„Mein Verhältnis zur Frankfurter Schule“

Oskar Negt hält Vortrag im Institut für Sozialforschung – Sein Vorlass ist jetzt über das Archivzentrum der Universitätsbibliothek online verfügbar

Veröffentlicht am: Donnerstag, 05. September 2013, 10:01 Uhr (217)

FRANKFURT. „Mein Verhältnis zur Frankfurter Schule“ betitelt der Sozialphilosoph Prof. Oskar Negt seinen öffentlichen Vortrag, den er am 12. September (Donnerstag) um 19.15 Uhr im Institut für Sozialforschung an der Goethe-Universität, Senckenberganlage 26, hält. Der 1934 geborene Wissenschaftler gilt heute als einer der herausragenden Vertreter der zweiten Generation der Frankfurter Schule, der die Zeit der 1960er und 1970er Jahre maßgeblich mitprägte. Eine Episode aus dem Jahr 1960 wird der Doktorand Adornos nicht unerwähnt lassen: Statt der in der DDR bestelltem Marx-Engels-Ausgabe bekam Negt Post vom Amtsgericht Frankfurt, es sei ein Paket mit staatsgefährdendem Propaganda-Material für ihn eingetroffen.

Der Briefwechsel zwischen Negt und dem Amtsgericht ist das erste Dokument seines Vorlasses, den der Sozialphilosoph 2010 an das Archivzentrum der Frankfurter Universitätsbibliothek übergeben hat und dessen Erschließung nun online zugänglich ist – dies ist auch der Anlass für Negts Vortrag an seiner alten Wirkungsstätte. Es handelt sich um insgesamt 91 Archiveinheiten zu rund 10.000 Seiten für die Jahre von 1960 bis 2010.

Und hier ein Auszug aus dem Brief des Amtsgerichts Frankfurt: „Es wird Ihnen mitgeteilt, dass ein an Sie gerichtetes Paket aus der Sozialistischen Besatzungszone, in welchem sich staatsgefährdendes Propagandamaterial befand, auf Grund der gesetzlichen Bestimmungen von dem Amtsgericht in Rothenburg beschlagnahmt worden ist.“ Negt wartete damals tatsächlich dringend auf eine Büchersendung mit Bänden der Marx-Engels-Werke aus Ost-Berlin und sah sich veranlasst, das Amtsgericht aufzuklären: „Auf Grund des innerdeutschen Handels sind alle Bücher, die im Dietz- und Aufbauverlag erschienen sind, im westdeutschen Buchhandel erhältlich. Ich folgere daraus, dass sie deshalb nicht staatsgefährdend sein können.“ Und weiter betonte er, dass es keine westdeutsche Gesamtausgabe von Marx gebe, weshalb man gezwungen sei, sich auf die ostdeutsche Edition zu stützen. Was aus heutiger Sicht eine Lappalie ist, war für Negt ein echtes Problem. Die akademische Auseinandersetzung mit dem Marxismus wurde in der Adenauer-Ära und Zeiten des Kalten Krieges auch juristisch unter die Lupe genommen.

Negt, der bei Theodor Adorno promovierte, war Assistent von Jürgen Habermas, befreundet mit Ernst Bloch und stand Herbert Marcuse sehr nahe. Gleichzeitig war er für die Studierenden eine der Symbolfiguren der 68er-Bewegung und zeitlebens dem gewerkschaftlichen Milieu eng verbunden. Im Jahre 1970 folgte er dem Ruf der Universität Hannover, wo er bis zur Emeritierung 2002 lehrte.

Diesen Vortrag organisieren und veranstalten gemeinsam das Archivzentrum der Universitätsbibliothek J.C. Senckenberg und das Institut für Sozialforschung(IfS). Der Vorlass von Oskar Negt ist über die Webseite des Archivzentrums in der online-Datenbank HADIS (Hessisches Archiv-Dokumentations- und Informationssystem) zugänglich. Die originalen Unterlagen zu Oskar Negt und zur Frankfurter Schule können im Archivzentrum montags bis freitags von 9.30 bis 16.30 Uhr nach Voranmeldung und im Rahmen der Benutzungsordnung eingehend studiert werden. Desweiteren befinden sich im Archivzentrum die Vor- und Nachlässe anderer Wissenschaftler der Frankfurter Schule; dazu gehören u.a.:  Max Horkheimer, Herbert Marcuse, Leo Löwenthal, Ludwig von Friedeburg und Jürgen Habermas.

Fotos zum Download: http://service.ub.uni-frankfurt.de/auftrag/20130904_negt/ 
© Copyright Oskar Negt

Informationen: Dr. Mathias Jehn, Archivzentrums der Universitätsbibliothek J. C. Senckenberg, Tel. (069) 798 39007; E-Mail: m.jehn@ub.uni-frankfurt.de; Dr. Sidonia Blättler, Institut für Sozialforschung (IfS), Tel.: (069) 75618316; E-Mail: blaettler@em.uni-frankfurt.de, Campus Bockenheim