Öffentlicher Vortrag von Jared Diamond: „Die Nation im Kleinen? Nationale und persönliche Krisen im Vergleich“

Der renommierte amerikanische Evolutionsbiologe und Anthropologe als Gastredner bei Jahresfeier des Sonderforschungsbereichs „Schwächediskurse und Ressourcenregime“

Veröffentlicht am: Dienstag, 28. Juni 2016, 10:49 Uhr (165)

FRANKFURT.Einem breiten Publikum ist Prof. Dr. Jared Diamond durch seine populärwissenschaftlichen Bücher bekannt, in denen er neueste Erkenntnisse aus Anthropologie, Biologie und Geschichte im Zusammenhang darstellt. Jetzt kommt der international renommierte Pulitzer-Preisträger zu einem öffentlichen Vortrag zum Thema „Die Nation im Kleinen? Nationale und persönliche Krisen im Vergleich“ nach Frankfurt:

am 5. Juli um 18.15 Uhr

Campus Westend, Casino, Raum 823 (Festsaal)

Diamond, der seit 2004 eine Professur für Geografie an er University of California, Los Angeles innehat, kommt auf Einladung des Frankfurter Sonderforschungsbereichs 1095 „Schwächediskurse und Ressourcenregime“ als Gastredner der Jahresfeier. Seinen Vortrag hält der Wissenschaftler, der zwölf Sprachen beherrscht und zeitweise in München gelebt hat, in deutscher Sprache. Er zielt auf einen Vergleich des Phänomens nationaler und persönlicher Krisen und verschränkt damit die Grundbegriffe des Sonderforschungsbereichs in pointierter Weise.

Der 78-jährige Physiologe, Evolutionsbiologe, Geograf  und Ethnologe gilt als Universalgelehrter. Das Hauptmotiv für seine ethnologischen und historischen Arbeiten sieht Diamond darin, nicht-rassistische Erklärungen für die Verlaufsformen der menschlichen Geschichte zu finden. Denn solange nachvollziehbare und plausible nicht-rassistische Deutungsalternativen fehlten, würden viele Menschen auf rassistische Erklärungsangebote zurückgreifen.

Seine zahlreichen Veröffentlichungen, etwa „Arm und Reich“ oder „Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“ behandeln in weiter historischer Perspektive Fragen von hoher Relevanz für die Gegenwart. Für sein Buch „Arm und Reich“, in dem er drastische Unterschiede in der naturräumlichen Ausstattung der Kontinente als Faktoren für die weltweite Dominanz westlicher und asiatischer (d.h. „eurasischer“) Kulturen feststellt, wurde er 1998 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. In schroffer Ablehnung rassistischer Erklärungsmuster geht Diamond von einer gleichzeitig strengen und vielschichtigen Umweltdeterminanz aus, von der aus er die unterschiedlichen Entwicklungen der Kontinente erklärbar macht. Ganz entscheidend sei in diesem Zusammenhang die Verfügbarkeit domestizierbarer Pflanzen- und Tierarten gewesen, die im Grunde vorteilhafte Startbedingungen für bis heute wirksame Entwicklungen begründet hätten.

Der Sonderforschungsbereich 1095 Schwächediskurse und Ressourcenregime

In dem Sonderforschungsbereich, dessen Sprecher der Althistoriker Prof. Dr. Hartmut Leppin ist, wird das Wechselspiel von Schwächediskursen und Ressourcendynamik in globalhistorischer Perspektive ausgeleuchtet – vom Alten Ägypten bis in die Gegenwart. Dass aus Schwächen auch Stärken werden können, zeigt sich oft, wenn der Diskurs über die Schwächen die Suche nach Ressourcen mobilisiert, wie das etwa der Fall war, als der Club of Rome in den 1970er Jahren vor den Grenzen des Wachstums warnte. Im Verständnis der Frankfurter Geisteswissenschaftler sind Ressourcen allerdings nicht gleichzusetzen mit Rohstoffen: Je nach Teilprojekt geht es um ganz unterschiedliche Ressourcen wie Wissen, Verwandtschaft, Heiligkeit, Nationalismus, Information, ökonomisches Kalkül etc.

Das Frankfurter Forschungsvorhaben geht grundsätzlich davon aus, dass Ressourcen stets die Frage der Handlungsfähigkeit von Akteuren aufwerfen. Untersucht wird, wie in langfristiger historischer Perspektive die Rede über Schwäche den Umgang mit Ressourcen beeinflusst hat und bis heute beeinflusst. Für die etwa 45 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Sonderforschungsbereichs ist es daher von großem Interesse, sich mit Diamonds Werk zu beschäftigen, weil es Perspektiven enthält, die um das Ressourcenthema kreisen. In seinem Buch „Kollaps“ etwa werden als Einflussfaktoren Umweltschäden (wie die Abholzung der Wälder) ebenso thematisiert wie die Qualität der Beziehungen zu Nachbargesellschaften, was jeweils auf handfeste materielle sowie immaterielle Ressourcen verweist. Als zentraler „Rohstoff“ des 21. Jahrhunderts gilt schließlich die Fähigkeit, insbesondere auf ökologische Problemlagen angemessen reagieren zu können, wobei Diamond dem rückblickenden Erkenntnisgewinn aus der Historie einen hohen Stellenwert beimisst.

Die diesjährige Jahresfeier soll auch dazu dienen, den SFB 1095 „Schwächediskurse und Ressourcenregime“ und seine Mitwirkenden einem inner- und außeruniversitären Publikum vorzustellen. 

Informationen: Christian A. Müller, Sonderforschungsbereich „Schwächediskurse und Ressourcenregime“ (SFB 1095), Campus Bockenheim, Tel. 069 798-33951; E.Mail: c.mueller@em.uni-frankfurt.de