Fake News – eine Gefahr für die Demokratie?

Der Politikwissenschaftler Thorsten Thiel spricht im neuen UniReport über erfundene Nachrichten und die Folgen für die politische Kultur.

Veröffentlicht am: Donnerstag, 01. Juni 2017, 13:08 Uhr (118)

FRANKFURT. Sie bestimmen mittlerweile die Diskussionen in den Zeitungen und im Fernsehen: Fake News wurde kürzlich sogar zum „Anglizismus des Jahres“ gekürt. Doch was verbirgt sich dahinter, wie groß sind die Gefahren erfundener Nachrichten für die Gesellschaft? Dr. Thorsten Thiel, Politikwissenschaftler am Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung und assoziiertes Mitglied am Exzellenzcluster ‚Normative Ordnungen‘ an der Goethe-Uni, betont in der neuen Ausgabe des UniReports, dass erfundene Nachrichten nach wie vor eher Nischenphänomene darstellten. Die Debatte um Fake News lenke von den wirklichen Neuerungen des digitalen Strukturwandels wie Filterblasen oder Hate Speech eher ab.

Auch wenn automatisierte Verfahren der Sprach- oder Bilderkennung immer besser würden, könnten Computer nicht den Wahrheitsgehalt einer Geschichte überprüfen. Thiel, der auch den Leibniz-Forschungsverbund ‚Krisen einer globalisierten Welt‘ koordiniert, warnt davor, Akteuren wie Facebook oder Google die Kontrolle bei der Wahrheitsbewertung im Netz zu überlassen: Der Staat gebe damit hoheitliche Zuständigkeiten ab und mache sich tendenziell abhängig von der Expertise und den Prozessen kommerzieller Akteure. Zudem sieht er eine weitere Gefahr: „Was in Deutschland zur Filterung von Falschmeldungen eingesetzt wird, kann im Kontext von autoritären Regimen der Zensur abweichender Meinungen dienen.“

Thiel kritisiert angstbesetzte Metaphern des Digitalen und warnt vor einer zu starken Kontrolle der Dezentralität des Netzes: „Auf lange Sicht birgt dies Gefahren

für die Computersicherheit, aber wohl auch für die Demokratie.“ Er plädiert stattdessen dafür, die emanzipatorischen Vorstellungen vom Digitalen wieder zu erneuern.

Die weiteren Themen im aktuellen UniReport:

  • „Die selbstkritische Auseinandersetzung mit der NS-Zeit ist ein Fundament der politischen Kultur in Deutschland.“ Prof. Sybille Steinbacher, Inhaberin des Lehrstuhls für Holocaust-Forschung, über ihre künftigen Forschungsaktivitäten.
  • Mensch-Umwelt-Beziehung aus zwei Blickwinkeln: Der Bachelorstudiengang Geographie bietet mit Humangeographie und Physischer Geographie verschiedene Abschlüsse.
  • Third Mission oder wenn Entscheider auf Forscher treffen: Eveline Lemke, Fellow des Mercator Science-Policy Fellow-Programms, im Gespräch mit der Geschichts- und Politikwissenschaft an der Goethe-Uni.
  • „Kein gewöhnliches Krankenhaus“: Prof. Jürgen Graf, Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Frankfurt, im Interview.
  • „Ein leidenschaftlicher Denker“: Rainer Forst über den kürzlich verstorbenen Philosophen Karl Otto Apel.
  • Neue Hoffnung bei schlecht heilenden Wunden: Lichtaktivierbare Inhibitoren von mikroRNA erstmals lokal begrenzt als Therapeutikum eingesetzt.

Der UniReport 3/2017 steht zum kostenlosen Download bereit unter www.uni-frankfurt.de/66778187.