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Sep 3 2019
16:01

Erinnerung an die Sternstunden der 1920er Jahre

„Historic-Site“-Plakette für die Frankfurter Physik

FRANKFURT. Die 1920er Jahre waren die goldene Zeit der Quantenmechanik. Brillante Theoretiker und junge Querdenker gossen die Theorie in ihre moderne mathematische Form. Ihre Vorhersagen spornten zu neuen Experimenten an. Auch am Physikalischen Institut der Universität Frankfurt unter der Leitung Max Borns leisteten die Physiker Otto Stern und Walter Gerlach mit einer neuen experimentellen Methode wichtige Beiträge. Daran erinnert künftig eine „Historic Site“-Plakette, die heute im Rahmen einer Feierstunde enthüllt wird.

Die Enthüllung findet im Rahmen einer Feierstunde in der historischen Aula des Jügel-Hauses, dem früheren Hauptgebäude der Goethe-Universität auf dem Campus Bockenheim, statt. Sobald die Genehmigung des Denkmalamts erteilt ist, wird die Plakette am Gebäude der ehemaligen Physik in der Robert-Mayer-Straße 2 angebracht.

„Jeder kennt Goethe, aber der Nobelpreisträger Otto Stern ist noch weitgehend unbekannt“, so Universitätspräsidentin Prof. Birgitta Wolff. „Die Universität hat vor einigen Jahren ihr neues Hörsaalzentrum auf dem Campus Riedberg nach Otto Stern benannt. Es freut mich, dass nun auch eine Historic Site Plakette den Ort kennzeichnet, an dem Otto Stern seine bahnbrechenden Experimente glückten.“

Verliehen werden die Historic Site-Plaketten von der Europäischen Physikalischen Gesellschaft, um an wichtige physikalische Entdeckungen in Laboratorien, Institutionen oder Städten in ganz Europa zu erinnern. In Deutschland ist die Frankfurter Physik der vierte Ort, der mit einer solchen Plakette ausgezeichnet wird.

„Das Jahr 2019 bietet gleich zwei Anlässe, an den Pionier der Quantenphysik und Nobelpreisträger Otto Stern zu erinnern“, erklärt Physikprofessor Horst Schmidt-Böcking, der mit der Historikerin Karin Reich eine Biographie Otto Sterns verfasst hat. 1919 entwickelte Otto Stern die Molekularstrahlmethode, für die er den Physik-Nobelpreis des Jahres 1943 erhielt. 1922 erbrachte er mit Walther Gerlach den experimentellen Nachweis für die Richtungsquantelung atomarer magnetischer Momente, und wies damit auch erstmals die Drehimpulsquantelung in Atomen nach. „Gleichzeitig gedenken wir des 50. Todestages von Otto Stern, der 1933 wegen seiner jüdischen Herkunft in die Emigration gezwungen wurde“, so Schmidt-Böcking.

Otto Stern ließ sich zuerst in Pittsburgh und dann ab 1945 in Berkeley nieder. Anders als viele Emigranten nutzte er nach dem Zweiten Weltkrieg jede Gelegenheit, um in Europa zu sein und seine Freunde und Kollegen bei Konferenzen zu treffen. Horst Schmidt-Böcking hat in den vergangenen Jahren den Kontakt zu den Nachfahren Otto Sterns in den Vereinigten Staaten hergestellt und sie an die alte Wirkungsstätte ihres Onkels eingeladen. Stern hatte selbst keine Kinder.

„Die Historic Site-Plakette erinnert aber auch an andere wichtige Entdeckungen am Physik-Institut“, erklärt Petra Rudolf, Präsidentin der European Physical Society: „1920 maßen Max Born und Elisabeth Bormann erstmals die freie Weglänge von Atomen in Gasen und die Größe von Molekülen. Der Theoretiker Alfred Landé postulierte 1921 erstmals die Drehimpulskopplung als die Grundlage der inneratomaren Elektronendynamik.“

Zum Gedenken an Otto Stern findet in dieser Woche eine internationale Tagung statt, das Wilhelm und Else Heraeus-Seminar zum Thema „Otto Stern's Molecular Beam Research and its Impact on Science". Sprecher sind Zeitzeugen wie Sterns Neffe Allen Templeton, Wissenschaftshistoriker und Wissenschaftler, deren experimentelle Verfahren auf der von Otto Stern entwickelten Molekularstrahlmethode basieren, u.a. die Kernspintomografie, der Laser und Maser. Die Tagung dauert noch bis zum 5. September.

Heute befindet sich in dem geschichtsträchtigen Gebäude der Sitz des Physikalischen Vereins Frankfurt. Gegründet 1824 ist dieser der älteste Verein dieser Art Deutschlands und bestand bereits, als 1914 die Universität eröffnet wurde.

Informationen: Prof. em. Dr. Horst Schmidt-Böcking, Institut für Kernphysik, Fachbereich Physik, Campus Riedberg, Tel.: (069) 798 47002, hsb@atom.uni-frankfurt.de