Nach verlorenem Halbfinale: WM wird in brasilianischer Öffentlichkeit politisch ausgeschlachtet

Der brasilianische Soziologe Moisés Balestro, Gastprofessor an der Goethe-Universität, über das Turnier in seinem Land und die politische Bedeutung im bevorstehenden Präsidentschaftswahlkampf

Veröffentlicht am: Donnerstag, 10. Juli 2014, 15:53 Uhr (214)

FRANKFURT. Nach der historischen Niederlage gegen das deutsche Team: Brasilien trauert um den verpassten Einzug ins Finale. Doch welche Folgen hat der überraschende Ausgang des Spiels für eine von sozialen Konflikten geprägte Gesellschaft?, fragen viele besorgte Beobachter. „Die Bevölkerung ist sicherlich vom Ausgang des Spiels sehr enttäuscht, aber nach dem Spiel ist es vergleichsweise sehr ruhig geblieben“, betont Prof. Moisès Balestro, Soziologe der Universität Brasilia und im Augenblick Gastprofessor am Institut für Politikwissenschaft an der Goethe-Universität. In den Sozialen Medien lasse sich sogar ein humorvoller Umgang mit der Niederlage beobachten. Ein Großteil der brasilianischen Fußballfans hoffe nun auf einen Sieg der deutschen Mannschaft im Finale: „Das hat natürlich sehr stark mit der Rivalität zum Nachbarn Argentinien zu tun“, erläutert Balestro. 

Der Experte für sozio-ökonomische Veränderungen in Schwellenländern wie Brasilien beobachtet genau die Diskussion in seinem Land und analysiert die politische Stimmung nach dem Halbfinale. Während die Fußballfans das verlorene Halbfinale  vor allem unter sportlichen Gesichtspunkten betrachteten, sei der Diskurs in Medien und Politik ein anderer. „Noch in diesem Jahr wird in Brasilien eine neue Regierung gewählt“, betont Balestro. Daher versuche man, Parallelen zwischen dem Misserfolg im Sport und der Arbeit der Regierung herzustellen. Große Zeitungen wie „Folha de São“, „Estado de São Paulo“ und „O Globo“, die der Opposition nahestehen, wählten drastische Schlagzeilen wie „Schande“ oder „Demütigung“; sie deuteten die Niederlage als Alarmsignal an die amtierende Präsidentin Dilma Roussef, sagt Balestro. „Als Soziologe sehe ich darin eine Konstruktion von Wirklichkeit“, so Balestro. Die brasilianische Presse verhalte sich oft wie eine Partei und versuche massiv, auf die öffentliche Meinung einzuwirken.

Auch der Hauptoppositionskandidat Aécio Neves habe gesagt, es sei an der Zeit, Änderungen in der Seleção und der Regierung vorzunehmen. „Offiziell beteuert die Opposition, dass die WM nichts mit Politik zu tun habe, aber man versucht ganz deutlich, die Niederlage auszuschlachten“, analysiert Balestro. Demgegenüber habe die Präsidentin gefordert, dass eine große Nation wie Brasilien die Niederlage überwinden müsse. In der noch jungen demokratischen Geschichte Brasiliens, hebt Balestro hervor, gebe es keine Korrelation zwischen WM und Wahlergebnissen. So wurde Brasilien 2002 Weltmeister, aber der damals amtierende Präsident Cardoso wurde dennoch abgewählt, sein Nachfolger wurde Lula da Silva.  

Balestro unterstreicht, dass trotz vieler anderslautender Berichte die Weltmeisterschaft in der Bevölkerung eine hohe Akzeptanz genieße: „Vor der WM lag die Zustimmung gerade mal bei 51 Prozent; während des Turniers stieg diese auf über 60 Prozent.“ Brasilien sei stolz darauf, dass es eine solche Großveranstaltung erfolgreich organisieren und durchführen könne. „Unser Schriftsteller Nelson Rodriguez hat einmal von unserem ‚Straßenhund-Komplex‘ gesprochen: Brasilianer denken, dass sie andauernd alles falsch machten“, erklärt Balestro. Für das Selbstwertgefühl der Nation sei die erfolgreiche Durchführung der WM daher sehr wichtig, gerade auch angesichts der Tatsache, dass in zwei Jahren mit den Olympischen Spielen eine weitere Großveranstaltung in Brasilien stattfinde.