VolkswagenStiftung ermöglicht Freiräume: Prof. Schorn-Schütte schreibt an ihrem „Opus magnum“

Historikerin wirft einen anderen Blick auf das Europa der Frühen Neuzeit: „Nicht nur das vornationale Kleinkind des nationalen Erwachsenen des 19. Jahrhunderts“

Veröffentlicht am: Montag, 02. Dezember 2013, 14:24 Uhr (295)

FRANKFURT. Die Frankfurter Historikerin Prof. Dr. Luise Schorn-Schütte hat das bekommen, was Geisteswissenschaftler am dringendsten benötigen: ein freies Jahr zum Schreiben an ihrem „Opus magnum“. Eine besondere Auszeichnung der VolkswagenStiftung ermöglicht Schorn-Schütte diesen Freiraum: Die Stiftung finanziert im Rahmen ihres Förderprogramms „Opus magnum“ über ein Jahr ihre Vertretung in der Lehre an der Goethe-Universität. So profitiert nicht nur die Professorin, sondern auch der Nachwuchswissenschaftler Privatdozent Dr. Benjamin Steiner, der bereits seit Beginn des Wintersemesters am Historischen Seminar den Studierenden Themen der Frühen Neuzeit vermittelt.

„Die andere Frühe Neuzeit. Politische Kommunikation im Europa des 16. und 17. Jahrhunderts“ ist Arbeitstitel für ihr großes Werk, darin klingt bereits Schorn-Schüttes Idee einer Neuinterpretation der Epoche an. Dazu die Wissenschaftlerin: „Ich sehe die Einheit der Epoche nicht lediglich in der Vorgeschichte der dann beherrschenden Nationalstaaten, wie es in der gängigen Forschung interpretiert wird. In dieser Epoche lassen sich vielmehr sehr eigenständige Grundzüge einer politischen Theorie und einer sozialen Praxis nachweisen.“ Ihr Anliegen ist es, zu zeigen, dass die Phase vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts eine europäische, nicht eine vornationale Epoche war. Die Historikerin lenkt ihren Blick auf das verbindend Europäische: „Erstens eine gemeinsame Religion, die sich zwar in der Reformation spaltet, deren Verzahnung mit Rechtstraditionen aber ein neues Potenzial der Rechtfertigung von Teilhaberechten umfasst; zweitens die gemeinsame ständische Verfassung, die eine nichtzentrierte Herrschaftsordnung war; und drittens die europäische Expansion, die den gemeinsamen Charakter des Exportes europäischer Waren ebenso begründete wie den der europäischen Ideen und damit auch antiker Traditionen.“

Ihr Ziel ist es, deutlich zu machen, dass die bisherige Sichtweise auf die Frühe Neuzeit von den späteren Nationalstaaten konstruiert wurde: „Fast alle europäischen Nationen projizieren ihre idealisierten Traditionen in diese ‚Vorgeschichte‘.“ Und sie nennt ein Beispiel: „Klassisch ist die Beschreibung Englands als das Mutterland des Parlamentarismus. Das Europa der Frühen Neuzeit aber war keineswegs nur das vornationale Kleinkind des nationalen Erwachsenen des 19. Jahrhunderts.“

In ihrem „Opus magnum“ wird Schorn-Schütte dies detailliert herausarbeiten. Zum Schreiben genießt sie die Ruhe in ihrer häuslichen Klausur. „Unterbrochen natürlich von Aufenthalten unter anderem an der Universität Padua, wo ich mit einigen Kollegen der politischen Philosophie schon lange sehr gut zusammenarbeite und von Reisen zur Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, dem Eldorado für die Forschungsarbeit zur Geschichte und Kultur der Frühen Neuzeit in Europa.“ Für die 64-jährige Historikerin ist dieses Forschungsjahr „eine wunderbare Gelegenheit, mich endlich wieder ganz meiner Wissenschaft zu widmen.“ Viele Jahre konnte Schorn-Schütte, die unter anderem 2004 bis 2010 Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft war, nur mit äußerster Disziplin wissenschaftlich arbeiten und vor allem schreiben. Ihr 2010 in der Beck-Reihe „Geschichte Europas“ erschienener Band „Konfessionskriege und europäische Expansion, Europa 1500-1648“ entstand überwiegend in den ganz frühen Morgenstunden. In das „Opus magnum“-Programm der Volkswagen-Stiftung passte das Profil von Luise Schorn-Schütte bestens: Denn Ziel der Initiative ist es, Professorinnen und Professoren aus den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, die sich durch herausragende Arbeiten ausgewiesen haben, einen Freiraum für die intensive Arbeit an einem wissenschaftlichen Werk zu eröffnen. 2015 soll das große Werk der Frankfurter Historiker beim Beck-Verlag erscheinen: „Dem Lektor habe ich schon die beiden ersten Kapitel vorgelegt, die beiden weiteren folgen bis Ende 2014“, ist sie zuversichtlich.

Zur Person
Luise Schorn-Schütte studierte Rechts-, Geschichts- und Politikwissenschaft an den Universitäten Göttingen, Marburg und Münster. 1975 legte sie in Marburg ihr Erstes Staatsexamen ab; 1981 wurde sie mit der Dissertation »Karl Lamprecht – Kulturgeschichtsschreibung zwischen Wissenschaft und Politik« an der Universität Münster promoviert; 1992 habilitierte sie sich an der Universität Gießen mit der Schrift »Evangelische Geistlichkeit der Frühneuzeit – deren Anteil an der Entfaltung frühmoderner Staatlichkeit und Gesellschaft«. 1992/1993 war Schorn-Schütte Heisenbergstipendiatin der Deutschen Forschungsgemeinschaft; 1993 lehnte sie Rufe nach Oldenburg und Basel ab und folgte dem Ruf an die Universität Potsdam. Seit 1998 hat sie die Professur für Neuere allgemeine Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Frühen Neuzeit an der Goethe-Universität inne. Von 2004 bis 2010 war sie Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Seit 2004 ist sie Sprecherin des ersten internationalen geisteswissenschaftlichen Graduiertenkollegs in Hessen (gefördert durch die DFG). Das Kolleg, das aus einer gemeinsamen Initiative von 15 Professoren der Universitäten Frankfurt, Trient (Italien), Innsbruck (Österreich) und Bologna (Italien) entstanden ist, beschäftigt sich mit der »Politischen Kommunikation von der Antike bis in das 20. Jahrhundert«. Seit 2007 gehört Schorn-Schütte zu den Hauptforschern des Exzellenzclusters »Herausbildung normativer Ordnungen«.

Informationen: Prof. Dr. Schorn-Schütte, Historisches Seminar, Campus Westend, zur Zeit nur sporadisch per Mail erreichbar: Schorn-Schuette@em.uni-frankfurt.de

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