Politik des Bewusstseins

LSD und andere Drogen bei den „68ern“

Veröffentlicht am: Donnerstag, 07. Juni 2018, 15:13 Uhr (143)

FRANKFURT. LSD war bei den „68ern“ eine „angesagte“ Droge. Doch bei weitem nicht alle machten damit gute Erfahrungen. Zudem war vielen die aus der US-Hippie-Szene stammende „LSD-Ideologie“ suspekt. Damals avancierte Cannabis zur massenhaft konsumierten Droge der jungen Rebellen, erklärt Drogentrendforscher Dr. Bernd Werse in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Forschung Frankfurt“.

„Die ‚68er‘ werden hierzulande häufig auch als Startpunkt für eine massenhafte Ausbreitung illegaler Drogen betrachtet. Tatsächlich hatten bis Ende der 1960er Jahre nur sehr wenige Jugendliche Erfahrungen mit Cannabis oder anderen illegalen Substanzen“, so Werse vom Center for Drug Research der Goethe-Universität. Er hat im Rahmen des DFG-Projekts „Umgang mit illegalen Drogen im bürgerlichen Milieu“ (1998 bis 2001) Zeitzeugen befragt.

Die meisten gebräuchlichen psychoaktiven Substanzen waren erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts global verboten worden und zuvor als Arznei- und Stärkungsmittel weit verbreitet gewesen, etwa die Opiumtinktur „Laudanum“. Zudem war der Gebrauch von Drogen wie Cannabis, Opium oder Koka in vielen Ländern Teil der Kultur. LSD war dagegen relativ neu. Das stärkste bekannte Halluzinogen war rund 20 Jahre zuvor von dem Schweizer Chemiker Albert Hofmann beim Pharmakonzern Sandoz synthetisiert worden.

Ab Mitte der 1960er Jahre wurde der Konsum von LSD in den USA u.a. durch den Erfolgsautor Ken Kesey („Einer flog über das Kuckucksnest“) propagiert. Er veranstaltete mit seiner bunten Truppe „Merry Pranksters“ sogenannte „Acid Tests“ – große Partys, auf denen LSD verteilt wurde. Ein weiterer Propagandist war der Psychologe Timothy Leary, der bereits zuvor in Harvard LSD-Experimente durchgeführt hatte. Beide teilten einen „bewusstseinspolitischen“ Ansatz: Die Vorstellung, dass die Droge durch tiefe Erkenntnisse beim Einzelnen positive Veränderungen in der Gesellschaft bewirken könne. Diese Vorstellung war ein zentrales Moment der zu diesem Zeitpunkt aufkeimenden Hippie-Bewegung.

Unter den deutschen 68ern dominierte dagegen zunächst der explizit politische Ansatz. Die von Bernd Werse befragten Zeitzeugen bestätigen zwar, dass LSD seinerzeit „angesagt“ war und sein „bewusstseinserweiternder“ Ruf zu einer hohen Probierbereitschaft führte, aber viele machten damit keine positive Erfahrung. Werse vermutet, dass die Häufigkeit der „Horrortrips“ mit dem Fehlen von Konsumregeln zusammenhängt: die Wirkung von LSD ist stark vom aktuellen Gemütszustand und dem Umfeld abhängig. „Andererseits stieß gerade das propagierte Moment der Selbsterkenntnis durch LSD selbst bei drogenaffinen Anhängern der Bewegung mitunter auf Widerspruch“, fügt er hinzu.

Weitaus „erfolgreicher“ zu dieser Zeit war der Konsum von Cannabis – ebenfalls ein kultureller Import aus den USA. „Die Protestbewegungen der 1960er Jahre haben in Deutschland vor allem Cannabis als Jugenddroge etabliert. Man konnte sich subversiv fühlen, wenn man Haschisch konsumierte“, so Werse über den Cannabis-Konsum als politisches Symbol. Im Hinblick auf die Breitenwirkung sei Cannabis die wichtigere „68er-Droge“ gewesen.

Seit einigen Jahren beobachten Drogentrendforscher jedoch, dass das Interesse an LSD sowie anderen Psychedelika wieder steigt. Das betrifft unter anderem die Idee des „Microdosing“ – den Einsatz von geringen Mengen LSD zur mentalen Leistungssteigerung. Womöglich nicht zufällig entstand dieser Gedanke – unweit der „Brutstätte“ der Hippie-Szene – in der digitalen Elite des Silicon Valley, deren Gründerväter nicht selten aus der damaligen Protestbewegung kamen.

Journalisten können die aktuelle Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ kostenlos bestellen bei Helga Ott, Vertrieb, ott@pvw.uni-frankfurt.de.

Im Internet: http://tinygu.de/ForschungFrankfurt-1-2018.

Forschung Frankfurt abonnieren: http://tinygu.de/ff-abonnieren

Informationen: Dr. Bernd Werse, Center for Drug Research, Fachbereich Erziehungswissenschaften, Campus Westend, Tel.: (069) 798- 36386, werse@em.uni-frankfurt.de.