Historiker nehmen Behinderung als Leitkategorie von Gesellschaften in den Blick

Diskussion mit zwei Expertinnen in der Mittwochskonferenz des Forschungszentrums für Historische Geisteswissenschaften

Veröffentlicht am: Montag, 19. Mai 2014, 11:56 Uhr (140)

FRANKFURT. Auch Historiker beschäftigen sich mit Behinderung („disability“) als Leitkategorie von Gesellschaften: Bietet sich damit die Chance, nicht nur Geschichte(n) der Behinderung, sondern auch die allgemeine Geschichte neu zu schreiben? Über diese Frage diskutieren am Mittwoch (21. Mai) Prof. Dr. Cordula Nolte als Vertreterin der Geschichte des Mittelalters und des Forschungsprogramms „Disability History der Vormoderne“ (Universität Bremen) und Prof. Dr. Anne Waldschmidt, Soziologin und Professorin für Disability Studies (Universität zu Köln). Die öffentliche Veranstaltung findet im Rahmen der Mittwochskonferenz des Forschungszentrums für Historische Geisteswissenschaften um 18 Uhr im IG-Farben-Haus, Raum 411, Campus Westend, statt.

In einem Jahrhunderte währenden, mit der Entwicklung der Moderne parallel verlaufenden Prozess ist die Differenzierungskategorie „disability“, die im deutschsprachigen Raum heute Behinderung genannt wird, allmählich entstanden. Zugleich, sozusagen als Kehrseite der Medaille, haben sich Vorstellungen von Gesundheit, Funktionsfähigkeit und Normalität formiert, die tief in der Gesellschaft und Kultur verankert sind. Diese Vorstellungen zu historisieren, hat sich die „Disability History“ vorgenommen. Diese Forschungsperspektive hat sich im Anschluss an die internationalen „Disability Studies“ entwickelt, die im Kontext der sozialen Bewegung behinderter Menschen, beeinflusst durch kritische Gesellschaftstheorie und postmoderne Kulturtheorien entstanden sind. Ihr wissenschaftliches Programm zielt auf die Kritik des in den Rehabilitationswissenschaften vorherrschenden individuellen Behinderungsmodells und favorisiert ein soziales und ein kulturelles Modell. Unter anderem geht es darum, den Zusammenhang von Gesellschaft und Behinderung, von Inklusions- und Exklusionsprozessen zu verstehen. Im Blick haben die Wissenschaftler dabei nicht nur das 19. und 20. Jahrhundert, sondern auch, wie neuere mediävistische Studien zeigen, die vormodernen Gesellschaften.

Informationen: Prof. Dr. Bernhard Jussen, Forschungszentrum für Historische Geisteswissenschaften, Campus Westend, Tel: (069) 798- 32427, jussen@em.uni-frankfurt.de, www.fzhg.org