Jugendbuchforschung ist kein Kinderspiel

Das im deutschsprachigen Raum einzigartige Institut für Jugendbuchforschung feiert 50. Geburtstag

Veröffentlicht am: Donnerstag, 14. November 2013, 14:43 Uhr (272)

FRANKFURT. „Unser Forschungsspektrum reicht von frühen Werken der Aufklärung und Romantik, wie den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, bis zu den neuesten Graphic Novels“, so der geschäftsführende Direktor des Instituts für Jugendbuchforschung an der Goethe-Universität, Prof. Hans-Heino Ewers, der seit 1989 das von Prof. Klaus Doderer gegründete Institut leitet. Ein vergleichbares Institut gibt es im deutschen Sprachraum bisher nicht – Anlass genug, heute den 50. Geburtstag mit einem Festakt zu feiern.

Die Frankfurter Wissenschaftler sind auch immer wieder als Experten gefragt, ob es um aktuelle Debatten um den Begriff „Negerkönig“ in Pippi Langstrumpf oder um Dagobert Duck und die Finanzkrise geht. In den vergangenen Jahren sind am Institut zahlreiche Arbeiten zur Märchen- und Erzählkultur, zum Bilderbuch, zu Comic und Magna erschienen. Aber auch mit Theater, Filmen, Fernsehserien und Computerspielen für diese Altersgruppe und den neuesten Entwicklungen der Internetkultur haben sich die Wissenschaftler und Studierenden dieses Instituts beschäftigt.

Der Ansturm der Studierenden ist von den drei festangestellten und zwei zeitlich befristeten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern kaum zu bewältigen. Zurzeit plant das Institut einen Masterstudiengang für Kinder- und Jugendliteratur. Dazu Ewers, der hofft, die weitere Planung Mitte kommenden Jahr an seine Nachfolgerin oder seinen Nachfolger übergeben zu können: „Der Studiengang soll für in- und ausländische Studierende verschiedener Fächer offen sein und damit der zunehmenden Internationalisierung dieses Literaturbereichs Rechnung tragen.“

Die Basis dafür ist mit der weltweiten Vernetzung des Instituts bereits geschaffen: In Europa gibt es zahlreiche Kontakte mit Wissenschaftlern aus Frankreich, Spanien, Belgien, Niederlande, Dänemark, Polen, Tschechien, Österreich, Schweiz und Ungarn. Außereuropäische Partner besitzt das Institut in Südkorea, Japan, Indonesien, Indien, den USA und Kanada. Aus diesen Ländern kommen viele Stipendiaten nach Frankfurt; aktuell sind es eine Germanistin aus Moskau und ein Germanist aus Jaunde/Kamerun. 2009 hat das Institut den bislang größten internationalen Kinder- und Jugendliteraturkongress mit 450 Teilnehmern aus 50 Ländern ausgerichtet.

In den Lehrveranstaltungen des Instituts begegnen den Studierenden die Klassiker der deutschen und europäischen Kinderliteratur von Heinrich Hoffmann und Wilhelm Busch über Lewis Carroll und Carlo Collodi bis hin zu Erich Kästner und Astrid Lindgren. Einen breiten Raum nimmt die deutsche und internationale Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart ein: Das Spektrum reicht von Otfried Preußler und Michael Ende über Peter Härtling und Christine Nöstlinger bis hin zu Andreas Steinhöfel und Joanne K. Rowling, um nur einige Namen zu nennen.

Einen entscheidenden Grund für das starke Interesse der Studierende sieht Ewers darin, „dass sie die eigene wissenschaftliche Arbeit zu Fragestellungen reizt, die bisher noch gänzlich unerforscht sind. So hat eine Studierende mit ihrer Magisterarbeit über Peter Freund jüngst die erste literaturwissenschaftliche Studie über den Autor der erfolgreichen Laura-Fantasy-Reihe vorgelegt, die in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt worden ist.“ Von den Hunderten von Studierenden, die ihren Magister-Abschluss in den vergangenen 50 Jahren am Institut gemacht haben, sind viele heute in Verlagen, Medien und Verbänden tätig. Allein in den letzten 25 Jahren wurden circa 600 Abschluss-Arbeiten eingereicht.

In der Bibliothek des Instituts finden die Studierenden optimale Bedingungen: Sie verfügt mit knapp 200.000 Titeln über eine der größten Sammlungen von deutschsprachigen Kinder- und Jugendbüchern. Die knapp 20.000 historischen Kinder- und Jugendbücher vom 16. bis zum frühen 20. Jahrhundert stammen überwiegend aus älteren Privatsammlungen wie derjenigen Walter Benjamins und erhalten immer wieder Zuwachs dank kleinerer und größerer Zustiftungen. Einzigartig ist Sammlung von Comics, Manga und Graphic Novels mit über 60.000 Medieneinheiten, darunter übrigens auch das erste von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften im Jahr 1954 indizierte Comic-Heft.

Das Institut sucht konsequent den Kontakt zu einer breiten Öffentlichkeit: „Dem Gedanken der Bürger-Uni fühlen wir uns schon seit Jahren in besonderer Weise verpflichtet“, sagt Ewers. Nach den Erfolgen mit den Bürgervorlesungen und Ausstellungen im Heinrich Hoffmann-Jahr 2009 und zum 200. Geburtstag der „Kinder- und Hausmärchen“ 2012 plant Ewers für das kommende Sommersemester die nächste große Vorlesungsreihe aus gegebenem Anlass: „Der Erste Weltkrieg – Kindheit, Jugend, literarische Erinnerungskultur“. „Das ist auch unser Beitrag zum 100. Jubiläum unserer Universität“, ergänzt Ewers. Die Wissenschaftler des Instituts wirken darüber hinaus in zahlreichen Kinder- und Jugendliteraturjurys und -verbänden mit und nehmen regelmäßig in den Medien Stellung zu aktuellen Fragen. Das Institut engagiert sich in Sachen Leseförderung in Frankfurt mit Aktionen wie den „Junge Medien-Jurys“ oder den „Bücherpaketen für Frankfurter Schulbibliotheken“.

Informationen: Prof. Dr. Hans-Heino Ewers, Institut für Jugendbuchforschung, Campus Westend, Tel. (069) 798- 32995; ewers@em.uni-frankfurt.de; umfangreiches Bildmaterial unter: http://user.uni-frankfurt.de/~weinkauf/Abhol/index.html