Von Kontinuität und Brüchen: Die Geschichte der Wirtschaftswissenschaften in Frankfurt

Der älteste deutsche Fachbereich für Wirtschaftswissenschaften blickt zurück auf den Wandel von Traditionen, Aufgabenstellungen und Selbstverständnis im vergangenen Jahrhundert

Veröffentlicht am: Freitag, 04. November 2016, 09:50 Uhr (267)

Der Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt hat den 100. Geburtstag der Universität im Jahr 2014 zum Anlass genommen, um auf die eigene Geschichte zurückzublicken, die sogar noch ein paar Jahre älter ist: Bereits 1901 wurde eine Handelshochschule in Frankfurt gegründet, die 1914 dann als erste deutsche Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in die neue Universität aufging. Auf seinem jährlichen „Dies Academicus“ präsentiert der Fachbereich am heutigen Freitagabend die dritte, stark erweiterte Auflage seiner Historie unter dem neuen Titel „Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler in Frankfurt am Main – Von der Handelshochschule zum hundertjährigen Jubiläum der Universität“, herausgegeben von Bertram Schefold. Schefold, seit 1974 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Goethe-Universität, versammelt auf 1142 Seiten per­sönliche Erinnerungen an das Charakteristische des wissenschaftlichen Lebens der beteiligten wirtschafts- und gesellschaftswissenschaftlichen Disziplinen und verbindet sie mit Analysen der fachlichen Entwicklung.

Während sich die beiden ersten Teile des Werkes der Geschichte der Frankfurter Wirtschaftswissenschaften im 20. Jahrhundert widmen, beschreibt der vollkommen neue dritte Teil den Um- und Aufbruch in den vergangenen 15 bis 20 Jahren. Die Europäisie­rung der Wissenschaftspolitik im Rahmen der Bologna-Reform erforderte nicht nur eine komplette Neuaufstellung der Studiengänge, sondern machte auch eine Reform der Strukturen des Fachbereichs nötig. Eine Neuordnung in Abteilungen löste das alte Lehrstuhlsystem ab. Die zunehmende Internationalisierung der Disziplin hinterließ ebenso Spuren wie die Rückkehr der Goethe-Universi­tät zum Prinzip der Stiftungsuniversität im Jahr 2008. In persönlichen Erinnerungen beleuchten Mitglieder des Fachbereichs sowohl Vor- als auch Nachteile der Veränderungen und skizzieren Schwerpunkte in Forschung und Lehre der einzelnen Abteilungen.

Die älteren Teile des Bandes, der in erster Auflage 1989 erschienen war, umspannen in lebhaften Schil­derungen die Entstehungsge­schichte der Disziplin Ende des 19. Jahrhunderts, die Blütezeit der Frankfurter Fakultät in der Weimarer Republik, Faschismus und Zweiten Weltkrieg, Wiederaufbau, die Studentenunruhen und die Hochschulreform der 1960er und 70er Jahre bis hin zu den Diskussionen über die Anpassung an angelsäch­sische Vorbilder Ende des Jahrtausends.

Das reich bebilderte, mit einer Lehrstuhlgeschichte und chronologischen Tabellen ergänzte Werk vermittelt einen Eindruck von den Veränderungen der wissenschaftlichen Aufgabenstel­lung und des Selbstverständnisses der Hochschul­lehrer in den vergangenen Jahrzehnten und beleuchtet die Kontinuitäten und Brüche von Forschungstraditionen vor dem Hintergrund der jeweiligen Zeitumstände.

Bertram Schefold (Hg.): Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler in Frankfurt am Main. Von der Handelshochschule zum hundertjährigen Jubiläum der Universität. 3., stark erweiterte Auflage, Metropolis-Verlag, Weimar bei Marburg, ISBN 978-3-7316-1215-5, 1142 Seiten, 79,80 EU