Guido von Kaschnitz-Weinberg: Europäer mit großer Leidenschaft für die Antike

15. Band in der Biographienreihe „Gründer, Gönner und Gelehrte“ der Goethe-Universität erschienen

Veröffentlicht am: Freitag, 09. Dezember 2016, 12:55 Uhr (323)

FRANKFURT. In der Biographienreihe der Goethe-Universität „Gründer, Gönner und Gelehrte“ ist jetzt der 15. Band erschienen: „Guido von Kaschnitz-Weinberg – Gelehrter zwischen Archäologie und Politik“. Der Archäologe Prof. Dr. Wulf Raeck und die Historikerin Dr. Claudia Becker porträtieren in diesem Band Guido von Kaschnitz-Weinberg (1890-1958) als Europäer mit großer Leidenschaft für die Antike. Zum ersten Mal wird das Leben dieses international anerkannten Wissenschaftlers, der mit der Schriftstellerin Marie-Luise Kaschnitz (1901-1974) verheiratet war, in einer Monographie nachgezeichnet. Dabei nimmt die gemeinsame Zeit in Frankfurt breiten Raum ein.

Als Heranwachsender und Student erlebte der gebürtige Wiener die entfesselnde Kraft der Moderne in Kunst, Musik und Theater, aber auch die gesellschaftlichen Veränderungen im Wien der Kaiserzeit unmittelbar. Das prägte seine archäologischen und kunsthistorischen Interessen ebenso wie sein politisches Bewusstsein. Er engagierte sich in einer sozialistischen Studentenvereinigung. Seine Kriegsbegeisterung war nur von kurzer Dauer, bei der „Kunstschutzgruppe“ entging er dem Dienst an der Waffe und fand Kontakt zu Literaten und Künstlern. Kaschnitz, der nach dem Ersten Weltkrieg bei einem Kunstverlag in München arbeitete, empfand als Zeuge des ersten Auftritts Hitlers 1921 in München „eine instinktive und überaus heftige Abneigung gegen den aufkommenden NS“. Das sollte sich nicht ändern, als er 1932 zunächst als Professor für Archäologie nach Königsberg, dann nach Marburg und ab 1941 nach Frankfurt kam.

Er blieb in kritischer Distanz, was ihm auch bei dem Entnazifizierungsprozess bescheinigt wurde. Nischen der Normalität wurden allerdings ab 1939 immer kleiner. Besonders schwierig wurde es für Kaschnitz-Weinberg, zu Forschungszwecken nach Rom zu reisen, wo er schon vor dem Zweiten Weltkrieg ein stabiles Netz aus vielfältigen wissenschaftlichen und persönlichen Kontakten geknüpft hatte. Seine Frau, Marie Luise Kaschnitz, lernte er in den 1920er Jahren in München kennen, sie teilte mit ihm seine Leidenschaft für die Antike. Der Archäologe arbeitete über Jahrzehnte an seinem nie vollendeten Lebenswerk, der Strukturgeschichte der antiken Mittelmeerkultur. Dabei ging er zunächst von der italisch-römischen Kunst aus, deren Eigenart er im Vergleich zur griechischen Formensprache analysierte. Dieses Thema war in der damaligen Zeit für viele Archäologen aktuell und wurde gewöhnlich als Antagonismus zwischen einer indigenen, d. h. italisch-römischen, und einer importierten „graezisierenden“ oder „hellenisierenden“ Kunstströmung im Rahmen eines komplexen historischen Prozesses behandelt.

Trotz seiner kritischen Einstellung zum Nationalsozialismus erhielt Kaschnitz-Weinberg während des Zweiten Weltkriegs einen Ruf an die Goethe-Universität. 1941 begann er seine Lehrtätigkeit in Frankfurt unter schwierigsten Bedingungen. Bombenangriffe zerstörten die Innenstadt und zahlreiche Gebäude der Uni, zeitweise konnte Kaschnitz-Weinberg seine Lehrveranstaltungen nur in privaten Räumen abhalten. Zum Militärdienst wurde er nicht einberufen, der Rektor argumentierte, dass Kaschnitz-Weinberg noch der einzige Vertreter seines Fachs an der Universität war. Zum Ende des Kriegs erkrankte Kaschnitz-Weinberg an einer Neuritis, verbrachte mehrere Monate in einem Sanatorium und konnte sich anfangs nur zeitweise am Weiteraufbau der Universität beteiligen. Noch zu Beginn der 1950er Jahre normalisiert sich das Leben des Ehepaars Kaschnitz-Weinberg langsam. Marie-Luise Kaschnitz berichtet von „geistig anregender Gesellschaft“, knüpft ein intellektuelles Netz, zu dem neben Dolf Sternberger auch Theodor W. Adorno gehört.

Für den Archäologen begann ein Leben zwischen Frankfurt und Rom, ihm wurde die politisch heikle Mission übertragen, die Wiedereröffnung des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Rom vorzubereiten und dieses dann ab 1953 zu leiten. Kaschnitz-Weinberg erlag 1958 einem Hirn-Tumor, seine Frau, die 1955 mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet wurde, kehrte ganz nach Frankfurt zurück und übernahm 1960 die Poetik-Dozentur an der Goethe-Universität.

In diesem Band der Reihe „Gründer, Gönner und Gelehrte“ zeichnen die beiden Frankfurter Autoren ein lebhaftes Bild des Intellektuellen-Paars von den 1920er bis zu den 1960er Jahren. So erfahren die Leser im Detail, wie Guido und Marie Luise Kaschnitz-Weinberg die gesellschaftlichen und politischen Umbrüche erlebt haben und wie die tiefgreifenden historischen Zäsuren ihr Leben geprägt haben. Der Autor Wulf Raeck nutzte für diese Biographie bisher unveröffentlichte Dokumente aus Archiven, insbesondere vom Deutschen Archäologischen Institut. Sie belegen, wie eng Politiker und Wissenschaftler in der Gründungsphase der Bundesrepublik zusammen gearbeitet haben, um international wieder Fuß zu fassen. Dies wird besonders deutlich bei der Wiederöffnung des DIA in Rom, wo neben den Italienern auch die Alliierten maßgebliches Mitspracherecht hatten.

In der im Frankfurter SocietätsVerlag publizierten Biographienreihe werden Persönlichkeiten der Gründerjahre der Universität vor und nach 1914 ebenso wie die Generation des Wiederaufbaus nach 1945, aber auch Vordenker und Akteure der bildungsbewegten 1960er und 1970er Jahre porträtiert. In ihren Lebensbildern spiegelt sich die wechselvolle deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert. Bisher sind bereits 15 bebilderte Bände erschienen, porträtiert wurden (in der Reihenfolge des Erscheinens): Wilhelm Merton, Otto Stern, Leo Gans und Arthur von Weinberg, Franz Adickes, Fritz Neumark, Friedrich Dessauer, Theodor W. Adorno, Henry Oswalt, Franz Oppenheimer, Leo Frobenius, Ernst Kantorowicz, Max Horkheimer, Moritz Schmidt-Metzler, Heinrich Roessler, Guido von Kaschnitz-Weinberg.

Weitere Biographien sind geplant, so wird im kommenden Jahr ein Band über Kurt Riezler, von 1928 bis 1933 Kurator der Universität Frankfurt, erscheinen. Mit Riezler erlebte die Frankfurter Universität eine intellektuelle Blüte. Konsequent förderte er Wissenschaftszweige, die einen Beitrag zum politisch-gesellschaftlichen Diskurs der Weimarer Republik und zur Lösung zeitgenössischer Probleme zu leisten versprachen. Anlass für die Biographienreihe war der 100. Geburtstag der Goethe-Universität vor zwei Jahren.

Wulf Raeck, Claudia Becker: Guido von Kaschnitz-Weinberg, Gelehrter zwischen Archäologie und Politik, Frankfurt 2016, SocietätsVerlag, ISBN 978-3-95542-126-7, 205 Seiten, 14,80 Euro.

Informationen: Dr. Kerstin Schulmeyer und Ulrike Jaspers, Projektleitung „Gründer, Gönner und Gelehrte“, Campus Westend, Tel. (069) 798-13066, E-Mail: schulmeyer@pvw.uni-frankfurt.de, jaspers@pvw.uni-frankfurt.de; Rezensionsexemplare über Dr. René Heinen, SocietätsVerlag, Tel. (069)-7501-4456, Fax: 069-7501-4511; E-Mail: rene.heinen@fs-medien.de