Keine separaten Kurse: Kinder sollen ihr Deutsch im Alltagsumfeld von Kita und Grundschule verbessern

Das von der BHF-BANK-Stiftung initiierte Modellprojekt „Sprachentdecker“ im Frankfurter Westen begleiten Erziehungswissenschaftlerinnen der Goethe-Universität

Veröffentlicht am: Dienstag, 08. November 2016, 16:23 Uhr (275)

FRANKFURT. „Guten Morgen Sarah! Hängst du deine Jacke auf?“ – „Kann nicht auf...“ – „Kannst du deine Jacke nicht alleine öffnen? Ich helfe dir. Die Jacke hat einen Reißverschluss. Hat sich der Reißverschluss verhakt?“ Die Vierjährige nickt und sagt: „Der geht nicht auf.“ – „Dann versuchen wir es zusammen.“ Dieser Dialog zwischen der Erzieherin und dem Mädchen mit Migrationshintergrund ist ein gelungenes Beispiel für das, was Experten „alltagsintegrierte Sprachförderung“ nennen.

„Diese Kinder sollen nicht länger separiert werden, sondern in ihrem Alltagsumfeld ihre Sprachkompetenz verbessern, am besten schon mit Eintritt in die Kita und dann weiter in der Grundschule“, sagt Prof. Dr. Diemut Kucharz, Erziehungswissenschaftlerin an der Goethe-Universität, bei der Vorstellung des Modellprojekts „Sprachentdecker! Alltagsintegrierte Sprachförderung in Kitas und Grundschulen im Frankfurter Westen“. An dem zunächst auf drei  Jahre mit der Option auf Verlängerung angelegten Projekt, das von der BHF-BANK-Stiftung initiiert und jährlich mit mehr als 50.000 Euro finanziert wird, sind neben drei Grundschulen und fünf Kitas in Griesheim und Höchst auch das Amt für multikulturelle Angelegenheiten der Stadt Frankfurt und das Staatliche Schulamt der Stadt beteiligt.

Frankfurt ist der richtige Ort für dieses Projekt, das die Erziehungswissenschaftlerin in etwas anderer Form bereits mit Erfolg in Fellbach „getestet“ hat: In der Main-Metropole wachsen nach den Ergebnissen der jüngsten Einschulungsuntersuchung inzwischen 63 Prozent der Kinder zwischen fünf und sechs Jahren zwei- bzw. mehrsprachig auf oder ohne, dass in der Familie Deutsch gesprochen wird. In 40 Prozent der Frankfurter Kitas liegt der Anteil der mehrsprachigen Kinder bei über 80 Prozent. „Wir haben den wachsenden Bedarf an Sprachförderung in Kitas und Schulen in anderen von uns geförderten Projekten gesehen und deshalb die Initiative für das Projekt ‚Sprachentdecker‘ ergriffen“, so Dietmar Schmid, Vorsitzender des Vorstands der BHF-BANK-Stiftung. „Gerade gemeinnützige Stiftungen sind aufgerufen, ihren Beitrag zu leisten, damit Kinder – auch im Interesse einer gelungenen Teilhabe – so früh wie möglich in ihren deutschen Sprachkenntnissen gefördert werden.“

Was unterscheidet den Modellversuch „Sprachentdecker“ von anderen, ebenfalls wissenschaftlich begleiteten Projekten? Während einige Bildungsexperten auf zusätzliche Kurse außerhalb des regulären Unterrichts setzen, wählt dieses Frankfurter Projekt einen anderen Weg, der erfolgversprechender zu sein scheint als additive Sprachfördermaßnahmen: Pädagogen in Kitas und Grundschulen sollen so geschult und begleitet werden, dass sie Kinder aus Migrationsfamilien, aber auch aus bildungsfernen spracharmen Familien im Alltag unterstützen können, damit diese Kinder in ihrem normalen Umfeld ihren aktiven Wortschatz vergrößern und ihre grammatikalischen Kompetenzen verbessern. Um das zu erreichen, brauchen Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer intensive, professionell begleitete Fortbildungen und ständiges Training, denn „Sprachförderung ist eine komplexe Aufgabe, die viel Wissen, Kompetenz und Übung erfordert“, sagt Kucharz.„Deutschkenntnisse sind der wichtigste Schlüssel zum Schulerfolg. Der Deutscherwerb erfolgt heute im interkulturellen Kontext. Der Spracherwerb mehrsprachiger Kinder weist Besonderheiten auf, die es zu berücksichtigen gilt. Dies ist an der Schnittstelle Kita-Grundschule besonders zu berücksichtigen“, so Stadträtin Sylvia Weber, Dezernentin für Integration und Bildung der Stadt Frankfurt.

Das Team um die Frankfurter Erziehungswissenschaftlerin vom Institut für Pädagogik der Elementar- und Primarstufe lässt die beteiligten Pädagogen mit dem Gelernten im Alltag nicht allein, Videoaufzeichnungen aus dem Arbeitsalltag werden intensiv mit den Beteiligten ausgewertet. Rene Römer vom Kinderzentrum 53 in Höchst berichtet, wie aus einem ungezwungenen Gespräch eine „runden Sache“ wurde: „Ich habe beim Spielen das Handeln sprachlich begleitet, korrektives Feedback eingesetzt und etwas seltener auch modelliert, damit konnte ich die Kinder gut motivieren. Ich habe sie gezielt sprachlich begleitet – nicht instinktiv wie früher – und hatte das Gefühl, dass die Kinder meine Sätze aufgegriffen, wiederholt und dabei vielleicht für sich selbst nochmal verinnerlicht haben.“ Was Rene Römer und die Kita-Beteiligten zudem als positiv bei diesem Modellversuch wahrnehmen, ist die engere Kooperation mit der Grundschule im Übergang von der Kita zur ersten Klasse, bei der die gemeinsam erprobte „alltagsintegrierte“ Sprachförderung ein wichtiges Thema ist. Dann könnte es auch immer besser klappen, bei solchen Gesprächen eine gemeinsame Sprache zu finden.

Nach dem ersten halben Jahr sollen in der zweiten Phase des Projekts neue Impulse für die Zusammenarbeit mit den Eltern mit Migrationshintergrund gesetzt werden. „Hier könnte sich ein Perspektivenwechsel lohnen!“, sagt Dr. Armin von Ungern-Sternberg, Leiter des Amts für multikulturelle Angelegenheiten der Stadt Frankfurt, und ergänzt: „Die Mitwirkenden sollten Schwierigkeiten und Hürden, die sich hier in Kita- und Schulalltag zeigen, gemeinsam erkennen und die Chance einer solchen interkulturellen Bildungskooperation mit Eltern aufgreifen.“

Unterstützt wird das Projekt auch von dem Staatlichen Schulamt Frankfurt, weil es die Sprachkompetenz in allen Unterrichtsfächern und im Schulalltag der Kinder offensiv fördert. Reinhold Stahler, stellvertretender Leiter des Staatlichen Schulamts, würde sich freuen, „wenn bald auch weitere Schulen und Lehrkräfte mitmachen“. Das Projekt, das auch wissenschaftlich evaluiert wird und seine Wirksamkeit bei Fachkräften und Kindern entfalten soll, läuft noch bis mindestens 2019 – mit der Option auf Verlängerung.

Informationen: Prof. Dr. Diemut Kucharz, Institut für Pädagogik der Elementar- und Primarstufe, Fachbereich Erziehungswissenschaften, Campus Westend, Tel. (069) 798-, E-Mail: Kucharz@em.uni-frankfurt.de; Sigrid Scherer, BHF-BANK-Stiftung, Tel. (069)718-3452, E-Mail: Sigrid.Scherer@bhf-bank.com; Manja Winkler-Hesse, Dr. Armin von Ungern-Sternberg (Amtsleiter), Amt für multikulturelle Angelegenheiten der Stadt Frankfurt am Main, Tel. (069) 212 – 74530, E-Mail: manja.winkler-hesse@stadt-frankfurt.de