Übergänge begleiten

Zehn Jahre FFM-Praxisprojekt

Veröffentlicht am: Montag, 01. Juni 2015, 14:30 Uhr (156)

FRANKFURT. Rund 600 Kinder und Jugendliche kommen jedes Jahr als „Seiteneinsteiger“ an Frankfurter Schulen, darunter viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Die meisten von ihnen verfügen über keine oder nur geringe Deutschkenntnisse. Seit zehn Jahren unterstützen Lehramtsstudierende im FFM-Praxisprojekt der Goethe-Universität die Seiteneinsteiger beim Übergang in weiterführende Schulen und Arbeitswelt. Bislang wurden über 1.000 Kinder und Jugendliche gefördert.

Bildungschancen sind Lebenschancen – das weiß niemand besser als Rainer Götzelmann. Seit 2011 leitet er das Aufnahme- und Beratungszentrum für Seiteneinsteiger im Staatlichen Schulamt in Frankfurt (ABZ). Es vermittelt Kinder und Jugendliche, die neu in Frankfurt sind, an geeignete Schulen mit speziellen Förderungsmöglichkeiten und Hilfsangeboten. „Die jungen Migrantinnen und Migranten stehen vor großen Herausforderungen, wenn sie den Einstieg in das deutsche Bildungssystem finden wollen“, sagt Götzelmann. „Sie müssen sich nicht nur an ein fremdes Umfeld gewöhnen, sondern auch sprachliche Sicherheit gewinnen, um richtig anzukommen.“ Traumatische Erlebnisse von Kindern und Jugendlichen aus Kriegs- und Krisengebieten belasten den Schulalltag zusätzlich. „Besonders beim Übergang zu weiterführenden Schulen oder beim Einstieg in die Arbeitswelt ist eine intensive und individuelle Betreuung nötig“, betont Götzelmann.

Seit zehn Jahren im Einsatz für benachteiligte Schülerinnen und Schüler in Frankfurt

Weichen für erfolgreiche Bildungskarrieren und Integration stellt das FFM-Praxisprojekt der Goethe-Universität Frankfurt in Kooperation mit den Frankfurter Schulämtern. Seit 2005 bieten Lehramtsstudierende und Studierende der Erziehungswissenschaften pädagogische Begleitung und Förderung an bildungs- und berufsentscheidenden Schnittstellen. Im aktuellen Schuljahr sind rund fünfzig Studenten an sieben Frankfurter Schulen im Einsatz. Fünfzehn von ihnen unterstützen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Die Crespo Foundation, die Peter Fuld Stiftung, die randstad stiftung und die Stiftung Citoyen fördern das Mentoring-Projekt in der aktuellen Projektphase seit 2014.

Alltagsbegleitung steht im Vordergrund

Zweimal pro Woche treffen sich Studierende und Schüler. Neben Nachhilfe in Deutsch oder Mathematik und der gezielten Vorbereitung auf Abschlussprüfungen steht die Alltagsbegleitung im Vordergrund. Die Studierenden sind Ansprechpartner bei persönlichen Problemen, beraten zu schulischen oder beruflichen Perspektiven und stehen bei der Bewältigung und Strukturierung des Alltags zur Seite. Das FFM-Praxisprojekt bietet zudem Raum für gemeinsame Freizeitaktivitäten: „Wenn wir gemeinsam Kekse backen und dabei Vokabeln lernen, hat das einen großen Effekt. Ich bin mir sicher, dass sie beim nächsten Mal immer noch wissen, was ein ‚Blech‘ oder ‚Backpulver‘ ist“, berichtet Ines Peters, Studentin der Erziehungswissenschaften. Seit dem Schuljahr 2014/2015 arbeitet sie mit Seiteneinsteigern an der Carlo-Mierendorff-Schule.

Orientierung und Halt für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Insbesondere für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ist die emotionale Unterstützung wichtig. „Ihre innere Sicherheit ist auf der Flucht oft beschädigt oder verloren gegangen“, sagt Dr. Robert Bernhardt, pädagogischer Leiter des FFM-Praxisprojekts an der Goethe-Universität. „Oft wissen die Kinder nicht, wo sich ihre Eltern aufhalten. Sie haben Brüche hinter sich, die möglicherweise nicht mehr zusammenwachsen.“ Die Studierenden werden zu Bezugspersonen, die mit den Schülern über Zukunfts- oder Versagensängste sprechen, ihnen Halt und Orientierung geben, auch wenn sie nicht alle Probleme lösen können. „Schon Zuhören hilft“, berichtet Projektteilnehmerin Ines Peters.

Begegnung mit unterschiedlichen Lebenswelten
Für mindestens ein Schuljahr bringen sich die Studierenden in das FFM-Praxisprojekt ein. Unterstützung erhalten die angehenden Pädagogen in regelmäßigen Seminaren der Didaktischen Werkstatt an der Goethe-Universität. Die Begegnung mit unterschiedlichen Lebenswelten steht dabei im Fokus: „Wir wollen unsere Studierenden auf die interkulturellen Herausforderungen ihres künftigen Berufsalltags bestmöglich vorbereiten“, sagt Dr. Robert Bernhardt. „Interkulturelles Lernen sollte grundsätzlich ein Bestandteil der Lehrerausbildung in Deutschland werden.“

Alle Projektpartner des FFM-Praxisprojekts im Überblick

Aufnahme- und Beratungszentrum für Seiteneinsteiger (ABZ)

Das ABZ arbeitet für den großen Bereich der Integration von Schülerinnen und Schülern anderer Herkunftssprachen. Seine Kernaufgaben spiegeln sich bereits in seinem Namen wider: Kinder und Jugendliche aus anderen Ländern werden nach eingehender Beratung in unser Schulsystem aufgenommen und einer geeigneten Schule mit speziellen Förderungsmöglichkeiten und Hilfsangeboten zugewiesen. Das ABZ ist eine Einrichtung des Staatlichen Schulamts für die Stadt Frankfurt.

Didaktische Werkstatt / Goethe-Universität

Die Arbeitsstelle für Diversität und Unterrichtsentwicklung – Didaktische Werkstatt ist eine Einrichtung des Fachbereichs Erziehungswissenschaften in Kooperation mit dem Hessischen Kultusministerium. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, einen Beitrag zur Professionalisierung von Studierenden, Lehrkräften und Lehrkräften im Vorbereitungsdienst im Umgang mit Heterogenität zu leisten und versteht sich als ein Bindeglied zwischen den Phasen der Lehrerbildung.

Die Goethe-Universität ist eine forschungsstarke Hochschule in der europäischen Finanzmetropole Frankfurt. 1914 gegründet mit rein privaten Mitteln von freiheitlich orientierten Frankfurter Bürgerinnen und Bürgern fühlt sie sich als Bürgeruniversität bis heute dem Motto "Wissenschaft für die Gesellschaft" in Forschung und Lehre verpflichtet. Viele der Frauen und Männer der ersten Stunde waren jüdische Stifter. In den letzten 100 Jahren hat die Goethe-Universität Pionierleistungen erbracht auf den Feldern der Sozial-, Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften, Chemie, Quantenphysik, Hirnforschung und Arbeitsrecht. Am 1. Januar 2008 gewann sie mit der Rückkehr zu ihren historischen Wurzeln als Stiftungsuniversität ein einzigartiges Maß an Eigenständigkeit. Heute ist sie eine der zehn drittmittelstärksten und drei größten Universitäten Deutschlands mit drei Exzellenzclustern in Medizin, Lebenswissenschaften sowie Geisteswissenschaften."

Crespo Foundation

Menschen stark machen! So lautet das Leitmotiv der Crespo Foundation. Sie sieht ihre Aufgabe darin, Menschen in den entscheidenden Phasen ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu fördern und sie dazu zu motivieren, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. So hilft sie Kindern bei der Entfaltung ihrer Potentiale und fördert Jugendliche und junge Erwachsene, die ein Ziel vor Augen haben und bereit sind, sich mutig und engagiert dafür einzusetzen.

Peter Fuld Stiftung

Unter ihrer Herkunft zu leiden, haben zahllose Kinder und Jugendliche in Deutschland. Migrationsbewegungen und Flüchtlingsströme bringen Kinder und Jugendliche in unser Land, die nur dann eine gerechte Chance in unserer Gesellschaft erhalten, wenn sie eine angemessene Ausbildung wahrnehmen können. Da meist die finanziellen Mittel hierzu fehlen und der Staat überfordert ist, versucht die Peter Fuld Stiftung insbesondere hier mit Stipendien und der Finanzierung von Förderunterricht zu helfen.

randstad stiftung

Die 2005 gegründete gemeinnützige randstad stiftung versteht sich als Wegbereiter und Wegbegleiter für die Akteure der Lern- und Arbeitswelt. Sie setzt sich in ihren Förderprojekten dafür ein, dass Menschen und Organisationen Veränderungen in der Lern- und Arbeitswelt erkennen, verstehen und nachhaltig in konstruktive Handlungen umsetzen können.

Stiftung Citoyen

Der Name der Stiftung steht für den aktiven Bürger. Ihr Anliegen ist es, Menschen zu ermutigen, aktiv und eigenverantwortlich am Gemeinwesen teilzunehmen und dieses mitzugestalten. Die Stiftung CITOYEN entwickelt neue Ideen und ruft eigene Projekte ins Leben. Sie fördert auch  Vorhaben und Ideen anderer Einrichtungen oder aktiver Gruppen. Sie greift Ideen auf, die Menschen zur Beteiligung an gemeinnützigen Aufgaben motivieren. Sie unterstützt solche Aktivitäten, die Hilfe zur Selbsthilfe geben.

Kontakt FFM-Praxisprojekt

Dr. Robert Bernhardt| Institut für Sonderpädagogik | Fachbereich Erziehungswissenschaften| Goethe-Universität Frankfurt | T 069/ 798-36364 | E-Mail: r.bernhardt@em.uni-frankfurt.de

Pressekontakt: Dr. Laila Nissen | T 0179/9531662 |E-Mail: laila.nissen@gmx.de, Abdruck honorarfrei mit der Bitte um Zusendung eines Beleges. 

Übergänge begleiten – Zehn Jahre FFM-Praxisprojekt // Fact-Sheet

Projektbeschreibung

In den Pädagogischen Praxisprojekten der Goethe-Universität fördern Studierende unterschiedliche Schülergruppen für mindestens ein Schuljahr. Das FFM-Praxisprojekt unterstützt Schülerinnen und Schüler beim Übergang zur weiterführenden Schule und zur Arbeitswelt. Auch die Alltagsbegleitung unbegleiteter Kinder und Jugendlicher aus Kriegs- und Krisengebieten ist Teil des Projekts. Das FFM-Praxisprojekt will insbesondere jungen Migrantinnen und Migranten das Ankommen in Deutschland erleichtern, steht darüber hinaus aber auch anderen sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen offen.

Weitere Informationen: https://www.uni-frankfurt.de/50294336/Fluechtlingsprojekt2

Projektstart: 2005

Anzahl der geförderten SchülerInnen seit 2005: 1.007

Teilnehmende Studierende seit 2005: 385

Teilnehmende Schulen seit 2005: 32

Aktuelles Fördervolumen: 210.000 € für die Jahre 2013-2016

Kooperations- und Förderpartner seit 2005:
(hervorgehoben sind die Partner, die aktuell am FFM-Praxisprojekt mitwirken)

Stadt Frankfurt am Main/Stadtschulamt, Staatliches Schulamt für die Stadt Frankfurt am Main, randstad stiftung, Peter Fuld Stiftung, Stiftung Citoyen, Crespo Foundation, Gemeinnützige Hertie Stiftung, Stiftung Mercator.

Kontaktadresse:

Dr. Robert Bernhardt
Pädagogischer Leiter der Praxisprojekte
Institut für Sonderpädagogik
Fachbereich Erziehungswissenschaften
Universität Frankfurt a.M.
Campus Westend
Theodor-W.-Adorno-Platz 6
60323 Frankfurt
PEG-Gebäude, Raum 4G.047

Tel.: 069/798-36364
E-Mail: R.Bernhardt@em.uni-frankfurt.de

 

Die 32 beteiligten Schulen von 2005 bis 2015:
(hervorgehoben sind die Schulen, die aktuell am FFM-Praxisprojekt mitwirken)

Grundschulen:

Hellerhofschule
Albrecht-Dürer-Schule
Riedhof Schule
Uhland Schule
Käthe-Kollwitz-Schule
Robert-Blum-Schule
Theobald-Ziegler-Schule
Liesel-Oestreicher-Schule
Ackermannschule
Münzenbergerschule
Freiligrathschule
Erich-Kästner-Schule
Fridtjof-Nansen-Schule
Henri-Dunant-Schule
Grund- und Hauptschulen:
Adolf-Reichwein-Schule
Hostato Schule
Ludwig Richter Schule

Haupt/Realschulen:
Falkschule
Michael-Ende-Schule
Sophienschule
Eduard-Spranger-Schule
Geschwister Scholl Schule

 

Gesamtschulen:
Paul-Hindemith-Schule
IGS West
Georg-August-Zinn-Schule
Carlo-Mierendorff-Schule
Heinrich-Kraft-Schule
Georg Büchner Schule

Förderschulen:
Bürgermeister-Grimm-Schule     
Charles-Hallgarten Schule

Berufliche Schulen:
Wilhelm Merton Schule
Philipp Holzmann Schule