Neuerscheinung: „Politisierung der Wissenschaft“

Sammelband mit Beiträgen zu jüdischen Wissenschaftlern und ihren Gegnern an der Universität Frankfurt vor und nach 1933 – Ergebnisse einer internationalen Tagung zum Jubiläumsjahr der Goethe-Universität

Veröffentlicht am: Dienstag, 19. Juli 2016, 16:19 Uhr (195)

FRANKFURT. Die Besonderheit der Frankfurter Universitätsgeschichte bietet auch die Möglichkeit für eine ungewöhnliche und neuartige Fragestellung: Wie gestaltete sich in Frankfurt das Verhältnis zwischen scharf rechtsgerichteten, „völkisch“-antisemitischen Wissenschaftlern auf der einen und liberalen, deutsch-jüdischen Gelehrten auf der anderen Seite vor und nach 1933? Überraschenderweise lassen sich gewisse Gemeinsamkeiten erkennen: So wollten Vertreter beider Seiten die von ihnen als defizitär wahrgenommene Politik in der Weimarer Republik mit Hilfe der Wissenschaft reformieren. Jeder nutzte auf seine Art das wissenschaftliche Etikett der Objektivität und erteilte auf dieser Basis politische Handlungsdirektiven.

Wie sich der politische Geltungsanspruch Frankfurter Wissenschaftler auswirkte und welche Arbeitsatmosphäre dadurch an der Universität entstand, wird in dem soeben erschienenen Buch Politisierung der Wissenschaft“. Jüdische Wissenschaftler und ihre Gegner an der Universität Frankfurt am Main vor und nach 1933, herausgegeben von Moritz Epple, Johannes Fried, Raphael Gross und Janus Gudian, in zahlreichen Beiträgen erforscht.

Da sich 1914 viele jüdische Frankfurter Bürger an der Gründung und finanziellen Ausstattung der neuen Universität beteiligten, nutzten sie auch ihren Einfluss, um die an den übrigen deutschen Universitäten vorherrschende Berufungspolitik zu verändern: Jüdische Bewerber, die aufgrund ihrer Religion an vielen anderen deutschen Hochschulen benachteiligt wurden, bekamen im liberalen Frankfurt eine Chance, wo das konfessionelle Moment keine Rolle spielte. Es waren nicht zuletzt jüdische Wissenschaftler - hier seien etwa der Mediziner Paul Ehrlich, der Religionsphilosoph Martin Buber oder der Historiker Ernst Kantorowicz genannt – die maßgeblich dazu beitrugen, dass die Universität Frankfurt in der Weimarer Republik als ausnehmend progressiv und „modern“ galt. 1933, als diese im Zuge der nationalsozialistischen Politik vertrieben wurden, stellten sie ein Drittel des Lehrkörpers der Goethe-Universität.

Wie konnte gerade die an der Frankfurter Universität betriebene Wissenschaft eine so hohe gesellschaftspolitische Außenwirkung erlangen? Welche Arbeitsatmosphäre herrschte dort, wo bekannte „völkische“ ebenso wie bedeutende jüdische Wissenschaftler ihre Fragen und Theorien entwickelten? Welchen Einfluss hatte gerade diese Koexistenz auf die gesellschaftspolitische Innovationskraft der Wissenschaft? Mit diesen Fragen beschäftigen sich im vorliegenden Band international renommierte Forscher wie der französische Philosoph Emmanuel Faye, der amerikanische Geschichtsphilosoph Martin Jay oder die israelischen Historiker Shulamit Volkov und Moshe Zimmermann.

Der Wahrheit verpflichtet, suggerierte die Wissenschaft nur allzu leicht, dass auch ihre Ergebnisse objektiv seien. Deshalb musste gerade in der um politische Stabilität ringenden Weimarer Republik eine Politik, deren Forderungen aus der Wissenschaft abgeleitet wurden, wie eine Art Heilsversprechen erscheinen. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Wissenschaftsverständnis des im Tagungsband untersuchten Soziologen Franz Oppenheimer, der die Absicht hatte, mit seiner Wissenschaft zur „Erlösung“ der Menschheit von irdischen Übeln beizutragen: „Oppenheimer war von einem starken Sendungsbewusstsein durchdrungen und wollte die soziale Frage lösen, indem er gegen die sozialen Missstände anging“, so der in Graz forschende Ökonom Heinz D. Kurz. Für Oppenheimer lag die Ursache der Armut in der historischen Tatsache begründet, dass der Boden in Privateigentum übergegangen und es damit zu einer künstlichen Verknappung der lebensnotwendigen Ressourcen gekommen sei. Infolgedessen forderte er, den Boden in Gemeineigentum zu überführen, wobei dies mittels Genossenschaften erreicht werden solle. Allerdings können die auf wissenschaftlichem Weg gewonnenen politischen Haltungen zum Gegenteil des eigentlich Intendierten führen: „Wie soll man gegen eine politische Ansicht argumentieren, die sich das wissenschaftliche Etikett der Objektivität anheftet bzw. einen wissenschaftlichen Wahrheitsanspruch erhebt?“, fragt Janus Gudian. Wenn jede qua Wissenschaft gewonnene politische Meinung auf „ihre“ Objektivität pocht, werden ihre Geltungsansprüche widerstreiten, statt einen Konsens herbeiführen.

Doch gerade in der entscheidenden Frage, wie gesellschaftlicher Konsens erzeugt werden soll, unterscheiden sich die beiden genannten Gruppen eklatant voneinander: Während „völkische“ Wissenschaftler primär Gesellschaftsmodelle entwickelten, die auf eine homogene Bevölkerung zielten, indem sie „Andersartige“ ausgrenzten, stand den mehrheitlich liberal denkenden jüdischen Gelehrten eine heterogene Gesellschaft vor Augen, geprägt vom Gedanken der Inklusion. Als Beitrag zum 100. Geburtstag der Goethe-Universität organisierten das Historische Seminar und das Fritz Bauer Institut im Rahmen des Forschungszentrums Historische Geisteswissenschaften 2012 eine internationale Tagung zur politischen Wissenschaftskultur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, aus der nun dieser Sammelband hervorgegangen ist. „Jubiläen haben sich zu hochpolitischen Ereignissen entwickelt, mit deren Hilfe nicht nur Identität gestiftet, sondern auch die Zukunft gestaltet werden soll. Zu diesem Zweck wird die kollektive Erinnerung an die Vergangenheit des Jubilars erneuert. Damit schlägt bei einem Jubiläum traditionell die Stunde des Historikers“, so der wissenschaftliche Bearbeiter des Bandes, Janus Gudian.

Bibliografische Angaben

Moritz Epple, Johannes Fried, Raphael Gross und Janus Gudian (Hrsg.): „Politisierung der Wissenschaft“. Jüdische Wissenschaftler und ihre Gegner an der Universität Frankfurt am Main vor und nach 1933. (Schriftenreihe des Frankfurter Universitätsarchivs 5), Wallstein Verlag, Göttingen 2016, ISBN 978-3-8353-1438-2, 505 Seiten, 39,90 Euro.

Mit Beiträgen von Steven E. Aschheim, Mitchell G. Ash, Peter C. Caldwell, David Dyzenhaus, Emmanuel Faye, Janus Gudian, Jeffrey Herf, Martin Jay, David Kettler, Carsten Kretschmann, Heinz D. Kurz, Robert E. Lerner, Alexander von Schwerin, John C. Stillwell, Shulamit Volkov, Michael Zank und Moshe Zimmermann.

Informationen: Janus Gudian M.A., Historisches Seminar, Campus Westend, Tel. (069) 798-32426, E-Mail: gudian@em.uni-frankfurt.de