Gründer, Gönner und Gelehrte: Porträts von Franz Adickes, Leo Gans, Arthur von Weinberg, Otto Stern und Theodor W. Adorno

Neuerscheinungen in der Biographienreihe der Goethe-Universität in Kooperation mit dem Societäts-Verlag

Veröffentlicht am: Mittwoch, 05. Juni 2013, 11:48 Uhr (122)

FRANKFURT. Ihren 100. Geburtstag, den die Goethe-Universität im kommenden Jahr mit vielfältigen Aktivitäten feiern wird, nimmt sie auch zum Anlass, herausragende Persönlichkeiten in ihrer Geschichte vorzustellen: In der Biographienreihe „Gründer, Gönner und Gelehrte“ sind bereits fünf Bände erschienen, bis 2014 werden mindestens zehn weitere Biographien veröffentlicht. Die im Societäts-Verlag erscheinende Reihe richtet sich an ein historisch interessiertes Publikum in Frankfurt und darüber hinaus und wird während des Jubiläums von Lesungen begleitet.

Nach dem ersten Band von Ralf Roth über den Universitätsgründer Wilhelm Merton wurden jetzt vier weitere Bände vorgestellt: Mit dem Physiker, Querdenker und Nobelpreisträger Otto Stern beschäftigen sich der Physiker Horst Schmidt-Böcking und die Wissenschaftshistorikerin Karin Reich. In einer Doppelbiographie beleuchtet die Historikerin Monika Groening das Wirken der beiden jüdischen Mäzene Leo Gans und Arthur von Weinberg. Der FAZ-Musikkritiker Gerhard R. Koch widmet sich dem Philosophen, Musiker und pessimistischen Aufklärer Theodor W. Adorno. Der Historiker Lothar Gall zeichnet das Porträt von Oberbürgermeister Franz Adickes, dessen Engagement die Gründung der Stiftungsuniversität ermöglichte.

Die bebilderten Bände präsentieren ebenso Persönlichkeiten der Gründerjahre der Universität vor und nach 1914 wie die Generation des Wiederaufbaus nach 1945, aber auch Vordenker und Akteure der bildungsbewegten 1960er und 70er Jahre. In den vorgestellten Lebensbildern spiegelt sich zugleich die wechselvolle deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert. Bereits im Herbst erscheinen weitere Bände u.a. zu dem Nationalökonom Fritz Neumark (1900-1991), dem Röntgen-Pionier und Demokrat Friedrich Dessauer (1881-1963) und dem Soziologen der ersten Stunde Franz Oppenheimer (1864-1943).

Der Frankfurter Historiker Lothar Gall stellt Franz Adickes (1846-1915) als Repräsentant des liberalen Bürgertums vor, als auf sozialen Frieden bedachten Kommunalpolitiker und geschickten Universitätsgründer. Franz Adickes, von 1891 bis 1912 Oberbürgermeister von Frankfurt, zählt zu den herausragenden Kommunalpolitikern im Kaiserreich. In seiner Amtszeit vollzog Frankfurt den Aufstieg zur Großstadt. Mit seinem Namen sind nicht nur Stadterweiterung und Modernisierung der städtischen Infrastruktur, sondern zugleich die Reform des Sozial- und Bildungswesens verbunden. Höhepunkt seines Wirkens ist die Gründung der Frankfurter Universität – für deren Einrichtung Bürger der Stadt rund 20 Millionen Mark an privaten Mittel aufbrachten.

„Leo Gans und Arthur von Weinberg – Mäzenatentum und jüdische Emanzipation“ nennt die Potsdamer Historikerin Monika Groening ihr Doppelporträt. Leo Gans (1843-1935) und Arthur von Weinberg (1860-1943), Ehrenbürger der Stadt Frankfurt, geniale Erfinder und erfolgreiche Unternehmer gehörten einer der ältesten jüdischen Familien Frankfurts an. Sie waren Begründer der Cassella, der größten Azofarbenfabrik der Welt. Als Chemiker und Stifter sorgten sie dafür, dass der Physikalische Verein und die Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft als selbständige Einrichtungen in die neu gegründete Universität integriert wurden. Ihre Stiftungen für Kunst und Wissenschaft zählten zu den bedeutendsten der Stadt. Der Lebensweg von Leo Gans und Arthur von Weinberg wurde geprägt von den politischen Veränderungen während des Kaiserreichs und des Terrorregimes der Nationalsozialisten. Der nach der Gründung des Deutschen Reiches auch in Frankfurt wieder aufflammende Antisemitismus beeinflusste ihr Leben auf tragische Weise. Nach Aufgabe sämtlicher Ehrenämter starb Leo Gans 1935 einen Tag vor Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze in Frankfurt. Arthur von Weinberg wurde deportiert und starb 1943 im KZ Theresienstadt.

Die erste Biographie des Nobelpreisträgers Otto Sterns (1888-1943) gibt Einblicke in ein großes Forscherleben und die Frühgeschichte der Frankfurter Universität, aber auch in die Weltgeschichte der Physik und die Erkundung des Atoms im 20. Jahrhundert. Diese wurde maßgeblich von deutschen Juden wie Otto Stern geprägt, wie der Frankfurter Physiker Horst Schmidt-Böcking und die Hamburger Wissenschaftshistorikerin Karin Reich eindrucksvoll darstellen. Der Quantenphysikers Otto Stern gehörte zur Gründergeneration der jungen Frankfurter Universität und förderte ihre internationale Bedeutung in der Physik. Stern, Mitarbeiter Albert Einsteins und genialer Experimentator, entwickelte in Frankfurt die Molekularstrahlmethode. Damit öffnete er den Weg, um den inneren Bauplan des Atoms zu entschlüsseln und legte die Grundlagen der modernen Quantenphysik. 1933 als Jude aus Deutschland vertrieben, wird er 1943 mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet und stirbt hochgeehrt 1969 in Berkeley/USA. Ohne Sterns Pionierarbeit wären die Entwicklung von Kernspintomographie, Laser und Atomuhr u.a. nicht denkbar.

Theodor W. Adorno (1903-1969) darf auch in der Reihe „Gründer, Gönner und Gelehrte“ nicht fehlen. Gerhard R. Koch, seit den 1960er Jahren Musikkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und von 1976 bis 2003 deren Feuilletonredakteur, hat seinem Porträt den Untertitel „Philosoph, Musiker und pessimistischer Aufklärer“ gegeben. Koch, der Adorno noch häufig erlebt hat, widmet sich zwar auch Adornos Biographie, ab der Rückkehr aus dem kalifornischen Exil 1949 aber verstärkt der Darstellung der vielschichtig komplexen Gedankengänge – mäandernd zwischen Philosophie, Gesellschaftskritik und verschlungener Kunst der Gegenwart. Konflikte der verschiedensten Art bleiben dabei nicht ausgespart. Um Hagiographie geht es Koch dabei ebenso wenig wie um vordringlich musikimmanente Aspekte. Als Zentralfigur der „Kritischen Theorie“ hat Adorno eine Schlüsselfunktion für den intellektuellen, ästhetischen Diskurs der Bundesrepublik.

Informationen: Dr. Kerstin Schulmeyer und Ulrike Jaspers, Projektleitung „Gründer, Gönner und Gelehrte“, Campus Westend, Tel. (069) 798-13066, E-Mail: schulmeyer@pvw.uni-frankfurt.de, jaspers@pvw.uni-frankfurt.de; Rezensionsexemplare über Dr. René Heinen, Societäts-Verlag, Tel. (069)-7501-4456, Fax: 069-7501-4511; E-Mail: rene.heinen@fs-medien.de