Video-Installation „Accent Elimination“ von Nina Katchadourian in der Studiengalerie 1.357

Werbung in der New Yorker U-Bahn für Kurse in „Standard American English“ inspirierte die armenisch-amerikanische Künstlerin

Veröffentlicht am: Freitag, 08. April 2016, 13:13 Uhr (083)

FRANKFURT. Die Studiengalerie 1.357 der Goethe-Universität zeigt vom 20. April bis zum 27. Mai 2016 die Video-Installation „Accent Elimination“ von Nina Katchadourian. In „Accent Elimination“ beschäftigt sich die amerikanische Künstlerin mit ihrer eigenen Familiengeschichte. Diese Installation war 2015 zusammen mit Werken anderer armenisch stämmiger Künstler auf der 56. Biennale in Venedig zu sehen. Die Eröffnung findet am 20. April (Mittwoch) um 20 Uhr im I.G. Farben-Haus, Raum 1.357, statt.

„KATCHADOURIAN that's an unusual name! What is it?“ Diese Frage ist nur scheinbar leicht zu beantworten. Die Familie ihrer Mutter Stina gehört einer schwedischen Minderheit in Finnland an, ihr Vater Herant, ein armenischer Türke, ist in Beirut aufgewachsen. Über die Gründe der Migration nach Amerika vor über vier Jahrzehnten können die Betrachter nur spekulieren. Beide Elternteile haben ihren ganz eigenen markanten, aber für Fremde schwer einzuordnenden, Akzent beibehalten. In „Accent Elimination“ zeigt die Künstlerin nun ihre Eltern bei dem Versuch, sich mit Hilfe eines professionellen Sprachtrainers das Standard American English ihrer Tochter anzutrainieren. Die Tochter hingegen versucht, die jeweiligen Akzente ihrer Eltern zu lernen. Das Manuskript, das alle drei üben, haben die Eltern aus den Gesprächen zusammengestellt, die sie immer wieder führen müssen, wenn sie wieder einmal zu ihrem ungewöhnlichen Akzent befragt werden.

Die Sechs-Kanal-Video-Arbeit besteht aus einem Block von sechs Röhrenmonitoren auf Sockeln, mit drei Bildschirmen auf jeder Seite. Die eine Seite zeigt je Vater, Tochter und Mutter im Porträt. Dem Betrachter frontal zugewandt, sprechen sie mal mit ihrem eigenen Akzent, mal wiederholen sie dieselben Sätze nach dem Sprechtraining. Auf der anderen Seite sind Ausschnitte aus der Arbeit mit dem Trainer zu sehen. Eine Werbung in der New Yorker U-Bahn für Kurse in „Accent Elimination“ inspirierte die Künstlerin zu dieser sehr persönlichen Arbeit. Tatsächlich gibt es in den USA unzählige Angebote für Migranten, um den Akzent zu „eliminieren“. Sprache ist ein Merkmal kultureller Identität, doch offensichtlich ist die Offenlegung dieser Identität trotz einer globalisierten Welt und einer mobiler werdenden Gesellschaft, nicht immer von Vorteil.

Im Film „Accent Elimination“ von Nina Katchadourian erlebt der Zuschauer familiäre Vertrautheit und Nähe verbunden mit einer überraschenden Distanz zwischen Vater, Mutter und Tochter – alle drei haben völlig unterschiedliche nationale Wurzeln. Diese scheinbar schlichte Wahrheit über unsere globalisierte Welt, die zusammenbringt, aber auch trennt, macht diese Arbeit so vielschichtig und berührend. Katchadourian lässt die Betrachter an ihrer eigenen Familiengeschichte teilhaben, und wirft dabei bedeutsame Fragen unserer Zeit ohne große Geste auf. Das Werk legt keine eindimensionale Lesart nahe. Wie die Betrachter die Videoarbeit ästhetisch und inhaltlich rezipieren, hängt maßgeblich mit dem eigenen Selbstverständnis und der eigenen Geschichte zusammen. Man mag sich fragen, wie hilfreiche die eigene Nationalität heute noch auf der Suche nach Zugehörigkeit ist. Ebenso legitim wäre es zu hinterfragen, wie sich Katchadourians Werk, in Zeiten von Flucht und Völkerwanderung deuten lässt. Sagt es etwas über kollektiv erlebte Krisen als Grundlage von Erinnerungsgemeinschaften?

Die Videoarbeit ist beispielhaft für das Werk der 1969 in Kalifornien geborenen Künstlerin. Seit Ende der 1980er Jahre hat Katchadourian ein umfangreiches Oeuvre geschaffen und thematisiert durch den Einsatz der verschiedensten Medien die Wirkung von Sprache und erfolgreicher oder auch missglückter Kommunikation. So hat sie in „Talking Popcorn“ (2001) ein Programm entwickelt, das die Geräusche einer Popcornmaschine als Morsecodes interpretiert und in Silben übersetzt. In „Natural Car Alarms“ (2002) ersetzte sie die heulenden Sirenen der Auto-Alarmanlagen vor dem Museum of Modern Art in New York durch das Rufen von exotischen Vögeln einer Südseeinsel. Ihre Arbeit „Seat Assignement“ verbreitete sich gleichsam wie ein Virus im Netz. Sie realisierte  diverse Ausstellungen unter anderem im PS1/MoMA, New York, der Serpentine Gallery in London und dem Palais de Tokyo in Paris.

In der Studiengruppe „Erinnerungskultur, Gedächtnispolitik und Bildgebrauch“ arbeiten Studierende und Lehrende verschiedener Disziplinen in enger Kooperation mit dem MMK Museum für moderne Kunst Frankfurt und dem Städel Museum projektorientiert an der Erforschung des bildlichen Umgangs moderner Gesellschaften mit Geschichte. Die Studiengruppe stellt vier Mal im Jahr zeitgenössische Kunst in den Räumen des IG-Farben-Gebäudes aus.

Die Ausstellung im Raum 1.357, im ersten Stock des I.G. Farben-Hauses, ist vom 20. April bis 27. Mai montags bis donnerstags zwischen 12 und 17 Uhr geöffnet.

Informationen: Prof. Dr. Bernhard Jussen, Historisches Seminar, Campus Westend, Tel.: (069) 798 -32424, jussen@em.uni-frankfurt.de; Prof. Dr. Christian Spies, Kunstgeschichtliches Institut; Sina Brückner, studentische Mitarbeiterin der Studiengalerie 1.357, sinabrueckner@icloud.com