„Die Zeugen von Cahors“ – Ausstellung des Konzeptkünstlers Jochen Gerz in der Studiengalerie 1.357

Weitere Veranstaltung zum Auftakt des Wintersemester am Forschungszentrum für Historische Geisteswissenschaften: Vortrag zum „Pictorial Charters“ im Roman „Moby-Dick“

Veröffentlicht am: Freitag, 24. Oktober 2014, 15:42 Uhr (314)

FRANKFURT. Das Wintersemester am Forschungszentrum für Historische Geisteswissenschaften der Goethe-Universität startet am Mittwoch (29. Oktober) mit einer Doppelveranstaltung: Im Anschluss an den Vortrag des Weimarer Medientheoretikers Prof. Bernhard Siegert zu den „Pictorial Chapters“ aus Herman Melvilles Roman „Moby-Dick“ wird um 20 Uhr in der Studiengalerie 1.357 die Ausstellung „Jochen Gerz – Die Zeugen von Cahors (1998)“ eröffnet.

Bernhard Siegert, seit 2001 Gerd-Bucerius-Professor für Geschichte und Theorie der Kulturtechniken an der Fakultät Medien der Bauhaus-Universität Weimar, wird die sogenannten „Pictorial Chapters“ aus dem 1851 erschienenen „Moby-Dick“-Roman in den Kontext heutiger bild- und medienwissenschaftlicher bzw. wissenschaftsgeschichtlicher Diskussionen stellen. Der Vortrag „Vom Meer aus betrachtet“, der um 18 Uhr auf dem Campus Westend, im IG-Farben-Haus, Raum 411, im Rahmen der Mittwochskonferenz des Forschungszentrums für Historische Geisteswissenschaften stattfindet, beschäftigt sich mit zwei eng miteinander verbundene Operationen, die der Erzähler in den Kapiteln 55, 56, 57 vollzieht: eine Verschiebung des Sinns von Wahrheit und eine Verschiebung des Sinns von Darstellung. Diese Kapitel beleuchten die gesamte Darstellungsproblematik des Romans. Und sie belegen, dass schon der Ich-Erzähler, der Matrose Ishmael, wusste, dass das Projekt der Aufklärung, wissenschaftliche und magische Praktiken einander entgegenzusetzen, an der Wirklichkeit der Bilder vorbeigeht.

Die Ausstellung „Jochen Gerz – Die Zeugen von Cahors (1998)“ eröffnet am Mittwoch (24. Oktober) um 20 Uhr in der Studiengalerie 1.357 im IG-Farben-Haus, Campus Westend. Zu sehen ist eine Grafikserie des Konzeptkünstlers Jochen Gerz, einem der einflussreichsten politischen Künstler der Nachkriegsgeneration. Die Serie zeigt 48 schwarz-weiße Porträts von Zeitzeuginnen, aufgenommen im Jahr 1998, in der Woche vor dem Urteil gegen den Nazi-Kollaborateur und Kriegsverbrecher Maurice Papon in Bordeaux. Jochen Gerz hatte mit den 48 alten Frauen über ihre Sicht der Wahrheit gesprochen Auf seinen Porträts ist jeweils ein kurzer Ausschnitt ihrer Antworten eingedruckt.

Die auffällig unkonkreten, oft ausweichenden Sätze drehen sich um den Zusammenhang von privater und öffentlicher Wahrheit, um das Problem der Zeugenschaft bei zunehmender historischer Distanz, um die Einzelbiografie im politischen Geschehen. Und sie drehen sich um das Verhältnis der persönlichen Erinnerung zum dem damals aktuellen Prozess gegen einen der prominentesten französischen Nachkriegspolitiker, der erst sehr spät für seine Kriegsverbrechen zur Rechenschaft gezogen wurde.

Der 1940 in Berlin geborene Konzeptkünstler setzt sich in seinen Arbeiten immer wieder mit der deutschen Gedächtnispolitik auseinander. Seit den späten 1960er Jahren arbeitet er mit Installationen und Performances, Videos, Fotografien und – wie in dieser Ausstellung – mit Text/Bild-Montagen. Seine Arbeiten im öffentlichen Raum sind auf das Publikum als Mitakteur angewiesen, denn Jochen Gerz vermeidet weitgehend die Bildlichkeit dessen, was er thematisiert. „Was man nicht sieht, das muss man denken“, so seine ikonoklastische Formel. Die Arbeiten zielen auf das Vor-Bildliche und Vor-Textliche im Verhältnis zu dem, was in Text und Bild davon noch übrig bleibt.

Bei den „Zeugen von Cahors“ ist der historische Gegenstand der französische Nazi-Kollaborateur und Kriegsverbrecher Maurice Papon (1910-2007). Bildlich wie textlich abstrahieren „die Zeugen von Cahors“ aber von diesem Gegenstand. Maurice Papon war in der Vichy-Regierung ein hochrangiger Funktionär und machte nach dem Krieg politische Karriere in vielen hohen französischen Staatsämtern bis zum Amt des Finanzministers (1978-1981). Im Jahr 1998 wurde er der Verantwortung für die Festnahme und Deportation von 1560 Juden für schuldig befunden und wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu zehn Jahren Haft verurteilt; er wurde aber nach drei Jahren entlassen. Die Bild/Text-Montagen wurden zunächst an öffentliche Plakatflächen in Cahors geklebt; zehn der Porträts wurden zudem in der Tageszeitung La Dépêche du Midi und in der deutschen Ausgabe der Monde Diplomatique gedruckt.

Die Ausstellung der Studiengalerie wird gefördert von der DZ-BANK Kunstsammlung. Sie ist von Montag bis Donnerstag zwischen 12 und 17 Uhr geöffnet und läuft bis zum 5. Dezember. In der Studiengruppe „Gedächtniskultur und Bildgebrauch“ arbeiten Studierende und Lehrende verschiedener Disziplinen in enger Kooperation mit dem Städel Museum projektorientiert an der Erforschung des bildlichen Umgangs moderner Gesellschaften mit Geschichte. Die Studiengruppe stellt vier Mal im Jahr zeitgenössische Kunst in den Räumen des IG-Farben-Gebäudes aus.

nformationen: Prof. Dr. Bernhard Jussen, Historisches Seminar, Campus Westend, Tel.: 069/798-32424, jussen@em.uni-frankfurt.de; Dr. Martin Engler, Sammlungsleiter für Kunst nach 1945 am Städel Museum, Tel.: 069/605098210, engler@staedelmuseum.de; Dr. Henning Engelke, Kunsthistorisches Institut, Campus Bockenheim, Tel 069/798-23470, engelke@kunst.uni-frankfurt.de; Nicole Kreckel, Studentische Mitarbeiterin der Studiengalerie 1.357, frau.n.kreckel@stud.uni-frankfurt.de.