„Gründer, Gönner und Gelehrte“

Zwölf Bände in einem Jubiläumsschuber Biografien vermitteln Eindruck von intellektueller und wissenschaftlicher Vielfalt an der Frankfurter Universität

Veröffentlicht am: Mittwoch, 21. Mai 2014, 15:27 Uhr (145)

FRANKFURT. Die Goethe-Universität nimmt ihren 100. Geburtstag zum Anlass, sich herausragender Persönlichkeiten in ihrer Geschichte zu erinnern. In der im Frankfurter Societäts-Verlag erscheinenden Biografienreihe „Gründer, Gönner und Gelehrte“ werden Persönlichkeiten der Gründerjahre der Universität vor und nach 1914 ebenso wie die Generation des Wiederaufbaus nach 1945, aber auch Vordenker und Akteure der bildungsbewegten 1960er und 1970er Jahre porträtiert.

Bei der Präsentation des Jubiläumsschubers mit den bisher zwölf erschienenen Bänden erklärte Universitätspräsident Prof. Werner Müller-Esterl: „Die Biografien vermitteln einen hervorragenden Eindruck von der intellektuellen und wissenschaftlichen Vielfalt, die die Universität in ihrer frühen Phase bis 1933 prägte, aber auch über das Engagement der Remigranten, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg vehement für den Wiederaufbau einer liberalen Universität stark machten“, und er ergänzte: „In den Lebensbildern der Gründer, Gönner und Gelehrten spiegelt sich auch die wechselvolle deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert wider.“

Folgende Bände, die einzeln oder im Schuber im Buchhandel und beim Societäts-Verlag erhältlich sind, liegen vor: Franz Adickes, Oberbürgermeister und Universitätsgründer – Theodor W. Adorno, Philosoph, Musiker, pessimistischer Aufklärer – Friedrich Dessauer, Röntgenpionier, Biophysiker und Demokrat – Leo Frobenius, Afrikaforscher, Ethnologe, Abenteurer – Leo Gans, Arthur von Weinberg, Mäzenatentum und jüdische Emanzipation – Max Horkheimer, Begründer der „Frankfurter Schule“ – Ernst Kantorowicz, Der „ganze Mensch“ und die Geschichtsschreibung – Wilhelm Merton. Ein Weltbürger gründet eine Universität – Fritz Neumark, Finanzpolitiker und Politikberater – Franz Oppenheimer, Ökonom und Soziologe der ersten Stunde – Henry Oswalt, Bildungsbürger und Mäzen – Otto Stern, Physiker, Querdenker, Nobelpreisträger.

Franz Adickes

Franz Adickes (1845–1915), von 1891 bis 1912 Oberbürgermeister von Frankfurt, zählt zu den herausragenden Kommunalpolitikern im Kaiserreich. In seiner Amtszeit vollzog Frankfurt den Aufstieg zur Großstadt. Höhepunkt von Adickes‘ Wirken ist die Gründung der Frankfurter Universität – für deren Einrichtung Bürger der Stadt rund 20 Millionen Mark an privaten Mitteln aufbrachten. Der Frankfurter Historiker Lothar Gall stellt Adickes als Repräsentant des liberalen Bürgertums vor.

Theodor W. Adorno

Theodor W. Adorno (1903–1969) gehört zu den bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Gemeinsam mit Max Horkheimer (1895–1973) gilt er als Begründer der „Kritischen Theorie“. Der Musikkritiker Gerhard R. Koch stellt in seiner Biografie auch den Komponist Adorno und seine kreative (musik-)ästhetische Reflexion aus dem Geist der Moderne vor. Das „Achtundsechziger“-Idol beharrte auf der Theorie gegenüber Polit-Aktionismus und wurde im Konflikt mit den linken Studenten zwischen subjektiv revolutionärem Denken und kollektivem Umsturzverlangen zerrissen.

Friedrich Dessauer

Die Röntgenstrahlen waren die aufregendste Entdeckung seiner Jugend. Wie Physikerin und Wissenschaftsjournalistin Anne Hardy schildert, erkannte Friedrich Dessauer (1881–1963) den Wert der Röntgenstrahlen für die medizinische Diagnostik, als er an das Krankenbett seines Bruders gerufen wurde und die Ärzte eine tödliche Krankheit diagnostizierten. Er brach sein Studium ab und gründete noch minderjährig eine Firma für Röntgenapparate. Erst mit 34 Jahren holte er seine Promotion nach und gründete bald darauf an der Universität Frankfurt ein Institut, aus dem das heutige Max-Planck-Institut für Biophysik hervorgegangen ist. Sein politisches Engagement als Reichstagsabgeordneter der katholischen Zentrumspartei zwangen ihn 1934 ins Exil nach Istanbul. Erst 1953 kehrte er nach Frankfurt zurück.

Leo Frobenius

Leo Frobenius (1873-1938) war eine schillernde und doch faszinierende Persönlichkeit: Abenteurer und Afrika-Entdecker, Ethnologe und Kulturphilosoph, Monarchist und Ideenspender für ein neues Afrika-Bild. Der Autodidakt war getrieben von der Vorstellung, sich mit aller Kraft gegen Modernisierung und Rationalisierung stemmen zu müssen. Und in Afrika schien er all das in den Mythen, Masken und Malereien zu finden, was in Europa an Wert verlor. Der Autor und Ethnologe Bernhard Streck kommt zu der Einschätzung: Trotz aller Verständnisprobleme, die sich heute auftun, hat Frobenius seinen Platz in der Ahnengalerie der ersten Bürgeruniversität Deutschlands verdient.

Leo Gans, Arthur von Weinberg

Leo Gans (1843–1935) und Arthur von Weinberg (1860–1943), Ehrenbürger der Stadt Frankfurt, geniale Erfinder und mit Cassella erfolgreiche Unternehmer, entstammten einer der ältesten jüdischen Familien Frankfurts. Als Naturwissenschaftler und Mäzene sorgten sie dafür, dass der Physikalische Verein und die Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft als selbstständige Einrichtungen in die neue Universität integriert wurden. Die Historikerin Monika Groening zeigt, wie ihre Lebenswege von den Veränderungen während des Kaiserreichs und des Nazi-Terrorregimes geprägt wurden.

Max Horkheimer

Bereits in den 1920er Jahren war Max Horkheimer (1895-1973) als Philosophie-Professor und als Direktor des Instituts für Sozialforschung einer der führenden Köpfe der „geistigen Linken“. 1933 gehörte er wie sein enger Vertrauter Theodor W. Adorno (1903–1969) und einige Mitarbeiter zu den ersten Opfern der „Säuberung“ der Universität und mussten ins US-Exil emigrieren. 1950 kehrten Horkheimer und viele andere Wissenschaftlern nach Frankfurt zurück und entwickelten das Institut für Sozialforschung zu einem intellektuell-moralischen Zentrum für die junge Bundesrepublik. Die „Frankfurter Schule“ einer kritischen Gesellschaftstheorie fand weltweit Beachtung, wie Rolf Wiggershaus, ausgewiesener Kenner, eindrucksvoll darlegt.

Ernst H. Kantorowicz

Wie kaum ein anderer steht Ernst H. Kantorowicz (1895-1963), der von 1930 bis 1935 eine Professur für mittelalterliche Geschichte an der Frankfurter Universität innehatte, für die Ambivalenzen im „Zeitalter der Extreme“. Der  jüdische Gelehrte und „Jünger“ des Dichters Stefan George war ein bekennender Deutschnationaler. Mit seiner vielbeachteten  Biografie Kaiser Friedrichs II. schrieb er ein Generationenbuch, dem auch Nationalsozialisten die Anerkennung nicht versagten. Dennoch musste auch er 1938 aus Deutschland fliehen. Er emigrierte in die USA. Der Historiker Janus Gudian zeichnet Kantorowicz‘ Leben detailliert nach und setzt dabei Vita und Werk in Beziehung.

Wilhelm Merton

Wilhelm Merton (1848–1916), geboren als William Moses, Jude, Großhändler, Konzernlenker mit globalen Ambitionen und weltweitem Einfluss, Mäzen und Philanthrop, Sozialreformer, Konvertit sowie Großbürger mit liberaler Gesinnung ist eine der beeindruckenden  Persönlichkeiten Frankfurts in Wilhelminischer Zeit. Wie der Historiker Ralf Roth beschreibt, war Merton nicht nur maßgeblich an der Gründung der Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften und der Frankfurter Universität beteiligt, sondern setzte auch deren Öffnung zu den modernen Sozialwissenschaften durch.

Fritz Neumark

Der Nationalökonom Fritz Neumark (1900–1991) gehört zu den einflussreichsten deutschen Finanzwissenschaftlern der Nachkriegszeit. Der Wirtschaftswissenschaftler Heinz Grossekettler beschreibt, wie Neumark als Wissenschaftler und Politikberater Grundsätze für eine moderne Finanzpolitik entwickelte, welche die Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik maßgeblich beeinflussten. Neumark gehörte zu den Remigranten, die in den 1950er Jahren das intellektuelle Klima an der Goethe-Universität bestimmten. Wie viele seiner Kollegen hatte er wegen seiner jüdischen Herkunft 1933 die Universität verlassen müssen.

Franz Oppenheimer

Franz Oppenheimer (1864–1943), Deutschlands erster Soziologie-Professor, hatte einen außergewöhnlichen Lebensweg: Nach dem Medizinstudium setzte sich der Sohn eines jüdischen Predigers bald mit sozialen und ökonomischen Fragen auseinander. 1919 stiftete Karl Kotzenberg (1866–1940) extra für ihn einen Lehrstuhl für Soziologie und Theoretische Nationalökonomie an der Frankfurter Universität. Seine zehn Frankfurter Jahre waren produktiv, aber auch konfliktreich, wie der Wirtschaftswissenschaftler Volker Caspari und der Soziologe Klaus Lichtblau beschreiben. Oppenheimer stritt für seine Vorstellungen eines „liberalen Sozialismus“. Einige seiner Ideen setzte sein berühmtester Schüler, Ludwig Erhard (1897–1977), mit der Sozialen Marktwirtschaft um.

Henry Oswalt

Der Geheime Justizrat Dr. Henry Oswalt (1849–1934) war eine der Gründerpersönlichkeiten der Frankfurter Universität. Wie die beiden Historiker Birgit Wörner und Roman Köster darlegen, unterstützte der aus dem jüdischen Bürgertum stammende Notar und Rechtsanwalt mit seinem fachmännischen Rat Oberbürgermeister Franz Adickes (1845–1915) und den Industriellen Wilhelm Merton (1848–1916) bei der Gründung der Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften und ihrer späteren Umwandlung zur Universität. Mit Hilfe der „Oswalt-Stiftung“ konnte 1921 der erste Lehrstuhl für Röntgenphysik in Deutschland für Dessauer eingerichtet werden.

Otto Stern

Der Quantenphysiker Otto Stern (1888–1969) begründete den frühen Weltruhm in der Frankfurter Physik. Der Mitarbeiter Einsteins und geniale Experimentator wurde gleich 1914 nach Frankfurt berufen. Der Physiker Horst Schmidt-Böcking und die Wissenschaftshistorikerin Karin Reich beschreiben, wie Stern die Molekularstrahlmethode – den Weg zur Entschlüsselung des inneren Bauplans des Atoms – entwickelte und damit die Grundlagen der modernen Quantenphysik legte. 1933 als Jude aus Deutschland vertrieben, wird er 1943 mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet. Kernspintomographie, Laser u.a. wären ohne Stern nicht denkbar.

Informationen: Dr. Kerstin Schulmeyer, Ulrike Jaspers, Projektkoordination, Campus Westend, schulmeyer@pvw.uni-frankfurt, jaspers@pvw.uni-frankfurt.de , Tel. (069) 798 13066.