Allgemeinmedizin - quo vadis?

Chronische Erkrankungen, Multimedikation und Hausärztemangel sind die Herausforderungen der Zukunft

Veröffentlicht am: Mittwoch, 19. Dezember 2012, 15:19 Uhr (305)

FRANKFURT. „Das deutsche Gesundheitssystem ist in einer Situation, die man durchaus als organisierte Verantwortungslosigkeit bezeichnen kann. Patienten, insbesondere diejenigen mit einer oder mehreren chronischen Erkrankungen, haben in der Regel niemanden, der sie kontinuierlich begleitet und konkrete Verantwortung übernehmen kann“, urteilt Prof. Ferdinand Gerlach, Vorsitzender der Gesundheitsweisen und Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Goethe-Universität. In der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins „Forschung Frankfurt“ kritisiert Gerlach falsche Anreizsysteme und die Kluft zwischen Klinikern und niedergelassenen Ärzten.

Als Hochschullehrer setzt sich Gerlach besonders dafür ein, die Aus- und Weiterbildung in der Allgemeinmedizin für den ärztlichen Nachwuchs attraktiv zu gestalten: „Wir versuchen, die Vielfalt und Breite des Fachs unter Alltagsbedingungen erlebbar zu machen. Die Studierenden werden in der Regel eins zu eins betreut. Dadurch können wir deutlich mehr Interesse für das Fach wecken“. Denn der Hausärztemangel macht sich in ländlichen Gegenden bereits bemerkbar. „Sowohl junge Frauen als auch junge Männer wollen nicht mehr 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche einsatzbereit sein, wie das die alten Landärzte waren“, weiß Gerlach. „Um den Ansprüchen der jetzt kommenden Generation besser gerecht zu werden, müssen wir unter anderem größere Praxiseinheiten favorisieren, in denen es auch möglich ist, als Angestellter und in Teilzeit zu arbeiten.“   

Chronische Erkrankungen und Multimedikation

Mehr als die Hälfte der 65jährigen in Deutschland leiden an mehreren chronischen Erkrankungen. Viele bekommen deshalb fünf und mehr Medikamente verschrieben. Zusätzlich nehmen sie frei verkäufliche Präparate aus der Apotheke ein. Das bringt viele Probleme mit sich, wie Dr. Christiane Muth und Prof. Marjan van den Akker am Beispiel zweier Studien aus Deutschland und den Niederlanden belegen. Unter Multimedikation verschlechtert sich die Therapietreue: Patienten verändern die Dosis oder lassen Präparate ganz weg.

Weitere Komplikationen ergeben sich durch unerwünschte Arzneimittelwirkungen und Wechselwirkungen zwischen den Medikamenten: Unangemessene Verordnungen sind die Ursache für drei bis sieben Prozent aller Klinikaufnahmen und etwa 60 Prozent der vermeidbaren Krankenhausaufenthalte. Um diese künftig zu vermeiden, setzt die Frankfurter Studie von Christiane Muth auf Computersysteme, die den Arzt vor Verschreibungsfehlern bewahren.

Eine besondere Rolle spielt auch die Kommunikation zwischen Arzt und Patient. „Bei der Besprechung der Therapie sind Ärzte oft zu dominant, während Patienten sich häufig zu passiv verhalten“, weiß Muth. Sowohl im deutschen als auch im niederländischen Forschungsprojekt werden deshalb Medizinische Fachangestellte geschult. Sie entlasten den Arzt und Patienten berichten ihnen eher, wenn sie Veränderungen am ärztlichen Einnahmeplan vorgenommen haben.

Gerinnungshemmer richtig dosieren

Viele Menschen benötigen im Alter Gerinnungshemmer, aber Ärzte verschreiben sie nicht gern, weil mit dem Alter auch das Risiko für Komplikationen steigt. Die Dosierung von Gerinnungshemmern muss nämlich genau überwacht werden, um Thrombosen und Embolien einerseits und schwere Blutungen andererseits zu vermeiden. Die Versorgung dieser Patientengruppe hat seit März 2012 die „PICANT-Studie“ des Instituts für Allgemeinmedizin zum Ziel. Geplant ist die Teilnahme von circa 50 hessischen Hausarzt-Praxen und 700 erwachsenen Patienten.

Auch in dieser Studie spielen speziell geschulte Medizinische Fachangestellte eine zentrale Rolle: Sie befragen Patienten über ihre Medikamententreue und Symptome, die auf mögliche Komplikationen hinweisen. So kann die Dosis optimal angepasst werden. Bei entsprechender Eignung werden auch die Patienten zum Selbstmanagement ihrer Therapie mit Gerinnungshemmern motiviert. „Das bedeutet, dass die Dosisanpassung vom Patienten – unterstützt durch ein strukturiertes Schulungsprogramm – selbst durchgeführt wird. Das Auftreten von schweren gerinnungsassozierten Komplikationen wie Thromboembolien und Blutungen kann durch Selbstmanagement um die Hälfte reduziert werden“, erklärt Studienleiterin Prof. Andrea Siebenhofer-Kroitzsch.

Informationen: Prof. Ferdinand Gerlach, Institut für Allgemeinmedizin, Universitätsklinik, Tel: (069) 6301-5687; gerlach@allgemeinmedizin.uni-frankfurt.de.; Dr. Christiane Muth, Tel: (069) 6301-4149, muth@allgemeinmedizin.uni-frankfurt.de.; Prof. Andrea Siebenhofer-Kroitzsch, Tel: (069) 6301-7296; siebenhofer@allgemeinmedizin.uni-frankfurt.de.

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Im Internet: www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/34831594/aktuelle_Ausgabe