Ein tiefer Blick in die Zelle

Strukturbiochemiker Wolfgang Baumeister ist diesjähriger Rolf-Sammet-Professor

Veröffentlicht am: Mittwoch, 29. April 2015, 16:48 Uhr (109)

FRANKFURT. Wolfgang Baumeister vom Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried bei München ist diesjähriger Rolf-Sammet-Stiftungsgastprofessor an der Goethe-Universität. Der Pionier der Kryo-Elektronentomographie hält zum Auftakt seiner Vorlesungsreihe am 4. Mai einen allgemein verständlichen Vortrag zur „Renaissance der Elektronenmikroskopie“. Er erklärt, warum anfängliche Untersuchungen an biologischem Material in den sechziger Jahren scheiterten und welche methodischen Fortschritte notwendig waren, um heute molekulare Komplexe und Zellorganellen erforschen zu könne. Interessierte Bürgerinnen und Bürger, Schülerinnen und Schüler sind zu dem Vortrag herzlich eingeladen.

Was?  Vortrag zur Renaissance der Elektronenmikroskopie
Wann? 4. Mai um 17:00 Uhr
Wo? Hörsaal B1 des Biozentrums auf dem Campus Riedberg

Wolfgang Baumeister hat ein Verfahren entwickelt, Zellbestandteile blitzschnell auf fast -270 Grad Celsius abzukühlen ohne sie dabei zu zerstören. Elektronen durchleuchten dann scheibchenweise die gefrorenen Strukturen, die per Computer zu einem dreidimensionalen Bild zusammengesetzt werden. Die entstehen Aufnahmen von Objekten, die nur wenige Nanometer groß sind, erreichen eine bis dahin unbekannte Qualität. 2007 gelang auf diese Weise zum ersten Mal die Untersuchung eines kompletten einzelligen Lebewesens mit Zellkern und Zellmembran. In Verbindung mit weiteren biophysikalischen Methoden verfeinerte Baumeister die Methodik, die nun tiefe Blicke in die Zelle gewährt: Zellmembranen und Zellporen werden sichtbar, synaptische Proteinkomplexe bei der Kommunikation von Nervenzelle zu Nervenzelle und Wechselwirkungen innerhalb supramolekularer Komplexe, die den Proteinhaushalt kontrollieren.

Indem Wolfgang Baumeister die toxischen Proteinaggregate bei neurodegenerativen Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson untersucht, leistet er zudem wertvolle Beiträge für die medizinische Forschung. In seinen Abbildungen des Proteosoms, einer gigantischen Zellmaschinerie für die Qualitätskontrolle von Proteinen, lassen sich therapeutische Ansätze zur Behandlung bestimmter Krebserkrankungen finden.

Wie mikrobielle Schädlinge sich innerhalb ihrer Wirtszellen entlang des Zytoskeletts bewegen, erklärt Wolfgang Baumeister am 5. Mai um 18:15 Uhr auf dem Campus Niederrad für Mediziner. Schnappschüsse von Molekülnetzwerken und anderen biologischen Strukturen zu gewinnen, und sie dabei unverfälscht zu präsentieren, ist das Thema am Mittwoch, 6. Mai um 17:00 Uhr auf dem Campus Riedberg. Praktische Aspekte werden am 7. Mai um 10:00 Uhr auf dem Campus Riedberg erläutert. Dabei können Studenten lernen, wie man sich den „Ultrastrukturen einer Zelle“ im Labor nähert. Mit einer wissenschaftlichen Highlight-Vorlesung am Freitag, 8. Mai 2015 um 16:00 Uhr, endet die intensive Woche in Frankfurt.

Wolfgang Baumeister studierte Biologie, Chemie und Physik an den Universitäten in Münster und Bonn. Nach seiner Promotion an der Universität Düsseldorf habilitierte er sich in Biophysik. Ein Heisenberg-Stipendium ermöglichte ihm einen Forschungsaufenthalt am Cavendish Laboratorium in Cambridge, England. Er hatte Professuren an der Universität Düsseldorf und der Technischen Universität München inne, bevor er 1988 den Ruf an das Max Planck-Institut für Biochemie in Martinsried annahm. Für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Elektronenmikroskopie hat er 30 renommierte Forschungspreise erhalten; in den vergangenen 15 Jahren zunehmend aus dem Ausland.

Die Rolf-Sammet-Gastprofessur zählt zu den ältesten Gastprofessuren an der Goethe-Universität und wird heute vom Rolf Sammet-Fonds der Aventis Foundation in Zusammenarbeit mit der Goethe-Universität vergeben. Jedes Jahr wird ein international renommierter Wissenschaftler auf dem Gebiet der Chemie/Biochemie nach Frankfurt eingeladen, um sein Forschungsgebiet und seine aktuellen Arbeitsschwerpunkte in kompakter Form vorzustellen. Neben Vorlesungen, Seminar- und Laborbesuchen gehören dabei auch öffentliche Vorträge an der Universität Frankfurt zum Programm. Von den 29 bisherigen Preisträgern haben 10 inzwischen den Nobelpreis in Chemie oder Medizin erhalten.

Informationen: Prof. Harald Schwalbe, Institut für Organische Chemie und Chemische Biologie, Campus Riedberg, Tel.: (069)-798-29737, schwalbe@nmr.uni-frankfurt.de.