Der regionale Blick: Lebensqualität im Vergleich

Ergebnisse ihrer Well-being-Studie zu den Großräumen Frankfurt und Stuttgart wollen IWAK-Wissenschaftler auf kommunaler Ebene diskutieren

Veröffentlicht am: Dienstag, 07. Februar 2017, 11:01 Uhr (034)

FRANKFURT. Inzwischen gibt es viele internationale Studien, die die Lebensqualität in einzelnen Staaten vergleichen. Doch Wohlstandsmessungen, die Unterschiede im regionalen Bereich unter die Lupe nehmen, sind eher selten. Jetzt hat das Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK) an der Goethe-Universität in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (GEWAK) eine Studie vorgelegt, die untersucht, wie sich das Well-being in den beiden Metropolregionen FrankfurtRheinMain und Stuttgart zwischen 2000 und 2011 verändert hat.

Ein wichtiges Ergebnis: Im Rhein-Main-Gebiet sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Städten und Kreisen wesentlich größer als rund um Stuttgart – und das hat sich auch in fast zehn Jahren nicht deutlich verändert. „Das lässt darauf schließen, dass die Lebensqualität innerhalbder Region Stuttgart erheblich geringeren Unterschieden unterliegt als in Rhein-Main“, so Prof. Alfons Schmid, der sowohl im Leitungsgremium des IWAK als der GEWAK ist (www.iwak-frankfurt.de/wp-content/uploads/2016/06/RegionalesWell-being.pdf). Und eine weitere Erkenntnis, die nicht so verblüffend erscheint:Das Einkommen hat die relativ größte Bedeutung, auch wenn weitere Well-being-Indikatoren einbezogen werden.

Für die Akteure in den beiden Regionen, ob in den Verwaltungen oder der Politik, birgt die Detailanalyse des umfangreichen Zahlenwerks eine Menge bisher noch unbekannter Indizien, wie die Lebensqualität in ihrem Umkreis einzuschätzen ist und wo es Handlungsbedarf gibt. In den kommenden Wochen und Monaten will Schmid auf der Grundlage der Einzeldaten mit Verantwortlichen in Städten und Kreise der Rhein-Main-Region Gespräche führen und mit ihnen darüber diskutieren, wo Defizite erkennbar sind und wie diese gemildert werden können. Im Gepäck wird er die „Indikatorenauswahl zur Messung von regionalem Well-being“ und die konkreten Zahlen für die jeweilige Kommune haben. „Die konkrete Umsetzung unserer Studie in kommunalpolitische Handlungsoptionen liegt mir besonders am Herzen, die möchte ich anstoßen. Daraus kann sich durchaus ein langwieriger diskursiver Prozess entwickeln, der in den einzelnen Kreisen und Städten auf verschiedenen Ebenen geführt werden sollte“, so der Wirtschaftswissenschaftler Schmid, Mitbegründer des IWAK, das sich seit Jahrzehnten an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politikberatung etabliert hat.

Es gibt eine Reihe von Begriffen, die als Maß für gesellschaftlichen Wohlstand, verwandt werden: Well-being oder Lebensqualität, Wohlfahrt oder Wohlbefinden. Gemeinsam ist all den wissenschaftlichen Ansätzen, die einen dieser Begriffe wählen, der Versuch, von einer rein ökonomischen Messung orientiert am Bruttoinlandsprodukt wegzukommen und Wohlstand ganzheitlich nach objektiven Lebensbedingungen zu betrachten. Genutzt werden ausschließlich offiziell zur Verfügung stehende Daten, die beispielsweise von den Statistischen Ämtern oder der Bundesanstalt für Arbeit kommen. Befragungen von Einzelpersonen gehören nicht zum Untersuchungsdesign dieser Studie.

Das Team um Schmid hat – vergleichbar mit nationalen Untersuchungen – drei Oberkategorien gewählt, um Well-being zu messen: materieller Wohlstand, Soziales/Teilhabe und Ökologie. „Nun haben wir die zehn Unterkategorien nicht gleich gewichtet“, sagt Schmid. Vielmehr nutzten die Wissenschaftler des IWAK in enger Kooperation mit Prof. Horst Entorf vom Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Goethe-Universität ein statistisch-ökometrisches Verfahren (Structural Equation Modelling), das die unterschiedliche Bedeutung der Kategorien berücksichtigt und in dieser Studie erstmalig auf kleinräumiger Ebene angewandt wurde. So hat u.a. das Einkommen einen Gewichtungsfaktor von 1, die Lebenserwartung von 0,9, der Anteil Harz-IV-Bezieher von minus 0,6, die Feinstaubbelastung von minus 0,3.

Innerhalb der Region Frankfurt sind die Unterschiede beim Well-being zwischen den einzelnen Städten und Kreisen wesentlich größer als im Stuttgarter Raum – und das hat sich auch in fast zehn Jahren nicht deutlich verändert. So betrug der Unterschied zwischen dem Kreis mit dem höchsten Gesamtindex und dem Kreis mit dem niedrigsten Index 2011 64 Punkte, in der Region Stuttgart lag er dagegen bei 24 Punkten. „Das lässt den Schluss zu, dass die Lebensverhältnisse in der Region Stuttgart deutlich ausgeglichener sind“, erklärt Schmid.

Beim Vergleich zwischen den beiden ausgewählten Regionen lag das objektive Well-being in Stuttgart durchgehend über dem in Frankfurt, wenn auch der Unterschied nicht sehr gravierend war. Die Entwicklungstrends in den zwei Regionen sind relativ ähnlich: Der Well-being-Index stieg in Frankfurt zwischen 2000 und 2011 von 31 auf 61, in Stuttgart von 39 auf 69. Bei den Einzelindikatoren bestehen teilweise geringe, teilweise größere Differenzen: So betrug das verfügbare Einkommen 2011 in der Region Frankfurt 21.099 Euro, in der Region Stuttgart 22.666 Euro, die Verschuldung pro Kopf betrug 2009 in Frankfurt 1.750 Euro, in Stuttgart 415 Euro, die Sekundarabschluss-II-Quote 2011 in der Region Frankfurt 35%, in Stuttgart 29%, der Anteil der Erholungsflächen 2011 in Frankfurt 41,5%, in Stuttgart 37,5%.

Informationen: Prof. Dr. Alfons Schmid, Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK), Tel. (069) 798-28229, E-Mail: alfons.schmid@em.uni-frankfurt.de

Die Studie zum Herunterladen:
www.iwak-frankfurt.de/wp-content/uploads/2016/06/RegionalesWell-being.pdf