Das Unbewusste: Eine Brücke zwischen Psychoanalyse und Kognitionswissenschaften

Forscher und Praktiker im Dialog bei der Joseph Sandler Conference in Frankfurt

Veröffentlicht am: Dienstag, 18. Februar 2014, 16:20 Uhr (047)

FRANKFURT. Die Psychoanalyse ist seit Freuds Zeiten die „Wissenschaft des Unbewussten“. Doch inzwischen beschäftigen sich auch die Kognitions- und Neurowissenschaften intensiv mit nicht bewussten Prozessen in der Informationsverarbeitung des Gehirns. Bei der internationalen Joseph Sandler Conference, die vom 28. Februar bis 2. März in Frankfurt stattfindet, werden sich über 250 Forscher und Praktiker aus 15 Ländern mit dem Thema „Das Unbewusste: Eine Brücke zwischen Psychoanalyse und Cognitive Science“ beschäftigen.

Im Dialog der unterschiedlichen Disziplinen sollen u.a. folgende Fragen diskutiert werden: Verstehen Forscher das Gleiche unter „dem Unbewussten“? Kann die Kernthese der Psychoanalyse angesichts neuerer Forschungen aus dem Bereich der Kognitions- und Neurowissenschaften noch aufrecht erhalten werden, dass es ein „dynamisches Unbewusstes“ gibt, in das Tabuisiertes, seelisch nicht Erträgliches verbannt wird und das oft unerkannt aktuelles Denken, Fühlen und Handeln beeinflusst? Ist dieses Verständnis des Unbewussten für Veränderungsprozess in Psychoanalysen und Psychotherapien noch immer unverzichtbar? Die Tagung findet zum siebten Mal in Frankfurt statt und wird vom Sigmund-Freud-Institut, dem Frankfurter LOEWE-Zentrum IDea (Center for Research on Individual Development and Adaptive Education for Children-at-Risk) sowie den Universitäten Frankfurt und Kassel in Kooperation mit International Research Board der International Psychoanalytical Association organisiert. Veranstaltungsort der Festsaal im Casino auf dem Campus Westend der Goethe-Universität.

Das „Unbewusste“ galt in der Psychologie lange als nicht direkt empirisch untersuchbar und wurde daher eher als Gegenstand für mythologische oder religiöse Betrachtungen angesehen. Doch das hat sich seit einigen Jahren grundlegend geändert, wie die Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts, Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber, erläutert: „Vor allem durch die Möglichkeit, das lebende Gehirn dank bildgebender Verfahren wissenschaftlich zu untersuchen, ist es heute für die meisten Wissenschaftlern unstrittig, dass der Austausch zwischen der Psychoanalyse und den Neurowissenschaften für alle Beteiligten vielversprechend ist. Die Neurowissenschaften verfügen inzwischen über die objektivierenden und exakten Methoden zur Prüfung anspruchsvoller Hypothesen über menschliches Verhalten, während die Psychoanalyse aufgrund ihrer reichen Erfahrung mit Patienten die notwendige Konkretion und das Anschauungsmaterial in Bezug auf menschliches Verhalten beizutragen und dadurch genaue Fragen an die Biowissenschaften zu stellen vermag.“

Leuzinger-Bohleber gehörte zu den ersten Psychoanalytikerinnen, die sich in Deutschland aktiv im Dialog mit den Neurowissenschaften engagiert haben. Inzwischen wurde eine eigene wissenschaftliche Disziplin gegründet: die Neuro-Psychoanalyse. Freud hätte dem übrigens sehr positiv gegenüber gestanden. Dazu die Forscherin: „Die neuen Beobachtungsinstrumente in den Neurowissenschaften scheinen einen Traum von Freud in die Wirklichkeit umzusetzen: Komplexe unbewusste psychische Prozesse werden dank der bildgebenden Verfahren einer objektiven Beobachtung zugänglich, eine enorme Chance für die Psychoanalyse, wie auch der Nobelpreisträger Eric Kandel immer und immer wieder betont.“

Die Neuro-Psychoanalyse führt insbesondere in der Schlaf- und Traumforschung, wie sie auch am Sigmund-Freud-Institut betrieben wird, zu ganz neuen Einblicken. Die Frankfurter Wissenschaftlerin nennt ein Beispiel: Ein Teil der chronisch depressiven Patienten, die z. Zt. in einer großen Therapiewirksamkeitsstudie zur Wirkung psychoanalytischer Therapien verglichen mit kognitiv-behavioralen untersucht werden, haben sich bereit erklärt, evtl. Veränderungen während der Behandlungen auch im Schlaflabor und in der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRI) zu untersuchen. Die Ergebnisse dieser „objektiven“ Messungen werden den Veränderungen des Sinnerlebens der einzelnen Patienten in Psychoanalysen gegenübergestellt, wie dies am Sonntag von der Forschergruppe des Sigmund-Freud-Instituts wird.

Während für die Tagung eine Anmeldung (inkl. Gebühr) erforderlich ist, hält Prof. Mark Solms aus Kapstadt am Freitag (28. Februar) um 20 Uhr im Casino, Campus Westend, einen öffentlichen Vortrag über den internationalen Stand der Forschung. Er ist einer der Begründer der Society for Neuro-Psychoanalysis und Initiator des Dialogs zwischen Psychoanalyse und Neurowissenschaften, außerdem kennt er Freuds neurologische Schriften bestens. Weitere Themen der Tagung sind u.a.: Lernstörungen und frühe Bildung; unbewusste Phantasien bei Menschen mit gravierenden seelischen Problemen; neue Erkenntnisse aus der Suizidalforschung; Funktionelle Magnetresonanztomographie-Studien mit Kindern und Jugendlichen mit Diagnose ADHS, Autismus, Tourette Syndrom, emotionaler Frühverwahrlosung.

Die Joseph Sandler Research Conference wird im nächsten Jahr in Yale (USA) und 2016 in Buenos Aires (Argentinien) veranstaltet. Sandler und seine Frau hatten die Psychoanalyse in den 1990er Jahren stärker für den Dialog mit den anderen Wissenschaften geöffnet und deshalb diese einmal im Jahr ausgerichtete Conference ins Leben gerufen.

Einladung zum Mediengespräch: Zum Auftakt der Konferenz lädt das Sigmund-Freud-Institut am Donnerstag (27. Februar) um 14 Uhr (Beethoven-Platz 1-3) die Journalisten zu einem Gespräch ein. Es nehmen teil: Marianne Leuzinger-Bohleber, Mark Solms (Kapstadt) und Robert N. Emde (Denver). Darüber hinaus sind Interviews mit den Referenten während der Tagung möglich; Anmeldung bei schweder@sigmund-freud-institut.de

Informationen: Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber, Sigmund-Freud-Institut, Tel. (069)97 12 04 149, Schweder@sigmund-freud-institut.de, www.sigmund-freud-institut