Pionier der Universitätshistorie

Früherer Rektor der Goethe-Universität, Prof. Walter Rüegg, im Alter von 97 Jahren gestorben

Veröffentlicht am: Mittwoch, 13. Mai 2015, 15:55 Uhr (127)

FRANKFURT. Walter Rüegg ist tot. Wie die Goethe-Universität erst jetzt erfuhr, starb ihr früherer Universitätsrektor am 29. April im Alter von 97 Jahren.

1961 war der Schweizer Rüegg auf eine ordentliche Professur für Soziologie an die Wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Fakultät berufen worden: „Der Kontakt zu Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, die am benachbarten Institut für Sozialforschung wirkten, blieb distanziert“, schreibt die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) am 5. Mai 2015 in einem Nachruf. „Die offene Konfrontation zwischen einer bürgerlichen Gesellschaftslehre und einer marxistischen Soziologie vermied Walter Rüegg“.

Vielleicht war es auch dieses Bedürfnis nach Ausgleich zwischen Extrempositionen, das ihn in den sehr bewegten Jahren zwischen 1965 und 1970 als Rektor der Goethe-Universität Frankfurt wählbar machte. Wenig später (1967/68) versuchte er, als Präsident der Westdeutschen Rektorenkonferenz hochschulpolitische Reformen zu initiieren: Auch in diesem anspruchsvollen Amt „vertraute der am humanistischen Ideal Geschulte auf die Kraft des Dialogs“, so die NZZ.

Früh hatte sich Rüegg als Wissenschafts- und Bildungshistoriker profiliert.  Mit seiner Arbeit „Geschichte der Geisteswissenschaften unter besonderer Berücksichtigung des Humanismus“ erhielt er 1950 die Lehrbefugnis an der Universität Zürich – ein Thema, das er sehr viel später wieder aufgreift und zur Vollendung führt: Unter seinen Werken sticht die vierbändige «Geschichte der Universität in Europa» heraus (1993–2010) heraus.

In einem Interview aus dem Jahr 2008 bekannte Rüegg, der in der Fachwelt als ein Pionier der Universitätshistorie gilt, er habe mit seiner Universitätsgeschichte auch mit Legenden aufräumen wollen, die sich um abendländische Universitätsgründungen ranken: „Der Forschungsbereich „Universitätsgeschichte“ etablierte sich erst im letzten Halbjahrhundert  als eigenes Fach und räumte mit früheren Legenden auf. Die Universität Bologna hat 1888 ihre Gründung im Jahre 1088 regelrecht erfunden. Man fand in einem mittelalterlichen  Dokument, dass gegen Ende des 11. Jahrhunderts  zwei Juristen in Bologna lehrten, und nahm  das als Beweis für die Existenz einer Art Universität. Für das Datum gab es allerdings keinerlei Belege. Aber schon im Mittelalter konstruierten Universitäten ihre Gründungsgeschichte, um zu beweisen, dass es sich um keine moderne Einrichtung handelte, sondern dass sie bereits in einer Tradition stand: so behauptete man etwa in Paris, Karl der Große habe sie eingerichtet oder in Oxford Alfred der Große“, so Rüegg.

„Mit Walter Rüegg verlieren wir einen Hochschulreformer, der schon Mitte der 1960er Jahre mehr universitäre Eigenverantwortung forderte und sie - gemeinsam mit der Hessischen Rektorenkonferenz - auch erreichte. Und wir verdanken ihm ein neues Forschungsgebiet: die universitätshistorische Forschung“, sagte Universitätspräsidentin Prof. Birgitta Wolff. „Er hat der Goethe-Universität in entscheidenden Jahren ihrer Entwicklung viel gegeben. Dafür sind wir ihm sehr dankbar.“