitt ohnehin geringere Lohnniveau von Frauen in Deutschland trotz aller politischen Bemühungen weiter verfestigen oder sogar noch verstärken. 

Publikation: Czymara, C.S., Langenkamp, A. & Cano, T., 2020. Cause for concerns: gender inequality in experiencing the COVID-19 lockdown in Germany. European Societies, pp.1-14. (https://doi.org/10.1080/14616696.2020.1808692

Informationen: Dr. Christian Czymara, Alexander Langenkamp und Dr. Tomás Cano; Kontakt: Dr. Christian Czymara (christian@czymara.com)

 

Sep 8 2020
16:32

Öffentliche (Online-)Konferenz mit Fachleuten aus Wissenschaft, Politik und Kultur am Forschungskolleg Humanwissenschaften

„Europa. USA. Geteilte Zukunft?“ /„Transatlantic Futures. Shared or Divided?“

FRANKFURT/BAD HOMBURG. Haben die USA und Europa noch eine gemeinsame Zukunft? Wie können die schwierigen transatlantischen Beziehungen wieder verbessert werden? Mit diesen Fragen befasst sich nur wenige Wochen vor der US-Präsidentschaftswahl die Bad Homburg Conference des Forschungskollegs Humanwissenschaften der Goethe-Universität – in diesem Jahr gleichzeitig als Online- und Präsenzveranstaltung. 

Über Jahrzehnte verbanden intensive politische Beziehungen und gemeinsame Werte die USA und Europa und garantierten auch in geopolitischen unruhigen Zeiten Stabilität und Sicherheit. Doch das transatlantische Verhältnis ist in eine Krise geraten. Die Bad Homburg Conference 2020 thematisiert die Gegenwart und Zukunft dieses Verhältnisses aus kultureller, gesellschafts- und sicherheitspolitischer Perspektive. Ein Ziel ist dabei, nach den kulturellen und politischen Initiativen zu fragen, die eine Wiederbelebung der problematisch gewordenen Beziehungen ermöglichen. 

Das Forschungskolleg Humanwissenschaften und die Stadt Bad Homburg v. d. Höhe laden die interessierte Öffentlichkeit zur Bad Homburg Conference 2020 ein am Freitag, 18. September, 18:00 bis 20:30 Uhr am Samstag, 19. September, 11:00 bis 18:00 Uhr im Forschungskolleg Humanwissenschaften Am Wingertsberg 4, 61348 Bad Homburg v. d. Höhe.

Internationale Expertinnen und Experten werden das belastete Verhältnis zwischen den USA und Europa analysieren und mit der Öffentlichkeit diskutieren. Das erste Panel der Konferenz fragt, ob in der amerikanischen Popkultur Potenziale zu finden seien, die die fragilen Beziehungen auf subversive Weise stabilisieren und lebendig halten können. Zwar diente die Popkultur den USA als „soft power“, die den amerikanischen Gesellschaftsentwurf weltweit verbreitete. Gleichzeitig war sie aber immer auch ein Ort für kritische Stimmen, die die Missachtung amerikanischer und europäischer Werte anprangerten. Solche Kritik scheint umso bedeutsamer, als die USA – aber auch europäische Staaten – von einer starken politischen und gesellschaftlichen Polarisierung gezeichnet sind, die die Demokratie bedrohen. Den Ursachen und Konsequenzen dieser Entwicklung widmet sich das zweite Panel. Im dritten Panel schließlich diskutieren Expertinnen und Experten Fragen der transatlantischen Außen- und Sicherheitspolitik, die durch die politischen Kehrwenden der USA in den vergangenen Jahren stark belastet wurde.

Der Bad Homburger Oberbürgermeister Alexander W. Hetjes, der Vizepräsident der Goethe-Universität Prof. Dr. Rolf van Dick und der Direktor des Forschungskollegs Humanwissenschaften Prof. Dr. Matthias Lutz-Bachmann werden die Konferenz am Freitagabend eröffnen. Den anschließenden Keynote-Vortrag hält der ehemalige Botschafter der Bundesrepublik in Washington Klaus Scharioth. Am zweiten Konferenztag werden Fachleute aus Wissenschaft, Politik und Kultur in die Panels einführen und gemeinsam diskutieren. Auf dem Podium des Panels zur Rolle der amerikanischen Popkultur sitzen die amerikanische Kuratorin und Direktorin des Deutschen Filminstituts und Filmmuseums Ellen M. Harrington (Frankfurt), der Filmwissenschaftler Vinzenz Hediger (Goethe-Universität), die Autorin und Journalistin Verena Lueken (Berlin/Frankfurt) und die Amerikanistin Ruth Mayer (Hannover). Die Gefährdung der Demokratien in den USA und Europa durch gesellschaftliche und politische Polarisierung wird der polnische Journalist und Aktivist Sławomir Sierakowski (Warschau/Berlin) mit der politischen Theoretikerin Paula Diehl (Kiel) und dem Politikwissenschaftler Claus Leggewie (Gießen) analysieren. Auf die Konsequenzen und Perspektiven der belasteten transatlantischen Außen- und Sicherheitspolitik werden der amerikanische Historiker Micheal C. Kimmage (Washington), die Expertin für Außenpolitik Constanze Stelzenmüller (Washington), der Politiker Omid Nouripour (Berlin) und die Politikwissenschaftlerin Lora Anne Viola (Berlin) eingehen. Der Eröffnungsvortrag findet auf Deutsch statt; die Podiumsdiskussionen am Samstag auf Englisch; deutschsprachige Beiträge sind aber möglich und willkommen.

Die Konferenz ist die vierte in der Reihe der jährlich stattfindenden Bad Homburg Conferences, die vom Bad Homburger Forschungskolleg Humanwissenschaften – einer gemeinsamen Initiative der Goethe-Universität Frankfurt und der Werner Reimers Stiftung – geplant und von der Stadt Bad Homburg finanziert werden. Ziel sei es, so der Oberbürgermeister der Stadt Bad Homburg, Alexander W. Hetjes, “brennende gesellschaftliche Fragen auf hohem Niveau mit der Öffentlichkeit zu diskutieren und Anregungen für die Gestaltung unserer Zukunft zu geben. Eben deshalb ist der Stadt Bad Homburg als Wissenschaftsstandort daran gelegen, die Forschung ebenso zu fördern wie den Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern über deren Resultate.“

Wissenschaftlich geleitet wird die Konferenz vom Direktor des Forschungskollegs Humanwissenschaften Matthias Lutz-Bachmann, Professor für Philosophie an der Frankfurter Goethe-Universität, sowie seinen Frankfurter Kollegen Andreas Fahrmeir (Professor für Neuere Geschichte), Gunther Hellmann (Professor für Politikwissenschaft), Darrel Moellendorf (Professor für Internationale Politische Theorie und Philosophie), Johannes Völz (Heisenberg-Professor für Amerikanistik) und Simon Wendt (Professor für Amerikanistik).

Details zur Bad Homburg Conference 2020 finden Sie auf der Webpage des Forschungskollegs Humanwissenschaften unter www.forschungskolleg-humanwissenschaften.de.

Anmeldung: Aufgrund der Regelungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie können leider nur wenige Personen vor Ort teilnehmen. Anmeldungen bitte bis 11. September unter Angabe der vollständigen Adresse und Telefonnummer an folgende E-Mail-Adresse: anmeldung@forschungskolleg-humanwissenschaften.de. Bitte teilen Sie unbedingt mit, , an welchen Veranstaltungen Sie teilnehmen möchten.

1. Eröffnungsveranstaltung am Freitag, 18.09.2020, 18 Uhr und / oder 

2. Konferenztag am Samstag, 19.09.20 

a) alle Podiumsdiskussionen (11:00 – 18:00 Uhr) oder 

b) einzelne Diskussionen

  • Panel 1 (“Popular Culture"): 11:00 – 13:00 Uhr
  • Panel 2 (“Democratic Ways of Life"): 13:30 – 15:30 Uhr
  • Panel 3 (“Security and Foreign Policy"): 16:00 – 18:00 Uhr 

Die Teilnahmebestätigungen werden bis 14.9. per E-Mail versandt, diese bitte ausgedruckt mitbringen. Absagen werden ebenfalls per E-Mail versandt. Zusätzlich wird die Konferenz live auf unserem YouTube-Kanal übertragen, eine Anmeldung hierfür ist nicht erforderlich. Die Videos werden im Anschluss an die Konferenz dauerhaft dort zu finden sein.

 

Sep 8 2020
10:26

Alexander Schmidt-Catran und Christian Czymara analysieren die Einstellungen vor und nach den Ereignissen an der Gedächtniskirche

Der Berliner Terroranschlag und die öffentliche Meinung

FRANKFURT. Wie hat sich der Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin auf die Akzeptanz von Geflüchteten in der deutschen Gesellschaft ausgewirkt? Darüber gibt eine Studie zweier Soziologen an der Goethe-Universität Aufschluss.

Der starke Zustrom von Geflüchteten vom Spätsommer 2015 an hat die öffentlichen Debatten in Europa über einige Jahre dominiert. Als populärstem Aufnahmeland kam Deutschland eine besondere Rolle zu, die Diskussionen in Politik und Öffentlichkeit waren hierzulande besonders lebhaft. Befeuert wurde die Debatte immer wieder durch islamistische Terroranschläge, die sich bereits seit Januar 2015 (Charlie Hebdo) zu häufen begannen. Ein erster großer Anschlag auf deutschem Boden ereignete sich am 19. Dezember 2016 auf dem Weihnachtsmarkt an der Berliner Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche: Ein aus Tunesien geflüchteter Mann fuhr mit einem Laster in die Besuchermenge und tötete zwölf Menschen, 55 weitere wurden verletzt.

Die Auswirkungen dieses Terroranschlags auf die Akzeptanz von Geflüchteten in der deutschen Öffentlichkeit haben die Soziologen Prof. Dr. Alexander Schmidt-Catran und Dr. Christian Czymara von der Goethe-Universität in einer neuen Studie analysiert. Dabei machten sie sich den Umstand zunutze, dass zufällig zur Zeit des Anschlages eine große Bevölkerungsumfrage, das European Social Survey, erhoben wurde. Prof. Schmidt-Catran und Dr. Czymara konnten Einstellungen von Personen, die vor dem Anschlag befragt wurden, mit den Einstellungen von Personen vergleichen, die nach dem Anschlag an der Befragung teilnahmen. Somit konnten sie Rückschlüsse auf die Auswirkungen von terroristischen Anschlägen ziehen.

Ihre Analysen deuten darauf hin, dass der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt die Akzeptanz von Geflüchteten innerhalb der deutschen Bevölkerung tatsächlich verringert hat. Diese Veränderung fand allerdings nicht unmittelbar statt, sondern entfaltete sich graduell über mehrere Wochen. Die Ausgangshypothese der Forscher, dass sich dieser Trend durch die mediale Berichterstattung im Nachgang des Anschlags erklären ließe, bestätigte sich jedoch nicht. Die Forscher haben die zu dieser Zeit auf Spiegel Online, Welt Online und Zeit Online publizierten Artikel analysiert und dabei erkannt: Im Vergleich zu den sich über Wochen ändernden Einstellungen der Öffentlichkeit reagierten die Onlinemedien sehr schnell auf den Anschlag; die Prominenz des Themas in diesen Medien ebbte aber auch schnell wieder ab.

Tiefergehende Analysen zeigen, dass sich die negativen Einstellungen zu Geflüchteten nicht auf die Einstellungen gegenüber Einwanderung generell übertragen haben, da diese auch nach dem Anschlag unverändert blieben. Dies spricht gegen die These, dass islamistische Anschläge zu einem generell migrationsfeindlichen Klima führen. Die öffentliche Meinung präsentiert sich somit nicht als pauschal, sondern durchaus als differenzierend.

Publikation: Schmidt-Catran, A.W. and Czymara, C.S. (2020): Did you read about Berlin? Terrorist attacks, online media reporting and support for refugees in Germany. Soziale Welt, 71, p. 201-232 (https://doi.org/10.5771/0038-6073-2020-1-2-201).

Informationen: Prof. Dr. Alexander Schmidt-Catran und Dr. Christian Czymara; Kontakt: Prof. Dr. Alexander Schmidt-Catran (schmidt-catran@soz.uni-koeln.de)


 

Sep 7 2020
13:14

BMBF bewilligt Mittel für Maria Sibylla Merian Institute in Ghana

1,8 Millionen Euro für Frankfurter Internationalisierungsaktivitäten in Afrika

FRANKFURT. Ein neuer Knotenpunkt der deutschen geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschung in Afrika entsteht derzeit an der University of Ghana: das Maria Sibylla Merian Institute for Advanced Studies in Africa (MIASA). Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat nun die Mittel für die Hauptphase bewilligt. Das Zentrum für interdisziplinäre Afrikaforschung (ZIAF) an der Goethe-Universität und das Forschungsinstitut Point Sud in Bamako, Mali, wirken mit einem wichtigen Teilprojekt mit, für das weitere 1,8 Millionen Euro zugesagt wurden.

Das „Merian Institute for Advanced Studies in Africa“ (MIASA) soll künftig zu einem Zentrum der deutschen Afrikaforschung werden. Zu seinen Aufgaben gehört es, ein ambitioniertes intellektuelles Programm und eine Forschungsagenda zu entwickeln, die afrikanische Perspektiven in Wissenschaft und Politik stärken und damit zum Abbau globaler Wissensasymmetrien beitragen sollen. Ein thematischer Fokus liegt dabei auf nachhaltiger Regierungsführung. Aktuelle Themen wie Migration, Demokratisierung und ökologischer Umbau sollen interdisziplinärer bearbeitet werden. Exzellente Nachwuchsforscherinnen und -forscher, die sich für ein mehrmonatiges Stipendium am MIASA bewerben können, werden besonders gefördert. Im Jahr 2018 ging das Projekt an den Start, nun wurden die für die im September beginnende sechsjährige Hauptphase notwendigen Mittel in Höhe von 11 Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung bewilligt.

Standort des MIASA ist die University of Ghana in Accra. Auf deutscher Seite sind die Albert-Ludwigs-Universität mit dem Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS) und dem Arnold-Bergstraesser-Institut für kulturwissenschaftliche Forschung (ABI) federführend bei Aufbau und Koordination des Instituts. Weitere Partner sind das Deutsche Historische Institut Paris als Mitglied der Max-Weber-Stiftung, das German Institute of Global and Area Studies (GIGA) in Hamburg und das Zentrum für Interdisziplinäre Afrikaforschung (ZIAF) an der Universität Frankfurt. Das Forschungszentrum Point Sud in Mali, das seit 2004 im Rahmen eines DFG-Programms von der Goethe-Universität finanziert wird, und sein stetig wachsendes Netzwerk von Partnern im anglo-, franko- und lusophonen Afrika spielen eine zentrale Rolle bei der Überwindung der Sprachbarrieren in Afrika. Für das ZIAF ist der Erfolg des Antrags von großer Tragweite: Das Frankfurter Zentrum wird zusammen mit Point Sud in Bamako und dessen Netzwerkpartnern in Afrika das Outreach- und Konferenzprogramm von MIASA organisieren. Das Netzwerk ist im Rahmen des DFG-Programms Point Sud entstanden und umfasst Partnerinstitutionen in Burkina Faso, Gabun, Mali, Mosambik, Niger, Senegal, Ghana und Südafrika. An den verschiedenen Standorten des Netzwerks sind internationale Konferenzen zu Themen wie regionale und kontinentale Integration, intra-regionale Migration oder Ressourcenmanagement und Klimawandel geplant. Außerdem wird es Schreibwerkstätten für Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sowie Tagungen geben, die sich dezidiert mit der Wissensproduktion in Afrika beschäftigen. So wird das Frankfurter Teilprojekt einen entscheidenden Beitrag zur Sichtbarkeit und Verankerung von MIASA auf dem Kontinent und darüber hinaus leisten. Der Frankfurter Ethnologe und Afrikaforscher Prof. Dr. Mamadou Diawara wird von 2024 an den Direktorenposten innehaben, Dr. Marko Scholze, wird die Koordination des Frankfurter Teilprojektes übernehmen.

ZIAF und das Point Sud Netzwerk bringen jedoch nicht nur ihre Kompetenz bei der Organisation von hochklassigen akademischen Veranstaltungen, sondern auch ihre wissenschaftliche Expertise in die Arbeit von MIASA mit ein. So sind zahlreiche Persönlichkeiten des ZIAF und des Netzwerks an der inhaltlichen Konzeption des Konferenzprogramms direkt beteiligt. Damit leistet das Projekt einen wichtigen Beitrag für die Internationalisierungs-Strategie der Goethe-Universität.

Ein Bild zum Download finden Sie unter: http://www.uni-frankfurt.de/91771072 

Bildunterschrift: Gruppenbild in Accra nach der Evaluierung des Projektes im Dezember. (Foto: Mohammed Amidu/University of Ghana) 

Information: Dr. Marko Scholze, Koordinator Programm Point Sud und Frankfurter Teilprojekt für das Merian Institute for Advanced Studies (MIASA) in Ghana, Institut für Ethnologie, 60323 Frankfurt am Main, Tel.: +49(0)69 79833230, E-Mail: scholze@em.uni-frankfurt.de

 

Sep 3 2020
13:54

​Unternehmerische Vorbilder in Zeiten der Pandemie: IWAK an der Goethe-Universität startet das Format „Betrieb des Monats“

Wie man in Corona-Zeiten Beschäftigte an sich bindet

FRANKFURT. Was können mittelständische Arbeitgeber während der Corona-Krise tun, um Beschäftigte an sich zu binden? Um Best Practice-Beispiele bekannt zu machen, startet das Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK) der Goethe-Universität in der Stabstelle Fachkräftesicherung in Hessen das Format „Betrieb des Monats“.

Der Mittelstand ist das Rückgrat der hessischen Wirtschaft. Damit mittelständische Betriebe möglichst gut durch die Pandemie kommen, werden derzeit einige Anstrengungen unternommen. Ein auch während der Pandemie wichtiges Thema ist die Fachkräftesicherung. Zahlreiche Betriebe stehen vor der Frage: Wie können sie ihre Fachkräfte unter den Bedingungen von Homeoffice und Kurzarbeit an sich binden? Welche Maßnahmen haben sich schon in der Praxis bewährt? Um gute Ideen schnell zu verbreiten, hat das IWAK ein neues Format konzipiert: In der Reihe „Betrieb des Monats“ berichtet ab sofort monatlich ein mittelständischer Arbeitgeber aus Hessen.

Für den August wurde die Firma Lässig GmbH in Babenhausen als „Betrieb des Monats“ ausgewählt. Das Unternehmen bietet Produkte rund um das Kind und die Familie an, während der Pandemie ist die Nachfrage jedoch zurückgegangen. Das wirkt sich auch auf die Beschäftigten aus. „Wir haben über alle Kanäle mit unseren Beschäftigten kommuniziert und versucht, Kontakt miteinander zu halten“, berichtet Claudia Lässig, die Chefin des Betriebs. In einem Video erklärt Lässig, mit welchen Ideen und Formaten Sie die Fachkräftebindung unter den Vorzeichen der Pandemie angeht und warum dies gut funktioniert.

Von Beispielen guter Praxis lernen – diese Strategie setzt das IWAK bereits seit vier Jahren im Auftrag der Stabstelle Fachkräftesicherung in Hessen im Hessischen Ministerium für Soziales und Integration im Rahmen des sogenannten „Hessischen Zukunftsdialogs“ um. Pro Jahr treffen sich dafür rund 1000 Interessierte aus Betrieben und Verwaltung bei dezentralen Veranstaltungen in Nord-, Mittel- und Südhessen, um darüber zu sprechen, wie das Finden und Binden von Fachkräften möglichst gut funktionieren kann. Viele Personaler haben diese Gelegenheit bereits zur Vernetzung genutzt. Da wegen der Pandemie derzeit keine größeren Veranstaltungen möglich sind, die Betriebe aber gerade besonders auf Beispiele guter Praxis angewiesen sind, wurde das virtuelle Format „Betrieb des Monats“ entwickelt.

In den nächsten Monaten werden Arbeitergeber aus unterschiedlichen Branchen als „Betrieb des Monats“ vorgestellt – unter anderem aus dem Bereich Gebäude- und Sicherheitstechnik, Metallverarbeitung, IT und Produkte für die Pharmaindustrie. Nord-, Mittel-, Süd- und Osthessen sind als Standorte vertreten, in der Auswahl spiegelt sich die ganze Vielfalt hessischer Betriebe – wobei die Herausforderungen je nach Branche und Region unterschiedlich aussehen können. Aber auch Betriebe in einer guten Lage, die kaum Auswirkungen der Pandemie spüren, müssen mit besonderen Hygienevorschriften, Homeoffice-Lösungen und Einschränkungen im persönlichen Kontakt umgehen. Die Videoreihe „Betrieb des Monats“ vermittelt, was in der aktuellen Situation wichtig für den Umgang mit eigenen Fachkräften ist, welche besonderen Aktivitäten und Maßnahmen in diesen Zeiten umgesetzt werden können. Sowohl Betriebe als auch unterstützende Organisationen wie Weiterbildner können sich hierdurch inspirieren lassen.

Zusätzlich wird es am 7. Dezember 2020 eine zentrale Veranstaltung zum Hessischen Zukunftsdialog 2020 geben.  Weitere Informationen dazu sind auf der Webseite des Instituts für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK) der Goethe-Universität zu einem späteren Zeitpunkt zu finden.


Informationen: Dr. Christa Larsen, Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK) der Goethe-Universität, Campus Bockenheim, Telefon 069 798- 22152, E-Mail: c.larsen@em.uni-frankfurt.de, http://www.iwak-frankfurt.de/projekt/hessischer-zukunftsdialog-fur-eine-nachhaltige-fachkraftesicherung-in-den-regionen/

Der „Betrieb des Monats“ ist unter dem folgenden Link zu finden: https://soziales.hessen.de/arbeit/fachkraeftesicherung/betrieb-des-monats

 

Sep 3 2020
11:32

​ Archäologen aus Frankfurt und München belegen Ursprung im ersten Jahrtausend v. Chr.

Himmelsscheibe von Nebra wird neu datiert

FRANKFURT. Bisher galt die Himmelsscheibe von Nebra als frühbronzezeitlich und damit als älteste Himmelsdarstellung der Welt. Archäologen der Goethe-Universität Frankfurt und der Ludwig-Maximilians-Universität München analysierten nun erneut verschiedenste Daten zur Rekonstruktion von Fundort und Begleitumständen der Funde. Im Ergebnis muss die Scheibe in die Eisenzeit datiert werden und ist damit rund 1000 Jahre jünger ist als bisher angenommen. Damit sind alle bisherigen astronomischen Interpretationen hinfällig.

Die Himmelsscheibe von Nebra ist einer der bedeutendsten archäologischen Funde Deutschlands und zählt seit 2013 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Sie wurde 1999 bei Raubgrabungen gefunden, nach Angaben der Raubgräber zusammen mit bronzezeitlichen Schwertern, Beilen und Armschmuck. Dieser Fundzusammenhang war für die wissenschaftliche Datierung wichtig, denn die Scheibe selber konnte weder naturwissenschaftlich noch archäologisch durch Vergleiche mit anderen Objekten datiert werden. In langjährigen Untersuchungen versuchten daher mehrere Forschergruppen, sowohl die Zuweisung des angeblichen Fundortes als auch die Zusammengehörigkeit der Objekte unabhängig von den vagen Angaben der Raubgräber zu verifizieren.

Rupert Gebhard, Direktor der Archäologischen Staatssammlung München und Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, und Rüdiger Krause, Professor für Vor- und Frühgeschichte Europas an der Goethe-Universität Frankfurt, haben jetzt Fundumstände und Forschungsergebnisse zur Himmelsscheibe von Nebra umfassend analysiert. Ihre Ergebnisse: Bei der Stelle, die bisher als Fundort galt und die in einer Nachgrabung untersucht wurde, handele es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht um die Fundstelle der Raubgräber. Es gebe zudem keine überzeugenden Hinweise darauf, dass die bronzezeitlichen Schwerter und Beile sowie der Armschmuck ein zusammengehöriges Ensemble bilden. Deshalb müsse man davon ausgehen, dass sich nicht um eine der typischen Deponierungen der Bronzezeit handelt und die Scheibe sich nicht zusammen mit den anderen Objekten in originaler Lage im Grabungsloch befunden habe.

Damit, so die Archäologen, müsse die Scheibe als Einzelfund untersucht und bewertet werden. Stilistisch und kulturell lässt sich die Himmelsscheibe nicht in die frühbronzezeitliche Motivwelt des beginnenden zweiten Jahrtausends vor Christus einfügen. Deutlichere Bezüge lassen sich hingegen zur Motivwelt der Eisenzeit des ersten Jahrtausends vor Christus herstellen. Auf einer divergierenden Datenlage und auf Grundlage dieser neuen Einschätzung, so Gebhard und Krause, müssen alle bisherigen, teilweise weitreichenden kulturgeschichtlichen Schlussfolgerungen neu und ergebnisoffen diskutiert werden und die Scheibe in anderen Zusammenhängen als bisher interpretiert und bewertet werden. Grundlage hierzu müsse die Vorlage aller bisher nicht veröffentlichten Daten und Fakten sein.

Ausführlichere Informationen auf der Seite der Deutsche Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte https://dguf.de/himmelsscheibe.html

Publikation: Rupert Gebhard & Rüdiger Krause, Kritische Anmerkungen zum Fundkomplex der sog. Himmelsscheibe von Nebra. In: Archäologische Informationen. Early View: Zitierfähige Online-Fassung mit vorläufiger Seitenzählung. Nach Erscheinen des gedruckten Bandes finden Sie den Beitrag mit den endgültigen Seitenzahlen im Open Access dort: http://journals.ub.uni-heidelberg.de/arch-inf. Den gedruckten Band erhalten Sie unter http://www.archaeologische-informationen.de

Bilder zum Download: http://www.uni-frankfurt.de/91701141

Bildtexte:
1. Die Himmelsscheibe von Nebra im Zustand vor der Übernahme des Landesmuseums Halle an der Saale. Foto: Hildegard Burri-Bayer
2. Bronzezeitliche Schwerter, Beile und Armschmuck, angeblich zusammen mit Himmelsscheibe von Nebra gefunden. Zustand vor der Übernahme des Landesmuseums Halle an der Saale. Foto Hildegard Burri-Bayer

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Rüdiger Krause
Prof. Dr. Rupert Gebhard
über
Pressestelle der Goethe-Universität Frankfurt
Dr. Markus Bernards
Tel. +49 (0)69 798 12498
bernards@em.uni-frankfurt.de

 

Sep 2 2020
13:49

​Neue Professur am LOEWE-Zentrum für Translationale Biodiversitätsgenomik

Genomiker Michael Hiller verstärkt Biodiversitäts-Forschung bei Senckenberg-Gesellschaft und Goethe-Universität

FRANKFURT. Das LOEWE-Zentrum für Translationale Biodiversitätsgenomik (TBG), das sich der Erforschung der genomischen Grundlagen von Biodiversität widmet, hat zum 01. September renommierte Unterstützung erhalten: Prof. Michael Hiller verstärkt den Forschungsbereich Vergleichende Genomik und übernimmt Aufgaben in der Zentrumsleitung. Die Berufung erfolgte in Kooperation der beiden TBG-Partnerinstitutionen Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und Goethe-Universität Frankfurt. Zuvor leitete der Genomiker Hiller eine Forschungsgruppe an den Max-Planck-Instituten für molekulare Zellbiologie und Genetik (MPI-CBG) sowie für Physik komplexer Systeme in Dresden.
 
Am LOEWE-Zentrum TBG wird sich Hiller mit seiner Arbeitsgruppe vor allem der vergleichenden Analyse des Erbguts verschiedener Lebewesen zuwenden. Im Fokus steht dabei für ihn die Frage, welche Änderungen in der DNA zu unterschiedlichen Eigenschaften von Organismen beitragen. Für diese Analysen entwickelt die Gruppe auch neue Computermethoden. „Bisher haben wir uns vor allem auf Vergleiche von Wirbeltier-Genomen konzentriert. Diese Untersuchungen wollen wir am LOEWE-Zentrum TBG künftig auf weitere Ordnungen von Lebewesen ausdehnen und die Methoden dafür anpassen und weiterentwickeln“, erläutert Hiller.
 
Ermöglicht wird diese Ausweitung des Forschungsspektrums unter anderem durch technische Fortschritte in der Sequenziertechnologie, die es praktikabel und finanzierbar machen, in kurzer Zeit viele Genomdaten zu erhalten. „Dadurch wird es denkbar, einen Genom-Atlas zu erstellen, der die Artenvielfalt auf genomischer Ebene erfasst. Das ist vielleicht vergleichbar mit den Zeiten der großen Entdeckungen und Kartierungen unseres Globus“, so Hiller. Am LOEWE-Zentrum TBG sieht der Genomiker sehr gute Voraussetzungen, um bei diesen Forschungsaktivitäten eine wichtige Rolle einzunehmen.
 
Doch nicht nur am Computer und im Labor wird Hiller tätig sein: Im Rahmen seiner Kooperationsprofessur von Senckenberg und der Goethe-Universität Frankfurt wird er in den Biowissenschaften Themen der vergleichenden und funktionellen Genomik an Studierende der Bioinformatik und anderer Master-Studiengänge vermitteln. Die Vorlesungen sollen durch praktische Übungen am Computer begleitet werden. Hiller freut sich auf die Kombination aus Forschung und Lehre: „So kann ich mich intensiv meinen Forschungsfragen widmen – und aktuelle Themen auch in der Lehre behandeln. Der Kontakt zu den Studierenden wird für mich sehr bereichernd sein, denn in meiner bisherigen Position als Gruppenleiter am Max-Planck-Institut in Dresden war dieser Austausch nicht sehr ausgeprägt.“
 
Wichtig ist ihm zudem die Frage nach dem Anwendungsaspekt der Genomforschung. Hiller hierzu: „Auch wenn wir primär Grundlagenforschung beitreiben, bei der es nicht immer offensichtlich ist, ob und wann neue Erkenntnisse nutzbar gemacht werden können, denke ich, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler immer auch mögliche Anwendungen im Blick haben sollten. Bezogen auf das LOEWE-Zentrum TBG und meine Forschungsinteressen können wir sicherlich viel von Tieren lernen, die im Laufe der Evolution Fähigkeiten entwickelt haben, die diejenigen des Menschen weit übersteigen. Zum Beispiel sind Fledermäuse in der Lage, mit gefährlichen Viren zu leben, ohne Krankheitssymptome zu zeigen. Diese und andere Tiere haben eine lange Lebensspanne und erkranken selten oder gar nicht an Krebs. Andere Lebewesen produzieren oft noch unbekannte Stoffe, die man vielleicht in der Biomedizin einsetzen kann. Da diese Merkmale und Fähigkeiten im Genom verschlüsselt sind, hoffe ich, dass die Genomforschung dazu beitragen kann, die molekularen Grundlagen besser zu verstehen. Um Max Planck zu zitieren – Dem Anwenden muss das Erkennen vorausgehen.“


Bild zum Download: http://www.uni-frankfurt.de/91639023
 
Bildtext: Der Genomwissenschaftler Michael Hiller trat zum 01. September 2020 eine Kooperationsprofessur der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und der Goethe-Universität Frankfurt an und wird eine Leitungsrolle am LOEWE-Zentrum TBG übernehmen. (Foto: Sven Tränkner, Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung)
 
Kontakt:
Prof. Dr. Michael Hiller
Vergleichende Genomik
LOEWE-Zentrum für Translationale Biodiversitätsgenomik (TBG)
michael.hiller@senckenberg.de
 
Stephanie Mayer-Bömoser
Öffentlichkeitsarbeit
LOEWE-Zentrum für Translationale Biodiversitätsgenomik (TBG)
Tel. +49 (0)69 7542-1840
Stephanie.mayer-boemoser@senckenberg.de

 

Sep 1 2020
11:47

Goethe-Universität und Hertie-Stiftung entwickeln „VirtualBrainLab“ für Unterricht und Homeschooling

Digitales Neurobiologie-Labor für die Schule

FRANKFURT. Erstmals können Schülerinnen und Schüler neurobiologische Experimente rein digital im „VirtualBrainLab“ durchführen. Das „VirtualBrainLab“ haben Fachdidaktiker im Fachbereich Biowissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt mit Unterstützung der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung entwickelt, die das Projekt mit 300.000 Euro förderte. (www.VirtualBrainLab.de).

In diesen Tagen steht „Neurobiologie“ auf dem Stundenplan der Schülerinnen und Schüler der Qualifikationsphase. Aufgrund fehlender Ressourcen und mangelnder Zeit fand dies bisher größtenteils nur theoretisch statt. Mit dem „VirtualBrainLab“ hat die Abteilung für Didaktik der Biowissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt mit Unterstützung der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung nun ein wichtiges Add-on für die Lehrpläne entwickelt, das den Schülerinnen und Schülern einen spannenden Einblick in die neurowissenschaftliche Forschung gibt. Gemeinsam oder im Homeschooling können so momentan vier verschiedene neurowissenschaftliche Experimente aus den Bereichen Elektrophysiologie und Mikroskopie durchgeführt werden, die auf echten Daten basieren und in einem authentischen Forschungs-Setting stattfinden: „Die Messoberflächen und Layouts der virtuellen Experimente sind echten Experimenten nachempfunden – alles, was vorher nur im Labor möglich war, haben wir versucht digital umzusetzen. Damit möchte die Hertie-Stiftung die Digitalisierung von Lehrinhalten in den Schulen maßgeblich vorantreiben und auch anderen Fachbereichen einen Weg aufzeigen, wie dies didaktisch funktionieren kann“, erläutert Dr. Astrid Proksch, Geschäftsführerin der Hertie-Stiftung für den Bereich „Gehirn erforschen“.

Neuste Didaktik: Auf innovative Art für das Gehirn begeistern
Neben dem Voranbringen der Digitalisierung im deutschen Bildungswesen soll das „VirtualBrainLab“ dazu beitragen, Talente für die Neurowissenschaften zu gewinnen. Denn durch den resultierenden Mangel an praktischen Laborversuchen haben in der Folge viele Lernende Schwierigkeiten, die neurophysiologischen Konzepte zu verstehen. Viele entwickeln sogar eine Abneigung gegen diese Fachrichtung. Daher stellen speziell für Schülerinnen und Schüler konzipierte Neurosimulationen eine einzigartige Zugangsmöglichkeit dar, die bisher nicht geboten werden konnte. Nachdenken, messen und analysieren – so schlüpfen die Schüler in die Rolle des Forschers, wenn sie beispielsweise eine elektrophysiologische Messung mit verschiedenen Rezeptoren an einer aktiven Zelle durchführen.

"Um hochqualifizierten Nachwuchs schon bei der Entscheidung für ein Studienfach zu gewinnen, muss dieses Wissen adäquat in den schulischen Kontext transferiert werden. Die Neurowissenschaften sind darauf angewiesen, die besten Köpfe für ihr Fach zu gewinnen. Die dafür notwendige praxisnahe Vermittlung der modernen Neurowissenschaften und seiner Methoden gelingt im Schülerlabor auf vorbildhafte Art und Weise“, betont Prof. Dr. Paul W. Dierkes, Professor für Didaktik der Biowissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt. Gemeinsam mit seinem Team hat er das „VirtualBrainLab“ in den vergangenen Monaten aus dem bereits bestehenden Projekt „Schülerlabor Neurowissenschaften“ entwickelt.

„VirtualBrainLab“
Das „VirtualBrainLab“ baut auf dem erfolgreichen Konzept des „Schülerlabors Neurowissenschaften“ auf. Die Inhalte und Experimente wurden weiterentwickelt und für die Digitalisierung angepasst. Damit werden innovative Anwendungen wie die Neurosimulation oder das virtuelle Mikroskop nachhaltiger einer großen Zielgruppe zugänglich gemacht. Den Lehrkräften werden didaktische Arbeitsmaterialien an die Hand gegeben, so dass diese das „VirtualBrainLab“ direkt im Unterricht einsetzen können. Auch eine schlechte Internetverbindung stellt kein Hindernis dar, denn das Entwickler-Team hat darauf geachtet, dass die Experimente auch mit kleinem Datenvolumen gut funktionieren.

Hintergrund: Schülerlabor für Neurowissenschaften
Im Jahr 2014 wurde das „Schülerlabor Neurowissenschaften“ als Kooperationsprojekt zwischen der Goethe-Universität Frankfurt und der Hertie-Stiftung ins Leben gerufen und in das bestehende Konzept der Schülerlabors Goethe-BioLab im Fachbereich Biowissenschaften integriert. Insgesamt wurde das „Schülerlabor Neurowissenschaften“ von 2015 bis 2018 von 2.262 Schülern an 157 Terminen besucht, wobei die Angebote für die Sekundarstufe II mit 124 Terminen am höchsten frequentiert waren. „Naturgemäß haben Schülerlabore einen begrenzten Wirkungsradius. Ein im Internet verfügbares Labor mit Anwendungen zum virtuellen Experimentieren kann dieses Problem lösen und den Wirkungsradius erweitern. Die Voraussetzungen zur Entwicklung solcher virtuellen Experimente sind im Schülerlabor Neurowissenschaften in Frankfurt durch die bereits entwickelten virtuellen Angebote und der vorhandenen Expertise auf ideale Art und Weise gegeben“, so Professor Dierkes.

Bild zum Download: http://www.uni-frankfurt.de/91557326

Bildtext: Schülerinnen im digitalen Schülerlabor Neurowissenschaften (Goethe-Universität Frankfurt/Didaktik der Biowissenschaften)

Weitere Informationen:
Goethe-Universität Frankfurt
Dr. Sandra Formella-Zimmermann
Didaktik der Biowissenschaften
Tel.: +49 69 798 422 76
s.zimmermann@em.uni-frankfurt.de

Gemeinnützige Hertie-Stiftung
Dr. Claudia Becker
Kommunikation
Tel. +49 69 660 756 – 157
BeckerC@ghst.de

Goethe-Universität Frankfurt
Dr. Markus Bernards
Abteilung Presse und Kommunikation
Tel. +49 69 798 12498
bernards@em.uni-frankfurt.de