Bilanz einer Präsidentschaft

Universitätspräsident Prof. Werner Müller-Esterl verabschiedet sich nach sechs Jahren Amtszeit

Veröffentlicht am: Freitag, 05. Dezember 2014, 13:54 Uhr (360)

FRANKFURT. Der Präsident der Goethe-Universität, Professor Werner Müller-Esterl, zieht zum Ende seiner Amtszeit eine positive Bilanz: „Die Goethe-Universität hat sich in den letzten Jahren ausgezeichnet entwickelt“, sagte er am Freitag bei einer Pressekonferenz in Frankfurt. Im Jahr 2009 sei er mit der Vision angetreten,

  • die damals gerade errungene Autonomie der Goethe-Universität inhaltlich auszugestalten und politisch wetterfest zu machen,
  • die Forschungsleistung und thematische Profilierung der Goethe-Universität entschieden voranzutreiben,
  • eine offensivere Berufungspolitik und wissenschaftliche Nachwuchsförderung zu betreiben,
  • den politischen und institutionellen Stellenwert der Goethe-Universität im Vergleich mit den besten deutschen Universitäten sichtbarer werden zu lassen,
  • die Qualität der Lehre zu steigern und die Schwächen der Bologna-Reform zu lindern,
  • den Kontakt mit der Frankfurter Bürgergesellschaft weiter auszubauen,
  • einen sachorientierten Dialog mit den Studierenden zu pflegen und
  • der grundlegenden baulichen Erneuerung der Goethe-Universität eine belastbare Perspektive über das Jahr 2020 hinaus zu geben.

„Nach sechs Jahren lautet mein Fazit: Wir haben diese Ziele gemeinsam erreicht! Die Goethe-Universität hat in den wichtigsten Belangen große Schritte nach vorne gemacht. Dafür möchte ich mich vor allem bei den vielen Mitstreitern aus Wissenschaft, Administration, Studierendenschaft, Bürgerschaft und Politik bedanken, die mich in diesen sechs Jahren mit Rat und Tat begleitet haben. Ich habe es als große Ehre empfunden, dass ich die Entwicklung der Goethe-Universität in dieser Zeit entscheidend mitprägen konnte. Ich wünsche meiner Nachfolgerin, Frau Birgitta Wolff, alles Gute!“

Wissenschaftsminister Boris Rhein würdigte die Arbeit des Präsidenten: „Ich danke Professor Müller-Esterl für seine geleistete Arbeit in den vergangenen Jahren. Er hat sich immer mit viel Engagement für die Goethe-Universität eingesetzt und hinterlässt seiner Nachfolgerin ein gut bestelltes Haus. Müller-Esterl hat mit großem persönlichem Einsatz die Goethe-Uni geprägt und sie zu einem Flaggschiff der deutschen Hochschulen ausgebaut. Ich freue mich sehr, dass die Landesregierung, die die Stiftungsuniversität zum überwiegenden Teil finanziert, zu dieser positiven Bilanz beitragen konnte. Beispielsweise mit den vielen Millionen Euro die aus dem Hochschulbauprogramm Heureka in die Neugestaltung des Campus Westend geflossen sind. Mit dem neuen Hochschulfinanzierungspaket und der daraus resultierenden großzügigen Erhöhung des Grundbudgets, setzt das Land Hessen - auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten - abermals die nötigen Rahmenbedingungen für die Hochschulen, um auch in Zukunft exzellentes leisten zu können.“

Forschung/Drittmittel: Besondere Fortschritte sieht Müller-Esterl in der wissenschaftlichen Schwerpunktbildung: „Wir haben alle drei Exzellenz-Cluster in der zweiten Runde der Exzellenzinitiative gegen starke Konkurrenz verteidigt und damit weitere 70 Mio. € an Forschungsförderung nach Frankfurt holen können.“ Heute verfüge die GU über elf national und international sichtbare Forschungsschwerpunkte in Finanzmarkt-, Biodiversitäts- und Klima-, Herz-Kreislauf- und Krebsforschung, Translationale Medizin, Zell- und Gentherapie, Neurowissenschaften, Strukturbiologie, Gerechtigkeitsforschung, frühkindliche Entwicklung, Schwerionenforschung; hinzu komme der Bau von energieeffizienten Hochleistungsrechnern. Diese Stärke habe sich erst in der letzten Woche wieder gezeigt: Ein an der Goethe-Universität entwickelter Großrechner weise erstmals die weltweit höchste Energieeffizienz aller Computer auf. Auch die Vernetzung mit bestehenden bzw. die Ansiedlung neuer außeruniversitärer Forschungseinrichtungen auf den Campi der Goethe-Universität seien erheblich vorangekommen: So versammelten sich um die Goethe-Universität inzwischen ein Dutzend renommierter außeruniversitärer Forschungsinstitute, mit denen ebenfalls intensive Kooperationen bestünden. Mit einem Drittmittelvolumen von 173 Millionen € (2013) sei die Goethe-Universität unter den großen deutschen Volluniversitäten in einer sehr guten Position. Dass insbesondere die Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)während seiner Amtszeit um fast 50 % gestiegen ist, sieht Müller-Esterl mit großer Genugtuung. Als besonders drittmittelstark bei der DFG-Förderung zeigten sich die Geisteswissenschaften. Mit der LOEWE-Initiative, einer Exzellenzinitiative des Landes Hessen, sei seit 2008 sogar eine Steigerung um den Faktor 15 auf heute mehr als 30 Millionen € p.a. erreicht worden: „Die Forschung der Goethe-Universität erreicht heute Spitzenleistungen in der Breite“, resümierte Müller-Esterl.

Der Präsident räumte ein, dass die Entwicklung an einigen Stellen hinter seinen Erwartungen zurückgeblieben sei: So sei das frühe Scheitern der Goethe-Universität im Wettbewerb um den Exzellenz-Titel auch für ihn persönlich eine große Enttäuschung gewesen. „Dass das dafür nötige Potenzial in der Universität nicht mobilisiert werden konnte, muss ich mir auch persönlich anrechnen lassen.“ Umso schöner sei es, dass jetzt viele der Ziele aus dem Zukunftskonzept von 2012 dank der großzügigen Förderung privater Stifter doch noch realisiert werden könnten.

Berufung/Organisation: „Zu einer national und international wettbewerbsfähigen Hochschule gehöre auch eine offensive Berufungspolitik“, sagte Müller-Esterl. „Bei der Realisierung von Spitzenberufungen haben uns insbesondere Mittel aus Erträgen der Stiftungsuniversität zusätzliche Spielräume ermöglicht – mit positiver Wirkung auf den Berufungserfolg.“ Zuletzt seien fast 85% der Neuberufungen vom 1. Listenplatz erfolgt. Die Berufungspolitik zeige auch international Wirkung: 2013 hatten 40% der neuen Professoren einen ausländischen Pass. Wegweisend unter den deutschen Universitäten sei auch das Professurenprogramm, das in den letzten beiden
Jahren 40 zusätzliche Neuberufungen ermöglicht habe. Die wissenschaftliche Nachwuchsförderung habe durch die Gründung der Graduiertenschule GRADE, in der inzwischen fast 25% aller Doktoranden organisiert seien, und durch interne, hoch dotierte Wettbewerbe für Nachwuchsforscher entscheidende Impulse erfahren. Mit der Reform der Präsidialverwaltung zu Beginn seiner Amtszeit habe er zudem eine schlagkräftige Organisation zur Umsetzung der gewünschten Ziele geschaffen, so mit dem Aufbau neuer Stabsstellen für ein professionelles Fundraising sowie Lehre und Qualitätssicherung.

Autonomie/Bauen: Der Präsident dankte dem Land Hessen und insbesondere Wissenschaftsminister Boris Rhein für die verlässliche Partnerschaft, die beträchtlichen Anstrengungen für eine bessere Finanzierung der hessischen Hochschulen und das besondere Vertrauen in die Autonomie der Goethe-Universität: „Ohne dieses Vertrauen hätte die Goethe-Universität in den vergangenen Jahren nicht zu diesen Höhenflügen in der Forschung und privaten Förderung ansetzen können. Unser Erfolg ist Ausdruck größerer Handlungsspielräume und kürzerer Entscheidungswege, aber auch Ergebnis einer gestiegenen Bereitschaft von Universitätsangehörigen, Eigenverantwortung zu übernehmen.“ Dies zeige sich insbesondere bei Bauprojekten: Nicht nur habe die Universität in jüngster Zeit bei zwei Projekten erfolgreich die Bauherrenschaft übernommen und bewiesen, dass man solche Projekte fristgerecht und kostenbewusst in Eigenregie umsetzen könne. Bei der Realisierung weiterer Vorhaben auf dem Campus Westend und dem Riedberg trete die Universität nun mit erheblichen Eigenmitteln in die Verantwortung. „Die Realisierung des dritten Bauabschnitts auf dem Campus Westend, der Bau der Mathematik und Informatik und der Einstieg in den Neubau Chemie auf dem Riedberg sind uns so wichtig, dass wir bereit sind, dafür erhebliche Eigenmittel aufzuwenden. Wir fordern also nicht nur, wir sind auch bereit, selbst Geld in die Hand zu nehmen, wenn sich dadurch Bauprojekte beschleunigen lassen“, sagte Müller-Esterl.

Strategie/politische Sichtbarkeit: Müller-Esterl betonte, dass mit dem Hochschulentwicklungsplan, dem universitären Leitbild sowie der Berufungssatzung und der Tenure Track-Richtlinie wichtige Akzente in der strategischen Hochschulentwicklung gesetzt worden seien. Auf Bundesebene habe man zudem mit dem „Frankfurter Manifest“ einen wichtigen Impuls zur engeren Kooperation von Universitäten und ihren außeruniversitären Partnern zur Förderung starker Wissenschaftsstandorte gegeben. Auch das Netzwerk German U15 – ein Zusammenschluss der 15 forschungsstärksten und größten deutschen Universitäten – sei maßgeblich von der Goethe-Universität vorangetrieben worden. In den vergangenen Jahren habe es immer wieder Gelegenheiten gegeben, sich mit politischen Statements in der überregionalen Presse zu Wort zu melden, sei es zum Fall des Kooperationsverbotes, zum Erfolg des Deutschland-Stipendiums oder auch zur Gefährdung der Hochschulautonomie am Beispiel Nordrhein-Westfalens. In öffentlichen Äußerungen habe er sich stets zu einem leistungsorientierten Wissenschaftsverständnis und einem wettbewerbsorientierten Hochschulsystem bekannt.

Lehre/Studierendenaufwuchs: Eine große Herausforderung für die Lehre sieht Müller-Esterl in der enormen Steigerung der Studierendenzahlen. Mit einem Aufwuchs von mehr als 12.000 Studierenden während seiner Amtszeit auf heute mehr als 46.500 habe die Goethe-Universität die mit Abstand größte Last aller hessischen Hochschulen geschultert und stehe damit auch bundesweit mit an der Spitze. „Wir sind unserer Verantwortung gegenüber der jungen Generation und dem Land Hessen auch hier in besonderem Maße gerecht geworden“, erklärte er; umso mehr, als zu Beginn des Jahres 2009 eine Entwicklung in dieser Größenordnung noch nicht absehbar gewesen sei. Dennoch habe sich die Goethe-Universität mit Bravour dieser Herausforderung gestellt und hier mit einer G8-Task-Force, Sofort-Baumaßnahmen, Kapazitätserweiterungen sowie dem Professurenprogramm erfolgreich gegengesteuert. Besondere Akzente zur Verbesserung der Lehre setzten dabei  die Bologna-Werkstätten sowie das mit 21 Millionen € dotierte Förderprogramm Starker Start ins Studium, mit dem die Studieneingangsphase in vielen Fachbereichen grundlegend reformiert und mehr als 50 neue Lehrkräfte eingestellt worden seien; ganz zu schweigen von den Studiengebührenersatzmittel, den QSL-Mitteln, ohne die viele gute Projekte in den Fachbereichen nicht möglich gewesen wären.

Bürgeruniversität/privates Engagement: In seiner Amtszeit sei die Vernetzung der Goethe-Universität mit Stadt und Region enger geknüpft worden. Mit dem Veranstaltungsprogramm „Bürgeruniversität“ unter der Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters und dem Aufbau verschiedener weiterer, bürgernaher Angebote habe sich die Goethe-Universität als Bildungsforum fest in Frankfurt etabliert. Skyline Symphony, ein Spitzenorchester unter Leitung des Chefdirigenten der Dresdener Philharmoniker, Michael Sanderling, bereichere das städtische Leben mit regelmäßigen Campus-Konzerten. Ein besonderer Höhepunkt sei die Gestaltung des Jubiläumsjahres mit insgesamt 120 Veranstaltungen gewesen, das komplett aus privaten Mitteln finanziert werden konnte: „Unsere Freunde in Stadt und Region haben uns im Jubiläumsjahr mit 71 Mio. Euro in beispielloser Weise finanziell unterstützt. Dies zeigt, wie vital die Stiftungsuniversität sechs Jahre nach ihrer Gründung geworden ist.“ Ein schöner Erfolg sei auch die Entwicklung des Deutschland-Stipendiums: Dank privater Stifter sei die Goethe-Universität hier deutschlandweit führend.

Dialog mit Studierendenschaft: Der Präsident erwähnte auch das kritisch-konstruktive Verhältnis zur verfassten Studierendenschaft. „Ich bin sachlichen Argumenten gegenüber stets aufgeschlossen, bleibe aber meinen Grundsätzen treu.“ Als erfreulich bezeichnete es der Präsident, dass in den letzten Jahren wieder ein sachliches Gesprächsklima entstanden sei: „In dem monatlich stattfindenden Jour-fixe haben wir trotz vorhandener Differenzen im Interesse der Studierenden viele größere und kleinere Probleme lösen können. Auch das werte ich als Erfolg. Denn am Ende geht es in einer großen Organisationen nicht um die Durchsetzung von Partikularinteressen, sondern um das gemeinsame Ringen um die besten Lösungen für die Gesamtuniversität.“

PDF-Download: Zahlen, Daten und Fakten der Amtszeit Müller-Esterl (2009-2013)