Leo Frobenius‘ Einfluss auf die ethnologische Forschung in Deutschland und Frankreich

Symposium zum 140. Geburtstag des bekannten Afrikaforschers auf dem Campus Westend

Veröffentlicht am: Montag, 17. Februar 2014, 11:39 Uhr (042)

Der bekannte deutsche Ethnologe Leo Frobenius(1873-1938), der in den 1920er und 1930er Jahren in Frankfurt gewirkt hat, wurde vor 140 Jahren geboren, die Goethe-Universität feiert in diesem Jahr ihren 100. Geburtstags. Diese beiden Jubiläen machen die Goethe-Universität zum geeigneten Ort für ein interdisziplinäres deutsch-französisches Symposium, das Frobenius’ Rolle bei der Herausbildung ethnographischer und ethnologischer Wissensbestände über Afrika untersucht. Am Mittwoch (19. Februar) und Donnerstag (20. Februar) treffen sich deutsche und französische Wissenschaftler, neben Ethnologen auch Germanisten, Historiker und Kunsthistoriker, im Casino auf dem Campus Westend – ihr Thema: „Leo Frobenius: eine ‚histoire croisée“ der Entstehung und Aneignung von ethnologischem Wissen in Deutschland und Frankreich“.

Das Symposium wird veranstaltet vom Frobenius-Institut und dem in Frankfurt ansässigen Institut français d’histoire en Allemagne. Die Tagung nimmt die vielfältigen historischen Ungleichzeitigkeiten in den Blick, welche die jeweiligen nationalen Ausprägungen der Ethnologien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kennzeichneten. Dazu der Organisator des Symposiums Dr. Richard Kuba: „Diese Epoche war geprägt von großen Entdeckungsreisen – Frobenius unternahm zwischen 1904 und 1935 allein zwölf, teilweise mehrjährige Expeditionen nach Afrika. Gleichzeitig bildete sich in dieser Zeit ein theoretisch und methodisch fundierter und inhaltlich informierter Kanon heraus. Afrika war gleichzeitig Kolonialgebiet und kulturelle Inspiration. Das ethnologische Objekt war sowohl Beleg von ‚Primitivität‘ als auch Befruchter der künstlerischen Moderne.“ Die Tagung beschäftigt sich auch mit der komplexen Frage, wie sich die, von ihren nationalen Traditionen und politischen Interessen geprägte europäische Kolonialherrschaft mit den jeweiligen afrikanischen Gesellschaften verband. Wie verhält es sich beispielsweise, wenn der deutsche Ethnologe Frobenius das Aufeinandertreffen des französischen zivilisatorischen Anspruchs mit afrikanischen Kulturen in Französisch-Westafrika durch ein spezifisch deutsches Prisma wahrnimmt?

Als einer der frühesten Ethnographen „im Feld“ hat Frobenius nicht nur bedeutende Sammlungen ethnographischer Gegenständen für deutsche Völkerkundemuseen und für seine private Stiftung „Afrika-Archiv“, später „Institut für Kulturmorphologie“, beschafft, er hat auch zahlreiche afrikanische Volksdichtungen aufgenommen, eine umfangreiche visuelle Dokumentation der bereisten Gebiete angelegt und eine weltweit einzigartige Sammlung von Felsbildkopien geschaffen, die sich noch heute – wie viele andere Objekte – im Besitz des Frobenius-Instituts befinden. Während der Kolonialzeit zeugten diese Sammlungen vom Reichtum und der Vitalität der afrikanischen Kulturen. Mit seinen Schriften und Ausstellungen hat Frobenius maßgeblich dazu beigetragen, in Deutschland einen wissenschaftlichen Diskurs über Afrika zu begründen, darüber hinaus hat er  u.a. die Dichter und Theoretiker der „Négritude“, wie etwa Leopold Sédar Senghor entscheidend beeinflusst.

Im Deutschland und Frankreich der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben sich wissenschaftliche Traditionen und institutionelle Kontexte zum Teil sehr unterschiedlich entwickelt. Gerade in der Ethnologie gibt es jedoch auch Verbindungslinien zwischen den jeweiligen nationalen Traditionen, die eine Untersuchung ihrer Verflechtungsgeschichte („histoire croisée“) für die Wissenschaftler lohnenswert erscheinen lassen. Dazu Kuba: „Verschiedene ethnologische Themenfelder haben sich in ihrer jeweiligen nationalen Ausprägung parallel, antagonistisch oder sich gegenseitig beeinflussend, im Sinne einer ‚histoire croisée‘ entwickelt.“ Die Vorträge des Symposiums setzen sich auch mit der Frage auseinander, wie ethnologisches Wissen in Deutschland, Frankreich und später auch über eine Rückspiegelung in afrikanischen Ländern generiert, verbreitet und rezipiert wurde. Ein wichtiger Aspekt der Herausbildung der Ethnologie als Fach in Deutschland und Frankreich war das jeweilige Verhältnis zu den Nachbardisziplinen wie etwa zur Kunstgeschichte, zu den prähistorischen Wissenschaften, zur Kulturgeschichte oder zur Entdeckung und Rezeption afrikanischer Poesie. Weiter interdisziplinäre deutsch-französische Treffen zu diesen Themen sind bereits geplant.

Informationen: Dr. Richard Kuba, Frobenius-Institut, Campus Westend, Tel. (069) 798-33056, Kuba@em.uni-frankfurt.de