Gelernt, mit dem Streik umzugehen

Die Deutschen reagieren bislang gelassen auf den Streik der GDL. Aber ein Einverständnis mit den Zielen der Gewerkschaft lässt sich daraus nicht ableiten, so der Politikwissenschaftler Claudius Wagemann

Veröffentlicht am: Freitag, 08. Mai 2015, 15:47 Uhr (122)

FRANKFURT. Der sechstägige Streik der Gewerkschaft der Lokführer (GDL) legt noch bis kommenden Sonntag weite Teile des Personen- und Güterverkehrs in Deutschland lahm. Der Politikwissenschaftler Prof. Claudius Wagemann zeigt sich aber überrascht vom Umgang der Bevölkerung mit der Ausnahmesituation: „Die Deutschen, die an sich nicht sehr streikerfahren sind, gehen damit recht gelassen um.“ Allerdings sei mit dem bereits achten Streik dieser Art die traditionelle „Gewerkschaftsfreundlichkeit“ der Mehrheit der Bevölkerung an ihre Grenze gekommen. „Ich glaube nicht, dass der Protest von der breiten Bevölkerung noch ernst genommen wird.“

Interessant findet Wagemann, dass der GDL-Streik extrem personalisiert sei; Gewerkschaftschef Weselsky polarisiere die Öffentlichkeit. Hingegen sei die Diskussion um den Streik der Pilotenvereinigung Cockpit mit wesentlich weniger Polemik geführt worden. „Cockpit hat eben keinen Weselsky an der Spitze“, so Wagemann. Er bestätigt ferner die Analyse vieler Beobachter, dass sich hinter dem aktuellen Streik der Lokführer ein weitreichenderer Konflikt verberge, nämlich der um das geplante Tarifeinheitsgesetz. Die GDL befinde sich im Kampf gegen das Gesetz in einem strategischen Dilemma: Mit ihrem aktuellen Streik, der die Macht einer vergleichsweise kleinen Gewerkschaft  vor Augen führe, mache sie das Zustandekommen des Gesetzes eher noch wahrscheinlicher. Andererseits müsse sie sich aus Gründen des Selbsterhalts dagegen wehren.

Wagemann hebt aber hervor, dass die GDL mit ihrem Streik durchaus ein Zeichen setze gegen neoliberale Tendenzen in Wirtschaft und Gesellschaft. „Sie bricht mit ihrem Streik verkrustete Strukturen auf. Eine Monopolgewerkschaft wie der DGB steht dagegen solchen  Streikformen eher ablehnend gegenüber, weil man die Zersplitterung der Gewerkschaftsfront und damit verbunden den eigenen Machtverlust fürchtet.“

Der Politikwissenschaftler verortet den Konflikt in einem grundsätzlichen gesellschaftlichen Wandel: Er spricht von einer „institutionellen Sklerosis“. Parteien, Gewerkschaften und Verbände verlören zunehmend Mitglieder und büßten Zustimmung seitens der Gesellschaft ein. Neue Formen des Protestes und der Beteiligung träten auf den Plan. „Bewegungen wie Blockupy, die besonders junge Leute über Social Media ansprechen, füllen gewissermaßen dieses Vakuum.“ Besonders die Gewerkschaften drohten den Anschluss zu verlieren, indem sie große gesellschaftliche Debatten über die Zukunft der Gesellschaft jenseits von Kapitalismus und Sozialismus den neuen Protestkulturen überließen.

Kontakt: Prof. Dr. Claudius Wagemann, Professur für Gesellschaftswissenschaften, Schwerpunkt Methoden der Qualitativen Empirischen Sozialforschung, Institut für Politikwissenschaft. Tel. (069) 069/798-36647;  methoden-qualitativ@soz.uni-frankfurt.de