Japan nach der Erdbebenkatastrophe

Das „Lesebuch Fukushima“ macht vertraut mit Akteuren, Ansichten und Debatten

Veröffentlicht am: Mittwoch, 31. Juli 2013, 12:29 Uhr (190)

FRANKFURT.  Ein Land debattiert über die Folgen der Erdbebenkatastrophe: Das „Lesebuch Fukushima“ umfasst über zwanzig Beiträge, die zum größten Teil von den Absolventen der Bachelor- und Master-Studiengänge der Universitäten Frankfurt und Leipzig im Rahmen des Internetprojekts „Textinitiative Fukushima“ in Auseinandersetzung mit japanischen Quellen entstanden sind. Eine Reihe von Übersetzungen wichtiger japanischer Zeitzeugendokumente werden im Buch vorgestellt. Außerdem beinhaltet das „Lesebuch“ Interviews mit Aktivisten und Künstlern sowie Reportagen und Analysen zur Debatte um die Folgen der Erdbebenkatastrophe und um das „System Japan“, das, so fordern etliche Stimmen, „nach Fukushima“ einer Überprüfung unterzogen werden muss.

Das erste Kapitel widmet sich der Einführung der Atomenergie in Japan und beleuchtet dabei zeitgeschichtliche Prämissen ebenso wie die Arbeitsverhältnisse in den Kraftwerken. Kapitel zwei betrachtet Repräsentationen des Themas „Fukushima“ in Literatur, Film, im Theater und im Medium der Photographie. Mit einer vielfach registrierten Medienmanipulation und mit den Möglichkeiten medialer Aufklärung befasst sich das dritte Kapitel, während der letzte Teil einem offenbar gestiegenen Wunsch nach politischer Partizipation nachgeht und Demonstrationen und andere Protestaktionen vorstellt.

Detaillierte Einblicke bietet der Band unter anderem in die Argumentationen von Vertretern eines kritischen Journalismus sowie in die Medienstrategien der japanischen Atom-Lobby und die Haltung japanischer Bürger gegenüber der Atomenergie. Politikwissenschaftliche Erkundungen geben Momentaufnahmen eines „Post-Fukushima-Nationalismus“ wieder, während auf philosophisch-ideengeschichtlicher Basis die Rolle von Intellektuellen als Stichwortgeber für Fragen nach der ideologischen Orientierung Japans und seiner demokratischen Entwicklung beleuchtet wird. Zudem erfährt man in kultur- und literaturwissenschaftlichen Analysen von künstlerischen Exkursionen ins Krisengebiet, von erzählerischen Erschließungen des Lebens in den Notunterkünften im Nordosten und den Beweggründen freiwilliger Katastrophenhelfer sowie von fiktionalen Überlegungen im Hinblick auf Japans Zukunft.

Das „Lesebuch“ richtet sich an Leser, die sich näher mit innerjapanischen Akteuren, Ansichten und Debatten vertraut machen wollen. Die Herausgeberinnen lehren Japanologie - Prof. Dr. Lisette Gebhardt an der Goethe-Universität Frankfurt, Prof. Dr. Steffi Richter an der Universität Leipzig.

Gebhardt, Lisette/Richter, Steffi (Hg.): Lesebuch "Fukushima". Übersetzungen, Kommentare, Essays. Berlin: EB-Verlag 2013, 448 Seiten.