Inklusion als gesellschaftliche Aufgabe

Bürgerveranstaltung und Symposium der Goethe-Universität in Bad Homburg befasst sich mit Erfordernissen einer Schule für alle

Veröffentlicht am: Freitag, 27. November 2015, 12:29 Uhr (315)

FRANKFURT. Wie kann eine Schule der Zukunft gelingen, damit jeder nach seinen Begabungen positive Bildungserfahrungen machen kann? Was kann die Wissenschaft dazu beitragen? Mit Fragen wie diesen hat sich am Donnerstag, 26.11., eine Bürger-Veranstaltung der Goethe-Universität in Bad Homburg befasst; ihr Titel: „Inklusion als Herausforderung für die Schule“. Am heutigen Freitag wird die Diskussion auf fachlicher Ebene fortgesetzt mit einem wissenschaftlichen Symposium zum Thema Inklusion. Die Veranstaltung zielt auch auf die Einrichtung einer einschlägigen Stiftungsprofessur an der Goethe-Universität.

Spätestens seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention durch die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2009 steht das deutsche Schulsystem vor der großen Aufgabe, auch Kindern und Jugendlichen mit Behinderung den Zugang zu allgemeinen Schulen zu ermöglichen. Welche Konsequenzen das große Projekt „Inklusion“ für das bestehende Schulsystem bedeutet, damit beschäftigt sich die Goethe-Universität in diesen Tagen. Insbesondere das Fachsymposium am heutigen Freitag soll als Plattform dienen, um mit Hilfe der entsprechenden Expertise mögliche Konzepte zu diskutieren. Dazu gehört eine  neu zu schaffende Professur. „Wir wollen etwaige Stifter auf diese Weise künftig früher ins Boot holen, so dass sie auch stärker inhaltlich beteiligt sind“, erklärt Universitäts-Vizepräsident Prof. Manfred Schubert-Zsilavecz.

„Es ist wichtig, dass eine eigene Professur geschaffen wird, die alle Lehrämter und alle Fachdidaktiken einbezieht“, sagt Prof. Diemut Kucharz, Dekanin des Fachbereichs Erziehungswissenschaften und Professorin am Institut für Pädagogik der Elementar- und Primarstufe. Die Umwandlung von allgemeinen in inklusive Schulen dürfe weder zu einem Qualitätsverlust im Bereich spezifischer und sonderpädagogischer Förderung noch im Bereich allgemeiner fachlicher und sozialer Förderung und Forderung aller Kinder führen. Kucharz sieht einen „enormen Entwicklungsbedarf in der schulischen Praxis, in der Schul- und Unterrichtsforschung sowie in der Lehrerbildung“. Ein personeller Ausbau dieses Bereichs an der Goethe-Universität fände bereits funktionierende Strukturen vor: Schon jetzt gibt es am Fachbereich Erziehungswissenschaften die Arbeitsstelle für Diversität und Unterrichtsentwicklung - Didaktische Werkstatt, die u.a. Lehrerfortbildungen im Bereich inklusiver Unterricht anbietet, eine Taskforce Inklusion, die sich mit relevanten Forschungsfragen auseinandersetzt, sowie eine langjährige Expertise im Gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung. Eine Inklusionsprofessur, wie sie an Universitäten in anderen Bundesländern bereits vorhanden ist, gibt es Frankfurt jedoch noch nicht.

Dass es gerade in der Lehrerbildung viel zu tun gibt, betonte auch Unternehmer Stefan Quandt in seinem Grußwort. Quandt, der nach eigenen Worten regen Anteil an der Inklusionsdebatte nimmt, erinnerte das Publikum an den Fall des elfjährigen Schülers Henri. Der Junge, der mit dem Down-Syndrom zur Welt kam, sollte an ein Gymnasium wechseln, was eine rege gesellschaftliche Diskussion auslöste: Es gab Befürworter, die den Wunsch der Eltern nur allzu verständlich fanden, aber auch etliche Kritiker, die befürchteten, Henri könne am leistungsorientierten Gymnasium nicht ausreichend gefördert werden. Was in dieser Debatte um Henris Recht auf inklusive Bildung aufgebrochen sei, so Quandt, habe das Trennende in den pädagogischen Grundeinstellungen eher noch verschärft. „Übereinstimmung besteht letztlich nur in einem Punkt: Die Schulen als Lernorte, an denen Inklusion gelebt und verwirklicht werden soll, sind auf diese Riesenaufgabe nicht vorbereitet“, stellte Quandt fest. Absolut zentral auf dem Weg zur inklusiven Schule sei die Qualifizierung von Lehrkräften für die inklusive Schulpraxis. Die Goethe-Universität will sich diesem Thema künftig intensiver widmen. Der Unternehmer Quandt erwägt die Förderung einer entsprechenden Professur.

„Inklusion ist nicht nur ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag, der uns alle etwas angeht, sondern auch eine Entwicklungsaufgabe, die in die ständige Qualitätsentwicklung jeder Schule eingebettet ist“, erklärte der Hessische Kultusminister Prof. Dr. R. Alexander Lorz. „Voraussetzung zum erfolgreichen Gelingen der Inklusion ist, dass wir allen Lehrkräften die grundlegenden Kompetenzen für die Unterrichts- und Erziehungsarbeit im inklusiven Bildungssystem vermitteln. Daher begrüße ich als Hessischer Kultusminister die geplante Einrichtung einer dezidierten Stiftungsprofessur ‚Inklusion‘ an der Goethe-Universität. Ich verbinde damit die große Hoffnung, dass wir so wichtige Erkenntnisse bzw. wertvolle Impulse für das hessische Schulsystem erhalten werden. Dies ist für das Land Hessen von großer Bedeutung.“

„Inklusion als Herausforderung für die Schule“ lautet das Thema des Vortrags von Prof. Eckhard Klieme, Direktor des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF). Er machte deutlich, dass Inklusion an Schulen nicht von heute auf morgen realisiert werden könne. Vielmehr müsse sie das Ergebnis eines über längere Zeit von einem Lehrerkollegium erarbeiteten erweiterten pädagogischen Repertoires sein. Unabdingbar sei zum Beispiel Multiprofessionalität. Die Einbindung von Förderschullehrern könne, so Klieme, nur dann gelingen, wenn die Schule in Teamstrukturen arbeite. Ohne empirische Forschung bleibe das Inklusionsprojekt aber Rhetorik, würden Praktiker im Schulalltag alleingelassen und fühlten sich überfordert, weil sie immer wieder selbst Lösungen finden und erproben müssten. Deshalb sei es sehr zu begrüßen, wenn die Inklusionsforschung in Frankfurt gestärkt würde.