Martha Nussbaum spricht über politische Emotionen

Die amerikanische Philosophin übernimmt die Dagmar Westberg-Stiftungsgastprofessur – Drei öffentliche Vorträge auf dem Campus Westend

Veröffentlicht am: Dienstag, 03. Dezember 2013, 13:55 Uhr (297)

FRANKFURT. Nach dem Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft Prof. Peter Strohschneider hat in diesem Wintersemester eine der profiliertesten Philosophinnen der Gegenwart die Dagmar Westberg-Stiftungsgastprofessur inne: Martha Nussbaum, Professorin für Recht und Ethik an der University of Chicago, wird ihre dreiteilige öffentliche Vorlesung zum Thema „Political Emotions. Why Love Matters for Justice“ am 9.,10. und 11. Dezember jeweils von 18 bis 20 Uhr auf dem Campus Westend, Hörsaalzentrum, Hörsaal 3, halten.

Martha Nussbaum stellt die Fragen nach dem guten Leben und der politischen Gerechtigkeit in den Mittelpunkt ihrer Arbeiten zur praktischen Philosophie. Sie vertritt die These, dass die Ethik auch die Ebene der Gefühle einbeziehen müsse und schreibt deshalb den Emotionen einen eigenen Erkenntniswert zu. Die 66-jährige amerikanische Wissenschaftlerin, die bereits im vergangenen Jahr auf Einladung der Kolleg-Forschergruppe „Justitia Amplificata: Erweiterte Gerechtigkeit – konkret und global“ an der Goethe-Universität zu Gast war, wird bei ihren Vorträgen Thesen ihres erst kürzlich, bisher nur auf Englisch erschienenen Buchs „Political Emotions“ zu Diskussion stellen.

In ihrem neuesten, viel beachteten Werk denkt sie darüber nach, wie wir eine anständige liberale Gesellschaft erreichen können, eine Gesellschaft, die Gerechtigkeit und gleiche Chancen für alle anstrebt und die Individuen inspiriert, es als ihr höchstes Ziel anzusehen, sich für das Allgemeinwohl einzusetzen. Eine gerechte Gesellschaft könne durch Kultivierung und wohl überlegte Befreiung der Gefühle, besonders der Liebe, realisiert und aufrecht erhalten werden. Inmitten von Furcht, Ressentiments und Wettbewerb könnten öffentliche Emotionen, die in der Liebe wurzelten, die Bereitschaft zu gemeinsamen Zielen verstärken und Gefühle wie Abscheu und Neid zurückdrängen. „Love“ ist für Nussbaum die zentrale Emotion, auf der die Gesellschaft sich gründet. Liebe beinhaltet für die Philosophin eine erfreute Anerkennung des Anderen als wertvoll, besonders und bezaubernd.

Zunächst wird Nussbaum in ihrer Frankfurter Vorlesung auf den historischen Aspekt der politischen Emotionen eingehen. Große demokratische Vorbilder wie Abraham Lincoln, Mahatma Gandhi und Martin Luther King haben die Wichtigkeit kultivierter Gefühle verstanden – so die Philosophin aus Chicago. Weiter wird es in den Vorlesungen um eine Psychologie des Mitgefühls und des Ekels gehen – Gefühle, die gesellschaftliche Segmentierungen verhindern bzw. verfestigen können –  sowie um Deutung der Tragödien und wie diese indirekt zur gesellschaftliche Integration beitragen können.

Wie bereits in ihrem Buch „Love’s Knowledge“ aus dem Jahr 1990 verbindet Nussbaum auch in ihrem jüngsten Werk Philosophie und Literatur. Sie erforscht die Kultivierung der Gefühle, die die Gerechtigkeit unterstützen an zahlreichen Beispielen aus der Literatur, der Musik, der politischen Rhetorik, von Festivals, Denkmälern und sogar im Design öffentlicher Parks – welche allen einen Raum zur Erholung und für freundschaftliche Bekanntschaften und spielerisches Kennenlernen eröffnen.

Bekannt geworden ist Nussbaum besonders mit ihren Arbeiten gemeinsam mit dem Philosophen und Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen. Sie entwickelten den so genannten „capability approach“. Dieser „Fähigkeiten-Ansatz“ bildet die Basis des jährlich veröffentlichten Index der menschlichen Entwicklung des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen. Nussbaum setzt sich dafür ein, Entwicklung als die Realisierung zehn zentraler menschlicher Fähigkeiten (‚capabilities’) zu verstehen. Sie kritisiert alternative Verständnisweisen, welche Entwicklung mit wirtschaftlichem Wachstum oder der Befriedigung subjektiver Präferenzen gleichsetzen.

Die Gastprofessur wird aus einem namhaft ausgestatteten Stiftungsfonds zur Gewinnung international renommierter Gastwissenschaftler in den Geisteswissenschaften finanziert, den die 98-jährige Stifterin Dagmar Westberg zur Verfügung gestellt hat. So kann die Goethe-Universität jährlich einen weltweit renommierten Geisteswissenschaftler nach Frankfurt einladen. Der federführende Vizepräsident, Prof. Matthias Lutz-Bachmann, sieht die Chance, nicht nur die interne Öffentlichkeit zu mobilisieren, sondern auch die Bürgergesellschaft: „Das geistige Leben Frankfurts wird durch den Besuch von Martha Nussbaum um eine wichtige Facette reicher.“ Die Stifterin, die aus einer baltisch-hamburgischen Unternehmerfamilie stammt und die aufgrund ihrer besonderen Lebenssituation während der Nazizeit nie studieren konnte, möchte mit ihrem mäzenatischen Engagement jungen Menschen heute helfen, diese Chance wahrzunehmen. Dieser Stiftungsfonds ist nicht das einzige Engagement der Stifterin an der Goethe-Universität: Seit 2010 finanziert Dagmar Westberg auch einen Preis für die wissenschaftliche Beschäftigung mit der britischen Literatur, Kultur und Geschichte an der Universität Frankfurt.

Informationen: Prof. Dr. Matthias Lutz-Bachmann, Vizepräsident der Goethe-Universität, Campus Westend, Tel. (069) 798-22343, Lutz-Bachmann@em.uni-frankfurt.de