Pioniere der Hirnforschung

Unter den herausragenden Forschern in der hundertjährigen Geschichte der Goethe-Universität waren auch zwei Ehepaare

Veröffentlicht am: Mittwoch, 23. Juli 2014, 10:40 Uhr (230)

FRANKFURT. Die 130jährige Geschichte der Frankfurt Hirnforschung reicht noch vor die Gründung der Universität zurück. Sie beginnt 1883, als Ludwig Edinger sich  als Nervenarzt in Frankfurt niederließ und reicht bis zu Prof. Wolf Singer, einem der prominentesten Hirnforscher Deutschlands. In der Jubiläums-Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ berichten vier Wissenschaftler über bedeutende Frankfurter Hirnforscher, darunter auch zwei forschende Ehepaare.

Ludwig Edinger war ab 1903 Direktor des „Dr. Senckenbergischen Neurologischen Instituts“ – der ältesten Hirnforschungsstätte in Deutschland. Er gehörte als einziger Wissenschaftler zu den elf Unterzeichnern des Stiftungsvertrags der Universität Frankfurt. Der spanische Nobelpreisträger Ramon y Cajal bezeichnete ihn als „größte Autorität auf dem Gebiet der vergleichenden Anatomie“. Edingers Tochter Tilly gehört zu den wenigen Frauen, die in den ersten Jahrzehnten der Frankfurter Universität eine wissenschaftliche Karriere verfolgten. Das nationalsozialistische Regime zwang sie zur Emigration. Tilly Edinger begründete die Paläoneurologie, die Erforschung der Gehirne ausgestorbener Wirbeltiere. Sie gilt als Wegbereiterin des modernen Evolutionsverständnisses.

Kurt Goldstein, Nachfolger Ludwig Edingers, dem ersten Lehrstuhl für Neurologie in Deutschland, arbeitete während des Ersten Weltkriegs als Arzt im Frankfurter Lazarett für Hirnverletzte. Es gehörte mit einem Lazarett in Köln zu den ersten Einrichtungen dieser Art. Die Arbeit mit Hirnverletzten hat Kurt Goldsteins Forschungsansatz, den man heute als ganzheitliche Neurologie charakterisieren würde, stark beeinflusst. Er unterschied zwischen der  ärztlichen, der psychologisch-pädagogischen und der Arbeitsbehandlung. Sein Ziel war es, Hirnverletzte, wenn es möglich, wieder in das Arbeitsleben zu integrieren.

Eine besondere Rolle in der Geschichte der Frankfurter Hirnforschung spielten zwei Forscher-Ehepaare: Ernst und Berta Scharrer sowie Heiko und Eva Braak. Das Ehepaar Scharrer arbeitete von 1934 bis zur Emigration in die Vereinigten Staaten im Jahr 1937 am Neurologischen Institut. In den 1930er Jahren legten die beiden Forscher die Grundlage für das Konzept der Neurosekretion. Die Auffassung, dass bestimmte Nervenzellen im Gehirn Hormone produzieren, stieß zunächst auf Ablehnung. Die Scharrers ließen sich jedoch nicht beirren. Ihre Studien beruhten auf einer breiten Basis anatomischer Vergleiche. Er studierte die Wirbeltiere, während sie sich auf die Wirbellosen konzentrierte. Erst in den 1950er Jahren wurde die Theorie der Neurosekretion in Fachkreisen allgemein anerkannt.

Die Arbeiten des Ehepaars Heiko und Eva Braak reichen bis in die Gegenwart. Die beiden Hirnforscher erforschten am Dr. Senckenbergischen Institut für Anatomie wie sich die Krankheit Morbus Alzheimer im Gehirn ausbreitet. Die anatomischen Veränderungen der „Krankheit des Vergessens“ hatte der Frankfurter Arzt Alois Alzheimer erstmals 1906 beschrieben. Heiko und Eva Braak teilten die Alzheimer-Krankheit in Stadien von I bis VI ein, die inzwischen als Braak-Stadien von der WHO übernommen worden sind. Eva Braak starb im Jahr 2000; ihr Ehemann ist weiterhin als Seniorprofessor aktiv.

Informationen: Dr. Anne Hardy, Abteilung Marketing und Kommunikation, Campus Westend, Tel.: (069) 798-12498, hardy@pvw.uni-frankfurt.de.

Forschung Frankfurt im Web: www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/

Ein Probeheft von Forschung Frankfurt kann kostenlos bei Helga Ott bestellt werden unter Ott@pvw.uni-frankfurt.de.