Computermodelle einzelner Patienten könnten helfen, unnötige Behandlungen bei Krebs zu vermeiden

Molekularbiologe spricht bei Vorlesungsreihe „Du, Deine Gene, Deine Therapie“ im Rahmen der Deutsche Bank Stiftungsgastprofessur „Wissenschaft und Gesellschaft“

Veröffentlicht am: Donnerstag, 29. Oktober 2015, 14:14 Uhr (285)

FRANKFURT.In der öffentlichen Vorlesungsreihe „Du, Deine Gene, Deine Therapie – Auf dem Weg zur personalisierten Medizin in der Krebstherapie“ spricht am Donnerstag (4. November) Prof. Dr. Hans Lehrach vom Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik, Berlin. Sein Thema „Der virtuelle Patient als Basis der personalisierten Medizin“. Der international renommierte Wissenschaftler beschreibt, wie Computermodelle einzelner Patienten entwickelt werden können, um Wirkungen und Nebenwirkungen aller möglichen Behandlungsansätze zu bestimmen, ohne den Patienten zu belasten und Kosten für unwirksame Medikamente zu erzeugen.

Eingeladen zu dieser Vortragsreihe der Wissenschaftlichen Gesellschaft an der Goethe-Universität, die im Rahmen der von der Deutsche Bank AG initiierten und geförderten Stiftungsgastprofessur „Wissenschaft und Gesellschaft“ stattfindet, sind interessierte Bürgerinnen und Bürger aus der Rhein-Main-Region. Der Vortrag beginnt um 18 Uhr auf dem Campus Niederrad, Universitätsklinikum, Haus 23, Hörsaal 4, Theodor-Stern-Kai 7.

„Wir befinden uns am Beginn einer revolutionären Entwicklung in der Medizin, getragen von enormen Fortschritten in der molekularen Diagnostik, vor allem im Bereich des ‚next-generation sequencing‘“, so Lehrach. „Mit dieser Methodik wird es erstmals mit einem vertretbaren Aufwand möglich, molekulare Prozesse im einzelnen Patienten global zu analysieren.“ Auf der Basis dieser und anderer Daten können Lehrach und seine Team dann Computermodelle der jeweiligen Patienten entwickeln. Dies geschieht analog zu vielen anderen Bereichen, bei denen Computermodelle ebenfalls eingesetzt werden, um die zunächst unvermeidlichen Fehler, die bei so komplexen Entscheidungen für eine bestimmte Behandlungsart entstehen, ohne reale Konsequenz für den Patienten machen zu können. Tumorpatienten haben in der Regel eine große Zahl molekulargenetischer Abweichungen (Aberrationen). Und es ist letztlich das Ziel, dass diese Informationen in einem komplexen Computermodell zusammengeführt werden und dann getestet wird, welche der vorhandenen zielgerichteten („targeted“) Therapien für einen solchen Patienten möglicherweise in Frage kommt. Damit könnte nicht nur gezielter behandelt werden, sondern unwirksame und häufig sehr kostenintensive Therapien vermieden werden. Diese computersimulierte Therapie könnte somit einen vielversprechenden Ansatz der personalisierten Medizin darstellen.

Prof. Dr. Hans Lehrach, geb. 1946 in Wien, studierte Chemie in Wien. Nach seiner Promotion an den beiden Göttinger Max-Planck-Instituten für Experimentelle Medizin und für Biophysikalische Chemie schloss er von 1974 bis 1978 eine intensive Forschungszeit als Postdoc an der Harvard University, Boston (USA), an. Im Anschluss war er neun Jahre Arbeitsgruppenleiter am European European Molecular Biology Laboratory EMBL, Heidelberg. 1987 wurde er Leiter der Abteilung Genomanalyse beim Imperial Cancer Research Fund in London und 1994 dessen Direktor. Seit 1994 ist Lehrach Direktor und Wissenschaftliches Mitglied des Max-Planck-Instituts für Molekulare Genetik, von 1997 bis 2001 war er Sprecher des Deutschen Humangenomprojekts. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. 2004 mit dem Karl Heinz Beckurts-Preis für Errungenschaften in der Genomforschung.

Die Moderation dieser Veranstaltung übernimmt der Frankfurter Onkologe Prof. Dr. Dieter Hoelzer. Konzipiert und organisiert wurde diese Vorlesungsreihe von zwei Wissenschaftlern der Goethe-Universität, dem Chemiker Prof. Dr. Joachim Engels und der Onkologin Prof. Dr. Simone Fulda.

Die Vorträge auf einen Blick:

Die Vorträge beginnen jeweils donnerstags um 18 Uhr, Campus Niederrad, Universitätsklinikum, Haus 23, Hörsaal 4.
Alle Veranstaltungen werden aufgezeichnet, sind per Livestream oder spätestens am übernächsten Tag abrufbar über www.buerger.uni-frankfurt.de unter „Weitere Veranstaltungen“

19. November 2015
Prof. Dr. Rudi Balling, Luxembourg Centre for Systems Biomedicine
Interdisziplinäre Forschung in der Biomedizin
Leichter gesagt als getan
Moderation Prof. Dr. Joachim Engels, Goethe-Universität

3. Dezember 2015
Diskussionsrunde : Personalisierte Medizin im Spannungsfeld von Arzt und Patient, Pharmaindustrie und Kostenträger
Dr. Thomas Schinecker, Roche Diagnostics, Mannheim
Dr. Ursula Marschall, Barmer GEK, Wuppertal
Prof. Dr. Elke Jäger, Krankenhaus Nordwest, Frankfurt am Main
Moderation Dr. Joachim Müller-Jung, Frankfurter Allgemeine Zeitung

14. Januar 2016
Prof. Dr. Dr. h.c. Carl Friedrich Gethmann, Universität Siegen
Ethische Probleme der individualisierten Medizin
Prof. Dr. Fritz von Weizsäcker, Schlosspark Klinik, Berlin
Selbstverständnis von Patienten und die Arzt-Patient-Beziehung
Einführung Prof. Dr. Peter Janich, Philipps-Universität, Marburg
Moderation Dr. Regina Oehler, Hessischer Rundfunk

28. Januar 2016
Prof. Dr. Drs h.c. Leroy Hood, Washington University, Seattle
Systems Medicine and Proactive P4 Medicine. Transforming Healthcare through Wellness – A Personal View (P4 = predictive, personalized, preventive and participatory)
Moderation Prof. Dr. Josef Pfeilschifter, Goethe-Universität

Informationen:
Prof. Dr. Joachim Engels, Campus Riedberg, Fachbereich Biochemie, Chemie und Pharmazie, Tel. (069)798-29150,
Joachim.Engels@chemie.uni-frankfurt.de; Prof. Dr. Simone Fulda, Campus Niederrad, Fachbereich Medizin, Institut für Experimentelle Tumorforschung in der Pädiatrie, Tel. (069) 678 66557,Simone.Fulda@kgu.de

Programmbroschüre sowie der Link zu Livestream und Aufzeichnungen der Vorträge und Diskussionen auf www.buerger.uni-frankfurt.de unter „Weitere Veranstaltungen“

Programm online auch unter: www.wissenschaftliche-gesellschaft.uni-frankfurt.de