Self-Tracking – mehr als eine kurzfristige Selbstberuhigung?

Wenn das eigene Leben zu einem einzigen Datenstrom wird – Drei Beiträge in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Forschung Frankfurt“ beleuchten Trend in der Leistungsgesellschaft

Veröffentlicht am: Mittwoch, 08. Juli 2015, 12:09 Uhr (196)

FRANKFURT. Müssen wir zu jeder Zeit an der Optimierung von Körper, Geist und Seele arbeiten, wenn wir ein erfolgreiches, zufriedenes und gesundes Leben führen wollen? Wenn es nach den aktuellen Trends in unserer Leistungsgesellschaft geht, steht „Self-Tracking“ ganz oben auf der Agenda. Was davon zu halten ist, erläutern vier Autoren aus ganz unterschiedlichen Perspektiven in der aktuellen Ausgabe von Forschung Frankfurt (1/2015): der Soziologe Prof. Dr. Uwe Vormbusch, der Soziologe Oliver Dziemba und die beiden Sportwissenschaftler Dr. Stefanie Duttweiler und Prof. Dr. Robert Gugutzer. In der soeben erschienenen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins dreht sich alles um das Thema „Messen und Vermessen.“

Vormbusch betrachtet das Thema aus einer übergeordneten, auch historischen Perspektive, beschäftigt sich aber zudem mit der aktuellen Situation – „mit dem Mythos der kalkulatorischen Beherrschbarkeit der Welt“. Der Soziologe schreibt: „Zahlen verführen und suggerieren Sicherheit in einer Welt, die sich – obgleich modern – gerade deshalb durch den radikalen Verlust an Handlungssicherheit auszeichnet.“ Ein „need for certainty“ („Bedürfnis nach Gewissheit“) ist auch durch noch so ausgefeilten Zahlengebrauch nicht zu befriedigen, wie Vormbusch an verschiedenen Beispielen illustriert. Selbstvermesser (self-tracker) verbinden nach Vormbusch zwei gegenläufige Entwicklungen der Moderne: die Freisetzung des Subjekts aus traditionalen Bindungen und die Kontrolle von Leistungs- und Lebensprozessen mit organisierter Zahlenwelten.

Der Soziologe, der fast zehn Jahre am Institut für Sozialforschung in Frankfurt gearbeitet hat und seit 2012 Professor an der FernUniversität in Hagen ist, wird in einem Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft unter anderem untersuchen, welcher Zusammenhang zwischen dem individuelle Sich-Vermessen als ein alltägliches Kulturphänomen einerseits und den entgrenzten Leistungsanforderungen  und den entstehenden Massenmärkten für Selbstvermessungsprodukte andererseits besteht.

Auch Oliver Dziemba greift die Anforderungen der „gemessenen Leistungsgesellschaft“ auf. Der Soziologe und Berater für digitalen Wandel beobachtet, dass sich der Mensch im Zeitalter der Digitalisierung vom einfachen Zuschauer und Nutzer zu einer aktiven Schnittstelle in der digitalen Welt entwickelt. Selbstkontrolle und -optimierung lassen sich dadurch inzwischen viel einfacher und effizienter erreichen. Dazu Dziemba: „Mit marktgängigen Smartphones, Tablets und immer häufiger speziellen Wearables wie Uhren, Brillen, Armbändern ist es möglich, jede noch so kleine Bewegung des Körpers, jede Eigenschaft, jede Handlung, sogar Ruhezustände und Gefühle lückenlos zu überwachen und digital festzuhalten oder – wie es passender heißt – zu tracken.“

Mit diesen Tools der digitalen Welt können alle möglichen Funktionen und Befindlichkeiten des Körpers gemessen werden. So lassen sich zu Fähigkeiten, aber auch Schwächen, Gefühlslagen und Gewohnheiten Daten sammeln, auswerten und – bei Bedarf und Wille – auch optimieren. Cross-Analysen, bei denen alle Daten automatisch zusammengeführt und zueinander in Beziehung gesetzt werden, sind auf dem Markt auf dem Vormarsch.

Doch wollen die Self-Tracker eigentlich diese gebündelten Infos überhaupt präsentiert bekommen? Die beiden Frankfurter Sportwissenschaftler Dr. Stefanie Duttweiler und Prof. Dr. Robert Gugutzer verweisen in ihrem Beitrag auf erste empirische Studien, die Zweifel aufkommen lassen. So hat bereits die Hälfte der Amerikaner, die sich einen Fitness- und Activity-Tracker gekauft hat, das hoch technisierte Gerät schon wieder ausrangiert. Außerdem unterwerfen sich Self-Tracker offensichtlich nicht pauschal den ermittelten Daten, sondern wählen bewusst aus, was gemessen werden soll und was nicht. Dazu schreiben die Wissenschaftler mit Bezug auf eine Studie der französischen Ethnologin Anne-Sylvie Pharabod: „Man suspendiert, was zu deprimierend ist, man misst nur das Positive, man mogelt.“

Auch eine explorative Studie, bei der Duttweiler in diesem Jahr 63 Studierende der Sportwissenschaften an der Goethe-Universität schriftlich befragt hat, deutet darauf hin, dass die „Quantified-Self-Ideologie“ weniger verbreitet ist, als vermutet: Nur 60 Prozent vermessen sich selbst. Ein großer Teil nutzt Puls-, Stopp- und Armbanduhren, einige lediglich Stift und Papier und nur 25 Prozent nutzen eine App. Als Gründe geben sie an: Verbesserung, Überprüfung und Vergleich der eigenen Leistung beziehungsweise einzelner Parameter sowie bloßes Interesse an den Daten. Die Autoren kommen zu dem Schluss: „Die Untersuchungsergebnisse zeichnen damit das Bild einer Praktik, die weder irrational und entfremdet, noch banal und nebensächlich ist, vielmehr tangieren die Prozesse der Selbstvermessung und die Auseinandersetzung mit den gewonnenen Daten die Frage nach der eigenen Identität, und zwar nicht nur der Identität als Sportler. Auf dem Spiel stehen gleichermaßen die (Selbst-)Verortung in einer Gemeinschaft, die Anerkennung durch andere, der eigene Zukunftsentwurf sowie das Gefühl der eigenen Handlungsmacht.“

Einige weitere Themen dieses Hefts zu „Messen und Vermessen“: 

  • Facetten der Vermessenheit (Prof. Dr. Martin Seel)
  • Ist Früherkennung im Finanzsektor möglich?
  • Erklärungsversuche: warum die Noten immer besser werden
  • Streitgespräch mit den Bildungsforscher Prof. Dr. Andreas Gruschka und Dr. Eckhard Klieme
  •  Spurenanalytik: 1,4 Dioxan im Main (Prof. Dr. Wilhelm Püttmann)
  • Seltene Erkrankungen: Scharfsinn schlägt Intuition (Dr. Anne Hardy)
  • Gravitationswellen: Schon bald messbar? (Prof. Dr. Luciano Rezzolla)

Die aktuelle Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ kann kostenlos bestellt werden: ott@pvw.uni-frankfurt.de. Im Internet steht sie unter: www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de.